Das XI. Buch der "Confessiones" von Aurelius Augustinus von Hippo - "Was ist Zeit" und warum kann der Mensch nicht einheitlich sein?

Eine Darstellung


Hausarbeit, 2008

31 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
II. 1. Aufbau der Confessiones
II. 2 Was ist Ewigkeit?
II. 2. 1. Ist die Ewigkeit eine unendliche Zeit?
II. 3. Was ist Zeit?
II. 3. 1. Die Zeit als creatum oder als distentio animi?
II. 3. 1. a. Die Zeit als creatum
II. 3. 1. b Die Zeit als distentio animi
II. 3. 2. Die Zeit als Leiden
II. 3. 3. Die Zeit als endliche Ewigkeit?
II. 4. Das Verhältnis von Ewigkeit und Zeit
II. 5. Die Entflüchtigung aus der Zeit und
die Bewahrung der Zeit
II. 5. 1. Die Entflüchtigung
II. 5. 2. Die Bewahrung
II. 6. Das aporetische Verhältnis von Ewigkeit und Zeit

III. Schluss

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Der am 13. November 354 nach Christus in Thagaste geborene Philosoph und Kirchenvater Aurelius Augustinus von Hippo verfasste zwischen 397 und 400 nach Christus sein großes, in die Weltliteratur eingehendes und andere Philosophen, unter anderem Heidegger und Husserl, prägendes, Werk – die Confessiones. Die autobiografische Schrift, die als Darstellung der eigenen Bekehrung verstanden werden will, illustriert auf einzigartige Weise die Hinwendung eines Menschen zu Gott, in der Hoffnung das eigene Selbst zu finden.

Die Selbsterkenntnis spielt auch im XI. Buch der Confessiones eine entscheidende Rolle. Durch das Verfassen der Memoiren zu der Erkenntnis gelangt, dass man sich Selbst als je Anderer erscheint, setzt sich der Philosoph unter dem Titel „Was ist Zeit“ mit den Gründen des nicht-einheitlich-Sein-Könnens des Menschen auseinander. Augustinus weiß um sich, als in der Zeit Lebendes und sieht sich in der Hinwendung zu Gott als etwas von ihm abstammendes Unvollkommenes, was ihn zu der Frage nach der Beziehung zwischen Gott und Mensch oder anders ausgedrückt Ewigkeit und Zeit veranlasst. Obgleich die göttliche Dimension der Ewigkeit verschieden von der menschlichen Dimension der Zeit ist, muss es dennoch, so Augustinus, etwas geben, das die beiden Sphären aneinander bindet, weil der Mensch als ein Geschöpf des ewigen Gottes nicht grundverschieden von diesem sein kann.

Das Verhältnis von Ewigkeit und Zeit zieht sich durch den ganzen Zeittraktat der Bekenntnisse. Die Abhandlung des Sachverhalts wird aber an zahlreichen Stellen unterbrochen, sodass zu Beginn der Betrachtung ein detaillierter Aufriss des gesamten XI. Buches helfen soll, den Gedankengang Augustins zu entwirren. Im Anschluss daran ist zu klären, was die Ewigkeit als Dimension Gottes ausmacht und ob sie (die Ewigkeit) eventuell auch als unendliche Zeit begriffen werden kann. Aus der Darstellung wird sich erhellen, dass es kaum möglich ist, von Ewigkeit zu sprechen, ohne die Zeit nicht schon bereits als dessen Gegenstück antizipiert zu haben, weshalb geklärt werden muss, was Zeit ist, um die Betrachtung vertiefen zu können. Wahrscheinlich ausgehend von der Beschreibung der Zeit in der heiligen Schrift setzt Augustinus in seine Zeitanalyse ein.

„(1) Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: (2) geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; […] (9) Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon. (10) Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, daß sie sich damit plagen. (11) Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur daß der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. […] (14) Ich merkte, daß alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das alles tut Gott, daß man sich vor ihm fürchten soll. (15) Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.“[1]

Die Zeit als Etwas von Gott gegebenes identifiziert, wird aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachtet. Zum Einen die, bei der die Zeit als creatum gedacht wird und zum Anderen die, die die Zeit als einen distentio animi ausweißt. Nach der Feststellung, dass sich die Zeit nur durch die Tätigkeit des Geistes ergibt und der Darstellung der Zeit als ein Leiden, soll geklärt werden, ob die Zeit als endliche Ewigkeit definiert werden kann, da der Versuch die Ewigkeit als unendliche Zeit zu charakterisieren scheiterte.

Erst wenn diese Betrachtungen abgeschlossen sind, ist es möglich, von dem, auch wenn bis dahin schon an vielen Stellen angeklungenen, Verhältnis von Ewigkeit und Zeit zu sprechen. Der Anspruch, die Beziehung des Menschen zu Gott und umgekehrt veranschaulichen zu wollen, beinhaltet auch das Problem der Unwissenheit darüber was „nach der Zeit“ ist. Unter dem Titel der Entflüchtigung aus der Zeit soll das Leben des Menschen auf den Tod hin, um sich aus der Zeit herauszulösen, thematisiert werden. Die erste von Augustinus zum scheitern verurteilte Theorie der Entflüchtigung, die im Widerspruch zu seinen Offenbarungsglaube steht, wird in einen zweiten Anlauf um die Bewahrung der Besonderheit des Zeitlichen in der Ewigkeit erweitert. Dieser zwar in kirchlicher Tradition stehende, doch ebenfalls nicht beweisbare, Ansatz führt dazu, dass die Frage nach dem Weg Gottes zu den Menschen und/oder der Weg des Menschen zu Gott in einer Aporie enden muss, die allerdings für Augustinus als Vertreter des Skeptizismus der mittleren Akademie die höchste Möglichkeit der Erkenntnis darstellt.

II. Hauptteil

II.1. Aufbau der Confessiones

Das XI. Buch der Bekenntnisse widmet Augustinus ausschließlich seiner Zeitbetrachtung, was angesichts dessen, das die Confessiones als biografisches Werk angesehen werden, ein Bruch mit dem Vorhaben des Autors zu sein scheint. Dass die Bekenntnisse kein reines Zeugnis der Erinnerung darstellen, zeigt sich dadurch, dass der biografische Berichtteil nach neun von dreizehn Büchern abgebrochen wird. Das X. Buch nimmt eine Art Sonderstellung ein, indem es die intellektuelle, geistige und moralische Sicht, die der Autor bis Jetzt, nach dem Abfassen der Memoiren, erreicht hat, widerspiegelt. Augustinus will die Bekenntnisse nicht ausschließlich als Bekennen im Sinne einer intellektuell- philosophischen und religiösen Entwicklung aufgefasst verstehen, sondern auch als Ansprechen wesentlicher Erkenntnisse und Unwissenheiten. Die Abhandlung über die Zeit stellt also keinen „Bruch“ des Gedankengangs des Philosophen dar, sondern vielmehr erweißt sich die Betrachtung als zwingend logisch, da Augustinus selbst als zeitliches, von einem zeitlosen Gott geschaffenes, Subjekt in der Zeit lebt, seine Confessiones in einer Zeit geschaffen hat und dennoch nicht zu fassen vermag, was die Zeit ist.

Dass er die Bekenntnisse in einer Zeit schuf verdeutlicht auch der innere Aufbau des Buches. Die Analyse seines Lebens bis zum Ende des IX. Buches stellt das Erinnern an nicht mehr Seiendes, sprich Vergangenheit dar. Das X. Buch verdeutlicht den momentanen Standpunkt des Autors nach der Beendigung der Memoiren, folglich das, was wir Gegenwart zu nennen pflegen. Mit dem, ab den XI. Buch, beginnenden Einstieg in die Zeitproblematik und der damit verwobenen Bibelinterpretation, die von der Genesis bis zu der Apokalypse reichen soll, will Augustinus die Kluft zwischen der Zerrissenheit des Menschen in der Zeit und der zeitlosen Ewigkeit Gottes überwinden, was demnach ein noch nicht seiender Zustand, die Zukunft ist.

Das von Augustinus entwickelte Endziel des menschlichen Seins ist im Zeittraktat angelegt, wird aber gleichwohl in die Ausweglosigkeit der Aufhebung getrieben.

Um diese Aporie aufzuzeigen, ist es zunächst notwendig, eine Gliederung des gesamten XI. Buches anzustreben, da der Gedankengang Augustins nicht nur von Gebeten um Bitte nach Erkenntnis unterbrochen, sondern vielmehr noch durch die Verwerfung von Theorien und Neueinsätzen undurchsichtig wird.

In Bezug auf die Kompositionsstruktur liegen in der Literatur verschiedene Deutungsansätze vor, die sich maßgeblich durch die Festlegung der Abschnitte unterscheiden. Aufgrund der großen Übereinstimmungen bei Fischer und Flasch werde ich mich bevorzugt an deren Abriss des XI. Buches orientieren, um die scheinbare Unmöglichkeit zur Auflösung des Ewigkeits-Zeitproblems herauszuarbeiten.

Augustinus leitet in das XI. Buch ein, indem er sein Gesamtvorhaben, welches er in den letzten drei Büchern der Confessiones leisten möchte, kund tut.

„Und längst schon brenne ich darauf „nachzudenken Deinem Gesetz“ und Dir mein Wissen und Unwissen darüber zu bekennen, den ersten Schimmer der Erleuchtung durch Dich und den Rest von Finsternis, der mir bleibt, bis daß dereinst meine Ohnmacht von Deiner Kraft wird aufgezehrt werden.“[2]

Gleichzeitig spricht er indirekt innerhalb der ersten vier Abschnitte die Problematik einer Beziehung zwischen der Ewigkeit Gottes und der Zeitlichkeit des Menschen an, die es zu überwinden gilt.

„Dein ist der Tag und Dein ist die Nacht: Deinem Wille gehorsam eilen die Augenblicke vorüber. Gewähre mir davon die Spanne Zeit […].“[3]

Um die „Kluft“ anzugehen, beginnt er in einen zweiten Schritt die heilige Schrift zu interpretieren und so seine Zeituntersuchung einzuleiten, die aber im Wesentlichen nicht dazu dienen soll, das Wesen der Zeit zu klären, sondern die Beziehung zwischen göttlichen Sein und menschlicher Existenz aufzuzeigen. Gegenstand der Abschnitte fünf bis sechzehn ist einerseits die Darstellung der Veränderlichkeit der Welt und andererseits die Schöpfung Gottes durch sein Wort.

„Also nur „gesprochen“ hast Du „und es ward“, und in Deinem „Wort“ hast Du es erschaffen.“[4]

Andererseits verfolgt der Autor innerhalb des angegebenen Abschnitts das große Anliegen, die Frage, „was tat den Gott ehvor er Himmel und Erde erschuf?“[5], zurückzuweisen. Die Bibel spricht davon, dass Gott alljeglicher Schöpfung Schöpfer sei, somit schuf er, laut Augustinus, auch die Zeit. Als der Schöpfer der Zeit kann er aber selber kein Zeitliches sein, sondern steht über beziehungsweise außerhalb der Zeit, sodass ihm als Unwandelbares Ewigkeit zukommt und deswegen die Frage nach dem, was Gott vor der Erschaffung von Himmel und Erde tat, evident ist, da es kein „Davor“ gab, da es Zeit nicht gab.

„Wenn aber vor Himmel und Erde Zeit überhaupt nicht war, was soll dann die Frage, was Du „damals“ tatest? Es gab kein „Damals“ wo es Zeit nicht gab.“[6]

Im weiteren Verlauf versucht Augustinus das Wesen der Zeit zu erklären, was schwerpunktmäßig den größten Teil des XI. Buches ausmacht, um sich dann am Ende auf die aporetiche Betrachtung von Zeit und Ewigkeit zurückzuwenden.

In den Abschnitten siebzehn bis einundzwanzig befasst sich der Kirchengelehrte ausschließlich mit der Frage nach dem Sein der Zeit aus vulgärer Sicht. Er stellt dabei fest, dass die Zeit eine Tendenz zum Nicht-Sein aufweißt, da sie stets von Künftigem in Vergangenes übergeht und der Gegenwart, da sie gerade Seiend schon wieder zerfällt, keine Ausdehnung zukommt.

„Könnte man irgendwas von Zeit sich vorstellen, so winzig, daß es gar nicht mehr sich teilen läßt, auch nicht in Splitter von Augenblicken: solche Zeit allein wäre es, die man „gegenwärtig“ nennen dürfte; sie aber fliegt so reißend schnell von Künftig zu Vergangenen, daß auch nicht ein Weilchen Dauer sie dehnt. Denn so wie sie sich ausdehnt; zerfällt sie schon wieder in Vergangenheit und Zukunft; aber als Gegenwart, ist sie ohne Ausdehnung.“[7]

Dennoch sprechen wir von kurzen und langen Zeiten, sodass es scheint, als käme der Zeit doch ein Sein zu. Da Augustinus an dieser Stelle das Problem von Sein oder Nicht-Sein der Zeit nicht zu lösen vermag, führt er es schließlich, nach quälendem hin und her exerzieren, in eine (Schein) Aporie.

Er überwindet später aber die Frage nach dem Sein der Zeit, indem er sich von dem vulgären hin zu einem „philosophischen“ Zeitverständnis wendet. Er geht dabei von drei präsentischen Zeiten, die des Erinnerns, des Anschauens[8] und des Erwartens aus, die er im Geist verortet. Diese Zeiten sind allerdings keine im üblichen Sinne, sondern sie stellen einen Vorgang dar, nämlich den des Vergegenwärtigens. Demnach ist der Geist die Zeit dergestalt, dass er ein Bewusstsein von Zeit hervorbringt, was aber gleichwohl auch bedeuten würde, dass es außerhalb des genannten, im Geist stattfindenden, Vollzugs keine Zeit gäbe.

„[…] Weder die Zukunft noch die Vergangenheit „ist“ und nicht eigentlich läßt sich sagen: Zeiten „sind“ drei: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: vielmehr sollte man, genau genommen, etwa sagen: Zeiten „sind“ drei: eine Gegenwart von Vergangenem [nämlich Erinnerung], eine Gegenwart von Gegenwärtigem [nämlich Augenschein], eine Gegenwart von Künftigem [nämlich Erwartung]. Denn es sind diese Zeiten als eine Art Dreiheit in der Seele und anderswo sehe ich sie nicht […].“[9]

Aber auch an diesem Punkt bleibt abermals das Problem der Zeitmessung ungeklärt. Der Autor hofft nun, dieses durch eine Wendung nach Außen aufheben zu können, mithilfe der wissenschaftlichen Zeitauffassung. Doch das Vorhaben scheitert aufgrund seines Nichtwissens in Bezug auf die phänomenal gegebene Wirklichkeit von Verweildauern. Nachdem er sich wiederholt nach Innen wendete und die Zeit als Erstreckung des Geistes definierte, ist es ihm möglich, das Wesen der Zeit als etwas nunmehr messbares, somit Seiendes, zu erklären.

„In dir, mein Geist, messe ich die Zeiten.“[10]

Am Ende knüpft Augustinus an die Ausgangsfrage nach Zeit und Ewigkeit an. Das menschliche Wesen, welches das Charakteristikum der Zerrissenheit in der Zeit aufweißt, steht dem göttlichen ewigen Heute sehnend nach Einheit gegenüber.

Die einzige Hoffnung, die dem Autor am Ende seines Zeittraktats bleibt, ist die gleichzeitige Entflüchtigung und Bewahrung der Besonderheit des Zeitlichen in der Ewigkeit Gottes.

II.2. Was ist Ewigkeit?

Der Aufriss zeigt, dass die Betrachtung dessen, was das Wesen der Zeit ist, Hauptgegenstand des XI. Buches der Confessiones ist. Merkwürdigerweise leitet der Philosoph in seinem Zeittraktat mit dessen „Gegenstück“, nämlich dem der Ewigkeit, ein.

„Heer dein ist die Ewigkeit.“[11]

Auch im weiteren Textverlauf ist von Zeit zunächst nicht die Rede, sondern vielmehr wird der Versuch unternommen, den Genesisbericht auszulegen. Erst ab dem Abschnitt siebzehn widmet sich Augustinus der Zeitanalyse, um sich erst am Ende wieder dem Eingangssatz zuzuwenden und die Spannung zwischen Ewigkeit und Zeit zu illustrieren.

Obwohl die Anmerkungen, die das Verhältnis von Ewigkeit und Zeit betreffen, eher spärlich sind, ist die Abhandlung der Ewigkeit Grundvoraussetzung für die Zeitbetrachtung. Die Ewigkeit als nicht Zeitliches ist der Zukunft (als Ausgangsgröße der Fließrichtung von Zeit) systematisch vorgängig, sodass sich die Bestimmung dessen, was das Wesen der Zeit ist, erst durch die Ewigkeit ergibt.

Die Ewigkeit als das Charakteristikum Gottes ist das unvergleichbare Andere zur Zeit, welches zugleich die Erhabenheit Gottes über die Zeit verdeutlicht. Als Schöpfer der Zeit steht er selbst über ihr, ist somit nicht ihrem Fluss von Zukunft über Gegenwart in Vergangenheit unterworfen und beansprucht deshalb im Gegensatz zur Fliessbewegung, die, wie später zu zeigen sein wird, eine Tendenz zum Nicht-Sein aufweißt, ein Sein, da er als nicht dem Wandel Unterworfenes ein Bleibendes ist. Zugleich ist der Schöpfer der Zeit aufgrund seiner Positionierung außerhalb der Zeit in der Lage, das ganze Zeitspektrum zu schauen.

„Alles, was in der Zeit geschieht, war in einem zeitlosen Vorher in der Ewigkeit. Alles, was geschehen ist, bleibt aufbewahrt in den Archiven der Ewigkeit.“[12]

Gott weiß also von allen kommenden und vergangenen Ereignissen, da sie in seinem Denken als präformierte vorliegen, um dann ohne inhaltliche Veränderung vom göttlichen Wissen in ihre zeitliche Ausführung herabzusinken.[13] Anders ausgesprochen heißt das, dass Gott als Herr über die Zeit alles Zeitliche, welches er in zeitloser Weise in seiner Ewigkeit erschließt, der Schöpfung zukommen lässt. Ersichtlich ist nun, dass es ohne die Schöpfung keine Zeit gäbe. Der gesetzte Anfangspunkt der (menschlichen) Zeit ist die Schöpfung, der Endpunkt (menschlichen) Seins der Tod. Beide Punkte liegen, laut der christlichen Tradition, bei Gott. Der Mensch als von Gott Geschaffener entfernt sich von ihm, indem er in der Zeit zersplittert, um dann nach der Odyssee in seinen Schoß zurückzukehren. Laut der Aussage einiger Autoren als auch der Bibel stellt die Gefangenheit in der Zeit nicht den Urzustand dar, sondern das „Hineinwerfen“ in die Zeit ist Resultat des Sündenfalls, weshalb das höchste Gut des Menschen darin besteht, auf das Ziel und den Grund seiner Selbst hinzuleben, nämlich das Finden einer sinnvollen Ordnung von Zeit, um zur Ewigkeit aufzusteigen. Die Ewigkeit wird also vermutlich bei Augustinus als ein unendliches und zeitloses „Leben“ verstanden, bei dem der Mensch zu einem vollkommenen Seinsbesitz gelangt ist.

[...]


[1] vgl. Prediger 3,1-2; 3,9-11 & 3,14-15.

[2] vgl. Augustinus Bekenntnisse S. 604f.

[3] vgl. Augustinus Bekenntnisse S. 605.

[4] vgl. Augustinus Bekenntnisse S. 615.

[5] vgl. Augustinus Bekenntnisse S. 621.

[6] vgl. Augustinus Bekenntnisse S. 626f.

[7] vgl. Augustinus Bekenntnisse S. 634f.

[8] der Begriff des Anschauens wird bei Augustinus auch als Augenschein bezeichnet

[9] vgl. Augustinus Bekenntnisse S. 642f.

[10] vgl. Augustinus Bekenntnisse S. 661.

[11] vgl. Augustinus Bekenntnisse S 603.

[12] vgl. Was ist Zeit? Augustinus von Hippo. Das XI. Buch der Confessiones. S. 211.

[13] vgl. Was ist Zeit? Augustinus von Hippo. Das XI. Buch der Confessiones. S. 211.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Das XI. Buch der "Confessiones" von Aurelius Augustinus von Hippo - "Was ist Zeit" und warum kann der Mensch nicht einheitlich sein?
Untertitel
Eine Darstellung
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Was ist Zeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
31
Katalognummer
V125024
ISBN (eBook)
9783640299980
ISBN (Buch)
9783640304844
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Buch, Confessiones, Aurelius, Augustinus, Hippo, Zeit, Mensch, Zeit
Arbeit zitieren
Susanne Zozmann (Autor), 2008, Das XI. Buch der "Confessiones" von Aurelius Augustinus von Hippo - "Was ist Zeit" und warum kann der Mensch nicht einheitlich sein?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125024

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