Karl Buehler: Die Krise der Psychologie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographie und wichtige Werke Karl Bühlers

3. Karl Bühlers Bedeutung für die Kommunikationswissenschaft

4. Die Axiomatik der Sprachtheorie

5. Der Begriff der Steuerung

6. Das konkrete Sprechereignis am Organon-Modell

7. Fazit

8. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Karl Bühler (1879-1963) war Mediziner, Psychologe und Philosoph, ursprünglich also kein Sprachwissenschaftler. Ein vorrangiges Ziel Bühlers war die Programmatik einer neuen Psychologie, die Begründung einer allgemeinen geisteswissenschaftlichen Psychologie. Für die Psychologie sollten am Phänomen der Sprache Theoreme und Prinzipien formuliert werden, um sie aus ihrer Krise zu lotsen. Er hat sich mit diesem Ziel vor Augen sowie mit seinem sehr weiten Verständnis von Philosophie und Psychologie grundlegend mit sprachgeschichtlichen Studien, mit Entwicklungstheorien der Sprache, mit der Frage nach dem Quellpunkt der Semantik, mit der Korrelation von Kleinkindentwicklung und Sprachentwicklung sowie späterhin dann mit einer allgemeinen Theorie der Sprache auseinandergesetzt. Sein Hauptgebiet war die Psychologie. Hierbei war er vor allem auf den Gebieten der Denk-, Wahrnehmungs-, Entwicklungs- Gestalt-, Kinder- und Tierpsychologie tätig; weiterhin galt sein Erkenntnisinteresse der Sprachpathologie und der Sematologie. Ein gemeinsamer Punkt dieser verschiedenen Interessen und Forschungen sind immer wieder das Phänomen der Sprache und die Natur zeichenhafter Prozesse.

Karl Bühlers Werk ist ein wichtiger Beitrag zur Überwindung der mechanistischen Epoche in der Psychologie. Die Krise der Psychologie sollte ursprünglich ein Artikel über die Lage der Psychologie werden und entwickelte sich aber zu einem Buch über die Axiomatik der Psychologie. Bühler versuchte die Krise, in der die Psychologie seiner Meinung nach steckte, durch Kritik zu überwinden. Wobei es sich seines Erachtens nach nicht um eine Zerfallskrise, sondern um eine Aufbaukrise handelt, die durch einen rasch erworbenen und noch unüberwältigten Reichtum neuer Gedanken, neuer Ansätze und Forschungsmöglichkeiten heraufbeschworen wurde. Es geht in seinem Werk um die Axiomatik und die Methode der Psychologie. Bühler bemühte sich vor allem um eine Grundlage und die Gesichtspunkte für eine fruchtbare und entscheidende Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse Freuds, um die Trennung von der Psychoanalyse und der übrigen Psychologie beenden zu können. Im Mittelpunkt von Bühlers Kritik steht die Theorie des Kinderspiels, in der er Freuds Lehre vom animalischen Lustprinzip die Lehre von der Funktionslust und der Freude an der schöpferischen Leistung gegenüberstellt. Er sieht drei topologische Berührungspunkte: 1. die Seele des Kindes, 2. das kranke Seelenleben, 3. die psychoanalytische Symbollehre, die eine umfassende Theorie der Zeichen voraussetzt. Vielleicht noch bedeutender als seine psychologischen sind aber seine sprachtheoretischen Untersuchungen, die vielfältige Wirkungen gehabt haben.

Im wesentlichen untersucht meine Arbeit Teilaspekte der Theorien Bühlers. Es wird die Grundlegung seines kommunikationstheoretischen Ansatzes behandelt, die Darstellungsfunktion der Sprache, das Organonmodell, sein axiomatischer Ansatz, die Steuerung und die Problematik des Verstehens.

Einleitend folgt eine Biographie Büehlers.

2. Biographie und wichtige Werke Karl Bühlers

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Karl Bühler wurde am 27. Mai 1879 in Meckesheim geboren.

Karl Bühler studiert zunächst in Freiburg Medizin, wo er 1903 bei Johannes von Kries (1853-1928), einem Physiologen und Logiker, mit einer Arbeit über Farbwahrnehmung zum Dr.med. promoviert. Im Anschluss absolviert Bühler ein Philosophiestudium in Straßburg und promoviert 1904 unter Clemens Baeumker (1853-1924) mit der Arbeit Studien über Henry Home zum Dr.phil.

In der darauffolgenden Zeit beschäftigt Bühler sich v.a. mit Denk-, Gestalt-, Kinder- und Entwicklungspsychologie. So geht er 1906 als Assistent von Oswald Külpe (1862-1915) nach Würzburg. Külpe, ein Schüler Wilhelm Wundts (1832-1920), ist der Begründer der Würzburger Schule. Bühler wird einer der wichtigsten Vertreter dieser denkpsychologischen Richtung. Seine Habilitationsschrift Tatsachen und Probleme zu einer Psychologie der Denkvorgänge, die in drei Teilen 1907 und 1908 veröffentlicht wird, gilt als grundlegend für die Würzburger Denkpsychologie.

1909 folgt Bühler Külpe nach Bonn, wo er als Dozent arbeitet und sich in seiner Forschung v.a. auf Gestalttheorie konzentriert. Unabhängig von der prominenten Berliner Schule der Gestaltpsychologie, die mit den Namen Wolfgang Köhler (1887-1967), Kurt Koffka (1886-1941) und Max Wertheimer (1880-1943) verbunden ist, führt Bühler experimentelle Untersuchungen zur Gestaltwahrnehmung durch. Er ist einer der ersten, der sich mit den von Christian Freiherr von Ehrenfels (1859-1932) formulierten Gestaltqualitäten (1890) methodisch experimentell auseinandersetzt. 1913 veröffentlicht Bühler die Ergebnisse seiner Untersuchungen in der Arbeit Die Gestaltwahrnehmungen. Experimentelle Untersuchungen zur psychologischen und ästhetischen Analyse der Raum- und Zeitanschauung.

In demselben Jahr wechselt Bühler mit Külpe an die Universität München, wo er 1915 zum außerordentlichen Professor ernannt wird. 1918, in dem Jahr, in dem er als ordentlicher Professor an die TH Dresden berufen wird, veröffentlicht Bühler ein vielbeachtetes entwicklungspsychologisches Werk: Die geistige Entwicklung des Kindes. In Dresden bleibt Bühler, bis er 1922 an das psychologische Institut der Universität Wien berufen wird. Die Wiener Zeit wird Bühlers wichtigste Schaffensphase, in der er sich verstärkt sprachwissenschaftlichen Themen widmet. Er verfasst dort seine beiden Hauptwerke Die Krise der Psychologie (1927) und Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. (1934). In Der Krise der Psychologie versucht Bühler in kritischer Auseinandersetzung mit den wichtigsten psychologischen Strömungen seiner Zeit, insbesondere der Erlebnispsychologie, dem Behaviorismus und der geisteswissenschaftlichen Psychologie, eine einheitliche Grundbestimmung seiner Wissenschaft zu gewinnen. Er formuliert dabei die Grundlagen für eine Axiomatik der Sprachtheorie, die er in seiner Sprachtheorie weiter ausarbeitet, in der er auch das Organon-Modell der Sprache entwickelt. Insgesamt erstrecken sich seine Studien und Abhandlungen in aller Breite und Tiefe vornehmlich auf die Gebiete von: Denk-, Wahrnehmungs- , Entwicklungs-, Kinder-, Tiefen-, Gestalt- und Lebenspsychologie sowie die Sematologie.

1938 emigriert Bühler über Norwegen und England in die USA, wo er zunächst eine Professur am Scholastica College Duluth Minnesota inne hat. 1939 wechselte Bühler an das St.Thomas College Minnesota.

Von 1945 bis 1955 ist Bühler in Los Angeles Assistant Clinical Professor of Psychiatry an der University of Southern California und arbeitet als beratender Psychologe im Cedars of Lebanon Hospital. Aber seine wissenschaftliche Arbeit kann er in das behavioristisch und psychoanalytisch orientierte Feld der amerikanischen Psychologie nicht mehr einbringen. Obzwar er nach 1938 nur wenige Aufsätze und eine größere Arbeit über Das Gestaltprinzip im Leben der Menschen und Tiere (1960) veröffentlicht, schreibt Bühler eine Vielzahl an Studien, deren Erkenntnis und Bedeutung für die Kommunikationswissenschaft, Psychologie und Sprachwissenschaft noch lange nicht ausreichend aufgenommen und weiterentwickelt worden sind. Am 24. Oktober 1963 stirbt Bühler in Los Angeles.

3. Karl Bühlers Bedeutung für die Kommunikationswissenschaft

Um die Relevanz Bühlers für die Kommunikationswissenschaft aufzuzeigen, seien zusammenfassend einige kommunikationstheoretische Implikationen in einem Überblick vorausgeschickt. Kommunikation lässt sich folgendermaβen beschreiben: Es ist ein soziales Geschehen, an dem mindestens zwei Menschen beteiligt sind, die in gegenseitiger Einstellung durch den Einsatz von Zeichen, Sprache und Medien ein wechselseitiges Mitteilungs- und Verständigungshandeln durchführen, um etwas zu erreichen oder gemeinsam auf ein Ziel hin tätig zu sein.

Ein wichtiger Aspekt für Bühler ist der soziale Kontext. Eine Voraussetzung, nach dem Quellpunkt der Semantik und der Entwicklung der Sprache zu fragen, liegt für Bühler in der Annahme, dass dort, wo Verständigung ausgehandelt wird, auch eine (menschliche) Gemeinschaftsform existiert. Zeichenverkehr und Sprechhandeln sind also nicht beim Einzelnen anzusiedeln, sondern es vermitteln sich gleichzeitig Formen der Gemeinschaft mit den Formen von Verständigungsmitteln (vgl. Bühler 1965a: 37). Eine soziale Grundsituation kann, nach Bühler, mit mindestens 2 Aktionspartnern, einem Zeichengeber und einem Zeichennehmer, beschrieben werden, die ein koaktives Handlungsgefüge formen.

Ein zweiter Aspekt ist der Prozesscharakter von Kommunikation. Die Formen zeichenhaften Handelns und der Vermittlung von Zeichen beschreibt Bühler in ihrer Funktion der wechselseitigen Steuerung auf ein Handlungsziel. So wie jedes Handeln (individuell) zielgesteuert ist, so ist auch die Sprechhandlung in besonderer Art und Weise an den Zeichennehmer (Hörer) gerichtet und an ihm orientiert. Im Verlauf der Sprechhandlung wechseln allerdings kontinuirlich die Positionen zwischen Sprecher und Hörer.

Ein dritter Aspekt ist die Sprache in ihrer Zeichenhaftigkeit. Die Menschen haben sich in einem sozioevolutionären Prozess die Sprache als sehr komplexes und kulturell einzigartiges Medium der wechselseitigen Kundgabe und Kundnahme geschaffen. Dabei weist die Sprache als Medium kommunikativen Handelns eine dreifache Zeichenhaftigkeit auf. Ihre spezifische Leistung liegt nicht in der Beschreibungsfunktion (Symbolcharakter), sondern in dem Zusammenspiel der drei Funktionen von Ausdruck, Darstellung und Appell.

4. Die Axiomatik der Sprachtheorie

Eine Wissenschaft verfährt axiomatisch, wenn sie nicht bei einem Nullpunkt ansetzt und gewisse Annahmen hinsichtlich ihres Gegenstandsbereich vorraussetzt, ohne diese selbst zu hinterfragen.

Von dieser Ausrichtung her können Bühlers Untersuchungen zur Sprache sowie die Konstitution seiner Sprachtheorie verstanden werden. Seine Axiome setzen einige Grundannahmen voraus, die zum einen aus einem gebietsorientierten Überblick gewonnen und zum anderen als solche nicht mehr hinterfragt werden. Diese Grundannahmen werden zusammengefasst und bilden den Ausgangspunkt für weitere Überlegungen und Analysen. Sie markieren somit die wissenschaftliche Grenze, von der aus die wissenschaftliche Forschung ihren fortfahren soll, um zu spezifischen Antworten bezüglich der Analyse von Sprechereignissen, von der Konstitution von Sprache und von dem markanten Unterschied zwischen tierischer und menschlicher Kommunikation zu gelangen.

Im konkreten Bezug von Axiomatik und ihrer Anwendung zeigt sich bei Bühler insofern, als er seinen Gebrauch einer Axiomatik dem üblichen gegenüber ausweitet und stärker auf das konstitutive Moment als auf die unkritische, voraussetzende Variante abzielt. Ein Axiom steht zumeist für einen Grundsatz, der selbst weder zu beweisen ist noch bewiesen werden muss.

Von diesem Grundsatz aus setzen dann erkenntnisleitende Untersuchungen an und werden Schlussfolgerungen gezogen. Bühler stellt demgegenüber seiner Axiomatik folgendes erweitertes Verständnis voran:

„Axiome sind die konstitutiven, gebietsbestimmenden Thesen, es sind einige durchgreifende Induktionsideen, die man in jedem Forschungsgebiete braucht." (Bühler 1965b: 21)

Die Axiomatik ergibt sich gleichsam aus einem Überblick über bisher gewonnene Einsichten und geleistete Vorarbeiten auf dem Gebiete der Sprachforschung. Der festgestellte Bestand ist als neutrale Festlegung von gültigen Grundsätzen zu verstehen.

In Die Krise der Psychologie entwickelt Bühler die triadische Axiomatik, die den Aufbau seiner Theorie der sprachlichen Kommunikation bildet. Die drei Axiome decken dabei die Vorgängigkeit des Sozialen vor der Sprachentwicklung, den Begriff der wechselseitigen Steuerung und die drei sinnhaften Relationen von Sprache durch Kundgabe, Auslösung und Darstellung ab. Jene Dreieraxiomatik gibt die Hauptgedanken Bühlers zu einer allgemeinen und reinen Sprachtheorie wieder und bildet den Kern seiner Auseinandersetzungen mit der sprachlichen Kommunikationstheorie.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Karl Buehler: Die Krise der Psychologie
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Interkulturelle Kommunikation: Wissen, Sprache und Kultur
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
24
Katalognummer
V12488
ISBN (eBook)
9783638183604
Dateigröße
715 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bühler, Buehler Karl, Kommunikationswissenschaft, Sprachwissenschaft, Organonmodell, Die Kriese der Psychologie, Interkulturelle Kommunikation, Axiomatik
Arbeit zitieren
Elisabetta D'Amato (Autor), 2003, Karl Buehler: Die Krise der Psychologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12488

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