Dark Tourism. Eine Analyse der dunklen Seite des Tourismus in Österreich


Bachelorarbeit, 2020

122 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemstellung
1.2. Zielsetzung und Forschungsfrage
1.3. Gang der Argumentation

2. Dark Tourism
2.1. Begriffsdefinition
2.2. Interpretation von Dark Tourism Attraktionen

3. Motive der TouristInnen
3.1. Motive im Tourismus anhand von Modellen
3.2. Motive im Dark Tourism

4. Dark Tourism in Österreich
4.1. Dark Tourism Attraktionen in Österreich
4.2. Das Wiener Kriminalmuseum
4.3. Das Bestattungsmuseum

5. Methodische Vorgehensweise
5.1. Forschungsdesign
5.2. Sampling
5.3. Datenerhebung
5.4. Auswertungsmethode

6. Forschungsresultate
6.1. Offenlegung des Samples
6.2. Im Vorfeld des Museumsbesuchs
6.3. Besuchsmotive
6.3.1. Extrinsische Besuchsmotive
6.3.2. Intrinsische Besuchsmotive
6.3.3. Literaturbasierte Motive

7. Diskussion

8. Zusammenfassung

9. Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abstract

Die folgende empirische Arbeit befasst sich mit der Tourismusform Dark Tourism und analysiert die Motive der BesucherInnen zweier österreichischer Dark Tourism Attraktionen. Der Dark Tourism ist durch wachsende Popularität gekennzeichnet. Das zunehmende Interesse sowie die damit verbundene Steigerung der Nachfrage nach Dark Tourism Attraktionen bieten Grundlage für eine genauere Erforschung dieser theoretisch-eklektischen Materie. Ein umfangreicheres Verständnis soll hierbei durch Motivforschung erzielt werden. Nach einer Identifikation des Standorts Österreich als relevante Dark Tourism Destination wurden im Rahmen einer qualitativen Motivforschung persönliche, leitfadengestützte, halbstrukturierte Interviews in zwei Wiener Attraktionen, dem Bestattungsmuseum und dem Kriminalmuseum, geführt. Aus dieser Befragung der MuseumsbesucherInnen konnten die Motive Neugier, Bildung und berufliches bzw. geschichtliches Interesse als die relevantesten Besuchsmotive identifiziert werden. Auch als relevant eingestuft wurden von mehreren BesucherInnen die Motive Faszination für den Tod bzw. eine Auseinandersetzung mit dem Tod und der eigenen Sterblichkeit. Von lediglich geringer Relevanz für den Besuch der gewählten Dark Tourism Attraktionen war, entgegen der Einstufung in der einschlägigen Literatur, das Motiv Sensation-Seeking. Ziel dieser Bachelorarbeit ist es zudem dazu beizutragen, ein umfassenderes Verständnis für Dark Tourism und die positive Bedeutung dieser Tourismusform in der heutigen Zeit zu schaffen.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Dark Tourism Spektrum

Abbildung 2: Die Maslowsche Bedürfnispyramide

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Demographische Daten der InterviewpartnerInnen des Befragungssamples

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Tod, Desaster und Gräueltaten in touristischer Umsetzung stellen eine verstärkte und an Bedeutung gewinnende Form des Tourismus dar (Stone, 2006, S. 145). Es existiert eine Vielzahl an Begriffen, um das Phänomen und die wachsende Faszination für Tourismus in Verbindung mit Tod und Leiden zu erklären (Biran & Hyde, 2013, S. 191). Als Beispiel sind hierzu neben Dark Tourism (DT) auch Thanatourism, Death Tourism oder Dark Heritage zu nennen. In den letzten zwei Jahrzehnten wurde das Phänomen des DT verstärkt erforscht. (Ivanova & Light, 2018, S. 357) Dennoch bleibt das Konzept des DT umstritten (Stone, 2013, S. 308), und obwohl sich ein steigendes touristisches Interesse abzeichnet, ist das Verständnis für dieses touristische Phänomen nur begrenzt vorhanden. Eine generelle Einigung findet sich in dem Faktum, dass DT in der Theorie eklektisch und schwer kategorisierbar ist. (Stone & Sharpley, 2008, S. 574-575)

1.1. Problemstellung

Das Gebiet des DT definiert sich als eine schwer greifbare und sehr umfassende Materie. Die Festlegung einer umfassenden und abdeckenden Definition stellt daher für ForscherInnen eine Herausforderung dar. (Stone & Sharpley, 2008, S. 574-575) Es stellt sich die Frage, wie die Verbindung zweier Worte wie Tourism und Dark, die unvereinbar scheinen, zustande gekommen ist (Hooper, 2017, S. 1). Dies zeigt, dass es nach wie vor an einem grundlegenden Verständnis des DT und der Relevanz, die diese Tourismusform in der heutigen Welt spielt, fehlt.

Generell ist die Faszination des Todes und des Grauens kein neues Phänomen und hat bereits in der Vergangenheit Tourismus generiert. Heute ist eine weitere Steigerung der Popularität dieser Tourismusform wahrzunehmen. (Stone & Sharpley, 2008, S. 574-575) Dies bedeutet, dass das Interesse der KonsumentInnen, trotz oder möglicherweise gerade wegen der Kontroversität des DT, zunimmt. Es verbleibt, das Problem der Interpretation von DT Attraktionen und der damit verbundenen Kontroversität zu eruieren und die Motive der KonsumentInnen für einen Besuch dieser Schauplätze zu verstehen.

1.2. Zielsetzung und Forschungsfrage

Publikationen zu diesem Thema fokussieren vermehrt den angebotsseitigen Aspekt des DT, die Motive der TouristInnen blieben vergleichsweise unerforscht (Sharpley & Stone, 2009, S. 249-250). Daher wird diese Arbeit auf die Motive der BesucherInnen von DT Attraktionen anhand zweier Praxisbeispiele eingehen.

Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, DT zu definieren und zu analysieren und hierbei insbesondere auf die Vertretung und Entwicklung des DT in Österreich einzugehen. Im Detail werden im Rahmen einer empirischen Forschung die Motive für einen Besuch im Wiener Kriminalmuseum (KM) und im Bestattungsmuseum am Wiener Zentralfriedhof (BM) ermittelt und deren Zusammenhang mit DT diskutiert.

Es erfolgt eine Auseinandersetzung mit folgender Forschungsfrage: Eine Analyse des Dark Tourism in Österreich und der Motive für den Besuch von Dark Tourism Attraktionen anhand einer Befragung der über 14-jährigen BesucherInnen des Kriminalmuseums und des Bestattungsmuseums in Wien.

1.3. Gang der Argumentation

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in sechs Abschnitte. Der erste Abschnitt behandelt DT im Allgemeinen. Es erfolgt eine Definition des Begriffes sowie eine Interpretation von DT Attraktionen. Der zweite Abschnitt befasst sich mit Motiven im Tourismus sowie insbesondere im DT. Im dritten Teil erfolgt eine konkrete Auseinandersetzung mit DT in Österreich und den im Rahmen dieser Arbeit untersuchten Attraktionen. Im Anschluss folgen eine Erläuterung der methodischen Vorgehensweise sowie im fünften Abschnitt eine Analyse der Forschungsresultate. Abschließend erfolgt eine Diskussion der analysierten Motive unter Heranziehung der DT Theorie in der einschlägigen Literatur.

2. Dark Tourism

Das Phänomen des DT stellt in keinem Fall ein neuartiges Konzept dar, dessen Aufkommen rein mit der heutigen, modernen Welt assoziiert werden sollte (Seaton, 1996, S. 242-243). Die Menschheit war bereits seit jeher von Stätten, Attraktionen und Events fasziniert, die in Verbindung mit Tod, Leiden oder Gewalt stehen (Stone, 2005, S. 20). Seaton (1996, S. 242­243) nennt als eine wesentliche Ursache des Tourismus den Tod. Er versteht den Tod als kulturelles Erbe, welches die Menschheit eint, und somit als ein Element, welches den Tourismus schon länger begleitet als jegliche anderen Formen kulturellen Erbes. In anderen Worten bedeutet dies, dass ein wesentlicher, historischer Zusammenhang zwischen dem Tod und dem Tourismus besteht.

Das vorliegende Kapitel bietet einen ersten Überblick über das Phänomen des DT. In Folge soll der Begriff des DT definiert und dessen Zusammenhang mit dem Tod erläutert werden.

2.1. Begriffsdefinition

Sharpley (2005, S. 226) bezeichnet DT als „a relatively rare phenomenon“. Es ist ein Phänomen, welches in den letzten zwei Jahrzehnten zudem zunehmende Auseinandersetzung in wissenschaftlichen Studien erfährt (Stone & Sharpley, 2008, S. 574). Hierbei existiert eine Vielzahl an Begriffen, welche für die Bezeichnung des DT als Synonyme genutzt werden. Die Ursache für diese Menge an Bezeichnungen liegt unter anderem in der Schwierigkeit der Bestimmung einer allumfassenden Definition des Begriffs des DT, da sich diese Tourismusform durch ihre Vielfalt und Weitläufigkeit auszeichnet (Stone & Sharpley, 2008, S. 578). So sind beispielsweise auch die Begriffe Black Spot Tourism (Rojek, 1993, S. 136), Morbid Tourism (Blom, 2000, S. 32), Death Tourism (Sion, 2014, S. 3) , Grief Tourism (Dunkley, Westwood & Morgan, 2007, S. 8) oder Thanatourism (Seaton, 1996, S. 240) geläufig. DT ist der am häufigsten verwendete Begriff, um touristische Stätten zu beschreiben, welche in Verbindung mit dem Tod stehen. Der verbreitete Gebrauch dieses Ausdrucks bedeutet jedoch nicht, dass es eine einheitliche und anerkannte Definition gibt. (Biran, Poria & Oren , 2011, S. 821) Trotz der steigenden Diskussion um DT bleibt das Verständnis für dieses Konzept begrenzt und die zugehörige Literatur eklektisch und theoretisch unvollständig (Stone & Sharpley, 2008, S. 574­575).

Geprägt wurde die Bezeichnung des DT durch die beiden Autoren John Lennon und Malcom Foley im Jahr 1996 in einer Ausgabe des International Journal of Heritage Studies (Biran & Hyde, 2013, S. 191). Für Lennon und Foley (1996, S. 198) bedeutet der Begriff DT in erster Linie „the presentation and consumption (by visitors) of real and commodified death and disaster sites”. Während Lennon und Foley hierbei eine vergleichsweise weitläufige, allumfassende Definition von DT präsentiert haben, versuchten sich andere Autoren an limitierteren Herangehensweisen. Aufgrund des Mangels an einer einheitlich anerkannten Definition gibt es mittlerweile eine Vielzahl an Definitionen von DT, die sich in unterschiedliche Kategorien einteilen lassen. Ähnlich wie die Auslegung Lennon und Foley fallen die meisten Definitionen in die Kategorie, in der DT als eine bestimmte Form des Tourismus gehandelt wird. Eine weitere Kategorie enthält Definitionen basierend auf touristischen Praktiken. Diese beschreiben den Akt des Besuchs bestimmter Arten von Orten. (Light, 2017, S. 281-282) Verständlicher wird dies durch eine beispielhafte Definition aus dieser Kategorie. So entwickelte Stone (2006, S. 146) ein Model des DT, in welchem er DT als „the act of travel to sites associated with death, suffering and the seemingly macabre” auslegte. Während bei Lennon und Foley demnach eine eigene Tourismusform definiert wird, schildert Stone von dem Akt des Reisens und des Besuchens einer bestimmten Art von Stätten. Eine dritte Kategorie benennt Definitionen basierend auf einer Form des Erlebnisses. Ashworth (2008, S. 234) definierte DT demnach wie folgt:

“Dark tourism [.] is where the tourist's experience is essentially composed of ‘dark' emotions such as pain, death, horror or sadness, many of which result from the infliction of violence that are not usually associated with a voluntary entertainment experience.”

Allgemeinere Definitionen in der Fachliteratur beschreiben DT als Tourismus an Orten, die in Verbindung mit dem Tod, Desaster sowie menschlichem Leiden stehen (Light, 2016, S. 278). Es zeigt sich die Tendenz, dass der Begriff DT als Oberbegriff für jegliche Tourismusformen verwendet wird, die mit Tod, Leiden, Gräueltaten, Tragödien oder Verbrechen assoziiert sind (Light, 2017, S. 277). Es lässt sich somit feststellen, dass zuvor genannte Begriffe, wie Black Spot Tourism, Morbid Tourism, Death Tourism und Thanatourism, in die Überkategorie des DT fallen. Definitionen ausgewählter, genannter Begriffe sollen diesen Zusammenhang aufzeigen und die Tatsache dieser touristischen Überkategorie beweisen.

An erster Stelle soll hierbei auf den Begriff Thanatourism eingegangen werden. Dieser ist insofern hervorzuheben, als dass Thanatourism und DT häufig als Synonyme verwendet werden. Während DT als Oberbegriff gehandelt wird, ist unter Thanatourism ein konkreteres Konzept zu verstehen, welches von langjährigen Reisepraktiken handelt, die von einem spezifischen Wunsch nach einer Begegnung mit dem Tod motiviert sind. (Light, 2017, S. 277) Seaton (1996, S. 240) definiert Thanatourism des Weiteren als die „travel dimension of thanatopsis”, welche wiederum definiert ist als „travel to a location wholly, or partially, motivated by the desire for actual or symbolic encounters with death, particularly, but not exclusively, violent death”. Ähnlich wie Duncan hebt Seaton somit in seiner Erläuterung hervor, dass Thanatourism von einem konkreten Wunsch geleitet ist, dem Tod zu begegnen und spricht hierbei verstärkt von einer Begegnung mit gewaltsamem Tod. Dieser ausschließliche Fokus auf den Tod bedeutet, dass Thanatourism einen geringeren Umfang hat als DT (Light, 2017, S. 278).

Black Spot Tourism geht auf Chris Rojek zurück, welcher diesen Begriff erstmals im Jahr 1991 in der Fachliteratur benannt hat. Rojek erklärt die Auffassung von dark attractions durch sein Konzept der Black Spots. Diese Black Spots definiert er als „the commercial [touristic] developments of grave sites and sites in which celebrities or large numbers of people have met with sudden and violent death” (Rojek, 1993, S. 136). Als Beispiele hierfür nennt er Graceland, die einstige Wohnstätte und heutige Grabstätte Elvis Presleys, sowie den Unfallort, an welchem James Dean verunglückt ist (Rojek, 1991, S. 188). Ein Vergleich dieser Definition der Black Spots mit der zuvor genannten allgemeinen Definition von DT lässt erkennen, dass beide Definitionen auf Orte des Todes eingehen. Ein Vergleich mit der Beschreibung Lennons und Foleys aus dem Jahr 1996 zeigt, dass diese DT sowohl von der Nachfrage- als auch der Angebotsseite betrachten. Die Definition Rojeks hingegen fokussiert sich ausschließlich auf die Angebotsseite. Hieraus lässt sich erkennen, dass unterschiedliche Autoren DT, sowie dessen Synonyme, aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und somit differenziert definieren und interpretieren.

Die genannten Alternativbegriffe und deren Erläuterungen zeigen deutlich auf, dass die Bezeichnung des DT als Überkategorie gerechtfertigt ist. Sie zeigen in ihrer Art, die Beziehung zwischen dem Tourismus bzw. den TouristInnen und den Schauplätzen des Todes und des Leidens zu beschreiben, Parallelen auf. Dennoch werden die Begriffe hier als distinkt betrachtet. Da diese Konzepte so eng verbunden sind, ist es hingegen nicht möglich, DT zu betrachten oder zu verstehen, ohne im Zuge dessen auf die weiteren Begriffe einzugehen und diese zu erläutern.

Die Ausführungen in diesem Kapitel lassen erkennen, dass die Definition des Begriffs DT eine Herausforderung darstellt. Unterschiedliche Autoren liefern unterschiedliche Sichtweisen, welche zu einer Vielzahl an Definitionen geführt haben. In diesem Kapitel wurde aufgezeigt, dass es an einer einheitlichen Definition fehlt und auch unter den wissenschaftlichen Autoren keine Übereinstimmung vorliegt. Im Rahmen dieser Bachelorarbeit soll demnach die allgemeine Definition von DT herangezogen werden, da diese DT überkategorisiert und die stärkste Gemeinsamkeit mit den diskutierten Definitionen aufweist. DT wird in dieser Arbeit demnach als Tourismus an Orten des Todes, Desasters sowie menschlichen Leidens und als Tourismus an Orten, die in Verbindung mit dem Tod, Desaster sowie menschlichem Leiden stehen, definiert (Light, 2017, S. 278).

Einen Versuch, das breite Angebot an Stätten, Attraktionen und Ausstellungen, die alle unter dem einheitlichen Label des DT geführt werden, zu vereinen und zu differenzieren, stellt die Benennung verschiedener Formen und Intensitäten des DTs dar. In Folge soll daher auf die Interpretation der DT Attraktionen in Bezug auf die sogenannten shades of intensities nach Stone (2006, S. 150) eingegangen werden.

2.2. Interpretation von Dark Tourism Attraktionen

Der vorangehende Abschnitt hat die Schwierigkeiten bei der Suche nach einer einheitlichen Definition aufgezeigt. In weiterer Folge lässt dies darauf schließen, dass auch die Interpretation von DT Attraktionen Schwierigkeiten mit sich bringt.

In erster Linie ist hierbei zwischen gezielt konstruierten und unbeabsichtigten Tourismusstätten zu unterscheiden. Gezielt konstruierte Tourismusstätten sind Stätten, Attraktionen und Ausstellungen, die Ereignisse oder Taten interpretieren oder rekreieren, die in Verbindung mit dem Tod oder dem Makabren stehen. Diesen gezielt konstruierten Tourismusstätten stehen die sogenannten unbeabsichtigten Tourismusstätten gegenüber, welche eher durch Zufall entstanden sind. Als Beispiele hierfür sind Friedhöfe, Gedenkstätten und Desasterstätten zu nennen. Diese sind aufgrund ihrer Verbundenheit mit tragischen Ereignissen zufällig touristisch relevant geworden. (Stone, 2006, S. 148; Stone & Sharpley, 2008, S. 577)

Ein weiterer erwähnenswerter Punkt ist, wie und aus welchem Grund dark attractions angeboten und wie sie infolgedessen interpretiert werden. Anzuführen sind hierbei beispielsweise politische Gründe, Zwecke der Erinnerung oder Bildung sowie Unterhaltung und ökonomischer Gewinn. (Stone, 2006, S. 148) Dies soll die Unterschiedlichkeit an Interpretationsmöglichkeiten aufzeigen. Sharpley (2009, S. 8) verdeutlicht dies durch die Aussage: „dark tourism sites offer the opportunity to write or rewrite the history of people's lives and deaths, or to provide particular (political) interpretations of past events”.

Die genannten Variablen zeigen die Komplexität des Konzepts des DT und seiner Produktion sowie Interpretation auf. Produkte im DT sind facettenreich, divers und komplex in ihrem Design sowie ihrem Zweck. Es liegt somit auf der Hand, dass der universelle Begriff dark zu breit ist und die Vielfalt des Angebots im DT nur schwer darunter vereinbar ist. Miles (2002, S. 1175) differenzierte daher zwischen dark und darker Tourism. Gemäß Miles (2002, S. 1175) gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen „sites associated with death and suffering" und „sites of death and suffering". Erstere Kategorie bezeichnet hierbei Stätten, die in Verbindung mit Tod und Leiden stehen. Es besteht eine räumliche und zeitliche Distanz zum realen Schauplatz und vergangene Ereignisse werden somit nacherzählt und für BesucherInnen rekonstruiert. In Kontrast hierzu beschreibt die zweite Kategorie Stätten, an denen sich Tod und Leiden zugetragen haben, und welche somit originale und häufig historische Schauplätze sind. Als ein Beispiel für diese Art von DT Produkt in Österreich ist das Konzentrationslager für Zivilpersonen (KZ) in Mauthausen zu nennen. Dieses touristische Produkt erscheint als site of death and suffering wahrnehmbar darker als vergleichsweise das Jüdische Museum in Wien als Beispiel für eine site associated with death and suffering. Basierend auf dieser Unterscheidung zwischen dark und darker Tourism entwickelte Stone das Spektrum des DT, um die Interpretation des vielschichtigen DT Angebots zu erleichtern. Dieses Spektrum unterteilt DT in sechs verschiedene Kategorien, welche von lightest bis darkest DT reichen. Lightest DT stellt hierbei sites associated with death and suffering dar, während darkest DT für sites of death and suffering steht. (Stone, 2006, S. 150-151) Abbildung 1 zeigt das DT Spektrum sowie die sechs Kategorien und die zugehörigen wahrgenommenen Produkteigenschaften.

Abbildung 1: Dark Tourism Spektrum

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Stone, 2006, S. 151

Lightest DT Attraktionen sind in erster Linie auf einen Unterhaltungswert sowie Geschäftserfolg fokussiert. Sie stellen realen oder fiktionalen Tod sowie makabre Ereignisse dar. Es geht um das bewusste Angebot eines touristischen Produkts sowie der entsprechenden touristischen Infrastruktur. Ereignisse sind in abgeschwächter Form dargestellt und werden daher häufig als weniger authentisch wahrgenommen. Attraktionen dieser Kategorie werden eher als familienfreundlich eingestuft und bieten ein gesellschaftlich akzeptables Umfeld, um simulierten Tod und damit verbundenes Leiden zu betrachten. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist das London Dungeon oder die Dritte Mann Tour in Wien. Am anderen Ende des Spektrums stehen die darkest DT Attraktionen. Im Verlauf von lightest zu darkest wandelt sich die Ausrichtung auf Unterhaltung immer mehr zu einer Ausrichtung auf Bildung. Der verstärkt ökonomische Fokus weicht dem Wunsch des Erhalts und der Bewahrung eines historischen Kulturguts. Dies wiederum führt zu höherer Authentizität in der Produktinterpretation. Darkest DT Attraktionen sind zumeist am realen Schauplatz situiert, wodurch nur eine geringere touristische Infrastruktur vorhanden ist. Bekannte Beispiele hierfür stehen häufig in Verbindung mit Krieg und Völkermord. Derartige Schauplätze sind seltener anzutreffen. Bekannte Stätten in Europa sind das KZ in Ausschwitz, Polen, sowie jenes in Mauthausen, Österreich. (Stone, 2006, S. 151-153, 157)

Die vorangehenden Erläuterungen haben aufgezeigt, wie vielschichtig und facettenreich DT ist und wie unterschiedlich DT Attraktionen interpretiert werden können. Der touristische Rahmen ist umfangreich und reicht von lightest bis darkest DT. Die genannten Produkteigenschaften haben die Kategorien innerhalb des DT Spektrums charakterisiert. Es ist hingegen nicht davon auszugehen, dass alle Produkte im DT stets all diese Merkmale aufweisen müssen, um einer bestimmten Kategorie zuordenbar zu sein (Stone, 2006, S. 157). DT zeichnet sich durch seine Vielfalt aus und seine Attraktionen können unterschiedlich wahrgenommen werden. Demnach soll das vorgestellte Spektrum primär dazu führen, mehr Klarheit durch eine Angabe von möglichen Einordnungsparametern des DT zu schaffen. In Anbracht der Idee, dass bestimmte Stätten ein dunkleres touristisches Produkt und somit eine möglicherweise dunklere Erfahrung anbieten, kann ein konzeptioneller Rahmen formuliert werden, verschiedene Produktarten innerhalb des DT zu klassifizieren, welchem das Spektrum als Ausgangspunkt dient. Basierend auf dieser Idee hat Stone sein DT Spektrum weiterentwickelt und auf dessen Grundlage das Konzept sieben unterschiedlicher Produktarten erstellt, welche er als Seven Dark Suppliers bezeichnet. (Stone, 2006, S. 152) Stone (2006, S. 152-157) differenziert dabei die folgenden sieben Produktarten: Dark Fun Factories, Dark Exhibitions, Dark Dungeons, Dark Resting Places, Dark Shrines, Dark Conflict Sites und Dark Camps of Genocide.

1. Dark Fun Factories bezeichnen jene Attraktionen, deren Zweck in erster Linie der Unterhaltung zuzuschreiben ist und welche somit einen höheren Kommerzfaktor haben. Sie verfügen über eine hohe touristische Infrastruktur, sind auf den Spaß und die Unterhaltung der BesucherInnen ausgelegt und sind somit am hellsten Ende des DT Spektrums zu verankern. Attraktionen dieser Kategorie können als weniger authentisch wahrgenommen werden, was zu einer höheren Familienfreundlichkeit beiträgt. Eines der bekanntesten Beispiele für eine Dark Fun Factory ist das London Dungeon in Großbritannien. (Stone, 2006, S. 152)
2. Dark Exhibitions bezeichnen Ausstellungen und Stätten, deren Zweck Bildung und potenzielle Lernmöglichkeiten sind. Dark Exhibitions bieten den BesucherInnen Produkte, die von Tod, Leiden oder dem Makabren handeln und lehrreiche, reflektierende Botschaften vermitteln wollen. Dark Exhibitions befinden sich zumeist abseits des eigentlichen Ortes des Todes oder des makabren Ereignisses. Sie sind somit auch als s ite associated with death and suffering zu klassifizieren. In der Tat kann die Vielzahl an Museen, die Tod und damit verbundenes Leiden im Sinne der Bildung und der Erinnerung präsentieren, als Dark Exhibition eingestuft werden. Trotz eines gewissen Grades an Kommerzialisierung und touristischer Infrastruktur ist diese Art touristischer Produkte im Zentrum des DT Spektrums einzuordnen. Als Beispiel nennt Stone die Kapuzinergruft in Palermo, Italien, oder die Ausstellung Body Worlds (Stone, 2006, S. 153)
3. Dark Dungeons präsentieren vergangene Straf- und Gerechtigkeitsrichtlinien und beziehen sich auf (ehemalige) Gefängnisse und Gerichtshäuser. Es wird suggeriert, dass diese Stätten das Zentrum des Spektrums einnehmen können, da sie sowohl dunkle als auch helle Elemente aufweisen. So wurden beispielsweise die Galleries of Justice in Nottingham, Großbritannien, welche aus Gebäuden bestehen, die ursprünglich als Gefängnisse und Gerichte genutzt wurden, als Familienattraktion des Jahres vermarktet. Unterstützt wird diese Einordnung im Zentrum des Spektrums des Weiteren durch das Kernprodukt derartiger Attraktionen, welches sowohl Unterhaltung als auch Bildung ist. (Stone, 2006, S. 154)
4. Dark Resting Places beziehen sich hauptsächlich auf Friedhofsanlagen. Diese kreisen um eine geschichtszentrierte, konservatorische und gedenkende Ethik. (Stone, 2006, S. 154-155) Der vielleicht berühmteste Dark Resting Place ist der Friedhof von Père- Lachaise in Paris, Frankreich, mit fast zwei Millionen Besuchern pro Jahr (Stankovic, 2014, S. 84). Dark Resting Places werden immer kommerzieller und unterhaltungsorientierter ausgelegt und wandern auf diese Weise entlang des Spektrums in Richtung Dark Fun Factory. (Stone, 2006, S. 154-155) Als Beleg hierfür sind prominente Todestouren wie die Dearly Departed Tour in Hollywood anzuführen, bei welchen Gräber verstorbener Hollywood Persönlichkeiten besichtig werden und welche als unterhaltsam geführt vermarktet werden (Tragical History Tour, 2019).
5. Dark Shrines befinden sich oft ganz in der Nähe des Sterbeortes und in zeitlicher Nähe zum Eintreten des Todes. Dies lässt darauf schließen, dass sie am dunkleren Ende des Spektrums zu finden sind. Die meisten Dark Shrines sind für den Tourismus nicht geeignet und verfügen über eine sehr geringe touristische Infrastruktur. Diese Orte haben einen zeitlichen Charakter und dienen als Akt der Erinnerung und des Respekts für die kürzlich Verstorbenen. Als Beispiel nennt Stone (2006, S. 155-156) die Tore des Kensington Palace, der zu einer Anlaufstelle für Millionen von Menschen wurde, als Diana, Prinzessin von Wales, 1977 verstarb.
6. Dark Conflict Sites bezeichnen Kriegsschauplätze und Schlachtfelder. Diese Art von DT Attraktion legt den Fokus auf Bildung und Gedenken und kann je nach vergangener Zeit seit dem Gefecht und ob dieses innerhalb oder außerhalb Menschengedenkens liegt, sowohl am helleren als auch am dunkleren Ende des Spektrums verankert werden. (Stone, 2006, S. 156) Ein Beispiel hierfür stellt das britische Unternehmen Battlefield Tours dar, welches mehrtägige Reisen zu Kriegsschauplätzen wie unter anderem des Ersten und Zweiten Weltkriegs anbietet (Battlefield Tours, 2019)
7. Dark Camps of Genocide sind gemäß Miles (2002, S. 1175) als site of death and suffering zu klassifizieren und somit am dunkelsten Ende des Spektrums einzuordnen, da hiermit Austragungsstätten von Völkermord, Grausamkeit und Katastrophen klassifiziert werden. Beispiele hierfür stellen KZ, wie jenes in Auschwitz, Polen, dar. (Stone, 2006, S. 157)

Stones Spektrum sowie auch dessen Weiterentwicklung mittels der Seven Dark Suppliers ermöglicht einen besseren Überblick und Einblick in die Breite der hier behandelten Materie. Trotz der Vielzahl an Perspektiven, Definitionen und Interpretationen des DT bleibt die fundamentale Frage der Motive bestehen. Um eine Attraktion endgültig als dark bezeichnen zu können, ist es notwendig die Motive, Erfahrungen und das daraus folgende Verhalten der BesucherInnen zu verstehen. (Ashworth & Tunbridge, 2017, S. 73) Im folgenden Kapitel sollen somit die Motive der TouristInnen im Allgemeinem sowie insbesondere im DT analysiert werden.

3. Motive der TouristInnen

Das vorangehende Kapitel hat aufgezeigt, dass die Menge an Fachliteratur zu DT in den letzten zwei Jahrzehnten stetig gestiegen ist und somit auch das Verständnis für DT durch eine, in den meisten Fällen angebotsseitige, Auseinandersetzung und Analyse der Materie (Seaton & Lennon, 2004, S. 81). Im Vergleich dazu gibt es bisher nur ein geringes Verständnis dafür, warum Menschen Orte und Attraktionen besuchen, die einen Bezug zum Tod, der Trauer oder dem menschlichen Leiden aufweisen (Light, 2017, S. 285). Stone (2006, S. 146) schreibt hierzu über das limitierte Wissen auf diesem Gebiet: „no analysis of dark tourism supply can be complete if tourist behaviour and demand for the dark tourism product are not acknowledged.”

In Folge sollen daher Motive für DT durch eine Analyse der bisherigen Literatur zusammengetragen werden. Für ein grundlegenderes Verständnis der Motive im DT sollen zunächst allgemeine touristische Motive mithilfe von Modellen analysiert werden.

3.1. Motive im Tourismus anhand von Modellen

Die Motive im Tourismus sind vielfältig, denn sie begründen sich auf einer individuellen Basis und sind somit für jede/n TouristIn unterschiedlich. Diese individuellen Motive von TouristInnen sind besonders im DT von großer Bedeutung. (Seaton, 1996, S. 240) Eine Klassifikation dieser Vielfalt an Motiven ermöglicht ein besseres Verständnis der Motive sowie eine geringere Komplexität der Materie. Es existiert eine Vielzahl an Klassifikationen und Modellen, die die verschiedenen Motive repräsentieren und denen die individuellen Motive untergeordnet werden können. (Bowen & Clarke, 2009, S. 88, 97) Die Auswahl an Modellen und Klassifikationen in diesem Kapitel soll ein umfassenderes Verständnis für die Arten von Motiven im Tourismus erzeugen und einen überblicksmäßigen Einblick geben.

An erster Stelle soll hierbei auf die Bedürfnispyramide Maslows eingegangen werden. Ein „Bedürfnis ist ein spezifischer Mangel- oder Störungszustand im Organismus [..], der einen unspezifischen Trieb von bestimmter Stärke und mit verhaltensaktivierender Funktion hervorruft“ (Heckhausen, 2010, S. 31). Im Sinne der triebtheoretischen Ansätze kann Motivation durch das momentane Bestehen bestimmter Bedürfnisse erläutert werden (Wolf & Matzner, 2012, S. 92). In seiner Theorie der menschlichen Motivation begründet Maslow die Bedürfnispyramide. Abbildung 2 zeigt Maslows Strukturierung von Bedürfnissen in fünf Klassen.

Abbildung 2: Die Maslowsche Bedürfnispyramide

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Schell, 2008, S. 127

Wie in Abbildung 2 ersichtlich, gliedern sich die menschlichen Bedürfnisse gemäß Maslow wie folgt: physiologische Bedürfnisse, Sicherheitsbedürfnisse, soziale Bedürfnisse, Individualbedürfnisse und Selbstverwirklichung. Die Stärke der menschlichen Motivation, die diese Bedürfnisse antreibt, differenziert zwischen den unterschiedlichen Bedürfnisklassen. So schreibt Maslow den physiologischen Bedürfnissen eine prioritäre Bedeutung zu und bezeichnet diese als den Startpunkt der Motivationstheorie. Zu dieser Klasse zählen körperliche Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken und Schlaf. Alle weiteren Bedürfnisse sind zweitrangig bis es zu einer ausreichenden Befriedigung der physiologischen Bedürfnisse kommt. (Maslow, 1954, S. 35-37) Sobald alle diese befriedigt sind, entsteht eine neue Art von Bedürfnissen. Zu diesen sogenannten Sicherheitsbedürfnissen zählt Maslow unter anderem Sicherheit, Struktur und Ordnung, Stabilität sowie die Freiheit von Angst. (Maslow, 1954, S. 39) Soziale Bedürfnisse beinhalten Liebe, Zuneigung und ein Gefühl der Zugehörigkeit, während es bei den menschlichen Individualbedürfnissen um das Streben nach Erfolg und Ansehen geht (O'Connor, 2018, S. 2). Zu einem Wunsch nach Selbstverwirklichung und Wachstum kann es kommen, wenn all diese Bedürfnisse einen bestimmten Erfüllungsgrad aufweisen. Dieser Wunsch nach Selbstverwirklichung und Wachstum ist der Wunsch eines Individuums, sein volles Potenzial auszuschöpfen und über sich hinauszuwachsen. (Maslow, 1954, S. 46)

Legt man dieses Wissen um die menschlichen Bedürfnisse und die Motivationstheorie nun auf den Tourismus und dessen Motive um, zeigt sich, welche Faktoren das Reisen und den Tourismus am stärksten beeinflussen. Stone (2009, S. 169-170 ) sieht das Reisen als die Suche nach neuen Erfahrungen und Abenteuern. Er vermerkt als Hauptmotiv dahinter den Wunsch, Neues zu lernen und Dinge zu erfahren und zu verstehen, die dem Individuum zuvor unbekannt waren. Eine Verbindung dieser Ansicht mit der Motivationstheorie Maslows lässt die allgemeine Rolle des Tourismus im menschlichen Motivationssystem erkennen und dessen Platz in der Bedürfnispyramide verankern. Gemäß der Erläuterung von Sharpley & Stone wird Tourismus somit in erster Linie von dem Wunsch nach Wachstum motiviert und wäre somit auf der fünften Ebene der Bedürfnispyramide zu finden. Es ist jedoch hervorzuheben, dass der Tourismus und das Reisen sehr umfassende Materien sind und eine Vielzahl an Menschen ansprechen. Wie bereits zu Beginn dieses Kapitels hervorgehoben, gründet Tourismus sich auf individuellen Motiven. Menschen reisen aus unterschiedlichen Gründen, weshalb die Motivation für Tourismus nicht ausschließlich auf der Ebene der Selbstverwirklichung und des Wachstums verankert werden kann. Als Beispiel hierfür kann der Gesundheitstourismus herangezogen werden, welcher, gemäß den vorangehenden Erläuterungen, der Klasse der Sicherheitsbedürfnisse zugeordnet werden kann.

Es zeigt sich also, dass, obwohl Maslows Bedürfnispyramide ein häufig verwendetes Modell im Tourismus ist, seine Theorie zu generell ist, um ein spezifischeres Eingehen auf individuelle Motivationen im Tourismus zu ermöglichen. Denn touristische Motivationen können auf allen fünf Ebenen seiner Hierarchie verankert und gefunden werden. Es ist demnach zielführender, touristische Motive vorab in zwei Gruppen zu gliedern, um zu verstehen, warum Individuen beschließen einen Urlaub zu machen. Die zwei Arten an Motivation, die in dieser Hinsicht betrachtet werden müssen, sind generelle Motivationen und spezifische Motivationen. Gemäß diesem Gliederungsmodell nach Moutinho (1987, S. 17-18) implizieren generelle Motive, dass Menschen aus vielen Gründen reisen und sich dieser häufig selbst nicht vollständig bewusst sind. Im Kontrast hierzu definiert er spezifische Motivationen einerseits als einen Ausdruck von persönlicher Erfahrung, gesammeltem Wissen, Berichten und Ratschlägen von Freuden oder der Familie sowie andererseits als Ausdruck direkt und indirekt erfahrener Informationen aus den Medien, der Werbung sowie von Reisemittlern. Dies bedeutet, dass Entscheidungen in Bezug auf touristische Produkte stark extrinsisch motiviert sind. Dieses Modell spezifischer Motivationen findet sich auch bei Swarbrooke & Horner (2007, S. 53) wieder, die im Tourismus zwischen zwei Motivationsfaktoren entscheiden. Sie trennen hierbei Faktoren, die eine Person dazu motivieren auf Urlaub zu fahren, und zwischen Faktoren, die eine Person dazu motivieren, einen spezifischen Urlaub zu einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit zu unternehmen. Diese Sichtweise ist es nun, die auf das folgende Unterkapitel übertragen werden soll und einen Einblick geben soll, aus welchen Motivationen heraus Menschen eine Reise zu DT Attraktionen unternehmen.

3.2. Motive im Dark Tourism

Nach einem kurzen Einblick in die Arten der Motivationen im Tourismus, soll nun spezifisch auf die Motive im DT eingegangen werden. In der Folge werden daher nun die in der touristischen Fachliteratur genannten Motive, weshalb Menschen Stätten und Attraktionen des DT aufsuchen, analysiert.

Das Studium von DT Motivationen ist noch in einem frühen Stadium, wobei dies vor allem auf empirische Studien zutrifft (Podoshen, 2013, S. 269). Besonders in den frühen Jahren der DT Thematik gab es kaum empirische Untersuchungen der Motive von BesucherInnen. Richter (1999, S. 120) schrieb daher, dass die Motive der TouristInnen erahnt werden mussten. Diese erahnten Motive klassifiziert er dabei als persönliche, politische, historische, pädagogische sowie humanitäre Motive. Im Allgemeinen nennt die Literatur viele Motive für den Besuch einer DT Attraktion, welche Dann (1998, S. 25) zu acht Motiven zusammenfasst: fear of phantoms, chasing change, yearning for yesteryear, nurture of nastiness, juggling justice, present progress, dicing with death, postmodern promotion. Hervorzuheben sind an dieser Stelle der Wunsch nach Veränderung, die Suche nach Nostalgie und das Spiel mit dem Tod.

Der Wunsch nach Veränderung ist stark verbunden mit einem der am häufigsten genannten Motive für DT, der Neugier. Dieses Neugiermotiv stellt eines der zentralen Motive im DT dar, denn es zählt zu den angeborenen Eigenschaften eines jeden Menschen. Aus der Neugier lässt sich das allgemeine Explorationsbedürfnis herleiten, das je nach Person individuell ausgeprägt ist, wodurch jede Person eine unterschiedlich starke Begierde aufweist, bestimmte Stätten oder Situationen aufzusuchen. (Wolf & Matzner, 2012, S. 94) Es wird versucht dieses angeborene Bedürfnis zu befriedigen, indem Individuen stets nach dem Neuen und dem Unbekannten suchen. Blom (2000, S. 4) schreibt, dass die Menschheit auf der Suche nach dem Gegenteil ist. Abhängig von der individuellen Lebenssituation eines jeden Menschen entstehen unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse. Es ist der Wunsch, etwas Neues zu sehen und der Realität zu entfliehen, der den Besuch einer DT Stätte motivieren kann. Weiterführend kann dies als Sensation-Seeking bezeichnet werden. Dies ist kennzeichnet durch „das Bedürfnis nach Abwechslung und der ständigen Suche nach neuen, intensiven Reizen“ (Wolf & Matzner, 2012, S. 94). Ähnlich wie das Neugiermotiv ist auch das Sensation- Seeking-Motiv in jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt. Die Ausprägung kann dabei von dem Wunsch, Langeweile und Monotonie im Alltag zu vermeiden, über den Wunsch nach Enthemmung sozialer Situationen und das Bedürfnis nach neuen Erfahrungen durch das Reisen bis hin zu einem Bedürfnis nach Risiko und Erlebnis reichen. (Schmalt & Langens, 2009, S. 196)

Das Neugiermotiv sowie das Motiv des Sensation-Seeking spiegeln sich auch in dem Motiv der Faszination des Todes wider, welches eine der drei Klassifikationen von DT Motiven nach Biran, Li, Liu & Eichhorn ist. Zu diesen zählen weiters Mortalität und Freizeit. Das Motiv Freizeit bezieht sich hierbei auf Aspekte, die im persönlichen Umfeld der TouristInnen liegen, wie beispielsweise private Interessen oder Hobbies. (Biran et al., 2014, S. 6) Die Faszination für den Tod ist eine Folge der angeborenen menschlichen Neugier und steht für den Wunsch, den Ort eines tragischen Ereignisses selbst zu sehen. Stone (2006, S. 147) argumentiert, dass die Menschheit stets vom Tod fasziniert war. Er differenziert hierbei nicht zwischen dem eigenen oder dem Tod anderer und sieht diese Faszination als eine Kombination aus Respekt und Ehrfurcht, aber auch aus morbider Neugier und Aberglaube. Für Stone (2012, S. 94) handeln Erfahrungen im DT weniger von „consuming narratives of death, but, rather, of contemplating life and living in the face of inevitable mortality”. Die Betrachtung des Todes aus Sicht des DT ermöglicht es TouristInnen, ihren eigenen Tod aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. DT bietet die Chance, die eigenen „mortality moments“ aus sicherer Entfernung und in einem sicheren Umfeld zu erleben (Stone & Sharpley, 2008, S. 598). DT bietet somit ein sicheres Umfeld, sich mit der Unausweichlichkeit der eigenen Sterblichkeit sowie der Sterblichkeit anderer auseinanderzusetzen. Tercier (2005, S. 22) meint einerseits, dass die Menschen heutzutage stärker Betrachter von Tod sind, als dies in früheren Zeiten der Fall war, andererseits schreibt er „we see death, but we do not 'touch' it“. Die Lebenden brauchen eine Möglichkeit und einen Kommunikationskanal, um gefiltert mit den Toten zu sprechen und ihrer zu gedenken (Stone, 2006, S. 147). In früheren Zeiten stellten diesen Kommunikationskanal Religionen und zugehörige Rituale dar. Die Religion nahm wichtige Funktionen im Umgang mit dem Tod und der Sterblichkeit ein. Heutzutage werden diese Funktionen durch die Medien ausgeübt. Katastrophen und Todesfälle werden von den Medien festgehalten und stellen einen der Hauptberührungspunkte mit dem Tod dar. (Walter, 2009, S. 43) Tod wird demnach verstärkt aus sicherer Entfernung erlebt und es bleibt in Frage zu stellen, inwiefern diese Berührung mit dem Tod über die Medien die wahren Emotionen und Traumata widerspiegelt, die unerwarteter Tod mit sich bringt. Es herrscht eine veränderte Darstellung sowie Wahrnehmung und eine andere Umgangsweise mit dem Tod vor, die eine Folge dieser regelmäßigen Auseinandersetzung mit dem Tod durch die Medien sind. (Lennon & Foley, 2000, S. 5) Ein möglicher Effekt hiervon kann eine Desensibilisierung der Menschen im Umgang mit dem Tod sein, denn Tod ist im normalen Alltag weniger präsent und wird fast ausschließlich über die Medien konsumiert. Einen Ansatz hierfür bietet der DT in Form der Chance eines „revival of death within the public domain, thereby [..] ensuring absent death is made present” (Stone & Sharpley, 2008, S. 588). Der Tod soll somit Teil eines öffentlichen Diskurses sein und als kollektives Gut betrachtet werden. Hieraus schließen Stone & Sharpley (2008, S. 588), dass DT eine neue Institution darstellen kann, in welcher der Wert des Todes und der Sterblichkeit, sowohl im Sinne der Unterhaltung als auch im Sinne der Bildung und der Erinnerung anerkannt wird. Die Konsumation des Todes kann für Individuen somit eine Möglichkeit bieten, Verständnis für vergangene Ereignisse zu erlangen.

Der Aspekt der Bildung und der Erinnerung findet auch Einzug in die Motiv-Klassifikation von Zheng, Zhang, Qian, Zhang & Yan (2016, S. 3), welche die drei Klassen von Biran et al. weiterentwickelt haben und die Motive im DT wie folgt klassifiziert haben: Lebens- /Todesmotive, Bildung und Erinnerung sowie Freizeit. Zahlreiche Studien haben die Bedeutung der Bildung als treibenden Motivationsfaktor für den Besuch einer DT Stätte hervorgehoben (Best, 2007, S. 38; Biran et al. 2011, S. 830). Eine Befragung der BesucherInnen des KZ Auschwitz-Birkenau hat ergeben, dass der Wunsch nach einer weiterbildenden Erfahrung unter den TeilnehmerInnen deutlich stärker ausgeprägt ist als andere Motive. Das Motiv der Bildung kann auch für den Wunsch von Individuen stehen, eine Verbindung mit der eigenen Vergangenheit zu finden und mehr über die eigene Herkunft zu lernen. Biran et al. (2014, S. 6) verknüpfen das Motiv der Bildung demnach mit dem Motiv der Erinnerung. Auch Lennon & Foley (2000, S. 146) bezeichnen die Erinnerung als einen zentralen Aspekt dieser Tourismusform. Young (1993, S. 9) schreibt folgendes über die Erinnerung:

„Remembrance as a vital human activity shapes our links to the past, and the ways we remember define us in the present. As individuals and societies, we need the past to construct and to anchor our identities and to nurture a vision of the future. [.] However, we know how slippery and unreliable personal memory can be, always affected by forgetting and denial, repression and trauma [.] But a society's collective memory is no less contingent, no less unstable, its shape by no means permanent and always subject to subtle and not so subtle reconstruction.”

In Bezug auf diese konstante Rekreation der Vergangenheit schreiben Lennon & Foley (2000 S. 29), dass darin ein Risiko liegt, insbesondere im Falle versuchter Stilisierung, welche die Schwere der zu behandelnden Ereignisse marginalisieren und verharmlosen kann. Vor allem Museen oder Ausstellungen zeigen fallweise nur einen Ausschnitt der Vergangenheit und vermitteln somit nur eine unvollständige Darstellung der Vergangenheit (Wolf & Matzner, 2012 S. 95). Umgelegt auf die Motive der Bildung und der Erinnerung als treibende Faktoren des DT bedeutet dies, dass DT eine entscheidende Rolle im Verständnis und im Gedenken vergangener Ereignisse spielt. DT ermöglicht es Menschen, ihre Geschichte kennenzulernen und ihr Wissen zu vertiefen. Hierzu sollte bei Attraktionen im DT darauf geachtet werden, die Gesamtheit und Komplexität der Geschichte zu rekreieren und zu präsentieren.

Weitere in der Literatur genannte Motive sind beispielsweise Identitätsfindung, Schuldgefühle (Wolf & Matzner, 2012 S. 96) und Empathie (Ashworth & Tunbridge, 2017, S. 73), aber auch Schadenfreude (Sharpley, 2009, S. 11). Es zeigt sich somit, dass der Besuch einer DT Attraktion von einer Vielzahl an Beweggründen motiviert sein kann, wobei im Rahmen dieser Arbeit nur Ausschnitte möglicher Motive genannt werden können. Diese Vielzahl an Motiven liegt unter anderem an der großen Anzahl an Attraktionen und Stätten, welche der Begriff DT unter sich vereint (Ivanova & Light, 2018, S. 35). Des Weiteren werden die Motive auf individueller Basis durch Alter, Geschlecht und Herkunft bestimmt (Rittichainuwat, 2007, S. 428). Frühe Veröffentlichungen im Bereich des DT sowie des Thanatourism basierten auf der Annahme, dass TouristInnen, die Stätten des Todes und des Leidens aufsuchen, durch ein Interesse am Tod motiviert werden (Ivanova & Light, 2018, S. 358). Aktuelle empirische Studien zeigen hingegen, dass „interest in death may be minimal or non-existent, or the assosciation with death may be of little relevance” (Sharpley, 2012, S. 97). Die Studie der BesucherInnen des KZ Auschwitz-Birkenau von Biran et al. (2011, S. 836) veranschaulicht, dass das Interesse für Tod unter den Befragten der unbedeutendste Grund für den Besuch war.

Zusammenfassend bietet DT ein sicheres Umfeld für die Auseinandersetzung mit Tod und Leiden, wobei der Besuch einer DT Attraktion durch eine Vielzahl an Beweggründen motiviert sein kann. Die häufigsten Motive sind hierbei Neugier, Bildung und Freizeitmotive. Ähnlich der Bildung schreibt die Literatur auch dem Motiv Erinnerung Relevanz zu und sieht diese Motive als häufig eng miteinander verbunden an, Gleiches gilt in Bezug auf die Motive Neugier und Sensation-Seeking. Ein Wandel lässt sich zudem in Bezug auf das Motiv Faszination für den Tod erkennen, welches aktuelle Studien im Vergleich zu älterer Literatur als weniger relevant einstufen. Bevor nun die eingesetzte Forschungsmethode und die tatsächlichen Ergebnisse der Motivforschung diskutiert werden, soll zunächst im anschließenden Kapitel eine Einführung in DT in Österreich erfolgen sowie die ausgewählten Attraktionen präsentiert werden. Bei der Gegenüberstellung einiger österreichischer Attraktionen mit Stones S pektrum sollen die DT Ressourcen dieses Landes aufgezeigt und sein DT Charakter beurteilt werden.

4. Dark Tourism in Österreich

Attraktionen des DT verkörpern einen bedeutenden Teil des Tourismus weltweit sowie insbesondere des Tourismus in Europa. Eine Vielzahl an Orten des DT in Europa bietet reichlich Möglichkeiten, Attraktionen entlang des gesamten Spektrums des DT zu erleben. Diese reichen von authentischen, realen Schauplätzen, wie dem KZ aus dem Zweiten Weltkrieg in Auschwitz, bis hin zu unterhaltungsorientierten Attraktionen, wie dem London Dungeon. (Powell, Kennell & Barton, 2018, S. 5) Dieses Kapitel soll aufzeigen, dass auch Österreich eine Destination des DT in Europa ist. Es werden bekannte Attraktionen in Österreich analysiert und deren Zusammenhang mit DT aufgezeigt. Hierbei wird insbesondere auf den Raum Wien eingegangen und im Zuge dessen die beiden Attraktionen behandelt, in denen die BesucherInnenbefragungen durchgeführt wurden. Hierbei ist hervorzuheben, dass diese Arbeit ausschließlich eine Kategorie des DT Spektrums von Stone fokussieren wird, um Vergleichbarkeit der Attraktionen und der Befragungsergebnisse zu ermöglichen. Die hierbei ausgewählte Kategorie sind Dark Exhibitions, da es sich hierbei um die Kategorie mit den meisten österreichischen und wienerischen Attraktionen handelt, wie das Kapitel zeigen wird. Die genannten Wiener Attraktionen sind das KM und das BM, da diese beiden Museen sich als DT Attraktion qualifizieren und Dark Exhibitions darstellen, wie nachfolgende Ausführungen erläutern werden. DT Attraktionen werden nur selten als solche beworben (Powell et al., 2018, S. 5), die ausgewählten Attraktionen dieses Kapitels entsprechen demnach der in Kapitel 2 gegebenen Definition.

4.1. Dark Tourism Attraktionen in Österreich

Die Entwicklung des DT in Österreich gründet sich auf der Historie des Landes und dem Versuch, die Wirtschaft anzukurbeln. Starke Disparitäten in der Raumentwicklung prägten Österreich in der Nachkriegszeit. Ziel der Politik war vor allem die Stärkung des ländlichen Raums, was in erster Linie durch eine Ankurblung des Tourismus erreicht werden sollte. Hieraus entwickelte Maßnahmen waren daher einerseits ein verstärktes Marketing der österreichischen Natur- und Kulturlandschaft sowie andererseits der Ausbau des Ganzjahrestourismus in Österreich. Ein Fokus hierbei lag auf dem Gesundheits- und Wellnesstourismus durch den Neu- bzw. Ausbau von Heilbädern sowie weiters auf der Vermarktung des historischen und kulturellen Erbes der österreichischen Regionen. Teil dieser Vermarktung waren eine umfangreichere Bewerbung der Kunst und Kultur sowie der Möglichkeiten innerhalb des DT, welcher in diesem Fall die deutschsprachige Bezeichnung Erinnerungstourismus trug. (Fasching, 2012, S. 23-24) Die Gemeinsamkeit des deutschsprachigen Erinnerungstourismus mit dem englischsprachigen DT zeigt die folgende Definition Faschings (2011, S. 1):

„Unter Erinnerungstourismus wird [...] ein Wirtschaftszweig verstanden, der Reisen zu ausgewählten Orten und einschlägige Information anbietet, die mit Militärwesen, Macht, Schrecken, Leiden, Gefahren, Vergänglichkeit oder Tod in Verbindung gebracht werden.“

Die Recherche im Rahmen dieser Bachelorarbeit hat verdeutlicht, wie im Folgenden näher gezeigt wird, dass Österreich genügend Möglichkeiten zur dunklen Unterhaltung bietet. Unter der Verwendung des Spektrums Stones sowie der Beachtung und Unterscheidung von light und dark Attraktionen, konnte eine Aufstellung von österreichischen DT Attraktionen kreiert und die folgenden beispielhaften Stätten ermittelt werden:

1. Dark Fun Factories: Das wohl bekannteste Beispiel einer derartigen Factory stellt die Dritte Mann Tour in Wien dar. Diese erlaubt den BesucherInnen in „Wiens Unterwelt“ hinabzusteigen und die Drehorte dieses Filmes zu erleben, der im Wien der Nachkriegszeit spielt und Themen wie Kriminalität sowie politische und soziale Korruption behandelt (Wien und, 2019). Weitere Angebote sind morbide oder todesbezogene Stadtführungen und Ghostwalks, wie beispielsweise die Führungen Über Mörder und Henker - Führungen durchs dunkle Kapitel Wiens oder Morbides Wien - eine Begegnung mit dem Tod, die zu den „blutigen Originalschauplätzen" der damaligen Zeit führen oder sich mit dem Totenkult der Wiener auseinandersetzen (Mörder, Hexen, Henker , 2019; Außergewöhnliche Führungen , 2019).
2. Dark Exhibitions: Eine der präsentesten Stätten innerhalb dieser Kategorie ist die Tötungsanstalt Hartheim. Der Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim ermöglicht das Durchschreiten der ehemaligen Tötungsräume dieser einstigen Euthanasie-Anstalt, in welcher von 1940 bis 1944 um die 30.000 Menschen mit physischen und psychischen Behinderungen ermordet wurden . Obwohl Originalschauplatz und somit site of death and suffering, ist das Museum und die Gedenkstätte Schloss Hartheim eher als Dark Exhibition als als Dark Camp of Genocide zu klassifizieren, da der touristische Fokus auf Bildung und Gedenken gelegt wird und eine kritische sowie emotionale Annäherung und Reflektion ermöglicht werden sollen. (Tötungsanstalt Hartheim, 2019; Gedenkstätte, 2019)
3. Dark Dungeons: Österreich verfügt über keine Gefängnisse und Strafvollzugsanstalten, die als solche touristisch genutzt werden. Erwähnenswert ist an dieser Stelle das Schiele Museum in Tulln, Niederösterreich, welches im ehemaligen Stadtgefängnis situiert ist und dessen Werke teilweise in den noch erhaltenen Gefängniszellen ausgestellt werden (Architektur, 2019).
4. Dark Resting Places: Allein in Wien gibt es 46 Friedhöfe unter der Verwaltung der Friedhöfe Wien GmbH (Friedhöfe Wien, 2019). Einige hiervon sind auch von Interesse für nationale oder internationale BesucherInnen, in erster Linie der Wiener Zentralfriedhof oder auch der Friedhof St. Marx. Diese Friedhöfe stellen nur zwei Beispiele an Friedhöfen dar, auf welchen touristische Führungen angeboten werden. (Tod in Wien , 2019) Als Ruhestätte berühmter Persönlichkeiten touristisch interessant ist auch der Petersfriedhof in der Stadt Salzburg, als dessen Höhepunkt und Must-See unter anderem die dortigen Katakomben vermarktet werden (Erzabtei St. Peter , 2019).
5. Dark Shrines: Österreich hat viele Monumente und Gedenkstätten, die als einstige Dark Shrines anzusehen sind. Sie beziehen sich auf Gedenkstätten, die in Erinnerung an Unglücke und Katastrophen gebaut wurden, bei welchen Menschen ums Leben gekommen sind; so beispielsweise die Gedenkstätte des Grubenunglücks von Lassing in der Steiermark oder die Gedenkstätte der Brandkatastrophe der Gletscherbahn Kaprun in Salzburg. Ein Dark Shrine einer bekannten österreichischen Persönlichkeit ist die Jörg Haider Gedenkstätte in Kärnten.
6. Dark Conflict Sites: Neben Monumenten und Gedenkstätten, die an den Holocaust erinnern, die Gefallenen ehren und somit Bezug zu den Dark Conflict Sites der Weltkriege herstellen, verfügt Österreich auch über Dark Conflict Sites früherer Kriege. So gedenkt das Kriegerdenkmal des Löwen von Aspern den österreichischen Soldaten, die in der Schlacht von Aspern gefallen sind, und ein Gedenkstein in Jedenspeigen, Niederösterreich, erinnert an die Schlacht zwischen Rudolf von Habsburg und Ottokar von Böhmen (Löwe von Aspern, 2019; Gedenkstein zur Schlacht, 2019).
7. Dark Camps of Genocide: Ein bedeutender Ort des österreichischen DT ist das KZ in Mauthausen, Oberösterreich, in welchem zwischen 1938 und 1945 zur Zeit des Nationalsozialismus mindestens 90.000 Menschen getötet wurden (Das Konzentrationslager, 2019).

Mittels der Seven Dark Suppliers präsentiert Stone die Breite der Tourismusform DT und vorangehende Ausführungen die Präsenz dieser in Österreich. Die angeführten Beispiele österreichischer DT Attraktionen sollen nur einen Ausschnitt der österreichischen DT Landschaft aufzeigen und die Bezeichnung des Landes als DT Destination sowie die Wahl dieses Landes für die vorliegende Arbeit rechtfertigen. Die touristische Bedeutung dieser DT Stätten für Österreich zeigt sich in der jährlichen Anzahl an BesucherInnen. So verbucht das KZ in Mauthausen als Dark Camp of Genocide und Stätte des Holocaust jährlich rund 250.000 BesucherInnen, die laut Angaben zu einem Großteil aus dem Ausland anreisen (KZ- Gedenkstätte, 2018).

Eine Vielzahl an DT Attraktionen findet sich auch in Wien. Da der empirische Teil dieser Bachelorarbeit zwei DT Attraktionen in Wien betrachtet, schwenkt der Fokus dieses Kapitels nun auf Stätten und Museen der Hauptstadt. Powell et al. (2018, S. 5) argumentieren, dass DT Produkte ein Kernbestandteil des touristischen Angebots vieler Städte sind. Dieses Argument gründet sich auf der Analyse der zehn meistbesuchten Städte Europas im Jahr 2017. Hierbei wurden die Websites der Destination Management Organisationen der jeweiligen Länder auf bestimmte Schlüsselwörter in Verbindung mit DT untersucht. Diese Untersuchung sollte aufzeigen, zu welchem Ausmaß DT Teil des touristischen Angebots der Städte ist. Im Anschluss an diese Analyse wurden die Städte anhand der Häufigkeit dieser Begriffe geordnet. Wien landete hierbei auf dem siebten Platz. Als dunkelste Städte gelten gemäß dieser Untersuchung London, Amsterdam und Rom. (Powell et al., 2018, S. 21, 25)

Dass DT Produkte ein Kernbestandteil des touristischen Angebots vieler Städte sind, zeigt sich bei der Betrachtung des Angebots in Wien. So lassen sich unter Beachtung der vorangehenden Definition des DT einige Wiener Attraktionen als DT Produkte identifizieren. Hierzu zählen unter anderem die Kaisergruft, das BM, das KM, das Foltermuseum, der Narrenturm und Am Spiegelgrund in Wien Steinhof. Nach genauerer Recherche und Besuch der genannten Wiener Attraktionen sind diese der Tourismusform des DT zuzurechnen. All diese touristischen Produkte haben gemein, dass sie sich auf unterschiedliche Art mit Tod oder Leiden beschäftigen und in die Kategorie Dark Exhibitions fallen. Die einzige Ausnahme hierbei ist die Kaisergruft, welche als Dark Resting Place anzusehen ist. Im Anschluss wird nun genauer auf zwei der Wiener Dark Exhibitions eingegangen. Es werden das KM und das BM genauer beschrieben, deren Bedeutung als DT Attraktionen und die Gründe für deren Auswahl als Befragungsstätten im Rahmen dieser Bachelorarbeit erläutert.

4.2. Das Wiener Kriminalmuseum

Das KM stellt ein Beispiel für eine DT Attraktion in Wien dar. Das Museum vereint das Kriminalmuseum mit dem Museum der Bundespolizeidirektion Wien und thematisiert die Kriminalgeschichte des Mittelalters bis in die heutige Zeit sowie die Weiterentwicklung des Justiz- und Polizeiwesens.

Die Zuordnung des KMs zum DT lässt sich bereits durch die museumsinterne Werbung vermuten. So wirbt das Museum in seinem Flyer mit folgender Aussage: „Erleben sie [sic!] [...] das Leben der Menschen im ,Dunklen Wien‘, voll Lust und Leid, voll Freude und Tod“ (Wiener Kriminalmuseum, n.d.). Die Themenfelder des KMs umfassen Kriminalfälle, Hinrichtungen und bekannte Wiener Verbrechen und Morde der letzten 300 Jahre. Eine genaue Interpretation der Attraktion zeigt weitere Gründe für die Zuordnung zum DT auf. Gemäß Miles (2002, S. 1175) ist die Attraktion als site associated with death and suffering zu klassifizieren, da die Kriminalgeschichte mittels Exponate an einem Ort nacherzählt wird, der keinen direkten Zusammenhang mit den eigentlichen Schauplätzen der Verbrechen hat. Es ist demnach eine gezielt konstruierte Tourismusstätte, an welcher Verbrechen und Taten interpretiert und rekonstruiert werden. Das Museum schildert und informiert die BesucherInnen über die bekanntesten und bedeutendsten Kriminalfälle der frühen und nahen Vergangenheit und steht somit neben dem Zwecke der Freizeitgestaltung auch im Auftrag der Bildung.

Das KM qualifiziert sich somit gemäß vorangehender Erläuterungen als Dark Exhibition. Nach der Einteilung Stones ist das KM, als Beispiel einer D ark Exhibition, somit als dark DT Produkt zu klassifizieren. Ein weiterer Repräsentant der dunklen Seite Wiens ist das BM. Dieses und dessen Einstufung als DT Produkt wird im folgenden Unterkapitel analysiert.

4.3. Das Bestattungsmuseum

Das BM stellt ein weiteres Beispiel für eine DT Attraktion in Wien dar. Das Museum wirbt damit, dass der/die Besucher/in in diesem „alles über die ,schöne Leich'“ herausfinden kann und vermittelt Kenntnis über Geschichte der Wiener Bestattungs- und Friedhofskultur vom Ende des 18.Jahrhunderts bis in die Gegenwart (Bestattung und Friedhöfe GmbH, 2017). BesucherInnen erhalten einen Einblick in die Beziehung der Wiener zum Tod, den Mikrokosmos Friedhof, die Feuerbestattung sowie historische Themen wie kaiserliche Trauerfeiern, die Geschichte der Wiener Friedhöfe oder die Entwicklung der Grabformen.

Das BM erhält auch in internationaler Fachliteratur Aufmerksamkeit und wird in Werken Sharpleys (2009, S. 10; 2008, S. 575) und Stones (2012, S. 1568; 2008, S. 575) als Beispiel für die Vielfalt an todesbezogenen Attraktionen genannt. Die Klassifizierung des BMs als DT Attraktion lässt sich neben der Verifizierung durch eben genannte fachspezifische Quelle über das Dasein des Museums als s ite associated with death and suffering belegen. Die Themen Tod, Bestattung und Trauer werden auf eine offene Weise behandelt, wobei die Möglichkeit geboten wird, sich in einem auf sozialer Ebene akzeptierten Umfeld mit diesen Themengebieten auseinanderzusetzen und sich darüber zu informieren. Ein weiterer Aspekt, der die Stellung des BMs als DT Attraktion unterstützt, ist die Lage am Wiener Zentralfriedhof.

Ähnlich wie das KM ist auch das BM als Dark Exhibition zu klassifizieren. Diese Einordung geschieht auf der Grundlage, dass das BM mittels über 250 originaler Exponate Wissen über das Bestattungswesen und die Friedhofskultur vermittelt (Bestattung und Friedhöfe GmbH, 2017). Das Produktdesign ist hierbei so gestaltet, dass Bildung und potenzielle Lernmöglichkeiten gefördert werden. Einerseits charakterisiert sich das Museum über konservatorische Ethik und ermöglicht BesucherInnen Reflexion, andererseits verfügt es über touristische, museumstechnische Infrastruktur und einen gewissen kommerziellen Fokus, der am museumsinternen Shop erkennbar ist.

Zusammenfassend sind somit sowohl das KM als auch das BM als DT Attraktion zu klassifizieren. Im Detail handelt es sich bei beiden Attraktionen um Dark Exhibitions und s ites associated with death and suffering. Der Faktor Bildung ist ein wichtiger Bestandteil beider Ausstellungen, da Lernmöglichkeiten geboten werden und die Auseinandersetzung mit diesen sozialen Tabuthemen gefördert werden soll. Im Allgemeinen zeigt das Kapitel den Umfang der österreichischen DT Landschaft auf, indem es eine Analyse der österreichischen Attraktionen bietet. Wien kann hierbei als DT Hotspot Österreichs mit der größten Dichte an DT Attraktionen bezeichnet werden. Die Stadt steht daher im Fokus dieser Arbeit und die beiden spezifisch beschriebenen Attraktionen wurden aufgrund ihrer vergleichbaren Position innerhalb der Tourismusform des DT ausgewählt. Im Detail wurde das KM ausgewählt, da es explizit mit dem Erleben der dunklen Seite wirbt. Ein ausschlaggebender Grund für die Wahl des BMs war dessen Erwähnung in den Werken Stones und Sharpleys, welche beide sich beide in ihren wissenschaftlichen Werken dem Thema des DT gewidmet und Literatur zur Erforschung dieses Gebiets beigetragen haben.

Das anschließende Kapitel geht nun auf den empirischen Teil dieser Arbeit ein. Hierbei wird detailliert die methodische Vorgehensweise der Forschung dokumentiert und genauere Erläuterungen über das Forschungsdesign, das Sampling sowie die Durchführung und die Auswertungsmethode geliefert.

5. Methodische Vorgehensweise

Nach gründlicher Recherche und Einblick in frühere Studien und etablierte Theorien zu vorliegendem Thema soll nun die methodische Vorgehensweise des empirischen Teils dieser Bachelorarbeit geschildert werden. Hierzu werden zunächst das Forschungsdesign, die Auswahl des Samples, der Ablauf der Datenerhebung sowie die Auswertungsmethode beschrieben.

5.1. Forschungsdesign

Im Rahmen der empirischen Forschung dieser Bachelorarbeit wurde eine qualitative Forschungsmethode angewandt, um ein tieferes Verständnis für die individuellen Motive und Wahrnehmungen der BesucherInnen zu erhalten. Aufgrund der zuvor erwähnten theoretischen Fokussierung der Literatur auf die Angebotsseite des DT, blieben die Gründe, warum Menschen Orte und Attraktionen besuchen, die einen Bezug zum Tod, der Trauer oder dem menschlichen Leiden aufweisen, vergleichsweise unerforscht oder auf quantitative Methoden fokussiert. Eine qualitative Herangehensweise ermöglicht die Erforschung konkreter Motive und Beweggründe der BesucherInnen des KMs und BMs in Wien. Während quantitative Forschungsmethoden in erster Linie dazu dienen, Hypothesen zu testen und Fragen zu beantworten, die sich aus Theorien und früheren empirischen Untersuchungen ergeben, stammt die qualitative Analyse aus der Soziologie und Psychologie. Die qualitative Methodik ermöglicht es, die soziale Realität zu verstehen und subjektive, individuelle Beweggründe auf wissenschaftliche Weise zu erforschen. (Zhang & Wildemuth, 2009, S. 1) Es geht somit weniger darum, Motive nach der Häufigkeit ihres Auftretens zu analysieren, sondern darum, auf den Inhalt der qualitativen Ergebnisse einzugehen und bewusst geäußerte sowie tiefergehende, unbewusste Meinungen und Wahrnehmungen zu erhalten.

Im Speziellen wurden im Rahmen dieser qualitativen Forschung Interviews an den beiden touristischen Attraktionen durchgeführt. Als spezifisches Forschungsinstrument wurden für diese Forschung persönliche, leitfadengestützte Interviews gewählt. Diese beinhalten eine vorgefertigte Liste an Fragen, welche auf dem theoretischen Teil dieser Arbeit basieren und das Ziel haben, auf direkte und indirekte Weise die Motive der Befragten für den Museumsbesuch zu erhalten. Diese Liste dient als Leitfaden und soll durch die Interviews führen. Im Allgemeinen empfehlen sich Interviews, wenn eine große Anzahl von Fragen zu beantworten ist, diese Fragen entweder komplex oder offen sind und/oder die Reihenfolge der Befragung gegebenenfalls geändert werden muss. Für die letztgenannten Situationen eignen sich gemäß Easterby-Smith, Thorpe, Jackson & Lowe (2008, S. 391-392) halbstrukturierte Interviews am besten. Hierbei ermöglicht die halbstrukturierte Methode, die Antworten der TeilnehmerInnen sehr genau zu untersuchen und durch weitere, spontan aufkommende Fragen mehr ins Detail zu gehen. (Saunders, Lewis & Thornhill, 2009, S. 320) Ein klarer Vorteil dieser Methode ist somit, dass genauer auf die Antworten der Interviewten eingegangen werden kann, bei Bedarf nachgefragt und Antworten erklärt werden können sowie der weitere Interviewverlauf darauf aufgebaut werden kann. Somit können Gespräche in Bereiche geführt werden, die im Zuge der Theorie unberücksichtigt geblieben sind, aber dennoch von Bedeutung für die Beantwortung der Forschungsfrage sein können (Saunders et al., 2009, S. 324). Dies ergibt sich auch aus den Ausführungen Tracys (2019, S. 132): „Interviews provide opportunities for mutual discovery, understanding, reflection, and explanation [...] and elucidate subjectively lived experiences and viewpoints”. Ähnlich wie Zhang & Wildemuth schreibt Tracy, dass subjektive Sichtweisen und Erfahrungen erläutert werden können und auf diese Weise Informationen gesammelt werden können, die sonst nur schwer zu erlangen wären. Die Durchführung qualitativer, persönlicher Interviews hat zusätzlich den Vorteil, dass der Interviewer auf die Befragten eingehen kann und somit mögliche Unklarheiten geklärt werden können sowie genaue Informationen in Bezug auf Datenschutz und die Art und Weise, wie Informationen verwendet werden, gegeben werden können (Saunders et al., 2009, S. 324).

Der Interviewleitfaden enthielt insgesamt 10 Fragen. Durch diese Eingrenzung sollte sichergestellt werden, dass die Interviews nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Formulierung weiterer Fragen hätte eventuell zu einer geringeren Bereitschaft der Befragten, am Interview teilzunehmen, oder zu weniger detaillierten Antworten geführt. Des Weiteren sollte die Möglichkeit bestehen bleiben, bei Bedarf nachzuhaken und Unklarheiten zu beseitigen.

5.2. Sampling

Die Auswahl des Samples für die Befragungen geschieht aus den jeweiligen Grundgesamtheiten, welche die BesucherInnen des KMs sowie des BMs sind. Der Begriff des Besuchers bzw. der Besucherin umfasst in seiner Bedeutung hierbei sowohl einheimische BesucherInnen als auch internationale BesucherInnen. Eine Trennung dieser ist im Rahmen der Erforschung der vorliegenden Forschungsfrage nicht von Nöten, da der Fokus auf der Erforschung der Gründe und Motive liegt, warum Menschen im Allgemeinen die ausgewählten DT Attraktionen in Österreich besuchen. Es wurde eine ausgeglichene Anzahl an Personen unterschiedlichen Geschlechts und Alters ausgewählt werden, um zu ermöglichen, dass ein breites Spektrum an Meinungen und Motiven zum Vorschein kommen kann, sofern vorhanden. Es sollen Personen ab 15 Jahren befragt werden, da in diesem Falle kein Einverständnis der Eltern mehr nötig ist.

In Bezug auf den Umfang des Samples orientiert sich die Methodik dieser Arbeit am folgenden Zitat Marshalls (1996, S. 523): „An appropriate sample size for a qualitative study is one that adequately answers the research question“. Der ideale Umfang des Samples ist demnach jener, bei dem der untersuchte Forschungsbereich so weit erforscht werden kann, dass, auch durch das Sammeln weiterer Daten mit keinen neuen Erkenntnissen mehr gerechnet werden kann. Als vorläufiger Umfang des Samples wurden daher als Minimum fünf bis sechs BesucherInnen pro Ort festgellt, wobei die Anzahl an Befragten je nach Rücklauf und Qualität der ersten Interviews flexibel anpassbar blieb.

5.3. Datenerhebung

Das folgende Unterkapitel zeigt die Schritte der ersten Kontaktaufnahme mit den Museen und skizziert die Bedingungen der Durchführung der Datenerhebung. Zunächst wird hierbei auf die spezifischen Gegebenheiten der Befragungen im KM und im BM eingegangen und im Anschluss auf den festgelegten und in beiden Museen konformen Ablauf der Interviews.

Im Rahmen eines privaten Besuches im KM konnte ein erster persönlicher Kontakt hergestellt werden und eine weitere Kontaktaufnahme mit dem Direktor des Museums ermöglicht werden. Während mehrerer Telefongespräche wurde der Zweck der Befragung im KM erläutert und eine offizielle Erlaubnis seitens des KMs ausgesprochen. Die Interviews fanden am 4. Mai 2019 statt. Das KM stellte hierfür einen privaten Raum zur Verfügung, in welchem die BesucherInnen in Ruhe befragt werden konnten, ohne den Ablauf im Museum zu stören.

Die Kontaktaufnahme mit dem BM erfolgte zunächst schriftlich über die Kontaktstelle des Zentralfriedhofs, welche einen weiteren Kontakt mit einem Mitarbeiter des BMs ermöglichte. Im Rahmen zweier Telefongespräche wurden die nötigen Details der Befragung geklärt und der Befragungstermin am 7. Juni 2019 festgelegt. Die Interviews im BM wurden in einer ruhigen Sitzecke der Eingangshalle durchgeführt.

Ein genauer Abdruck der vorbereiteten Interviewfragen befindet sich im Anhang. In beiden Museen wurden jeweils sieben Gespräche geführt, wodurch eine ausreichende und gesättigte Datenerhebung geschehen konnte. Alle Interviews wurden mittels eines digitalen Aufnahmegerätes aufgezeichnet und im Anschluss wortwörtlich transkribiert. Die Interviews dauerten zumeist zwischen fünf und zehn Minuten, abhängig vom Umfang der Antworten und der Tatsache, ob eine Person allein oder ein Besucherpaar gemeinsam befragt wurden. Im Falle der gemeinsamen Befragung von zwei Personen stellte eine Person den/die Hauptansprechpartner/in dar. Die zweite Person, diente der Rücksprache und der Zustimmung sowie als Stütze für den/die Hauptansprechpartner/in. Der Beschluss, die Interviews nach Möglichkeit oder Bedarf mit zwei Gesprächspartnern zu führen, begründet sich auf der Erkenntnis, dass die Museen nicht nur von Einzelpersonen aufgesucht werden, sondern die InterviewpartnerInnen im Regelfall mit ihren PartnerInnen oder FreundInnen kamen. Dies wiederum bedeutet, dass die Besuchsmotive nicht ausschließlich auf einen einzelnen Besucher/eine einzelne Besucherin zurückzuführen sind, sondern dass fallweise widersprüchliche Interessen und Kompromisse innerhalb der Besuchsgruppe existieren. Die Möglichkeit der Erforschung dieser wurde somit durch die gemeinsame Befragung und die Ermöglichung von Reflexion und Interaktion zwischen BesucherInnen geschaffen.

Die BesucherInnen der Museen wurden offen gefragt, ob sie Interesse an der Teilnahme an dieser Befragung im Rahmen der vorliegenden Bachelorarbeit haben. Nach Vorstellung meiner Person wurden die TeilnehmerInnen über den Ablauf und die ungefähre Dauer der Befragung aufgeklärt. Als Zweck der Befragung wurde hierbei die Erforschung der Motive für ihren Besuch in dem jeweiligen Museum genannt. Den Befragten war der Interviewleitfaden vor Durchführung der Interviews nicht bekannt. Auch der Zusammenhang mit dem Themengebiet DT blieb zunächst verdeckt, um im späteren Ablauf der Befragung herauszufinden, ob bei den TeilnehmerInnen ein Bewusstsein für diese Materie besteht. Vor Durchführung der Befragungen wurde des Weiteren die Anonymität und die Aufnahme der Interviews betont, sowie die Tatsache, dass diese nach Absprache mit dem Museum geschehen. Nachdem alle weiteren persönlichen Fragen geklärt wurden, wurde die Aufnahme gestartet. Die Bereitschaft der BesucherInnen, an einem Interview teilzunehmen, konnte als äußert positiv verzeichnet werden. In der ersten Interviewphase im KM lehnte nur eine Person die Teilnahme an einem Gespräch ab. Dies erfolgte ohne Angabe eines bestimmten Grundes. Während der zweiten Forschungsphase im BM erklärten sich alle angesprochenen BesucherInnen zu der Teilnahme an einem Interview bereit.

Die verwendeten Hilfsmittel während der Befragung bestanden aus drei individuellen Papierbögen mit unterstützenden Informationen. Ein Bogen enthielt den Begriff DT, ein weiterer Bogen die in dieser Arbeit genannte Definition von DT, und ein letzter Bogen eine Niederschrift von möglichen Besuchsmotiven, welche im Rahmen einer geschlossenen Frage zur Auswahl standen. Hierbei lautete die genannte Definition, wie bereits in Kapitel 2 etabliert: Tourismus an Orten, die in Verbindung mit dem Tod, Desaster sowie menschlichem Leiden stehen (Light 2016, S. 278). Die möglichen Motive beinhalteten die folgenden fünf Optionen: Neugier, Faszination für den Tod, Bildung, Erinnerung an Vergangenes und Sensation-Seeking (Sensationslust). Die Auswahl dieser Motive gründet sich auf dem Theorieteil in Kapitel 3 sowie den dort angeführten Motiven und deren Definitionen. Nach Beendigung des Interviews und der Tonaufnahme wurde den TeilnehmerInnen ein kleines Dankschön überreicht und die Möglichkeit genannt, die fertige Arbeit und die Resultate der Interviews zu erhalten.

5.4. Auswertungsmethode

Die Analyse des aus den Interviews erhaltenen Inputs erfolgte im Zuge einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring. Hierfür wurden die aufgenommenen Interviews zunächst transkribiert. Eine Definition der Methodik der Inhaltsanalyse ist schwierig, da eine Inhaltsanalyse mehr beinhaltet als eine reine Analyse des Inhalts einer Kommunikation, wie frühe Definitionen es vermuten lassen. Mayring (2015, S. 13) nennt daher den passenderen Begriff der kategoriengeleiteten Textanalyse. Typische Anwendungsbereiche der Inhaltsanalyse nach Mayring sind Fallstudien und Analysen kleiner Stichproben. Ein Schwerpunkt der Inhaltsanalyse ist sowohl die Hypothesenfindung aus dem untersuchten Kommunikationsmaterial als auch die Überprüfung von gegebenen Hypothesen. (Mayring, 2015, S. 22-23) Die Inhaltsanalyse ist demnach gut auf diese Forschungsarbeit anwendbar, da eine Befragung mit kleinem Sample-Umfang analysiert wird.

Das zentrale Instrument der Inhaltsanalyse ist das Kategoriensystem. Die Bildung von Kategorien soll die Nachvollziehbarkeit der Analyse sowie Vergleichbarkeit und Reliabilität sichern. Wichtige Aspekte des Kategoriensystems sind demnach die Kategorienbildung sowie deren Begründung. (Mayring, 2015, S.51-52; Kuckartz, 2018, S. 38) Konkret soll die deduktive Kategorienbildung angewandt werden und mit dem Prinzip der inhaltlichen Strukturierung verbunden werden. Hierbei werden zunächst die aussagekräftigsten Bestandteile der Interviews extrahiert und in der Folge zusammengefasst (Mayring, 2015, S.68). Die Auswahl der deduktiven Kategorienbildung gründet sich auf dem bereits bestehenden, umfassenden theoretischen Vorwissen zu DT im Theorieteil dieser Arbeit und der Verwendung eines Interviewleitfadens. Die Kategorien wurden basierend auf Aspekten des Theorieteils der vorliegenden Arbeit gebildet und definieren sich wie folgt: Informationsquelle, Wahrnehmung des Ortes, Erwartungen an den Ort, Reiz der Attraktion, Motive, Tourismusform Dark Tourism und Dark Tourist.

Nach Transkription der geführten Interviews wurden die Aussagen der Befragten den unterschiedlichen Kategorien des Kategoriensystems zugeordnet und in einem weiteren Schritt die Erkenntnisse innerhalb der Themenkomplexe sinnvoll strukturiert. Nach Herleitung der Kategorien und der Codierung konnte ein Codierleitfaden erstellt werden, welcher Nachvollziehbarkeit und Verständlichkeit der einzelnen Kategorien sichern soll. Der erstellte Codierleitfaden mit Darstellung der Kategorien, deren Definition, einem jeweiligen Ankerbeispiel sowie den jeweils anzuwendenden Codierregeln befindet sich im Anhang. Die Strukturierung der Aussagen der Befragten sowie der Codierleitfaden formen die Grundlage für die deskriptive Darstellung der BesucherInnenbefragung im Ergebnisteil dieser Arbeit.

Zusammenfassend basiert der empirische Teil dieser Bachelorarbeit somit auf einer qualitativen Forschungsmethode, deren spezifisches Forschungsinstrument persönliche, leitfadengestützte, halbstrukturierte Interviews darstellen. Das Sample dieser Forschung bildet die Grundgesamtheit der BesucherInnen in dem jeweiligen Museum. Hieraus wurden jeweils sieben BesucherInnen befragt, deren Antworten im Anschluss transkribiert und mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring, unter Heranziehung eines Kategoriensystems, ausgewertet wurden. Die Resultate dieser Auswertung sind Inhalt des Folgekapitels.

6. Forschungsresultate

Im vorliegenden Kapitel werden die Ergebnisse der Forschungsphase, abgeleitet aus dem erstellten Kategoriensystem, präsentiert. Das Kapitel soll hierbei in erster Linie eine Antwort auf die Frage bieten, welche Motive den Besuch der österreichischen DT Attraktionen, dem KM sowie dem BM, anregen.

6.1. Offenlegung des Samples

Die präsentierten Resultate in diesem Kapitel leiten sich aus insgesamt 14 Interviews in den beiden ausgewählten DT Attraktionen ab. Hierbei wurden die Interviews mit insgesamt 20 GesprächspartnerInnen geführt. Die folgende Aufschlüsselung bietet einen Überblick über die demografischen Daten der InterviewpartnerInnen. Die Interviews 1 bis 7 beziehen sich dabei auf die Interviewphase im KM und die Interviews 8 bis 14 auf jene im BM.

Tabelle 1: Demographische Daten der InterviewpartnerInnen des Befragungssamples

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

Eine Auswertung der Tabelle zeigt, dass es während der Interviewphase mit einer Anzahl von elf Frauen eine leichte weibliche Mehrheit unter den befragten BesucherInnen gab. Die InterviewpartnerInnen fielen in die Altersgruppe von 20 bis 69 Jahre, wobei die Altersgruppe der 50- bis 59-Jährigen mit zehn InterviewpartnerInnen sowie die Altersgruppe der 30- bis 39- Jährigen mit fünf InterviewpartnerInnen dominierte. Die befragten BesucherInnen kamen hierbei mit einer Anzahl von elf Personen mehrheitlich aus Deutschland sowie mit einer Anzahl von sieben Personen aus den anderen österreichischen Bundesländern.

Die weitere Präsentation der Resultate teilt sich nun in Aspekte, die im Vorfeld des Museumsbesuchs liegen, sowie die Analyse der Besuchsmotive, gegliedert nach extrinsischen, intrinsischen und literaturbasierten Motiven. Diese Kapitelunterteilung ergibt sich aus einer Zusammenfassung der Kategorien der Inhaltsanalyse. Im folgenden Abschnitt wird hierbei zunächst auf die Faktoren, die den Besuch des Museums im Vorhinein anregen bzw. beeinflussen, eingegangen. Hierzu gehören die Aspekte der Informationsquelle, der Erwartungen an den Besuch sowie der Reiz des besuchten Museums.

6.2. Im Vorfeld des Museumsbesuchs

Die Mehrzahl der Befragten besuchte das Museum zum ersten Mal. So gab nur eine Person an, das BM bereits am vorherigen Standort besucht zu haben. Informationsquellen über die Existenz der Museen sind das Internet, hierbei speziell Tourismusseiten und Ratingplattformen, Reiseführer sowie persönliche Informationen von Bekannten oder TouristikerInnen. Über die Museen und deren Ausstellungen wurden nur in Einzelfällen genauere Information eingeholt. So gab ein Gesprächspartner an, sich im Internet informiert zu haben und Fotos angeschaut zu haben. Zwei weitere Interviews ergaben, dass die Befragten sich nur allgemein über Museen in Wien informiert haben, jedoch keine spezifischen Informationen über das besuchte Museum recherchiert haben. Ein weiterer IP begründet die Nicht-Einholung von Vorabinformationen damit, dass in Wien „jedes Museum meistens ziemlich ausgiebig“ sei und er sich lieber direkt vor Ort mit dem Thema auseinandersetze (IP13, 2019, S. LXIII, Z. 7-8). Auch genannt wurde der Wunsch, sich überraschen zu lassen.

Dieser Aspekt der Überraschung findet sich auch bei Auswertung der Interviews hinsichtlich der Erwartungen an den Ort wieder. Hier zeigt sich, dass viele der Befragten die Museen mit keinen bewussten Erwartungen aufgesucht haben, sondern sich überraschen lassen wollten. Bewusste Erwartungen der BesucherInnen bezogen sich zumeist auf die Ausstellungsstücke und die Informationen, die diese im Zuge des Besuches zu erhalten wünschten. Ein Besucher spielte auf die Bedeutung des Todes in der Wiener Kultur an und erhoffte sich dadurch „einen leicht humorvollen Umgang mit [...] der Thematik“ (IP15, 2019, S. LXX, Z. 12). In drei Gesprächen wurde auch explizit der Wunsch nach bzw. die Erwartung von Informationen über geschichtliche Aspekte und Geschehnisse aus früheren Zeiten angesprochen. Die Interviews ergaben des Weiteren, dass für zwei der befragten BesucherInnen eben diese geschichtliche Seite den Reiz des Museums darstellt. So wird beispielsweise im KM „ein ganz anderer Aspekt von der [...] Geschichte“ (IP2, 2019, S. XXXIII, Z. 12) gezeigt und ein Gefühl des „Zurückgehen[s] [...] in die andere Zeit“ verspürt (IP6, 2019, S. XLIV, Z. 72-73). Allgemeinere Empfindungen bezüglich des Reizes des besuchten Museums beziehen sich auf die Andersartigkeit im Vergleich mit anderen Museen. Die Museen wurden als ungewöhnlich und besonders, in einem Fall als unheimlich und beängstigend erlebt. IP12 (2019, S. LXI, Z. 21) begründet diese Andersartigkeit damit, dass „es einmal [...] etwas anderes [ist], sich mit dem Tod zu beschäftigen“. Eine weitere Begründung ist die Tatsache, dass diese Art von Museen als weniger verbreitet oder weniger bekannt erachtet wird und das Anderssein somit aufgrund der wenigen (bekannten) Alternativen und Vergleichsmöglichkeiten empfunden wird. In Zusammenhang mit dieser Andersartigkeit erklärt sich ein Besucher den Reiz der Attraktion damit, dass „gewisse Bilder [...] dabei [sind], die man so in der Öffentlichkeit nicht sieht“ (IP8, 2019, S. XLVIII, Z. 13-14). Bestärkt wird diese Ansicht durch IP20 (2019, S. LXXVI, Z. 10-11), welche den Reiz des BMs darin sieht, dass ein Thema präsentiert wird, „das uns alle betrifft und über das [...] zu wenig gesprochen wird und zu wenig gezeigt wird und, ja, was zu wenig Beachtung findet“. Diese Ansicht bezüglich der Konfrontation mit gesellschaftlich geringer beachteten Themen findet sich somit bei BesucherInnen beider Museen wieder. Bei spezifischer Betrachtung des KMs verankert sich, gemäß einzelner BesucherInnen, der Reiz zudem in der Faszination, die von Mord und Verbrechen ausgeht, sowie bis zu einem gewissen Grad im Gruselfaktor des Museums.

[...]

Ende der Leseprobe aus 122 Seiten

Details

Titel
Dark Tourism. Eine Analyse der dunklen Seite des Tourismus in Österreich
Hochschule
FHWien der WKW  (Tourism & Hospitality)
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
122
Katalognummer
V1248634
ISBN (Buch)
9783346684431
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dark Tourism, Bestattungsmuseum, Kriminalmuseum
Arbeit zitieren
Lisa Krenn (Autor:in), 2020, Dark Tourism. Eine Analyse der dunklen Seite des Tourismus in Österreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1248634

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