Die Septemberstreiks 1969, an denen mehr als 1400000 Arbeiter und Angestellte teilnahmen, bedeuteten einen Einschnitt in die Sozial- und vor allem die Gewerkschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Die Welle spontaner Streiks kam sowohl für die breite Öffentlichkeit als auch für „Fachleute“ wie Gewerkschafter und Politiker unerwartet. Soziale Veränderungen sind meist ein längerer Prozess. Einzelerscheinungen waren bereits in den Jahren zuvor sichtbar gewesen.
Die Gewerkschaftsführungen hatten in den 60er Jahren auf eine defensive, moderate Politik gesetzt.
Diese zurückhaltend agierende Gewerkschaftsführung wurde im gleichen Jahr nun konfrontiert mit spontanen, flächendeckenden Streiks einer kämpferischen Basis vor allem in der Metallindustrie. Der Streik der Arbeiter der Westfalenhütte der Hoesch AG in Dortmund nach einer Forderung der Betriebsversammlung nach 30 Pfennig mehr Zulage galt als Initialzündung der Streikwelle im September 1969.
Thema dieser Arbeit sind die Konfrontation der moderat agierenden Gewerkschaftsleitung mit dieser spontan streikenden Basis und die Folgen für die Politik der IG Metall.
Ziel dieses Papiers ist, konkrete Auswirkungen der Septemberstreiks auf das politische Agieren der IG Metall zu analysieren. Daher werden nicht sämtliche Tarifbewegungen und Konflikte von 1970 bis 1974 dargestellt, sondern ausgewählte Ereignisse. Außer den zeitlich am nächsten liegenden und daher augenfälligen Veränderungen 1970 und 1971 ist die Betrachtung zweier Arbeitskämpfe 1973 aufschlussreich. Als ein konkretes Beispiel war das Verhalten der IG- Metallleitung im Kampf um den Lohnrahmentarifvertrag II in Nordwürttemberg/ Nordbaden 1973 bemerkenswert, in einem ungewöhnlichen Tarifkonflikt, der hier seinen Höhepunkt erreichte. Vorher bildete das Verhalten im Streik der Kölner Fordarbeiter im August 1973 einen Einschnitt. Hier kann man eine deutlich negativere Bewertung der des Phänomens der spontanen Streiks beobachten.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Vorrausetzungen: Gewerkschaftspolitik vor den Septemberstreiks
1.1 Gesamtpolitischer Kontext
1.2 Gewerkschaftspolitische Grundlinien Ende der 60er Jahre
1.3 Tarifpolitik bis 1969
2 Die Septemberstreiks- Ablauf, Akteure, Bedeutung
2.1 Der Verlauf der Streiks anhand des Beispiels der Hoesch AG, Dortmund
3 Veränderungen: Gewerkschaftspolitik der IG Metall nach 1969
3.1 Politik der IG Metall im Folgejahr 1970
3.2 Standfestigkeit der IG Metall 1971
3.3 Auswertung der Auseinandersetzung um den Lohnrahmentarifvertrag für Nordwürttemberg/Nordbaden und des „Wilden Streiks“ bei Ford Köln, 1973
3.4 Abschluss 1974
4 Fazit
5 Bibliografie
5.1 Monografien
5.2 Zeitschriftenaufsätze
5.3 Artikel
5.4 Sonstiges
5.5 Überblickswerke und Weiterführende Literatur
5.6 Quellen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen der spontanen Septemberstreiks von 1969 auf das politische Agieren der IG Metall in den Folgejahren bis 1974. Dabei wird untersucht, inwieweit die Streikwelle zu einer Veränderung der gewerkschaftlichen Lohn- und Tarifpolitik sowie zu einer veränderten Haltung gegenüber Arbeitskämpfen und der Arbeitnehmerbasis führte.
- Konfrontation zwischen moderater Gewerkschaftsführung und kämpferischer Basis
- Einfluss der Septemberstreiks auf die Tarifpolitik der IG Metall (1970-1974)
- Vergleich der gewerkschaftlichen Reaktion auf spontane Streiks (1969 vs. 1973)
- Die Rolle der Gewerkschaft in der Ära der sozialliberalen Koalition
- Bedeutung von Arbeitsbedingungen und Humanisierung der Arbeit
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Verlauf der Streiks anhand des Beispiels der Hoesch AG, Dortmund
Im Folgenden wird beispielhaft der Ablauf des so genannten Initialstreiks der Arbeiter der Hoesch- AG skizziert. Ein tabellarischer Überblick über bestreikte Betriebe und Streikaktionen im September 1969 befindet sich im Anhang.
Der Streik von circa 27000 Arbeitern und Angestellten am 2. und 3 September 1969 wurde zur Initialzündung für die Streikwelle im September 1969. Auf der Westfalenhütte des Konzerns traten am 2.September um 9 Uhr Arbeiter in den Ausstand. Das IMSF gibt eine Zahl von 5000 Menschen an, Holger Gorr erwähnt 3000. Die Forderung betrug 30 Pfennig Lohnerhöhung. Der Betriebsrat schloss sich dieser Forderung an. Ein Angebot der Direktion von 20 Pfennig Lohnerhöhung wurde abgelehnt.
Ein Artikel der konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 9. September 1969 stellte den Verlauf anders dar. Hiernach habe es keine Differenzen zwischen dem Betriebsrat und der Unternehmensleitung gegeben. Die nicht näher beschriebenen „Hauptagitatoren“ des Streiks wurden als „Anpeitscher“ bezeichnet, die „noch keine zwei Monate“ bei Hoesch arbeiteten.
Die Verhandlungen mit dem Vorstand fanden auf Wunsch des Konzernchefs Dr. Friedrich Harders erst am 3. September statt. Die Wut der Arbeiter hatte sich daher auf Harders gerichtet. Hinzu kam, dass dieser gleichzeitig Vorsitzender des Unternehmerverbandes Eisen und Stahl in Nordrhein-Westfalen war.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung stellt die Septemberstreiks 1969 als historischen Einschnitt für die Gewerkschaftsgeschichte dar und definiert das Ziel der Arbeit, die Konfrontation der IG Metall mit der spontan streikenden Basis zu untersuchen.
1 Vorrausetzungen: Gewerkschaftspolitik vor den Septemberstreiks: Dieses Kapitel erläutert den gesamtpolitischen Kontext der Großen Koalition und die moderate, auf Konsens ausgerichtete Tarifpolitik der IG Metall Ende der 1960er Jahre.
2 Die Septemberstreiks- Ablauf, Akteure, Bedeutung: Hier werden die Ursachen der Streikwelle – wie Gerechtigkeitslücken und Unterprivilegierung – analysiert und der Initialstreik bei der Hoesch AG als konkretes Beispiel detailliert dargestellt.
3 Veränderungen: Gewerkschaftspolitik der IG Metall nach 1969: Dieses zentrale Kapitel untersucht den Wandel der Gewerkschaftspolitik hin zu einer expansiveren Lohnpolitik und einem gesteigerten Selbstbewusstsein, beleuchtet aber auch die zunehmende Distanz zu "wilden Streiks" ab 1973.
4 Fazit: Das Fazit bejaht die These eines politischen Wandels innerhalb der IG Metall, betont jedoch, dass die Gewerkschaft trotz gesteigerter Kampfkraft stets eine in das Gesellschaftssystem integrierte Institution blieb.
Schlüsselwörter
IG Metall, Septemberstreiks 1969, Gewerkschaftspolitik, Tarifpolitik, Arbeitskampf, Hoesch AG, Lohnrahmentarifvertrag, Konzertierte Aktion, Automobilindustrie, Mitbestimmung, Wilde Streiks, Industrielle Beziehungen, Bundesrepublik Deutschland, Lohnbewegungen, Humanisierung der Arbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die Wandlungsprozesse der Gewerkschaftspolitik der IG Metall als direkte Folge der spontanen Septemberstreiks von 1969.
Welche zentralen Themenfelder behandelt das Dokument?
Die Schwerpunkte liegen auf der Tarifpolitik, dem Umgang der Gewerkschaftsführung mit einer kämpferischen Basis sowie der Rolle der IG Metall in der Ära der sozialliberalen Koalition.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Erfahrungen der Septemberstreiks 1969 das politische Agieren der IG Metall in den Jahren 1970 bis 1974 maßgeblich beeinflusst und verändert haben.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert primär auf einer Analyse von Quellenmaterial, Dokumentensammlungen, internen Berichten des IG Metall-Pressedienstes und zeitgenössischer Literatur.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil betrachtet den Ablauf der Streiks, die Tarifbewegungen von 1970 bis 1974 sowie exemplarisch spezifische Konflikte wie den Arbeitskampf bei Ford Köln 1973.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Septemberstreiks, IG Metall, Tarifautonomie, Lohnpolitik, gewerkschaftliche Basisbewegung und industrielle Auseinandersetzungen.
Wie bewertete die IG Metall-Führung die Streiks im Jahr 1969 im Vergleich zu 1973?
Während 1969 noch ein verhältnismäßig hohes Verständnis für die Streikenden vorhanden war, wandelte sich die Position 1973 bei den Ford-Streiks zu einer deutlich kritischeren Distanzierung.
Welche Rolle spielte der Tod von Otto Brenner für die Gewerkschaft?
Der Tod Brenners im Jahr 1972 markierte einen personellen Umbruch, an dessen Stelle Eugen Loderer als Erster Vorsitzender trat, was in eine Phase fiel, in der die Gewerkschaft erneut mit spontanen Streikwellen konfrontiert wurde.
- Quote paper
- Katharina Loeber (Author), 2007, Wandlungsprozesse der Gewerkschaftspolitik der IG Metall in Folge der Septemberstreiks 1969, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124889