Starke und schwache Frauen im Spannungsfeld von konventioneller Moral und individueller Identität

Ein Vergleich der beiden Romanheldinnen Fanny Price und Jane Eyre


Bachelorarbeit, 2009

39 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die englische Frau im 19. Jahrhundert

2. Vorstellung der beiden Romanheldinnen
2.1 Fanny Price: The stationary heroine
2.2 Jane Eyre: Vom bad girl zur governess

3. Status innerhalb der Familie
3.1 Fanny Price
3.2 Jane Eyre

4. Prüfungen der Charakterstärke
4.1 Fanny Price
4.2 Jane Eyre

5. Zurück zu den „Wurzeln“
5.1 Fanny Price
5.2 Jane Eyre

6. Die Heldin erreicht ihr Ziel
6.1 Fanny Price
6.2 Jane Eyre

7. Fazit

8. Bibliografie

Einleitung

Ein Vergleich von Fanny Price und Jane Eyre, den beiden Romanheldinnen aus Jane Austens Mansfield Park bzw. Charlotte Brontës Jane Eyre, erscheint auf den ersten Blick nicht sehr vielversprechend. Nicht nur entstammen die beiden Romane verschiedenen Epochen – Jane Austens Werk ist im Zeitalter der Romantik anzusiedeln, während Jane Eyre ein Produkt der viktorianischen Epoche ist –, sondern sie unterscheiden sich auch im Hinblick auf das Genre: Mansfield Park gehört den sogenannten Sitten- und Erziehungsromanen an, während Jane Eyre zu den Entwicklungsromanen zu zählen ist. (Nünning 2004: 3)

Auf den zweiten Blick erkennt man jedoch, dass die Handlungsverläufe beider Romane viele Punkte aufweisen, die sich zum Vergleich anbieten: Beide Protagonistinnen sind zu Beginn der Handlung Waisen, die von wohlhabenden Verwandten aufgenommen wurden – wenn man auch im Fall von Fanny Price nicht von einer typischen Waise sprechen kann, da ihre Eltern noch leben, jedoch ist sie durch die Entfernung und die mangelnde Kommunikation derart von ihrem Elternhaus abgeschnitten, dass sie durchaus den Status einer Waise beanspruchen darf. Diese beiden Waisen werden im Laufe der Handlung vor verschiedene moralische Herausforderungen gestellt, denen sie auf unterschiedliche Art und Weise begegnen. Dadurch ergeben sich äußerst interessante Einblicke in die Persönlichkeiten der beiden Figuren und ihr jeweiliges Verständnis von sich selbst und ihrer Lebenswelt.

Das Ziel dieser Arbeit soll sein, herauszufinden, ob eine der beiden Romanheldinnen als die stärkere Frau zu beurteilen ist. Dazu soll zunächst eine Vorstellung der beiden Figuren erfolgen, dann wird ihr Status innerhalb ihrer „Pflegefamilie“ beleuchtet, bevor anschließend versucht werden soll, ihr Verhalten angesichts verschiedener herausfordernder Situationen zu untersuchen. Abschließend soll gezeigt werden, wie die beiden Romanheldinnen ihr jeweiliges Ziel erreichen und welchen Status sie danach inne haben.

Als Einstieg und Beurteilungsrichtlinie bietet sich ein kurzer Exkurs zum Thema der gesellschaftlichen Rolle der Frauen im 19. Jahrhundert an, daher möchte ich damit beginnen.

1. Die englische Frau im 19. Jahrhundert

Das heute gängigste Bild, das man sich vom Status der Frau im 19. Jahrhundert macht, ist wohl das der reinen Hausfrau und Mutter. Die viktorianische Vorstellung des Angel in the House verstärkt dieses noch zusätzlich. Die Frau wird als der Inbegriff des Häuslichen angesehen – sie hat sich um die Kinder zu kümmern, den Haushalt zu führen und ihrem Mann eine unterwürfige, liebevolle und aufopfernde Ehefrau zu sein. Außerdem hat sie eine Vielzahl sozialer Verpflichtungen: So muss sie, unter anderem, Freundschaften pflegen – besonders durch ständige gegenseitige Besuche in den jeweiligen drawing rooms der befreundeten Familien – und hat allen Mitgliedern des Haushalts ein moralisches Vorbild zu sein.

Es war selbstverständlich, dass die Frau, nach Einschätzung der viktorianischen Gesellschaft, aufgrund ihrer körperlichen Konstitution und ihres dem Mann gegenüber vergleichbar unterentwickelten Intellekts in dieser Stellung vollkommen zufrieden sein und ein ausgefülltes Leben führen konnte (vgl. Schor 2002: 172).

Die Vorstellung von der Frau im England des frühen 19. Jahrhunderts basiert auf der Annahme, dass Frauen sich von Natur aus in jeder Beziehung von Männern unterscheiden; nicht nur körperlich, sondern auch intellektuell. Während der Mann über körperliche Stärke verfügt, ist die Frau durch und durch schwach. Frauen werden als das Gewissen der Männer angesehen und was sie auszeichnet, ist ihr reiner Geist.

Aufgrund dieser Differenzierungen sind auch die Aufgaben von Männern und Frauen klar voneinander abgegrenzt. Von den Männern wird erwartet, dass sie das Geld verdienen und es ihrer Ehefrau und anderen weiblichen Familienangehörigen zugänglich machen. Der wesentliche Unterschied zwischen den Aufgaben der Männer und denen der Frauen ist das Umfeld. Der Mann geht einer gewerbsmäßigen Arbeit außer Haus nach, während die Frau ihre Aufgaben innerhalb des Hauses erledigt. Ihre Arbeit bringt zwar kein Geld ein, aber sie ist spiritueller und erzieherischer Natur, da die mistress of the house die Aufgabe hat, Werte und moralische Grundsätze zu vermitteln, was sie durch ihre Sanftmütigkeit und ihr Einfühlungsvermögen tut. Bei Joan N. Burstyn heißt es: „the ideal woman was to be the moral guardian of society“ (Burstyn 1980: 99).

In der viktorianischen Zeit stellt eine Frau, die nicht zu arbeiten braucht, eine Art Statussymbol für Ehemann und Familie dar.

[T]he pressures on middle-class women not to work developed because their families came to measure success by the amount of leisure afforded women members of the family. Leisured women were symbols of the economic success of their male relatives. [...] [S]ince the definition of a lady [...] came to depend upon her isolation from the workforce, men often dissembled in order to preserve their family’s status. (Burstyn 1980: 30)

Dadurch, dass die Frauen von allen finanziellen Belangen komplett ausgeschlossen waren, bestand eine vollständige Abhängigkeit von ihren Männern. Vielen Zeitgenossen war gar nicht klar, dass die ständige Verleugnung der Fähigkeit einer Frau, eine höhere Bildung erlangen und lernen zu können, zu einer allgemeinen „geistigen Gefangenschaft“ der Frauen führte.

Die ersten Veränderungen im Hinblick auf diese Situation machten sich Mitte des 19. Jahrhunderts bemerkbar. Ein immer frappierender werdender Mangel an Männern zeichnete sich ab – sei es aufgrund der erhöhten Auswanderungsquote unter Männern oder, weil mehr Jungen als Mädchen im Kleinkindalter starben oder, weil viele Männer eine militärische Karriere einschlugen, die sie oft auf Jahre von England fernhielt (vgl. Burstyn 1980: 121). Dies führte dazu, dass sehr viele junge Frauen unverheiratet blieben und für ihre männlichen Verwandten eine finanzielle Last darstellten. Aus diesem Grund erlaubten viele Eltern ihren Töchtern, zumindest für eine Weile eine bezahlte Arbeit anzunehmen, bis ein entsprechend vermögender oder arbeitender Ehemann gefunden war. Dieser Umstand markierte eine Art Durchbruch für die Situation der Frauen im viktorianischen England. Zwar war das Angebot an Arbeiten, die Frauen verrichten durften, nicht besonders breit gefächert, da sie eben nicht denselben Bildungsstand hatten wie ihre männlichen Verwandten, aber ein erster Schritt in Richtung Unabhängigkeit der Frauen war getan.

Die meisten Frauen aus gutem Hause verdienten ihr Geld als governess in einer vermögenden Familie. Diese Tätigkeit war noch die am meisten anerkannte und respektierte Arbeit für Frauen dieser sozialen Schicht, denn sie betätigten sich nach wie vor im häuslichen Umfeld und brachten ihren, zumeist weiblichen, Schützlingen eben jene Dinge bei, die sie selbst von ihren Müttern oder anderen weiblichen Bezugspersonen gelernt hatten.

Für ein Mädchen der damaligen Zeit galt es als ausreichend, in hauswirtschaftlichen Dingen geschult zu werden, aber auch auf die sogenannten accomplishments wie Zeichnen, Beherrschen eines Musikinstruments, Französischsprechen, Singen, Tanzen, etc., wurde großen Wert gelegt. Auf wissenschaftlichere Dinge wurde verzichtet, da man der Ansicht war, zu viel Bildung würde den reinen Geist der Frauen verderben und damit ihre Fähigkeit beeinträchtigen, als moralisches Gewissen der Familie zu fungieren. Das Lebensziel einer Frau bestand schließlich nach einhelliger Meinung der Zeitgenossen nicht darin, sich möglichst viel Wissen anzueignen, sondern einen geeigneten Ehemann zu finden und eine eigene Familie zu gründen. Eine allzu gebildete Frau schreckte die meisten Männer eher ab, als dass sie sie anzog. Man fürchtete sogar, Bildung würde dazu führen, dass die Frauen ihre Weiblichkeit einbüßten und dadurch ungeeignet für die Ehe wären (vgl. Burstyn 1980: 43).

Natürlich gab es auch Ausnahmen von der Regel, und einige wenige Mädchen wurden zur Schule geschickt, wobei diese Schulen nicht mit denen für Jungen zu vergleichen war]en. Besonders in den sogenannten charity schools, zu denen auch die Lowood School in Jane Eyre zählt, ging es vorrangig immer noch um hauswirtschaftliche Fähigkeiten, um Religion und um moralische Grundsätze (vgl. Teachman 2001: xiv-xv) – nicht um höhere Bildung in wissenschaftlichen Belangen wie bei den Jungen –, aber zu mehr Zugeständnissen war die damalige Gesellschaft auch gar nicht fähig, ohne ihre eigenen Konventionen und Traditionen zu verraten.

2. Vorstellung der beiden Romanheldinnen

2.1 Fanny Price: The stationary heroine

Die Heldin von Jane Austens Roman Mansfield Park, Fanny Price, wird wohl am wenigsten von allen Austen -heroines gemocht. „Even sympathetic readers have often found her something of a prig, and severer strictures have not been lacking”, wie Tony Tanner es ausdrückt (Tanner 1986: 143). Sie ist weder witzig und geistreich wie eine Elizabeth Bennet, noch leidenschaftlich und rebellisch wie eine Marianne Dashwood. Sie ist die graue Maus, das Mauerblümchen, für das sich keiner interessiert und das auch noch von sich aus versucht, möglichst abseits des Geschehens zu stehen und keine Blicke auf sich zu ziehen. Für den modernen Leser ist es besonders schwer, sich mit ihr anzufreunden, da man jemanden wie sie heutzutage wohl als „Spielverderber“ bezeichnen würde. Sie äußert sich zwar nie direkt gegen eine der Aktivitäten, die das monotone Leben auf dem Landsitz Mansfield Park etwas auflockern sollen, weigert sich aber strikt, aktiv daran teilzunehmen, sondern bleibt im Hintergrund, beobachtend und in aller Stille wertend.

Generell nimmt Mansfield Park im Werk von Jane Austen eine Sonderstellung ein. Es geht hier nicht, wie in seinen Vorgängern Sense and Sensibility und Pride and Prejudice vorrangig darum, der Heldin zuzuschauen, wie sie den für sie perfekten Mann kennenlernt und nach Überwindung einiger trials and tribulations schließlich die ersehnte Ehe mit ihm eingeht. Natürlich ist auch dieses Element vorhanden, aber viel mehr steht in Mansfield Park der Fokus auf den Handlungen der sonstigen Figuren und deren moralischer Verderbnis, denn die Heldin selbst betätigt sich wenig, eigentlich sogar fast gar nicht.

Tony Tanner hat Fanny Price in seinem Buch über Jane Austen und ihre Werke als „girl who triumphs by doing nothing“ (Tanner 1986: 143) bezeichnet, und tatsächlich ist Fanny diejenige unter Jane Austens Romanheldinnen, die am wenigsten aktiv zu ihrem eigenen Schicksal beiträgt. Bis auf wenige Ausnahmen bleibt sie selbst immer passiv und beobachtet das Handeln der Menschen um sie herum. Sie beteiligt sich z.B. nicht an den private theatricals, und sie ist aufgrund ihrer körperlichen Schwäche beim Spaziergang durch den Park von Sotherton so schnell müde, dass sie sich auf eine Bank setzt und lediglich zuschauen kann, wie die anderen Ausflügler ihren Gang fortsetzen.

Aus diesem Grund ist man als Leser geneigt, Fanny das Erreichen ihres Ziels weniger zu gönnen als anderen Romanheldinnen, die im Gegensatz zu ihr wirklich aktiv darum kämpfen, ihr Glück zu finden, während Fanny nie wirklich selber etwas erreicht, sondern ihr alles mehr oder weniger in den Schoß fällt, bzw. gewisse Umstände sich einfach als Reaktion aus dem Handeln der anderen ergeben. So gewinnt sie Edmunds Liebe beispielsweise einfach nur deshalb, weil er einsieht, dass er eine Frau braucht, die der totale Gegensatz zu Mary Crawford ist, und Fanny ist eben zufällig gerade da.

2.2 Jane Eyre: Vom bad girl zur governess

Mit ihrem Roman Jane Eyre schuf Charlotte Brontë ein literarisches Werk, das den Nerv der Zeit bei vielen viktorianischen Lesern traf (vgl. Teachman 2001: 1). Der Roman ficht die Verleugnung von und die Unwissenheit über weibliche sexuelle Identität an und zeigt, dass Frauen, entgegen der einhelligen Meinung der (männlichen) viktorianischen Gesellschaft, sehr wohl dazu fähig sind, Erfüllung und Glück in der Ehe zu finden – anstatt sie nur als notwendiges Übel für die finanzielle Absicherung und Mittel zum Zweck für die Familiengründung zu betrachten –, sofern die Partner einander ebenbürtig sind.

In Gestalt ihrer Protagonistin Jane Eyre präsentiert Charlotte Brontë ihren Lesern eine ganz andere Art von Heldin als Fanny Price. Jane ist bereits als Kind sehr rebellisch und freiheitsliebend, hinterfragt die gegenwärtigen Zustände ihrer Zeit und lehnt sich gegen Zwänge auf, die sich aus ihrem Dasein als Frau ergeben. Sie nimmt aktiv an der Gestaltung ihres Lebens teil und reagiert nicht einfach nur auf äußere Umstände, wie es Fanny Price tut.

Jane lässt sich zwar in der Kindheit von bestimmten älteren Personen, wie z.B. Miss Temple, leiten, aber später als junge Frau ist sie dennoch völlig selbständig in ihrem Denken und Handeln. Sie weiß, was sie vom Leben erwartet und versucht nach Kräften, dies mit den ihr verfügbaren Mitteln zu erreichen, ohne sich dabei auf andere zu verlassen. Dabei bleibt sie sich selbst immer treu und findet so am Ende die wahre Erfüllung in der Ehe mit Rochester.

[...]

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Starke und schwache Frauen im Spannungsfeld von konventioneller Moral und individueller Identität
Untertitel
Ein Vergleich der beiden Romanheldinnen Fanny Price und Jane Eyre
Hochschule
Universität Mannheim
Note
2,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
39
Katalognummer
V124932
ISBN (eBook)
9783640299553
ISBN (Buch)
9783656754152
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fanny Price, Mansfield Park, Jane Austen, Charlotte Brontë, Jane Eyre, Moral, Identität, Feminismus
Arbeit zitieren
B.A. Julia Korthus (Autor), 2009, Starke und schwache Frauen im Spannungsfeld von konventioneller Moral und individueller Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124932

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