Darstellungen des Wahnsinns im Werk von Francisco de Goya. In Anbetracht des historischen Verständnisses des Wahnsinns und der Vernunft nach Michel Foucault


Bachelorarbeit, 2022

40 Seiten, Note: 2,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1. Vorhaben
1.1 Goya durch Foucaults Augen sehen
1.2 Methodisches Vorgehen: Bedeutung der Darstellungen des Wahnsinns bei Goya
1.3 Aufbau der Bachelorarbeit
1.4 Foucault und Goya - Inwieweit ergänzen sie sich?
1.5 Die Entstehung des Wahnsinns nach Foucault

2. Der Wahnsinn im Wandel der Zeit - “Histoire de la Folie”
2.1 Begriffserklärung: “Wahnsinn”
2.2 Der Wahnsinn zur Zeit der Aufklärung
2.21 Die Vernunft
2.3 Francisco de Goya und der Wahnsinn

3. Drei Werke Goyas erfüllt mit Wahnsinn und Unvernunft
3.1 “Los Caprichos”
3.11 Ikonographische Beschreibung: “El Sueno de la Razon produce Monstruos”
3.12 Analyse: Vernunft ist nur Illusion?
3.2 “Corral de Locos”
3.21 Ikonographische Beschreibung: “Corral de Locos”
3.22 Analyse: Die Trennung der Wahnsinnigen von kriminellen Gefängnisinsassen
3.3 “Casa de Locos”
3.31 Ikonographische Beschreibung:
3.32 Foucaults Analyse: “Casa de Locos”
3.33 Wahnsinn ist in allen Gesellschaftsschichten vertreten

4. Fazit: Wahnsinn in der Unvernunft des Wegsperrens
4.1 Die wahnsinnige Institution
4.3 Ausblick einer wahnsinnig guten kontemporären Kunst und Philosophie

5. Abbildungsverzeichnis
5.1 “El Sueno de la Razon produce Monstruos” (Capricho 43)
5.2 “Corral de Locos”
5.3 “Casa de Locos”
5.4 “El Diablo los Junta”

6. Abbildungen
6.1 Abb. I: “El Sueno de la Razon produce Monstruos” (Capricho 43)
6.2 Abb. II: “Corral de Locos”
6.3 Abb. III “Casa de Locos”
6.4 Abb. IV: “El Diablo los Junta”

7.Literaturverzeichnis

Abstract

Francisco José de Goya y Lucientes Werk ist bekannt für die Darstellung extremer Gemüts­und Geisteszustände, die einen außerordentlichen Blick auf das sich wandelnde Verständnis der gesellschaftlichen Wahrnehmung des Wahnsinns gewähren. Paul-Michel Foucault beschrieb bereits in “Folie et Déraison: Histoire de la Folie a L'âge Classique”, der Geschichte des Wahnsinns und der Gesellschaft im Zeitalter der Vernunft, anhand von Goyas Gemälde “Casa de Locos”, dem Irrenhaus, und der Serie seiner Radierungen “Los Caprichos”, die Launen, wie der Wahnsinnige Einzug in die Bilderwelt und Kultur des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts erhielt und somit einem modernen Verständnis des menschlichen Geistes den Weg bereitete.

Diese Bachelorarbeit soll den foucaultschen Blick auf Goyas Darstellungen des Wahnsinns erforschen und erweitern. Dazu dient die von Foucault erarbeitete, dialektische Definition des Wahnsinns - eine von der Vernunft abzugrenzende Unvernunft - als Werkzeug und Grundlage der Bildanalyse von drei ausgewählten Werken Goyas. Foucault beschreibt eine Paradoxie im Zeitalter der Vernunft und des Humanismus: Statt von sogenannten Wahnsinnigen zu lernen und sich durch ihre abweichende neurologische Funktionsweise im Studium des menschlichen Bewusstseins leiten zu lassen, wie es auch in französischer Hochklassik die Norm war, wurden Wahnsinnige marginalisiert und weggesperrt.

Goya bricht mit dieser Konvention und vermenschlicht außerordentliche Gemütszustände. Er bildet Klerus, Adel und gewöhnliche Bürger als gleichermaßen wahnsinnig ab. Damit demonstriert er dem Adel und Klerus ihre schwindende Macht, stellt die noch feudale Klassenordnung in Frage, und befreit den Blick auf den menschlichen Geist von sozialen Vorurteilen. Die Verbindung von Foucaults Geschichte des Wahnsinns und Goyas Werk erweitert das Verständnis der Diskurse um das menschliche Bewusstsein in einer sich auflösenden feudalen Ordnung und beleuchtet Goyas Rolle als visueller Wegbereiter einer kommenden Neuordnung der Gesellschaft.

1. Vorhaben

1.1 Goya durch Foucaults Augen sehen

Im Rahmen dieser Bachelorarbeit soll der Zusammenhang zwischen dem Phänomen des Wahnsinns in der Gesellschaft und der Kunst Goyas erforscht werden. Dazu dient als zentrales Analysewerkzeug Foucaults Arbeit “Folie et Déraison: Histoire de la Folie a L'âge Classique”1 aus dem Jahr 1961. Der foucaultsche Diskurs des Wahnsinns wird herausgearbeitet und soll somit ein Verständnis des Begriffes und seines Wandels zu Goyas Lebzeiten erfahrbar machen, um drei Werke Goyas hinreichend analysieren und kontextualisieren zu können.

Die Radierung “El Sueno de la Razon produce Monstruos”2 (Capricho 43), und speziell die Malereien “Corral de Locos”3 und “Casa de Locos”4 stellen aktuellen Themen der Epoche, wie Vernunft, Wahnsinn und Zuchthäuser dar, wie auch die Freiheit, die dem “Wahnsinnigen” innewohnt5, worauf im Folgenden näher eingegangen wird.

Da die Vernunft zu Goyas Zeiten als Antonym zur Unvernunft - beziehungsweise dem Wahnsinn - galt, ist das Capricho 43 ein passendes Werk und klarer Ausdruck der Zeit und ihrer Diskurse über Illusion und Wahrheit, die durch den melancholischen und resignierten Künstler und seine intrinsische Welt samt seiner Träume dargestellt werden. Die Gemälde “Corral de Locos”6 und “Casa de Locos”7 zeigen unter anderem das Wegsperren von wahnsinnigen Menschen. Im Ersteren wird besonders das Thema des Wahnsinns angesprochen, im Zweiteren spiegeln sich zudem verstärkt gesellschaftliche Themen wider, wie zum Beispiel die Hierarchie, die Armut, der Adel und der Tod.

1.2 Methodisches Vorgehen: Bedeutung der Darstellungen des Wahnsinns bei Goya

Die Informationen dieser Bachelorarbeit stammen aus einer systematischen Literaturrecherche, einem Dokumentarfilm, Artikeln und Kunstarchiven. Es wird ein philosophisch-literarischer Überblick über die dialektische Definition und den historischen Hintergrund des Wahnsinns nach Foucault skizziert und durch Sekundärliteratur ergänzt. Bei Bedarf werden eigene Übersetzungen in den Fußnoten mit “E. Ü.” gekennzeichnet. Im Hauptteil werden eine Radierung Francisco de Goyas und zwei Gemälde ikonografisch und philosophisch-kunsthistorisch eingeordnet. Zusätzlich werden Analysen von Kunsthistorikern angeführt, um die Foucaultsche Sichtweis in den Kunsthistorischen Diskurs um Goyas Werk zu setzen. Foucaults “Folie et Déraison: Histoire de la Folie a L'âge Classique”8 dient als analytisches Werkzeug von Goyas Arbeiten. Der Terminus Wahnsinn und ähnliche Begriffe werden zur besseren Leserlichkeit in der gesamten Arbeit nicht in Anführungszeichen gesetzt, da dieser diffuse Begriff in einem undifferenzierten, konglomeraten Verständnis von geistiger Erkrankung, beziehungsweise nicht normativen Verhaltensweisen genutzt wird. In Kapitel 2.1 wird näher auf die Herkunft des Wortes eingegangen.

1.3 Aufbau der Bachelorarbeit

Foucaults “Folie et Déraison: Histoire dela Foliea L'âge Classique”9 dient als Grundlage, um die ausgewählten Werke Goyas zu diskutieren. Die Geschichte des Wahnsinns, beziehungsweise der Unvernunft im Zeitalter der Vernunft - der Aufklärung - und seine Entstehung nachMichelFoucaultwerden zusammengefasst. Ein besonderes Augenmerk wird hierbei auf das Zeitalter der Aufklärung gelegt. Des Weiteren werden die Radierung “El Sueno de la Razon produce Monstruos”10 der Reihe “Los Caprichos”11 und die Gemälde “Corral de Locos”12 und “Casa de Locos”13 Francisco de Goyas' zunächst beschrieben, analysiert und ikonografisch in Verbindung mit Foucaults “Folie et Déraison: Histoire de la Folie a L'âge Classique”14 eingeordnet. Zudem unterstützen Analysen von Kunstwissenschaftlern, die Symbolik der Werke kritisch einzuordnen. Außerdem wird Foucaults Analyse zum Gemälde “Casa de Locos”15 zusammengefasst. Zum Schluss wird ein Fazit gezogen und ein Ausblick über mögliche verwandte und nicht vorkommende Themen gegeben. Die am Anfang des 18. Jahrhunderts entstandenen Werke: Die Radierung “El Sueno de la Razon produce Monstruos”16 aus der Serie “Los Caprichos”17 und die Gemälde “Corral de Locos”18 und “Casa de Locos”19 von Goya werden im Weiteren eingehender studiert.

1.4 Foucault und Goya - Inwieweit ergänzen sie sich?

Die Geschichte des Wahnsinns von Foucault wird zusammengefasst, um ein Verständnis der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Rezeption von sogenannten Wahnsinnigen in Goyas Epoche zu gewinnen. Das Resümee von Foucaults Beschreibungen zum Gemälde “Casa de Locos”20 in “Folie et Déraison: Histoire de la Folie a L'âge Classique”21 befindet sich im Abschnitt 6.2.

Goyas Radierungen und Gemälde um das Jahr 1800 spiegeln den damaligen Zeitgeist in Spanien und Frankreich wider und ähneln daher einer heutigen journalistischen Berichterstattung. Die Titel zweier Gemälde Goyas benennen das Thema direkt: “Corral de Locos”22 und “Casa de Locos”23.

Foucault stellt in “Folie et Déraison: Histoire de la Folie a L'âge Classique”24 die Entstehung des Wahnsinns dar: Den Wahnsinn selbst und seine Erscheinungsformen, die Perzeption der Menschen darüber, und die Stellung innerhalb der Gesellschaft. In Goyas Werken und Foucaults Geschichte des Wahnsinns werden Termini, wie Vernunft und Wissen, und existentialistische Themen, wie der Tod, die Passion, die Illusion, die Angst, der Traum und die Wahrheit behandelt, die in den Abschnitten 3.4 und 4.1 thematisiert werden.

Das Wegsperren von Menschen und ihre Marginalisierung in Gefangenenhäusern ist ein wesentliches gesellschaftliches Ordnungsinstrument der Zeit und wird bei Foucault sowie in Goyas Werken reflektiert. Foucault legt dar, inwiefern das Gemälde “Casa de Locos”25 nicht nur vom Wahnsinn handelt, sondern die Gesten der Figuren auch ihre dunkle Freiheit feiern26, und sich insofern frei dazu entscheiden, ihrem eigenen Wahnsinn zu unterliegen. Weiterhin führt Foucault aus, dass das Thema Wahnsinn in den “Los Caprichos”27 in größerem Maße präsent ist, als im Gemälde “Casa de Locos”28 und die Radierung “El Sueno de la Razon produce Monstruos”29 das erste Bild der universellen Sprache sei.30 Die Radierung spricht das zu der Zeit vieldiskutierte Thema der Vernunft daher inhaltlich und wortwörtlich im Titel an.

1.5 Die Entstehung des Wahnsinns nach Foucault

Im Vorwort zu “Folie et Déraison: Histoire de la Folie a L'âge Classique”31 wird eine mögliche Definition des Wahnsinns nach dem französischen Philosophen Blaise Pascal zitiert: ‘Men are so necessarily mad, that not to be mad would amount to another form of madness.'32 Laut Pascal sind Menschen notwendigerweise wahnsinnig, da nicht Verrücktsein eine andere Form des Wahnsinns wäre.33 Somit ist nach seinem Verständnis das Menschsein grundsätzlich mit dem Wahnsinn verbunden. Es impliziert außerdem, dass Wahnsinn eine kontextabhängige Zuweisung ist.

Seit dem Mittelalter bis zum Ende der Kreuzzüge war die chronische Infektionskrankheit Lepra sehr präsent.34 Durch das Verschwinden der Krankheit und der leerstehenden Leprosorien entstand die Pathologisierung des Wahnsinns, da ein neues Feindbild für die Ursache des Übels in der Welt gefunden werden musste.35 Die Entstehung des Wahnsinns ist allerdings nicht Fokus dieser Arbeit.36

2. Der Wahnsinn im Wandel der Zeit - “Histoire de la Folie”

2.1 Begriffserklärung: “Wahnsinn”

Der Etymologie nach bedeutet das Wort Wahnsinn laut der “Allgemeinen Psychopathologie” “leer von Sinnen, des Verstandes, des Witzes” zu sein.37 Dies steht in direkter Verbindung zu Goyas Radierungen “Caprichos”, die aus dem Spanischen mit “launisch”, “geistreich” oder “scherzhaft” zu übersetzen sind.38

Unterkategorien des Wahnsinns sind laut Foucault Manie und Melancholie39, Demenz40, sowie Hysterie und Hypochondrie.41 Außerdem wurde unter dem Wahnsinn eine Krankheit verstanden, die die Körperflüssigkeiten aus dem Gleichgewicht bringe.42 In “Folie et Déraison: Histoire de la Folie a L'âge Classique”43 werden die Bezeichnungen “insane”, “folly”, “lunatics” und “madmen” benutzt, die im Folgenden allesamt als Wahnsinnige bezeichnet und zusammengefasst werden. Das Präfix des lateinischen Wortes “insania” - Wahnsinn - bedeutet “ohne” und “sania” steht für “Gesundheit”.44 Insofern steht Wahnsinn laut dieser Definition für das Fehlen von Gesundheit, beziehungsweise Vernunft.45 Ebenso wird bewusst auf die moderne medizinische und psychologische Definition des Terminus verzichtet, da diese Arbeit keinen Anspruch einer pathologischen Klassifizierung verfolgt, sondern vielmehr eine künstlerisch-philosophische. Durch die Erfindung der Psychoanalyse hat der Begriff Wahnsinn eine neue Bedeutung erhalten, die bei dieser Arbeit nicht von Relevanz ist. Da in dieser Arbeit kein psychologischer Ansatz verfolgt wird, und um das Ansehen der Krankheit aus dem Blickwinkel der damaligen Zeit nicht zu verfälschen, werden Termini, wie Wahnsinnige, Zuchthäuser und Irrenhäuser im Folgenden so belassen, um den Begriffen der damaligen Zeit zu entsprechen.

“'We call madmen [...] ‘those who are actually deprived of reason or who persist in some notable error; it is this constant error ofthe soul manifest in its imagination, in its judgments, and in its desires, which constitutes the characteristic of this category.“46

Wahnsinn wurde der Vernunft gegenübergestellt und als ein sich wiederholender Fehler beschrieben, der nicht verändert oder reflektiert wird.47

Laut Immanuel Kants “Anthropologie in pragmatischer Hinsicht”48 beruht der Wahnsinn auf der Dichotomie von Unvernunft und Vernunft.49 Dies stimmt mit Foucaults grundsätzlicher Ansicht über den Wahnsinn überein. Kant stellt den Wahnsinn als durch selbstgemachte Vorstellungen einer “falsch dichtende[n] Einbildungskraft” dar.50 Nur eine partielle Störung der Vernunft wohnt dem “Wahnwitz” inne und er verkörpert und somit eine “positive Unvernunft”.51 Allen Formen des Wahnsinns, “Unsinnigkeit” (amentia), “Wahnsinn” (dementia), “Wahnwitz” (insania) und “Aberwitz” (vesania) ist gemein52, dass der Eigensinn “sensus privatus” den Gemeinsinn “sensus communis”53 ersetzt und diese Menschen somit andere Regeln der Vernunft nutzen.

2.2 Der Wahnsinn zur Zeit der Aufklärung

Die Einsperrung von Menschen mit mentalen Krankheiten wurde als Polizeimaßnahme angesehen, die Arbeit möglich und notwendig für alle Menschen mache, die nicht ohne sie leben konnten.54 Voltaire befragte das Volk, ob sie nicht das Geheimnis erkannt hatten, das darin bestünde, alle Reichen zu zwingen die Armen zum Arbeiten zu bringen.55 Der Ansatz der Heilung war hier somit zunächst nicht Priorität, sondern die Wegsperrung und gleichzeitige Akquirierung von günstigen Arbeitskräften, denen in den Gefangenenhäusern nur ein Viertel ihres Lohns gezahlt wurde.56

”The necessity, discovered in the 18th century, to provide a special regime for the insane, and the great crisis of confinement that shortly preceded the Revolution, are linked to the experience of madness available in the universal necessity of labor.“57

Der Kunsthistoriker und Mediävist Peter K. Klein statuiert, dass eine ambivalente Position zum Phänomen des Wahnsinns und ihrer Beziehung zur Vernunft Ende des 18. Jahrhunderts besteht.58

Im 16. bis 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Vernunft, wurden Arbeitslose und Arme mit Wahnsinnigen gemeinsam eingesperrt. In dieser Epoche verändert sich die Sprache des Austausches zwischen Wahnsinn und Vernunft radikal, da unter anderem “Die Große Gefangenschaft der Armen” im Jahr 1974, undebensodie Befreiung der verketteten Insassen des Gefängnisses, Krankenhauses und Irrenhauses Bicetre nahe Paris stattfand.59 Bis zu der Renaissance wurde die Sensibilität in Bezug auf Wahnsinn mit der Präsenz von imaginären Transzendenzen verbunden.60 Laut Foucault wurde in der französischen Hochklassik versucht, den Wahnsinn zum Schweigen bringen zu wollen, obwohl die Renaissance dessen Stimmen gerade erst befreit und dessen Gewalt bereits gebändigt hatte.61 In der französischen Hochklassik wird Wahnsinn als die endgültige Form des Menschen in Relation zu seiner Animalität, welche den Wahnsinnigen davor schützte,alsfragil,prekäroder krank angesehen zu werden.62 Pinel, zum Beispiel, bewunderte die Ausdauer von Wahnsinnigen, extreme Zustände, wie lange Kälte, auszuhalten.63

”This world of the early seventeenth century is strangely hospitable, in all senses, to madness. Madness is here, at the heart ofthings and of men, an ironic sign that misplaces the guideposts between the real and the chimerical, barely retraining the memory ofthe great tragic threats — a life more disturbed than disturbing, an absurd agitation in society, the mobility of reason.“64

Wahnsinnige genossen indieser Zeit noch einen weniger schlechten Ruf, da das sehr religiöse Volk den Wahnsinn alseine Verbindung zu Gottansah.65 1657 begann die sogenannte “Große Gefangenschaft der Armen”.66 Die Narren, beziehungsweise Wahnsinnigen, wurden von den Kriminellen getrennt, um die Letzteren vor den Wahnsinnigen zu schützen.67 In Goyas Gemälde “Casa de Locos”68 ist diese Trennung allerdings nicht zu erkennen, da Arme, genauso wie Reiche - zum Beispiel einem König - in demselben Raum eingesperrt sind. Ebenso sind Kriminelle auf dem Gemälde sichtbar, wie beispielsweise ein Mann, der einen anderen Menschen mit einem spitzen Gegenstand oder Messer bedroht.

Diese Darstellung könnte Goya so gewählt haben, um zu betonen, dass alle Menschen wahnsinnig sind und nur die Erscheinungsformen des Wahnsinns differieren. Auf dem Gemälde “Corral de Locos”69 ist diese Abgrenzung eher ersichtlich. Die meisten Wahnsinnigen auf dem Bild sind entweder nackt oder tragen helle Gewänder. Bis auf den Mann im Anzug, der mit der Peitsche in der Hand zum Schlagen zweier Ringer ausholt, sind auf dem Bild keine hierarchischen Unterschiede ersichtlich. Die einzige, die höher als die anderen steht, ist die Frau auf Goyas Gemälde “Corral de Locos”70, die ihre Arme in Richtung des leuchtend gelb-weißen Himmels weist, als hätte sie eine Verbindung zu Gott hergestellt. In den Abschnitten 5.1 und 6.1 werden die beiden Gemälde detaillierter beschrieben.

Im Mittelalter bis zu der Renaissance wurden im Wahnsinn die geheimen Mächte der Welt und die Geheimnisse des Wissens gesehen; außerdem wurde die Erfahrung des Wahnsinns direkt mit Gott in Verbindung gebracht.71 Der Zugang zu Kirchen war Wahnsinnigen allerdings verboten und einige von ihnen wurden öffentlich ausgepeitscht oder in einer Art Spiel aus der Stadt vertrieben.72 Die Auspeitschung zweier Ringer ist auf dem Gemälde “Corral de Locos”73 ebenso zu erkennen.

In der französischen Hochklassik wurde der Wahnsinn nicht in der Medizin berücksichtigt, da er als tierische Wildheit angesehen wurde, und dadurch den Menschen von den Gefahren der Krankheit schützen konnte.74 “The theme of the animal-madman was effectively realized in the eighteenth century, in occasional attempts to impose a certain pedagogy on the insane”.75 Es wurde in Zuchthäusern versucht, das Verhalten der Wahnsinnigen durch Befehle und vorgeschriebenes Verhalten zu kontrollieren.76 Die Denunziation des Wahnsinns wurde zur allgemeinen Kritikform. Solch tierische Motive tauchen auch bei Goya speziell in den Radierungen “Los Caprichos”77 auf.

Abb. IV: “El Diablo Los Junta”78

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In einer Zeichnung aus einem seiner Zeichenbücher “El Diablo Los Junta”79, ist der Teufel animalisch mit Flügeln dargestellt.80 Die Zeichnung “Animal de Letras”81 stellt ein ernstes, katzenähnliches Mensch-Tier-Wesen dar.82 Hinter dem Wesen belustigt sich ein hämischer Mensch. Laut Kunsthistoriker Werner Hofmann bezieht sich “[d]er ironische Titel [...] vielleicht auf die angehäufte Wissenssumme, die den Menschen zwar nicht klüger und besser als die Tiere macht, ihm aber wenigstens die Einsicht in seine Grenzen erschließt.”83 Im 17. Jahrhundert wurden riesige Gefangenenhäuser geschaffen. Foucault konstatiert: “In a hundred and fifty years, confinement had become the abusive amalgam of heterogeneous elements.”84 In Paris, zum Beispiel, wurde darin jeweils einer von hundert Bürgern für mehrere Monate untergebracht.85 Arme, Arbeitslose, Gefängnisinsassen, sowie Wahnsinnige wurden dort gehalten.86 Die verschiedenen Gesellschaftsschichten, die gemeinsam eingesperrt waren, sind auch in dem Gemälde “Casa de Locos”87 zu sehen, das im folgenden Abschnitt 6 besprochen wird. Menschen wurden in der Gefangenschaft entmenschlicht und dieser Ansatz war deshalb genauso tierisch, da er dazu dienen sollte die Animalität des Menschen wiederherzustellen, anstatt ihn zu heilen.

”Thus, by the use of a curious dialectic whose movement explains all these ,inhuman‘ practices of confinement, the free animality of madness was tamed only by such discipline whose meaning was not to raise the bestial to the human, but to restore man to what was purely animal within him.“88

Wahnsinnige werden in der Hochklassik nicht per se als Außenseiter deklariert, sondern sie schlössen sich selbst aus. Foucault schreibt:

“[I]t is no longer because the madman comes from the world of the irrational and bears its stigmata; rather, it is because he crosses the frontiers of bourgeois order of his own accord, and alienates himself outside the sacred limits of its ethic.”

Foucault sieht in dem Aspekt der Animalität die Herkunft der Angst vor den Wahnsinnigen seit dem späten 17. Jahrhundert.

”In this sense, ‘confinement' conceals both a metaphysics of government and a politics of religion; it is situated, as an effort of tyrannical synthesis, in the vast space separating the garden of God and the cities which men, driven from paradise, have built with their own hands. The house of confinement in the classical age constitutes the densest symbol of that ‘police' which conceived of itself as the civil equivalent of religion for the edification of a perfect city.”89

Das Gefangenenhaus, wurde laut Foucault zum Symbol der französischen Klassik und zum bürgerlichen Äquivalent zur Religion für die Erbauung einer perfekten Stadt.90

2.21 Die Vernunft

Ende des 18. Jahrhunderts multiplizierten sich die Zuchthäuser in Deutschland.91 In dieser Zeit entwickelte sich die Vorform der heutigen Psychiatrie. Unter Wahnsinn wurde zu der Zeit die Dichotomievon Vernunft und Unvernunft verstanden.92 Foucault stellt dieThese auf, dass die Sprache der Psychiatrie ein Monolog der Vernunft über den Wahnsinn sei.93 Laut eines Berichts von 1815 des House of Commons, des Britischen Unterhauses, stellte das Krankenhaus von Bethlehem in London jeden Sonntag Wahnsinnige für einen Penny aus.94 In Frankreich galt die Vorführung von Wahnsinnigen bis zur Revolution als Sonntagsunterhaltung für die Bourgeoisie.95

[...]


1 Michel Foucault, Madness and Civilization - A History of Insanity in the Age of Reason (United States of America: Vintage Books, 1988).

2 E. Ü.: “Der Traum/Schlaf der Vernunft kreiert Monster”.

3 E. Ü.: “Hof mit Verrückten”.

4 E. Ü.: “Irrenhaus”.

5 Foucault, Madness and Civilization - A History ofInsanity in the Age of Reason, 279.

6 E. Ü.: “Hof mit Verrückten”.

7 E. Ü.: “Irrenhaus”.

8 Foucault, Madness and Civilization - A History of Insanity in the Age of Reason.

9 Ebd.

10 E. Ü.: “Der Traum/Schlaf der Vernunft kreiert Monster”.

11 E. Ü.: “Die Launen”.

12 E. Ü.: “Hof mit Verrückten”.

13 E. Ü.: “Irrenhaus”.

14 Foucault, Madness and Civilization - A History of Insanity in the Age of Reason.

15 E. Ü.: “Irrenhaus”.

16 E. Ü.: “Der Traum/Schlaf der Vernunft kreiert Monster”.

17 E. Ü.: “Die Launen”.

18 E. Ü.: “Hof mit Verrückten”.

19 E. Ü.: “Irrenhaus”.

20 E. Ü.: “Irrenhaus”.

21 Foucault, Madness and Civilization - A History of Insanity in the Age of Reason.

22 E. Ü.: “Hof mit Verrückten”.

23 E. Ü.: “Irrenhaus”.

24 Foucault, Madness and Civilization - A History of Insanity in the Age of Reason.

25 E. Ü.: “Irrenhaus”.

26 Foucault, Madness and Civilization - A History of Insanity in the Age of Reason, 279.

27 E. Ü.: “Die Launen”.

28 E. Ü.: “Irrenhaus”.

29 E. Ü.: “Der Traum/Schlaf der Vernunft kreiert Monster”.

30 Foucault, Madness and Civilization - A History of Insanity in the Age of Reason, 280.

31 Ebd., 32.

32 Ebd., Preface ix.

33 Ebd.

34 Ebd., 3-6.

35 Ebd., Preface xi.

36 Foucault, Madness and Civilization - A History of Insanity in the Age of Reason.

37 Christian Scharfetter, Allgemeine Psychopathologie - Eine Einführung, 6. überarbeitete Auflage, 2010, 242.

38 E. Ü.

39 Foucault, Madness and Civilization - A History of Insanity in the Age of Reason, 117.

40 Ebd., Preface xi.

41 Ebd., 136.

42 Ebd., 162.

43 Foucault, Madness and Civilization - A History of Insanity in the Age of Reason.

44 John F. Moffitt, „Notes in the History of Art: Goya's Sleep of Reason produces Monsters: Another look at the Renaissance and Romantic contexts of La Fantas^a“, The University of Chicago Press 24, Nr. 1 (2004): 36.

45 Ebd.

46 Foucault, Madness and Civilization - A History ofInsanity in the Age of Reason, 104.

47 Ebd.

48 Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 1. Aufl. (e-artnow, 2016).

49 Ebd., 142.

50 Ebd., 140.

51 Ebd., 142.

52 Ebd., 140-41.

53 Ebd., 146.

54 Foucault, Madness and Civilization - A History of Insanity in the Age of Reason, 46.

55 Ebd.

56 Ebd., 51.

57 Ebd., 58.

58 Peter K. Klein, „Insanity and the Sublime: Aesthetics and Theories of Mental Illness in Goya's Yard with Lunatics and Related Works“, Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 61 (1998): 198.

59 Foucault, Madness and Civilization - A History of Insanity in the Age of Reason, Preface xii.

60 Ebd., 58.

61 Ebd., 38.

62 Ebd., 74.

63 Ebd.

64 Ebd., 37.

65 Ebd.

66 Ebd., Preface xii.

67 Ebd.

68 E. Ü.: “Irrenhaus”.

69 E. Ü.: “Hof mit Verrückten”.

70 E. Ü.: “Hof mit Verrückten”.

71 Foucault, Madness and Civilization - A History of Insanity in the Age of Reason, Preface xii.

72 Ebd.

73 E. Ü.: “Hof mit Verrückten”.

74 Foucault, Madness and Civilization - A History of Insanity in the Age of Reason, Preface xii.

75 Ebd.

76 Ebd.

77 E. Ü.: “Die Launen”.

78 Werner Hofmann, Goya - Traum, Wahnsinn, Vernunft, 2. Aufl. (Deutscher Taschenbuch Verlag dtv, 1981), 214-15. (Foto aus der Ausstellung “Goya” in der Fondation Beyeler, Basel, Maira Schmerder, 21.01.2022.)

79 E. Ü.: “Vereint durch den Teufel”.

80 Werner Hofmann, Goya - Traum, Wahnsinn, Vernunft, 214-15.

81 E. Ü.: “Tier der Buchstaben/Tier der Geisteswissenschaften”.

82 Werner Hofmann, Goya - Traum, Wahnsinn, Vernunft, 214-15.

83 Ebd., 200.

84 Foucault, Madness and Civilization - A History of Insanity in the Age of Reason, 45.

85 Ebd., 39.

86 Ebd.

87 E. Ü.: “Irrenhaus”.

88 Foucault, Madness and Civilization - A History of Insanity in the Age of Reason, 75.

89 Ebd., 63.

90 Ebd.

91 Ebd., 43.

92 Ebd., Preface x.

93 Ebd., Preface x-xi.

94 Ebd., 68.

95 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Darstellungen des Wahnsinns im Werk von Francisco de Goya. In Anbetracht des historischen Verständnisses des Wahnsinns und der Vernunft nach Michel Foucault
Hochschule
Universität der Künste Berlin  (Institut für Kunstwissenschaft und Ästhetik)
Note
2,2
Autor
Jahr
2022
Seiten
40
Katalognummer
V1247640
ISBN (Buch)
9783346682031
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsch, Englisch, English, Michel Foucault, Foucault, Pholosophie, philosophy, Francisco de Goya, Goya, Geschichte des Wahnsinns, Psychiatrie, Kunstwissenschaft, Casa de Locos, Corral de Locos, Irrenhaus, Kunstgeschichte, Theater, La histoire de la follie, The History of Madness, Bachelor Arbeit, Universität der Künste, Universität der Künste Berlin, Kunst, Ästhetik
Arbeit zitieren
Maira Schmerder (Autor:in), 2022, Darstellungen des Wahnsinns im Werk von Francisco de Goya. In Anbetracht des historischen Verständnisses des Wahnsinns und der Vernunft nach Michel Foucault, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1247640

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