In dieser Arbeit soll zunächst der Forschungsstand und die Theorie der Multiperspektivität beschriebenen werden, um dann den historischen Kontext zu skizzieren, anschließend die konkreten Quellen und ihre Autor*innen zu beschreiben, um schließlich anhand des Kompetenzmodells von Michael Sauer zu erläutern, welchen didaktischen Wert für den Geschichtsunterricht das Material konkret mit sich bringt.
Der Begriff Perspektivität bezeichnet in der Geschichtswissenschaft einen Grundsachverhalt menschlicher Wahrnehmung und Deutung: Je nach Geschlecht, Alter, Religion, Sozialisation usw. nehmen wir Ereignisse unterschiedlich wahr und berichten dementsprechend auch anders von ihnen. In der Geschichtswissenschaft, wie auch im Unterricht ist man bemüht, historische Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven darzustellen, um so ein umfassenderes Bild des Geschehens zu liefern.
Die Leningrader Blockade hat erst seit den 90er-Jahren nach und nach Einzug in die deutsche Erinnerungskultur gefunden. Erst mit der zweiten „Wehrmachtaustellung“ begann man das Ereignis als Kriegsverbrechen zu klassifizieren. Hatte man die Blockade in der Schule zuvor in keiner Weise betrachtet, fand das Thema nun auch erstmals differenziert Eingang in den Geschichtsunterricht. Nichtsdestotrotz ist die Tragödie der Stadt Leningrad noch immer deutlich weniger in der deutschen Geschichtskultur verankert als Orte wie Stalingrad, Hiroshima und Dresden.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Forschungstand und theoretische Grundlage der Multiperspektivität
III. Historischer Inhalt
III.1 Der Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion
III.2 Die Leningrader Blockade 1941-1944
IV. Vorstellung der ausgewählten Quellen zur Leningrader Blockade
IV.1 Feldpostbrief von Georg Fulde an seine Schwester und Schwager, 29.09.1941
IV.2 Tagebuch von Lena Muchina
V. Dimensionen des Lernens am Beispiel des Kompetenzmodells nach Michael Sauer
V.1 Sachkompetenz
V.2 Deutungs- und Reflexionskompetenz
V.3 Medien-Methoden-Kompetenz
VI. Schluss
VII. Anhang
VII.1 Vollständiger Brief von Georg Fulde an seine Schwester
VII.2. Auszüge aus dem Tagebuch von Lena Muchina
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Prinzip der Multiperspektivität im Geschichtsunterricht und wendet es beispielhaft auf die Leningrader Blockade während des Zweiten Weltkriegs an, um didaktische Lernziele und Kompetenzentwicklungen zu analysieren.
- Theoretische Grundlagen der Multiperspektivität im Geschichtsunterricht.
- Historischer Kontext von Krieg und Blockade an der Ostfront.
- Quellenanalyse anhand eines Feldpostbriefs und eines persönlichen Tagebuchs.
- Anwendung des Kompetenzmodells nach Michael Sauer.
- Fremdverstehen und Empathiebildung als historisches Lernziel.
Auszug aus dem Buch
IV.2 Tagebuch von Lena Muchina
Genau einen Monat vor dem Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion beginnt Lena Muchina ihr Tagebuch. Auf über 300 Druckseiten schildert sie ihr Leben im eingeschlossenen Leningrad bis zu ihrer Evakuierung 1942. Zu Beginn drehen sich ihre Gedanken um die typischen Probleme einer Sechzehnjährigen. Sie hat Angst, bei Schulprüfungen durchzufallen und ist in ihren Schulkameraden Wowka verliebt. Über das ganze Tagebuch verteilt finden sich einige wenige euphorische Einträge, zwischen vielen von Einsamkeit geprägten, tieftraurigen Momenten. Mit Beginn des Krieges halten die immer häufiger auftretenden Fliegeralarme und ab September der deutsche Artilleriebeschuss Einzug ins Tagebuch. Lena wird zu kriegsdienenden Arbeiten herangezogen. Sie schleppt Sand, entlädt Transportschiffe und hilft Gasschutzräume und Schützengräben zu errichten.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in das Konzept der Multiperspektivität und die Relevanz der Leningrader Blockade für den Unterricht.
II. Forschungstand und theoretische Grundlage der Multiperspektivität: Erörterung der pädagogischen und geschichtswissenschaftlichen Relevanz des Perspektivwechsels.
III. Historischer Inhalt: Darstellung der Ereignisse des Überfalls auf die Sowjetunion und der spezifischen Bedingungen der Leningrader Blockade.
IV. Vorstellung der ausgewählten Quellen zur Leningrader Blockade: Präsentation und Einordnung des Feldpostbriefs von Georg Fulde sowie des Tagebuchs von Lena Muchina.
V. Dimensionen des Lernens am Beispiel des Kompetenzmodells nach Michael Sauer: Analyse der Vermittlung von Sach-, Deutungs-, Reflexions- sowie Medien-Methoden-Kompetenz.
VI. Schluss: Zusammenfassendes Fazit über die Bedeutung der multiperspektivischen Erinnerungskultur und des Gedenkens an die Opfer.
VII. Anhang: Bereitstellung der für die Arbeit zentralen Textquellen.
Schlüsselwörter
Multiperspektivität, Geschichtsunterricht, Leningrader Blockade, Michael Sauer, Historisches Lernen, Feldpostbrief, Tagebuch, Kriegsverbrechen, Sachkompetenz, Deutungskompetenz, Fremdverstehen, Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Sowjetunion, Erinnerungskultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Implementierung des Prinzips der Multiperspektivität im Geschichtsunterricht, wobei die Leningrader Blockade als konkretes Beispiel dient.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Theorien zum multiperspektivischen Lernen, der historische Kontext des Kriegs an der Ostfront sowie die didaktische Aufbereitung von Zeitzeugnissen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, zu zeigen, wie durch multiperspektivische Quellenarbeit Kompetenzen wie Sachwissen, Reflexionsvermögen und empathisches Fremdverstehen bei Schülern gefördert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine quellenkritische Analyse in Verbindung mit dem didaktischen Kompetenzmodell von Michael Sauer angewandt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Kontextualisierung der Leningrader Blockade, die Vorstellung von zwei kontrastierenden Quellen sowie die systematische Anwendung didaktischer Kompetenzdimensionen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Multiperspektivität, Blockade, Kompetenzmodell, Fremdverstehen, NS-Ideologie und Kriegsalltag.
Wie unterscheidet sich die Perspektive von Georg Fulde von der von Lena Muchina?
Fulde schreibt aus der Täterperspektive eines deutschen Piloten, die von NS-Ideologie und Abenteuerlust geprägt ist, während Lena Muchina als Opfer der Blockade aus einer zutiefst leidvollen, persönlichen Sicht über das tägliche Überleben berichtet.
Warum spielt das Konzept des "Fremdverstehens" nach Bergmann eine wichtige Rolle?
Das Fremdverstehen dient als Grundlage sozialen Handelns, da es Schülern hilft, vergangene Handlungen aus der Situation der Akteure heraus zu begreifen, ohne direkt in vorschnelle moralische Urteile zu verfallen.
- Citation du texte
- Kaspar Elias Fränkel (Auteur), 2021, Multiperspektivität im Geschichtsunterricht. Am Beispiel der Leningrader Blockade 1941 bis 1944, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1249636