Brasilien zeigt, als größtes und wirtschaftlich stärkstes lateinamerikanisches Land, unter der Regierung Lula in den letzten Jahren ein stark gewachsenes außenpolitisches Selbstbewusstsein und tritt als führender regionaler, aber auch zunehmend als globaler Akteur auf. In Zusammenarbeit mit Deutschland, Indien und Japan in der so genannten "G4-Initiative" strebt die Regierung Lula unter anderem eine Erweiterung des UN-Sicherheitsrates um sechs neue ständige Mitglieder an und sieht sich selbstverständlich unter den geeigneten Kandidaten für diese Erweiterung. Ich werde diesen Essay nutzen, um die Strategie eines angestrebten Sitzes im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen vor dem Hintergrund des neuen außenpolitischen Selbstbewusstseins näher zu untersuchen. Dabei möchte ich die These diskutieren, dass es sich im Vergleich zu anderen historischen Initiativen im Hinblick auf einen brasilianischen Sitz im Sicherheitsrat nunmehr um eine konzertierte Aktion der Regierung Lula handelt, die eine neue Qualität aufweist und sehr Ziel führend ausgeführt wird – mit Aussicht auf Erfolg.
Um diese Betrachtungen zu ermöglichen, werde ich zu Beginn der Hausarbeit auf die Notwendigkeit und die Entwicklung der Reformen und der Reformprozesse innerhalb der Vereinten Nationen eingehen und danach explizit den Prozess und die Diskussion um die Reform des VN-Sicherheitsrates vorstellen. Anschließend werde ich die groben historischen Schwerpunkte der brasilianischen Außenpolitik nachzeichnen, die nach der Unabhängigkeit des Landes entstanden sind, und danach auf die veränderte Außenpolitik unter der Regierung Luiz Inácio Lula da Silva (genannt auch "Lula") seit 2003 eingehen. Dazu gehören vor allem auch die Darstellung der brasilianischen Bemühungen um einen ständigen Platz im VN-Sicherheitsrat, die Unterstützung der "G4-Initiative", die Kritik der Nachbarstaaten aber auch die Allianzpolitik der brasilianischen Lula-Administration hinsichtlich einer globalen multilateralen Außenpolitik.
Inhaltsverzeichnis
1. Inhaltliche Einführung und Gliederung
2. Reform und Reformbedarf der Vereinten Nationen
2.1 Bisherige Reformschritte und Diskussionen in den Vereinten Nationen
2.2 Reform des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen
3. Brasiliens Engagement in den Vereinte Nationen
3.1 Bisherige Schwerpunkte der brasilianischen Außenpolitik
3.2 Die veränderte Politik in den Vereinten Nationen unter Präsident Lula
3.3 Kritik an der derzeitigen Brasilianischen Politik in den Vereinte Nationen
4. Diskussion der Anfangsthese
5. Literatur- und Quellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das außenpolitische Engagement Brasiliens unter der Regierung Lula mit dem Ziel, den Anspruch des Landes auf einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu analysieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob es sich hierbei um eine konzertierte, qualitativ neue Strategie mit Erfolgsaussichten handelt.
- Reformprozesse innerhalb der Vereinten Nationen
- Historische Entwicklung der brasilianischen Außenpolitik
- Die Rolle der G4-Initiative im Reformstreben
- Brasiliens militärisches Engagement (MINUSTAH)
- Kritik und Widerstände gegen den brasilianischen Führungsanspruch
Auszug aus dem Buch
3.2 Die veränderte Politik in den Vereinten Nationen unter Präsident Lula
Nachdem Luiz Inácio Lula da Silva (genannt auch „Lula“) von der brasilianischen Arbeiterpartei „Partido dos Trabalhadores“ 2002 zum neuen Präsidenten Brasiliens gewählt wurde und am 1. Januar 2003 sein Amt übernahm, veränderte sich auch die brasilianische Außenpolitik und die vertretenden Ansprüche. Lula steht dabei für klare Positionen und vertritt diese als multilaterales Projekt in Zusammenspiel mit anderen Ländern – anders als seine Vorgänger, die eher eine autarke Außenpolitik bevorzugten: „Auf dem globalen Parkett tritt er für eine gerechte Weltordnung, für Armutsbekämpfung und für ein neues mulilaterales Handelssystem, das die Interessen des Südens berücksichtigt, ein. Nach einer langen Phase der relativen Autarkie will der Präsident Brasilien zu einer selbstbewussten souveränen Nation machen, die sich des eigenen Gewichts auf der internationalen Bühne bewusst ist.“
Dieser Anspruch Brasiliens wurde nicht nur mit einer stärkeren regionalen Integration Brasiliens in den Kontext der lateinamerikanischen Staatengemeinschaft umgesetzt, sondern auch mit dem erstarkten Streben Brasiliens nach einem ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, wie von Lula in seiner Rede vor der VN am 23. September 2003 dargelegt und begründete: „Reform of the United Nations has become an urgent task (…). The security council must be fully empowered to deal with crises and threats to peace. (…) Above all, its decisions must be seen as legitimate by the Community of Nations as a whole. Its composition – in particular as concerns permanent membership – cannot remain unaltered almost 60 years on. It can no longer ignore the changing world. More specifically, it must take into account the emergence in the international scene of developing countries. (…) Brazil believes that it has a useful contribution to make.”
Zusammenfassung der Kapitel
1. Inhaltliche Einführung und Gliederung: Vorstellung der Forschungsfrage, die das neue außenpolitische Selbstbewusstsein Brasiliens und die Erfolgsaussichten auf einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat thematisiert.
2. Reform und Reformbedarf der Vereinten Nationen: Analyse der historischen UN-Reformbemühungen sowie der spezifischen Herausforderungen und Reformmodelle für den Sicherheitsrat.
3. Brasiliens Engagement in den Vereinte Nationen: Historischer Rückblick auf die brasilianische Außenpolitik, gefolgt von der Analyse der neuen, aktiven Strategie unter Präsident Lula inklusive der G4-Initiative und Kritikpunkte.
4. Diskussion der Anfangsthese: Kritische Würdigung der These, dass Brasiliens Bemühungen eine neue Qualität aufweisen, unter Einbeziehung der Erfüllung von UN-Kriterien.
5. Literatur- und Quellenverzeichnis: Auflistung der verwendeten Ressourcen zur Reform der Vereinten Nationen und zur brasilianischen Außenpolitik.
Schlüsselwörter
Brasilien, UN-Sicherheitsrat, Reform, G4-Initiative, Außenpolitik, Lula da Silva, Multilateralismus, MINUSTAH, Weltordnung, globale Führungsmacht, regionale Integration, Diplomatie, Machtpolitik, Vereinte Nationen, Schwellenland.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das außenpolitische Streben Brasiliens, unter Präsident Lula einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu erhalten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themen umfassen UN-Reformprozesse, die Geschichte der brasilianischen Außenpolitik, die G4-Initiative sowie die Wirksamkeit diplomatischer Lobbyarbeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Überprüfung der These, ob Brasiliens heutiges Vorgehen für einen Sitz im Sicherheitsrat eine qualitativ neue und erfolgreichere Form der Diplomatie im Vergleich zu historischen Initiativen darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor stützt sich auf eine politikwissenschaftliche Analyse der aktuellen Außenpolitik unter der Regierung Lula im Kontext der internationalen Organisationen und nutzt hierfür einschlägige Fachliteratur und offizielle Dokumente.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des globalen UN-Reformbedarfs, eine detaillierte Darstellung des brasilianischen Engagements unter Präsident Lula und eine kritische Diskussion der regionalen sowie globalen Widerstände.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Brasilien, UN-Sicherheitsrat, Reform, G4-Initiative, globale Führungsmacht und Multilateralismus.
Warum ist die Mission MINUSTAH für die Argumentation des Autors wichtig?
Die Führung der Mission in Haiti dient als Beispiel für das gestiegene, auch militärische Engagement Brasiliens, das als Beleg für den Wunsch nach einem ständigen Sitz im Sicherheitsrat angeführt wird.
Wie bewertet der Autor die Erfolgsaussichten Brasiliens?
Der Autor sieht trotz des diplomatischen Engagements Herausforderungen, insbesondere bei der Erfüllung quantitativer Kriterien wie finanzieller Beitragszahlungen, und hält eine Erweiterung des Bündnisses um afrikanische Staaten für zielführend.
- Arbeit zitieren
- Dipl.-Pol. Björn Richter (Autor:in), 2006, Brasiliens gestiegenes Engagement im Hinblick auf einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124947