Menschen mit Lernbehinderungen werden in Kriterienkatalogen für die barrierearme Gestaltung von Software oft nur randständig berücksichtigt. Dabei kann diese Personengruppe von den Möglichkeiten, die Neue Medien für die Unterstützung des Lernens und der alltäglichen Lebensbewältigung bieten, besonders profitieren. In der Arbeit wird auf der Grundlage von Theorien über das Lernen mit neuen Medien und dem Wissen über besondere Lernbedürfnisse von Menschen mit Lernschwierigkeiten eine kritische Analyse bestehender Richtlinien zur Barrierefreiheit (z.B. BITV, WCAG) vorgenommen und durch allgemeine Grundprinzipien und Gestaltungshinweise, wie Lehr- und Lernbarrieren in Lernsoftware minimiert werden können, ergänzt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grundlagen des Lernens mit computergestützten Medien
2.1. Begriffsklärungen
2.2. Lernen mit neuen Medien
2.2.1. Multimedialität und Repräsentation
2.2.2. Interaktivität
2.2.3. Adaptivität und Adaptierbarkeit
2.3. Lernsoftwaretypen und Lerntheorien
2.3.1. Drill & Practice-Programme
2.3.2. Tutorensysteme
2.3.3. Simulationen und Mikrowelten
2.3.4. Lernwerkzeuge
2.3.5. Übersicht und Konsequenzen für die Softwareentwicklung
2.4. Entwicklung und Evaluation von Lernsoftware
2.4.1. Lernsoftwareentwicklung
2.4.2. Entwicklungswerkzeuge
2.4.3. Evaluation
2.5. Zusammenfassung
3. Menschen mit Lernbehinderungen und computergestütztes Lernen
3.1. Lernbehinderung - Entstehung und Erscheinungsformen
3.1.1. Entstehung einer Lernbehinderung
3.1.2. Problembereiche lernbehinderter Menschen
3.2. Ergebnisse der Forschung zum computergestützten Lernen bei lernbehinderten Menschen
3.3. Zusammenfassung
4. Barrierefreie Softwareentwicklung für Menschen mit Lernbehinderungen
4.1. Zum Begriff der Barrierefreiheit
4.2. Richtlinien und Gesetze
4.2.1. BITV und WCAG 1.0
4.2.2. Web Content Accessibility Guidelines (WCAG 2.0)
4.2.3. Kriterien der ISO/TS 16071
4.2.4. Richtlinien aus der Mensch-Maschine-Interaktion
4.2.5. Diskussion der Richtlinien
4.3. Empfehlungen für lernbehinderte Benutzer
4.3.1. Wahrnehmbarkeit
4.3.1.1. Übersichtlichkeit und Aufmerksamkeitsfokus
4.3.1.2. Konsistenz
4.3.2. Bedienbarkeit
4.3.3. Verständlichkeit
4.3.3.1. Einfache und präzise Inhalte
4.3.3.2. Umwandelbare und multimodale Inhalte
4.3.3.3. Rückmeldung und Hilfen
4.3.3.4. Differenzierung und eigenaktives Lernen
4.3.4. Robustheit
4.4. Zusammenfassung
5. Schlussfolgerungen
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Herausforderungen beim Einsatz von Lernsoftware für Menschen mit Lernbehinderungen. Das primäre Ziel ist es, Konzepte der Barrierefreiheit, die bisher primär auf sinnes- und körperbehinderte Menschen ausgerichtet sind, auf die Bedürfnisse lernbehinderter Menschen zu erweitern und konkrete Empfehlungen für die barrierearme Softwareentwicklung zu formulieren.
- Analyse der digitalen Spaltung und ihrer Auswirkungen auf Menschen mit Lernbehinderungen.
- Grundlagen des computergestützten Lernens und der Lernsoftwaretypen.
- Erforschung der spezifischen Barrierebereiche von Menschen mit Lernbehinderungen (z.B. Wahrnehmung, Konzentration, Lese-Schreib-Schwierigkeiten).
- Kritische Diskussion bestehender Barrierefreiheits-Richtlinien (BITV, WCAG, ISO/TS 16071) im Hinblick auf kognitive Einschränkungen.
- Ableitung eines Anforderungskatalogs für barrierefreie Lernsoftware.
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Problembereiche lernbehinderter Menschen
Untersuchungen über das Lernverhalten von lernbehinderten Schülern haben gezeigt, dass einige oder mehrere der folgenden Einschränkungen vermehrt zu beobachten sind:
• „eingeschränkte und weniger differenzierte Wahrnehmungsleistungen,
• verminderte und strukturell vereinfachte Vorstellungstätigkeit,
• verminderte, nach Zeit und Intensität wechselnde Konzentration, vor allem in komplexen Situationen und bei abstrakten Inhalten; dadurch häufig mitbedingt ein geringes Arbeitstempo,
• verminderte Leistungen des Kurzzeit- und des Langzeitgedächtnisses,
• Beeinträchtigung der kognitiven Verarbeitungsprozesse (Abstrahieren, Begriffsbildung, Urteilsbildung, produktives und reproduktives Denken, Transfer, Gestaltung),
• weniger ausgeprägte Eigensteuerung und Selbstkontrolle, verringertes Ausmaß an Leistungsmotivation und Durchhaltevermögen,
• Beeinträchtigung der Sprache.“ (Scherer 1995, 22)
Feststellen lässt sich aus dieser Aufzählung, dass bei Menschen mit Lernbehinderungen der Lernvorgang erschwert und mit erhöhter Fehlerrate stattfindet, vor allem in den Bereichen Wahrnehmung, Abstraktionsvermögen, Problemlöseverhalten, Konzentration, Gedächtnisleistung sowie im sprachlichen Bereich. Durch die dadurch verursachten Misserfolgserlebnisse kommen häufig noch Schwierigkeiten im emotionalen Bereich (geringer Selbstwert, Verhaltensauffälligkeiten usw.) dazu. Auf diese Schwierigkeiten muss bei der Lernsoftwareentwicklung, insbesondere bei der Gestaltung der Benutzeroberfläche, den Interaktions- und Hilfesystemen sowie der inhaltlichen und didaktischen Gestaltung geachtet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die „digitale Spaltung“ der Gesellschaft und begründet die Notwendigkeit, Barrierefreiheit gezielt auf Menschen mit Lernbehinderungen auszuweiten.
2. Grundlagen des Lernens mit computergestützten Medien: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe, erläutert Lerntheorien und Softwaretypen sowie grundlegende Methoden zur Entwicklung und Evaluation von Lernsoftware.
3. Menschen mit Lernbehinderungen und computergestütztes Lernen: Es werden Entstehungsursachen von Lernbehinderungen analysiert und spezifische kognitive sowie emotionale Barrierebereiche für die Nutzung von Lernmedien identifiziert.
4. Barrierefreie Softwareentwicklung für Menschen mit Lernbehinderungen: Das Hauptkapitel diskutiert bestehende Richtlinien kritisch und leitet daraus spezifische Empfehlungen für eine wahrnehmbare, bedienbare, verständliche und robuste Lernsoftware ab.
5. Schlussfolgerungen: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass Barrierefreiheit ein kontinuierlicher Prozess ist, der über technische Standards hinaus inhaltliche und didaktische Flexibilität erfordert.
Schlüsselwörter
Lernbehinderung, Barrierefreiheit, Lernsoftware, E-Learning, Mensch-Maschine-Interaktion, Usability, Medienkompetenz, kognitive Barrieren, Softwareentwicklung, didaktische Gestaltung, Inklusion, Web Content Accessibility Guidelines, digitale Spaltung, kognitive Einschränkungen, barrierefreie Gestaltung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie digitale Lernsoftware so gestaltet werden muss, dass sie für Menschen mit Lernbehinderungen barrierefrei nutzbar ist.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf den Grundlagen des E-Learnings, der Psychologie und Didaktik von Lernbehinderungen sowie auf der Evaluierung und Anpassung bestehender Barrierefreiheits-Richtlinien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die meist auf körperliche Behinderungen fokussierten Konzepte der Barrierefreiheit auf den Bereich der Lernbehinderungen auszudehnen und einen Leitfaden für die Entwicklung zugänglicher Lernmedien zu erstellen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin oder der Autor stützt sich auf eine fundierte Literatur- und Meta-Analyse von Forschungsarbeiten zu Lernsoftware, Usability und Pädagogik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden nach der theoretischen Einbettung konkrete Problembereiche lernbehinderter Menschen (z.B. Konzentrationsmangel, Lese-Schreib-Schwierigkeiten) den Prinzipien barrierefreier Softwareentwicklung gegenübergestellt und detaillierte Handlungsempfehlungen abgeleitet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Lernbehinderung, Barrierefreiheit, Usability, kognitive Barrieren und didaktische Gestaltung beschreiben.
Warum sind Standard-Richtlinien wie die WCAG oft nicht ausreichend für lernbehinderte Menschen?
Standard-Richtlinien konzentrieren sich stark auf technische Zugänglichkeit (z.B. für Screenreader bei blinden Nutzern). Inhaltliche Barrieren, wie komplexe Sprache oder mangelnde Strukturierung, sind dort oft nur schwer validierbar oder unzureichend definiert.
Welche Rolle spielt die "leichte Sprache" in der Arbeit?
Die "leichte Sprache" wird als essenzielle Gestaltungsmethode für Lerninhalte angeführt, um die sprachliche Barriere zu senken und das Verständnis durch klare, kurze Sätze und zusätzliche Hilfen zu fördern.
Ist Barrierefreiheit eine starre Vorgabe?
Nein, der Autor betont, dass Kriterien der Barrierefreiheit eher als Orientierungsrahmen dienen sollten, da die konkrete Umsetzung stark vom individuellen Produkt und der spezifischen Zielgruppe abhängt.
- Quote paper
- Christian Urff (Author), 2007, Barrierefreie Lernsoftware für Menschen mit Lernbehinderungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124901