Poetry Slam als moderne Jugendlyrik

Eine Untersuchung an Julia Engelmanns "One Day/Reckoning Song"


Hausarbeit, 2021

18 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Poetry Slam
2.1 Allgemeines
2.2 Merkmale und Besonderheiten

3. Julia Engelmann - One Day/Reckoning Text
3.1 Form und Inhalt
3.2 Intertextualität
3.3 Vortrag

4. Poetry Slam als Jugendlyrik

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

„Aber wieso?“, fragte der Einhomopi. „Sag uns, wieso? Warum bist du nicht wie wir? Warum bist du nicht froh?“ „Ach, euer Lächeln, das ist euch doch ins Gesicht geleimt! Und mich nervt auch, dass sich jeder Satz hier immer reimen muss.“ {Das NEINhorn, Marc-Uwe Kling & Astrid Henn, 2019)

„Hoppe, hoppe Reiter“, „Schlaf', Kindchen schlaf“ oder auch modeme(re) Kinderlieder wie „Rommel-Bommel“ und „Hörst du die Regenwürmer husten?“ deuten ebenso wie sich reimende Kinderbücher darauf hin, dass Lyrik im (früh-)kindlichen Alter die Literaturgattung schlechthin ist. Doch nicht nur, dass sich dieser Beliebtheitsstatus mit steigendem Alter und spätestens mit dem Eintritt in die Pubertät häufig fast gänzlich verliert (vgl. Kepser/Abraham 2016: 181), auch in der Kinderliteratur machen sich Tendenzen breit, die Rhythmus und Reime zumindest einem wachsamen Blick unterziehen, wofür der obenstehende Ausschnitt aus Das NEINhorn beispielhaft zu verstehen ist. Diese Beobachtung setzt sich fort und verstärkt sich mit zunehmendem Alter von Kindern und Jugendlichen. Zwar sinkt die Lesebereitschaft ab zirka dem 12. Lebensjahr insgesamt (vgl. Rosebrock 2006: 153ff.) und betrifft keinesfalls nur die Lyrik, doch lassen sich Affinitäten ausmachen, die für eine besondere Unbeliebtheit von Gedichten bei Jugendlichen sprechen (vgl. Kepser/Abraham 2016: 181). Erschwerend kommt die Sonderstellung der Jugendlyrik innerhalb der Kinder- und Jugendliteratur hinzu, die sich durch mangelnde jugendspezifische Angebote auszeichnet. Vielmehr richtet sich die Literaturgattung an Kinder bis 10 Jahren, wohingegen Jugendlichen undjungen Erwachsenen übergangslos Erwachsenenliteratur angeboten wird (vgl. Franz 1984: 451). Diese beiden Umstände bedingen und beeinflussen sich gegenseitig: Jugendliche zeigen wenig Interesse an Lyrik, weil es keine entsprechenden Angebote gibt. Gleichwohl werden auch keine Angebote gemacht, da die Literaturgattung bei Jugendlichen unbeliebt erscheint. Diesen Umständen zum Trotz erfreut sich eine lyrische Form bei Jugendlichen undjungen Erwachsenen zunehmender Beliebtheit: der Poetry Slam. Bei dieser Veranstaltung präsentieren sogenannte Slammer eigens verfasste Texte nach einem bestimmten Regelwerk auf einer Bühne und treten so gegeneinander an, wobei das Publikum den Sieger kürt. Inzwischen gilt der Poetry Slam als so populär, dass bekannte Teilnehmer für die breite Masse auftreten und ihre Texte als Bücher verkaufen. Das Zusammenspiel dieser Gegensätze - Unbeliebtheit und mangelnde lyrische Jugendangebote bei gleichzeitigem Aufkeimen einer lyrischen Auftrittsform - bietet einen Anlass zur intensiven Auseinandersetzung mit dem Poetry Slam. Neben der Frage wodurch sich Poetry Slam überhaupt auszeichnet, wird das Augenmerk auf Unterschiede zu herkömmlicher Lyrik gerichtet. Erkenntnisleitendes Interesse ist die Frage danach, welche Anreize Poetry Slam Jugendlichen bietet, die im allgemeinen Angebot der Jugendlyrik fehlen. Dazu wird exemplarisch der bekannteste und beliebte Text ,,0ne Day/Reckoning Text“ von Julia Engelmann auf sein Potential hin analysiert und interpretiert. Daraus werden Rückschlüsse darauf gezogen, wie moderne Jugendlyrik sein sollte, müsste und könnte, um die Negativspirale der Jugendlyrik zu durchbrechen.

2. Poetry Slam

2.1 Allgemeines

Das Kunstwort Poetry Slam setzt sich aus den englischen Begriffen für Dichtung [engl. poetry] und schlagen [engl. to slam] zusammen (vgl. Pons Onlinewörterbuch) und bezeichnet eng an die englische Bedeutung angelehnt eine Art Schlagabtausch unter Dichterinnen (vgl. Westermayr 2013: 17). Im weiteren Sinne ist der Poetry Slam eher als Wettbewerb denn als Schlagabtausch zu fassen, da die Akteurinnen nicht direkt miteinander agieren und dabei aufeinander Bezug nehmen, sondern unabhängig voneinander einen längeren, vorbereiteten Text vortragen, der durch das Publikum bewertet wird. Dabei spielen sowohl inhaltliche als auch aufführungsbezogene Aspekte im Vordergrund, die durch die Lautstärke des Applauses, Abstimmungen oder eine aus Zuschauern bestehende Jury honoriert werden (vgl. Anders 2011: 1). Ziel des Poetry Slams ist vor allem das Entfachen der Begeisterung der Zuschauenden. Dennoch erhalten die Siegerinnen in der Regel einen kleinen Preis. Im wesentlichen steht Poetry Slam damit für eine Veranstaltung, bei der Dichterinnen in einem Wettbewerb einen Text für das Publikum darbieten (vgl. Hundacker 2014: 6). Diese Veranstaltung findet in meist regelmäßigen Abständen am Abend in Kneipen, Bars oder kulturellen Institutionen statt (vgl. Lupinkova 2012: 28f). Für den Poetry Slam haben sich einige Regeln etabliert. Zwar sind die Dichterinnen bei der Themenwahl freijedoch müssen die vorgetragenen Schriftstücke eigens verfasst worden sein und dürfen in Form eines Textblatts mit auf die Bühne genommen werden (vgl. ebd.: 35). Die Texte dürfen zwar als Sprechgesang vorgetragen werden, reine Gesangsstücke hingegen sind ebenso verboten wie jedwede Form von Requisiten (vgl. ebd.). Überdies gibt es ein Zeitlimit für die Interpretinnen, das zumeist bei fünf Minuten liegt (vgl. ebd.). Mit dem Poetry Slam gehen auch einige Begrifflichkeiten bezüglich des Ablaufs und der Teilnehmenden einher (vgl. ebd.: 38ff). Im Hintergrund stehen die Gastgeberinnen, die auch Slam Masters genannt werden (vgl. ebd.: 39). Ihre Aufgabe ist es die Räumlichkeiten für den Poetry Slam vorzubereiten, sodass ein Veranstaltungsort mit Bühne zur Verfügung steht (vgl. Hundacker 2014: 6). Darüber hinaus kümmern sie sich um Werbemittel und auftretende Autorinnen (vgl. ebd.). Damit sind sie für die gesamte Organisation des Poetry Slams verantwortlich (vgl. ebd.). Eine weitere wichtige Rolle spielen die Moderatorinnen des Poetry Slams, die auch Masters of ceremony, kurz MC, genannt werden (vgl. ebd.: 7). Sie führen das Publikum durch die Veranstaltung, sorgen für die Einhaltung der Regeln und die Teilhabe der Gäste als gleichberechtigten Part der Veranstaltung (vgl. ebd.). Die auftretenden Autorinnen werden als Slammer bezeichnet (vgl. Lupinkova 2012: 40). Das Publikum trägt keine spezielle Bezeichnung, nimmtjedoch ebenfalls eine zentrale Stellung im Poetry Slam ein, wie bereits an mehreren Stellen ausgeführt wurde (vgl. ebd.: 47f).

2.2 Merkmale und Besonderheiten

Die Poetry Slam Bühne gilt gemeinhin als offenes Format, bei dem verschiedenste Texte vorgetragen werden können (vgl. ebd.: 65). Dementsprechend groß sind Vielfalt und Variation der Text- und Darbietungsformen. Die Bandbreite reicht von lyrischen Texten wie Gedichten, Balladen, Rap-Texten und klassischen Versen bis hin zu kurzen Erzähltexten. Diese Offenheit erschwert eine Kategorisierung der Inhalte bezüglich einschlägiger Merkmale zwar, insbesondere wenn es sich um epische Textformen handelt, jedoch lassen sich dennoch Gemeinsamkeiten finden (vgl. ebd.).

Poetry Slam lebt von seiner Oralität, sodass dies ein erstes wesentliches Merkmal bildet (vgl. Anders 2011: 22). Dadurch weisen die Texte eine besondere Klanglichkeit auf, die sich durch besondere Artikulationsmöglichkeiten und gestalterische Mittel während des Vortrags auszeichnet. Das Gesagte wird durch die Interpretinnen mimisch und gestisch unterstützt, sowie durch prosodische Mittel, beispielsweise Sprechgeschwindigkeit, Sprechpausen und Lautstärke, inszeniert (vgl. Lupinkova 2012: 17). Der Text selbst arbeitet mit einer starken Bildlichkeit, sodass beim Hören Vorstellungen bei dem Publikum evoziert werden (vgl. Anders 2011: 21). Die Mündlichkeit der Texte liegt stehts im Vordergrund, was auch daran deutlich wird, dass viele Darbietungen nur in Form von Videographien vorliegen, wohingegen schriftliche Transkripte gänzlich fehlen. Neben der Mündlichkeit gilt auch die Interaktivität des Poetry Slams als Besonderheit (vgl. ebd.). Beide Merkmale sind im Poetry Slam eng miteinander verknüpft. Das Zusammenspiel von Oralität und Interaktion führt zu weiteren Auffälligkeiten, die in den Texten der Dichterinnen erkennbar werden. Als Beispiel sind ein relativ geringer Abstraktionsgrad, der dem Publikum das Hörverstehen erleichtert, die häufig verwendete Alltagssprache und ein deutlich ausgeprägter Lebensweltbezug zu nennen (vgl. ebd.). Auch die Intention des Autors und der Einsatz ästhetischer Mittel unterscheiden sich zumeist deutlich zwischen den zur Aufführung intendierten Dichtungen und vorwiegend schriftlich rezipierten Textformaten. Weiterhin kann das Aufgreifen von alltäglichen Geschehnissen sowie sozialen, gesellschaftlichen und existenziellen Zustände als ein gemeinsames Merkmal betrachtet werden (vgl. ebd.). Die Texte und Aufführungen scheinen dabei einen stilistischen Hang zur Dramatisierung und Übertreibung aufzuweisen, die den Sachverhalt besonders verdeutlichen sollen. Gleichzeitig wirken die Darbietungen dabei aber authentisch, da die Interpretinnen als sie selbst auftreten und bekannte und aktuelle Themen nachvollziehbar aufgreifen (Lupinkova 2012: 17). Als viertes Merkmal kann die Intertextualität identifiziert werden (vgl. Anders 2011: 22.). In der Regel greifen die Dichterinnen nicht nur aktuelle Themen, sondern auch andere mündliche und schriftliche Textformate auf, die der breiten Masse bekannt sind (vgl. ebd.). Überdies zeichnen sich alle Texte, die für einen Poetry Slam geschrieben worden sind, durch eine relative Begrenztheit aus, die aus dem Regelwerk resultiert. Da der Text in fünf bis sieben Minuten vorgetragen wird, ist eine relative Kürze gegeben (vgl. ebd.). Im Vergleich zu herkömmlicher Lyrik stechen vor allem die Oralität und die Möglichkeit der Interaktion ins Auge. Der Text wird von seiner Schriftlichkeit gelöst, mündlich inszeniert und dem Publikum dargeboten. Dadurch erhält der Text nicht nur viel mehr Aufmerksamkeit, sondern entfaltet auch seine mitreißenden Möglichkeiten. Gleichzeitig ist es dem Rezipienten möglich durch Zurufe selbst aktiv zu werden oder durch den Vortragenden aktiv eingebunden zu werden. Hinzu kommt die soziale Zusammenkunft im Rahmen des Poetry Slams, das den Austausch mit Gleichgesinnten ermöglicht, atmosphärisch auf die Jugendlichen wirkt und ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt. Auch die Aktualität der Themenwahl grenzt den Poetry Slam von herkömmlicher Literatur insofern ab, als dass Kinder- und Jugendlyrik in ihrem begrenzten Angebot oftmals tradierte und historische Inhalte verarbeiten (vgl. Glasenapp/Weinkauff 2010: 139), wohingegen nur wenige die aktuellen Interessen der Jugendlichen treffen. Hier böten sich lediglich moderne Texte der Erwachsenenlyrik an, sodass die Themenwahl nicht direkt als anreizgebendes Alleinstellungsmerkmal von Poetry Slams interpretiert werden kann. Viel mehr scheinen erstere Merkmale ausschlaggebend für den Vorzug zu sein und durch Kriterien wie Aktualität, Intertextualität und Kürze begünstigt zu werden. Ein weiterer Anreiz für Jugendliche könnte die bereits erwähnte Offenheit des Poetry Slams sein. Die Texte der Dichterinnen weisen keine festgelegten, starren Strukturen auf, die es zu analysieren gilt, sondern die Assoziationen, Emotionen und Empfindungen des Rezipienten stehen im Vordergrund. Durch den Vortrag und den Veranstaltungsort wird die Atmosphäre weiter gelockert. Möglicherweise ist es also nicht nur der Poetry Slam an sich, der Heranwachsende fasziniert, sondern auch der ungezwungene Umgang mit Literatur, bei dem die Gefühle des Rezipienten den Mittelpunkt bilden.

3. Julia Engelmann - One Day/Reckoning

Die Bremerin Julia Engelmann, geb. 1992 ist eine der bekanntesten Dichterinnen des deutschsprachigen Poetry Slams. Mit ihrem Auftritt auf dem 5. Bielefelder Hörsaal-Slam aus dem Jahr 2013 generierte sie auf der Videoplattform YouTube binnen kürzester Zeit über 3 Millionen Aufrufe. Bis heute hat sie nur mit diesem Video über 13 Millionen Menschen erreicht. Der Text ,,0ne Day/Reckoning Text“ gilt als ihr bekanntestes Werk und Ausgangspunkt für die zunehmende Popularität des Poetry Slams. Dementsprechend soll er auch in dieser Arbeit im Zentrum der Betrachtung stehen.

3.1 Form und Inhalt

Da Form und Inhalt im Bereich der Lyrik oftmals eng miteinander korrelieren, sollen sie auch in dieser Arbeit zusammenhängend betrachtet werden. Der Text mit dem Titel ,,0ne Day/Reckoning Text“ behandelt das Lebensgefühl einer ganzen Generation, das sich durch das Warten auf den vermeintlich richtigen Moment auszeichnet. Engelmann ruft dazu auf, sich von diesem Zustand loszusagen und jede Sekunde voll auszukosten, um lauter Geschichten zu sammeln, die man später gerne erzählt. Dazu passt allein schon der Titel, der in deutscher Übersetzung als „Eines Tages/Abrechnungstext“ bezeichnet werden kann.

Zur Form lässt sich festhalten, dass der Rhythmus durchgehend frei gestaltet ist und kein regulierendes, wiederkehrendes Metrum aufweist. Da der Text für die Bühne geschrieben und erst später schriftlich veröffentlicht wurde, ist eine Trennung in einzelne Strophen nicht möglich. Viel mehr erscheint der Text wie eine lange Strophe, die immer wieder von dem sich wiederholenden Refrain des Reckoning Songs in deutscher Übersetzung durchbrochen wird. Der Refrain bildet ein Kernelement des Texts, da er dessen Ursprung und Basis ist und den Text einrahmt. Inhaltlich geht es um verpasste Momente, die einem erst im Alter klar werden, wenn man darüber nachdenkt, was man alles hätte tun können, als man noch jung war. Der Text ist von Reimen durchzogen, die keinem einheitlichen Muster folgen. Dennoch halten sie den Text zusammen und lassen ihn poetisch wirken. Es treten sowohl Binnen- als auch Endreime auf, die in den meisten Fällen unrein sind. Während sich der Refrain zu Beginn des Texts nicht reimt, arbeitet Engelmann in Vers 3 bis Vers 6 mit Assonanzen innerhalb der Verse. Durch die wiederkehrende Vokalfolge ei in den 'Wörtern Meister, Streiche, Kleinkind, Feinsten, Teilchen, keinsten, reißen, begeistern und Leichtsinn, sowie der Endassonanz von geht, steh und lebt wirken die Zeilen auch ohne einen einzigen Reim melodisch, was Engelmann durch ihren rhythmischen Vortrag untermalt. Besonders ausdrucksstark werden diese Verse durch die angedeutete Ironie in den sprachlichen Gegensätzen. Sie bezeichnet sich als Meister der Streiche, wodurch zuerst der Eindruck eines humorvollen Menschen entsteht (Vers 3). Im gleichen Atemzug verknüpft sie den Ausdruck jedoch mit Selbstbetrug, sodass eine negative Konnotation entsteht, die das genaue Gegenteil bezweckt. Statt eines positiven Blickes auf ihre Person, empfinden Zuhörerinnen viel mehr Trauer und Mitgefühl. Ähnlich verhält es sich in der nachfolgenden Zeile. Der Ausdruck Kleinkind vom Feinsten in Vers 4 vermittelt den Eindruck von Albernheit, Naivität und Begeisterung. Das Verhalten eines Kleinkindes bei Aufgaben, das Engelmann hier tatsächlich meint, evoziert die Vermutung, dass die Sprecherin unreif, kindisch und ihren Aufgaben nicht gewachsen ist. Der Höhepunkt dieses stilistischen Mittels findet sich in Vers 6, in dem die Autorin zuerst herausstellt, dass sie sich für Leichtsinn begeistern kann, aber eben nur bei anderen Menschen. Durch diese Form der Selbstdarstellung schafft Engelmann schon zu Beginn eine Offenheit und Intimität, die ehrlich und authentisch wirkt. Wenngleich lyrisches Ich und Autorin nicht zwangsläufig übereinstimmen müssen, so entsteht zumindest der Eindruck, dass dem Publikum hier persönliche Schwachstellen eröffnet werden. Vers 7 bis 13 ist durch Wiederholungen gekennzeichnet. Zum einen durch Anaphern von ich bzw. und ich. Zum anderen durch das mehrfache Repititio von zu, das drei Mal in Zusammenhang mit viel wiederholt wird und zwei Mal in Variationen mit wenig und oft vorkommt. Diese Wiederholungen verstärken das Gesagte, betonen die Eintönigkeit des Alltags und passen zum immer gleichen Ablauf des Lebens - sich etwas vornehmen, abwarten, nichts tun, sich etwas vornehmen, abwarten, ... . In Vers 16 und 18 findet sich ein unreiner Endreim zwischen still und viel, ebenso in Vers 20 und 22 zwischen lang und an. An dieser Stelle wird auch die Umgangssprachlichkeit des Texts deutlich, indem die Endungen von gar nicht und hänge verschluckt werden. In Vers 23 findet sich ein unreiner Binnenreim zwischen planlos und Smartphone, der kaum mehr als eine Assonanz darstellt, aber trotzdem phonetisch deutlich wahrgenommen wird. Ähnlich verhält es sich in Vers 24 und 26 mit den Begriffen Freitag und Alltag am Versende. Es folgt wieder eine Anapher, diesmal in Form eines ganzen Verses in Zeile 27 und 29. Dazwischen findet sich der erste reine Reim in Form eines halben Kreuzreims zwischen Meeresgrund und Schweinehund, der sich zu einem vollen wenngleich unreinem Kreuzreim zwischen Wartezimmer und immer, sowie aw/und brauch in den Versen 31 bis 34 durchzieht. Besonders interessant ist die Metapher des Wartezimmers in Vers 31. Dieser Lebensweltbezug macht die Situation des lyrischen Ichs erfahr- und greifbar, da die Zuhörerinnen sich den Zustand bildhaft vorstellen können. Die besondere Wendung liegt in dem Ausbleiben des Aufrufs. Das Publikum wird nicht nur dazu angeregt sich in das lyrische Ich hineinzuversetzen, sondern stellt sich auch die Frage, ob man - entgegen der eigenen Erfahrungen - überhaupt irgendwann aufgerufen wird und hinterfragt den Sinn des Wartens. Die Metapher des Wartezimmers wird durch den Gebrauch des Wortes Dopamin verstärkt, das wie ein medizinischer Fachbegriff für ein Medikament anmutet. Dennoch ist davon auszugehen, dass vielen Zuhörerinnen das Glückshormon bekannt ist. Die Finesse liegt darin, dass man für das Dopamin als Medikament oder Heilmittel keinen Arzt oder ein Wartezimmer braucht, weil es durch bestimmte Tätigkeiten, die Freude bereiten, automatisch ausgeschüttet wird. Dementsprechend erscheint das Warten doppelt sinnlos. Zum einen, weil man nicht aufgerufen wird und zum anderen, weil man das Heilmittel selbst unkompliziert beschaffen kann bzw. wird aus dem Text deutlich, dass eigentlich genügend Dopamin vorhanden ist, aber aufgespart wird. Diese Beschreibung irritiert, da Dopamin rein biologisch betrachtet nicht aufgespart werden kann und außerdem im Falle einer Ausschüttung nachgebildet wird, sodass es langfristig gesehen nicht aufgebraucht werden kann. Statt sinnlos in dem Wartezimmer zu verharren, wäre es demnach günstiger aktiv zu werden, sodass die Textintention noch einmal klar herausgestellt wird. Inhaltlich endet damit der erste Abschnitt des Texts, in dem das lyrische Ich vorgestellt wird. Dabei wird immer wieder die wartendende, vorsichtige und teils auch faule Lebensweise beschrieben. Es folgt ein Einschub des Refrains, der hier den Übergang vom Erzählen über die eigene Situation des lyrischen Ich zur Ansprache des Gegenübers markiert und damit das Publikum direkt anspricht. Es folgen unreine Haufenreime mit neu an Silvester, treu in dein Sektglas, Recht hast und vercheckt hast am Versende von Vers 37 bis 40. Auch hier kommen Bildlichkeit und Umgangssprache in den Blick. Ein weiterer Haufenreim befindet sich in Vers 42 bis 46, der vor allem in der gesprochenen Version deutlich wird, bei der die Endungen verschluckt werden, wie abnehm ‘n, aufsteh‘n, rausgeh‘n, angeh‘n und seh‘n. Die Häufung unterstreicht auch hier das immer wiederkehrende Verhalten, wobei dieses Mal das Publikum mit seinen Schwachstellen konfrontiert wird. Das lyrische Ich macht den Zuhörerinnen die gleichen Vorwürfe wie sich selbst am Beispiel von Neujahrsvorsätzen, die nicht eingehalten werden. Dabei setzt Engelmann das Stilmittel der Ironie ein, um zu betonen, dass die Menschen überrascht sind, obwohl die Situationjedes Jahr die Gleiche ist (Vers 49ff.) Danach wird die Metapher des Wartezimmers wiederholt (Vers 51 bis 54),jedoch wechselt die Perspektive von ich zu wir. Dadurch wird nicht nur die Aussage dieser Zeilen mehr Bedeutung beigemessen, sondern Engelmann initiiert eine Wir-Gruppe, die ein Gemeinschaftsgefühl evoziert und zum Einfühlen auffordert. Anschließend verfällt der Text in eine Art Rechtfertigung für das zurückhaltende Leben, schließlich seien alle noch jung. Es wird die rhetorische Frage eingeschoben warum Heranwachsende etwas riskieren sollten (Vers 56). Damit greift sie ein hypothetisches Gegenargument zu ihrer eigentlichen Intention auf, die sich möglicherweise auch die Zuhörenden stellen. Durch die Verwendung des Pronomens wir wird der Eindruck geweckt, dass das lyrische Ich selbst diese Meinung vertritt. Gleichzeitig beklagt das lyrische Ich aber, dass die Zeit nur unbemerkt vergeht und schließlich der Zeitpunkt kommt, an dem es zu spät ist sein Leben zu ändern, sodass das vermeintliche Argument der Gegenseite aufgelöst wird. In Vers 56 und 58 findet sich ein reiner Endreim zwischen riskieren und verlieren, gefolgt von einer Assonanz zwischen lang und Land in Vers 60 und 62. Es folgt ein weiteres Mal der Refrain. Nachdem Engelmann nun aus der Perspektive des lyrischen Ich berichtet und danach auf die Gegenwart des Gegenübers eingegangen ist, folgt nach diesem Refrain ein hypothetischer Blick in die Zukunft, falls das Verhalten nicht geändert wird. Der Text ist an dieser Stelle vor allem durch die Wiederholungen der Konjunktivphrase und einmal hätten -wir in diversen Variationen geprägt und wird als traurig markiert, weil alle diese Dinge niemals wirklich passiert sein werden, sondern als bloßes Gedankenspiel verbleiben. Das Fehlen glücklicher Erinnerungen führt das lyrische Ich auf die eigene Faul- und Feigheit zurück, die erst bereut wird, wenn es zu spät ist, um noch etwas zu ändern (Vers 73-83). Damit wird betont, dass er Zeitpunkt etwas zu Verändern in der Gegenwart liegt, wie auch im weiteren Verlauf des Texts expliziert wird. In Vers 79ff. betont der Haufenreim mW. passieren. kapieren und verlieren den Appell Engelmanns an das Publikum - und damit das Herzstück des Texts. Jede:r wird dazu aufgerufen sich dem Zustand des Wartens zu entsagen und Erinnerungen zu sammeln. Die nachfolgenden Zeilen sind durch die Wiederholung der Aufforderung lass mal geprägt, deren Versenden vermehrt Reime und Assonanzen aufweisen, beispielweise in den Versen 83-86 schreiben, wachbleiben und steigen, sowie wählen und erzählen. Dabei scheint beinahe irrelevant welche konkrete Tätigkeit ausgeführt wird, so lange sie die Menschen mit Freude erfüllt. Der Text setzt dabei auf vorwiegend einfache Dinge wie Durchmachen, Singen und Tanzen (Vers 83-91). Auffällig ist die Bildlichkeit, beispielsweise durch das Wortspiel Feste wie Konfetti schmeißen und einem retrospektiv noch einmal begeistern, so wie auf den Boden gefallenes Konfetti (Vers 88-91). Diese Beschreibung dürfte erneut an die Lebensrealität der meisten Zuhörerinnen anknüpfen, bei denen immer wieder über vergangene Feiern gesprochen wird. Außerdem finden sich umgangssprachliche Mittel, wie die Verbindung von aw/und das zu auf’s (Vers 82), wodurch der lebensnahe Eindruck verstärkt wird. Mithilfe sich wiederholender syntaktischer Strukturen in den Versen 100 bis 104 untermauert Engelmann ihre Aufforderung mit Zitaten bekannter Künstlerinnen, die dadurch eine Form poetischen Argumentierens annehmen. Auffällig ist, dass sie nur zwei Zitate einbindet, obwohl ungerade Zahlen, insbesondere drei, als optimale Anzahl von Argumenten innerhalb einer Argumentation gelten. Es ist davon auszugehen, dass Engelmann bewusst auf ein drittes Beispiel verzichtet, um eine Leerstelle für die Rezipientinnen selbst zu schaffen. Das dritte und damit letzte, ausschlaggebende und stärkste Argument soll von den Zuhörerinnen selbst kommen, indem sie das Vorgetragene verinnerlichen und aktiv zustimmen. Gleichzeitig untermalt diese stilistische Ausgestaltung den Inhalt des Stücks. Engelmann beklagt, dass die Menschen aus Angst vor Fehlern zurückhaltend leben und nichts riskieren. Sie fordert dazu auf diese Verhaltensmuster zu durchbrechen, indem sie Mut und Glück gleichsetzt (Vers 96) - und genau das tut sie. Indem sie entgegen aller Gepflogenheiten nur zwei Argumente nutzt und eine Leerstelle lässt, aber trotzdem darauf vertraut, dass sie überzeugen kann, kommt sie ihrer eigenen Aufforderung nach und liefert im besten Fall - wenn die Zuhörerinnen ihr zustimmen - ein direktes Beispiel für ihre Aussagen. Diesen Zweischritt verfolgt die Dichterin auch im weiteren Verlauf ihres Werkes. Sowohl inhaltlich verwendet sie beispielsweise zwei Redewendungen in Vers 105f. und 107f., als auch formal erscheinen Anaphern je zwei Mal, bevor sie durch einen zwischengeschobenen Vers aufgebrochen werden (Vers 109f., lllf.,114f. und 117f.). In Vers 118ff. verwendet Engelmann Alliterationen am Versanfang sowie einen reinen Reim zwischen wählen und erzählen, wobei auffällt, dass sie den Inhalt in veränderter Zeitform wiederholt. Aus dem Konjunktiv, der zuvor die Möglichkeitsform betonte, ist ein Indikativ geworden (Vers 116ff.), sodass die Aussage des Texts auch an dieser Stelle stilistisch untermalt wird. Dabei fällt überdies auf, dass die Aufforderungen den vorherigen hypothetischen Zukunftsblick aufgreifen, sodass eine zweite Vorausschau zeigt, wie das Leben sein wird. Der Text schildert auf jede Aktion eine direkte Reaktion, die unausweichlich und geradezu faktisch erscheint. Dem folgt ein letzter Aufruf zur Veränderung (Vers 121f.), bevor auf den Refrain rekurriert wird (Vers 123f.), der damit als zentrales Element den Text beginnt, durchzieht und beendet. Auch hier verändert sich die die Zeitform abschließend in den Indikativ, wobei auch die Formulierung leicht angepasst wird (Vers 123f.). In Folge des Aktion-Reaktion-Schemas sind nämlich viele Erinnerungen entstanden, die nicht mehr genommen werden können. Damit gibt der Text eine positive Perspektive für das veränderte Handeln der Rezipientinnen, was die Gesamtaussage des Texts unterstreicht und die für den Appell spricht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Poetry Slam als moderne Jugendlyrik
Untertitel
Eine Untersuchung an Julia Engelmanns "One Day/Reckoning Song"
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Jahr
2021
Seiten
18
Katalognummer
V1247570
ISBN (Buch)
9783346680303
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Poetry Slam Lyrik Kinderlyrik Jugendlyrik Literatur
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Poetry Slam als moderne Jugendlyrik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1247570

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