Sprachursprungstheorien in Frankreich im 18. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1. Zeichentheorien in der Antike

2. Woher stammt unsere Erkenntnis?

3. Die Sensualisten
3.1 Condillac
3.2. Maupertuis
3.3. Turgot

4. Rousseaus Interpretation des Sensualismus

5. Die Resakralisierung der Sprachursprungsproblematik

Schlusswort

Literatur

Vorwort

In der Sprachursprungsfrage verhält es sich ähnlich, wie mit dem berühmten Paradoxon von Henne und Ei. Was war nun zuerst da: Der Gedanke oder die Sprache? Wenn es der Gedanke war, welcher (außersprachlichen) Art mag er gewesen sein und worin bestand seine Motivation? War es die Sprache, fragt sich wozu es sie ohne dazugehörige Idee hätte geben sollen? Wie wir sehen stößt dieses gedankliche Experiment sehr schnell an seine Grenzen.

1. Zeichentheorien in der Antike

Die Frage nach der Beziehung zwischen der Welt der Dinge und der Welt der Namen wurde bereits ab dem fünften vorchristlichen Jahrhundert in Griechenland diskutiert. Für Heraklit spiegelt die Klangstruktur eines Wortes genau seine Bedeutung wider. Demokrit dagegen geht von einer beliebigen Lautgestalt der Wörter aus und argumentiert mit den Phänomenen der Synonymie und Homonymie. Platon vertieft die Fragestellung und kommt zu dem Schluss, dass das sprachliche Zeichen vielmehr die Darstellung einer Idee sei als die Abbildung eines Gegenstands. In der Tatsache, dass unterschiedliche Sprachen unterschiedliche Worte (Laute) für den gleichen Gegenstand benutzen sieht er keinen Widerspruch. Für ihn gibt es stimmige weniger stimmige und unstimmige Lautformen.[1] Aristoteles negiert, wie schon Demokrit, den Zusammenhang zwischen Lautgebilden und deren Bedeutung.

Aus der antiken Diskussion lassen sich zwei hauptsächliche Thesen ableiten, welche sich in ihren Grundzügen bis heute nahezu unverändert gegenüberstehen: Zum einen die analogistische These, welche einen unmittelbare Verknüpfung zwischen Laut und Sinn annimmt und auf der anderen Seite die anomalistische These, die genau das verneint und eine willkürliche, konventionalisierte Beziehung zwischen Wort und Bedeutung sieht.

Die im Frankreich des 18. Jahrhunderts aufflammende Sprachdebatte zeigt einmal mehr wie eng die Problematik der Onomatopoetika mit der Frage nach dem Sprachursprung verbunden ist. Wiederum spaltet sich die Wissenschaft in zwei hauptsächliche Lager: Auf der einen Seite stehen die Rationalisten in der Folge Descartes und auf der anderen Seite die Anhänger des Sensualismus, allen voran Condillac. Im Vordergrund der Diskussion steht die Frage nach der Beziehung zwischen Sprache und Denken, welche unmittelbar zum Problem der Verknüpfung von signans und signatum führt. Geht der Rationalismus von apriorischen d.h. von Geburt an vorhandenen, Ideen aus, so ist die logische Folge, dass der Zusammenhang zwischen Name und Gegenstand ein beliebiger sein muss, da eine Zuordnung zwischen beiden nicht festgelegt ist. Diese Auffassung wird daher als nominalistische These bezeichnet.[2] Dem Gegenüber stehen die Verfechter des Sensualismus, deren geistiger Vater der Engländer John Locke ist. Ihre Schlussfolgerungen lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: „Der Tastsinn erlaubt uns Gegenstände entweder direkt oder in einem bestimmten Gesichtskreis zu erfassen. Das sprachliche Zeichen erlaubt es, das zu erwecken oder anzukündigen, was wir nicht mehr sehen. In dieser Beziehung sind die primitiven Zeichen [...] symbolisch.“ (Drioxhe/Haßler, S. 325)

2. Woher stammt unsere Erkenntnis?

Bevor wir die unterschiedlichen Theorien des 18. Jahrhunderts zum Sprachursprung näher beleuchten, müssen wir einräumen, dass man sie nicht losgelöst von einer zugrundeliegenden Philosophie betrachtete. Erst aus den unterschiedlichen Epistemologien leiten sich die entsprechenden Ursprungstheorien ab. Im Folgenden möchte ich die zwei wesentlichen erkenntnistheoretischen Modelle der Aufklärung kurz skizzieren.

Descartes' methodischer Zweifel an allem führt schließlich zu seinem berühmten Cogito, ergo sum. Nur durch rationales Denken kann die eigene Identität erfahren werden. Seine rationalistisch-mechanistische Denkweise begreift den Organismus als Maschine. Er unterscheidet weiterhin zwischen Subjekt (beseelt) und Objekt (unbeseelt). Gemäß dieses metaphysischen Dualismus besitzen Tiere für ihn keine Seele. Philosophen und Denker folgender Generationen, wie z.B. Locke, G.W. Leibniz, Spinoza, L. Wolff oder Kant kommen nicht umhin, sich auf Descartes zu beziehen.

Francis Bacon gilt als der Begründer des Empirismus. Alle Erkenntnis wird aus Sinneserfahrungen abgeleitet. Demgegenüber steht der cartesianische Rationalismus, welcher die menschliche Vernunft als Grundlage des Erkenntnisprozesses annimmt. Innerhalb des Empirismus zeichnen sich drei prinzipielle Strömungen ab: 1. Der strikte Nominalismus (Thomas Hobbes), dessen Grundterminus das Wort ist; 2. Die Abstraktionstheorie (John Locke), dessen Grundterminus eine allgemeine Idee ist, welche Teil spezifischer Ideen ist; 3. Die Assoziationstheorie (Berkeley, Hume). Bei letzterer wird die allgemeine Idee dadurch manifestiert, dass eine spezifische Idee eine Sammlung von allgemeinen Ideen hervorruft.

Der Sensualismus (2.) stellt also eine spezifische Form des Empirismus dar. Alle Bewusstseinsinhalte leiten sich aus Empfindungen, Sinneneindrücken und Wahrnehmungen ab. John Locke, welcher als Vater des Sensualismus gelten kann, stellt in seinem Essay concerning humane understanding (1689) die Frage nach dem Ursprung, Umfang und Grad der Gewissheit menschlischer Erkenntnis.[3] Sein materialistischer Empirismus widerlegt Descartes' These der angeborenen Ideen (ideae innatae). Dieses auf ewigen Wahrheiten fundierte Prinzip widerspricht der sensualistischen Auffassung Lockes: „Nihil est in intellectu quod non (prius) fuerit in sensibus“. Alle Bewusstseinsinhalte (ideas) stammen aus der äußeren Erfahrung (sensation). Locke vergleicht die menschliche Seele eines Neugeborenen mit einem weißen. unbeschrieben Blatt Papier. Diese leere Seite wird im Laufe des Lebens, mit zunehmender Fülle an Erfahrungen mehr und mehr beschrieben. Locke schlussfolgert weiterhin, dass die Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens durch praktische Lebensbedürfnisse bestimmt sind, d.h. mehr als zu deren Befriedigung notwendig ist, brauchen die Menschen nicht zu erkennen.

Es gibt keine Kriterien zur Unterscheidung eingeborener und erworbener Ideen. Diese These nutzt Locke als Argument für den Sensualismus, obwohl sie ebensogut das Gegenteil bekräftigen könnte. Den Gedankengang weiterführend schlussfolgert er, dass es daher auch keine eingeborenen moralischen Prinzipien geben könne. Grundsätze wie Gerechtigkeit oder das Einhalten von Verträgen müssen durch Vernunft begründet werden, damit sie Allgemeingültigkeit erhalten.

Allein unsere Wahrnehmungen geben Auskunft über die körperliche Welt. Die Existenz der realen Welt außerhalb unserer Ideen ist theoretisch nicht zu beweisen, jedoch praktisch gewiss, da wir zwischen Wahrgenommenen und Vorgestelltem unterscheiden können.

George Berkeley und David Hume vertreten die Theorie eines idealistischen Empirismus. Nur die Wahrnehmungen allein sind real. Die gegenständliche Welt, welche die Wahrnehmungen auslöst ist nicht existent.

Die Sprachdiskussion wird bereits im 17. Jahrhundert begründet und durch Descartes und Locke philosphisch-theoretisch vorbereitet. Die Diskussion des 18. Jahrhunderts ist nicht zuletzt als Reaktion und Kritik auf Descartes und Locke zu verstehen.[4] Descartes sprachtheoretische Argumentation dient nur zur Unterstützung seiner dualistischen These von Geist und Materie. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kommt die Frage nach dem Sprachursprung zunächst im Rahmen der historischen Bibelkritik (Richard Simon Bernard Lamy) und der Naturrechtslehre (Pufendorf) auf. Im 17. und 18. Jahrhundert kristallisieren sich drei wesentliche Hauptthesen heraus: 1. Die Sprache wurde durch übernatürliche bzw. göttliche Eingebung an die Menschen weitergegeben. 2. Die Sprache gilt als Schöpfung der mit voller Denkfähigkeit ausgestatteten Menschen. 3. Es erfolgte eine gemeinsame Entstehung von Sprache und Denken im (historischen) Verlauf der Menschheitsgeschichte.

Die Sprachursprungsforschung spaltete sich im 18. Jahrhundert in drei Richtungen auf: Philologie, Poetik und Politik. In der vorliegenden Arbeit soll das Hauptaugenmerk auf philologische Aspekte gerichtet sein.[5]

3. Die Sensualisten

3.1 Condillac

Condillac[6] gilt als Hauptvertreter des Empirismus Lockescher Prägung, wenngleich er sie nicht kritiklos adaptiert. Locke ist kein eigentlicher Initiator der Sprachdebatte des 18. Jahrhunderts, vielmehr dienen seine] Theorien als programmatische Basis zur Weiterführung auf sprachtheoretischer Ebene. Die sensualistische Ursprungshypothese als Weiterentwicklung der lockeschen Philosophie ist ein wesentlicher Bestandteil aufklärerischen Denkens. Condillac erweitert sie auf das Problem der konstitutiven Funktion der sprachlichen Zeichen und deren Zusammenhang zum Denken. „La découverte de la fonction constitutive des signes pour la pensée, voilà ce que Condillac croit apporter de plus important à l'explication de l'origine des connaissances humaines.“ (Ricken 1982, S. 80)

Condillac schließt damit die Lücke im lockeschen System, in welchem eine konstitutive Rolle der Zeichen indirekt negiert wird. „En présupposant en même temps la sensation et la reflexion, la philosophie lockienne conserve en effet un charactère dualiste se traduisant, en théorie du langage, par l'hypothèse d'une faculté de penser et d'une faculté de parler qui auraient permis à l'homme de créer le langage afin de communiquer ses idées.“ (Ricken 1982, S.80)

Die Wechselwirkung von Sinneseindrücken und Zeichen ist als ein allmählicher Prozess zu begreifen. Im Gegensatz zu Locke sieht Condillac auch die Reflexion in der Sinneswahrnehmung begründet. Er wendet sich entschieden gegen eine apriorische, mechanistische Erklärung des Denkens.[7] „Condillac soutient assurément cette conception, qui limite la conaissance à la réalité attestée par nos sens, limitation d'autant plus stricte que pour notre philosophe, tout jugement est analytique. Mais l'Abbé va beaucoup plus loin qu'aucun autre empiriste. Raisonner suppose toujours le contact avec un fait du monde, comme il n'y a que des individus dans le monde, sans langage, la raison est impossible. La perception des éléments linguistiques tient lieu de la perception de l'infinité des êtres, qui n'est possible qu'à Dieu.“ (Auroux 1982, S. 181)

[...]


[1] Nota bene: Es stellt sich hierbei jedoch die Frage, welche Kriterien und vor allem welche Sprache (vermutlich seine Muttersprache) er als Maß dafür legt. Der Sprecher einer für Platon fremden Sprache würde den Lautformen seiner Sprache verglichen mit denen des Griechen vielleicht andere Stimmigkeiten zuordnen, als Platon es im umgekehrten Fall tut.

[2] Da die bloße Annahme eingeborener Ideen den eigentlichen Sprachursprung nicht beweist, plädiert ein Großteil der Rationalisten für eine göttliche Spracheingebung (Frain du Tremblay, Nicolas Beauzée).

[3] Kritiker entblößen die Achillesferse des Sensualismus: Die Einschränkung der Erkenntnis auf den Bereich der bloßen Erfahrung lässt sich letztlich nicht halten, da allein der Satz „Alle Erfahrungserkenntnis ist wahr“ nicht aus Erfahrung herleitbar ist.

[4] La Mettrie beruft sich auf Descartes mechanischen Materialismus und will eine „Sprechmaschine“ bauen.

[5] Nota bene: Auch die eigentlich sprachwissenschaftliche Sprachdiskussion vollzog sich im 17. und 18. Jahrhundert stets vor dem Hintergrund verschiedener philosophischer Systeme. Die moderne Sprachwissenschaft wie wir sie heute kennen begründete sich erst im 19. Jahrhundert.

[6] Condillac war von 1758-1767 Hauslehrer des Prince du Parme, eines Sohnes Ludwig XV. Für diesen verfasste er „seine“Grammaire, die 1775 erschien und welche von seinem sensualistischen Gedankengut durchdrungen ist. Weitere wichtige Werke Condillacs in Zusammenhang mit der Sprachursprungsfrage sind: 2. Teil des Essai ur l’origine des connaissances humaines (1746), Traité des sensations (1754), Traité des animaux (1755), Logique (1780), Langue des calculs (1798)

[7] Ebenso wie Diderot lehnt er den cartesianischen Mensch als Maschine ab.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Sprachursprungstheorien in Frankreich im 18. Jahrhundert
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V125053
ISBN (eBook)
9783640300174
ISBN (Buch)
9783640305001
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachursprungstheorien, Frankreich, Monogenese, Polygenese, Condillac, Maupertuis, Turgot, Rousseau, Sensualismus, Zeichentheorien der Antike, Erkenntnistheorie, Epistemologie, 18. Jahrhundert
Arbeit zitieren
Philipp Zöllner (Autor), 2006, Sprachursprungstheorien in Frankreich im 18. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125053

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