Nach dem Westfälischen Frieden (1648) bestand Deutschland aus einer Unzahl selbstständiger Dynastien. Hinter der territorialen Zerrissenheit und der feudalabsolutistischen Machtverhältnisse stand das Nationale Bewußtsein zurück. Dieses "Bewußtein" spiegelte sich ebenfalls in den kulturellen Lebensbereichen wieder.
Die Theaterkultur am Anfang des 18. Jahrhunderts war gekennzeichnet durch Uneinheitlichkeit, Verwahllosung und Stagnation. Es fehlte eine Einheit von deutscher Literatur und deutschem Theater. Als einer der ersten seiner Zeit nahm sich der Aufklärer Johann Christoph Gottsched (1700-1766) diesem Problem an. Aus seiner Theaterreform ging u.a. die sechsteilige Dramensammlung "Deutsche Schaubühne" hervor, welche den deutschen Dramatikern erstmals ein wirksames Publikationsorgan verschaffte. Zeitweilig arbeitete er mit Caroline Neuber (1697-1760) an der Verbesserung des Repertoires und hatte somit Teil an der Gründung eines echten Ensembles. Doch die Neubersche Gruppe (zu der u.a. ihr Mann, G.H. Koch, C.Th. Doebbelin und J.F. Schönemann gehörten) ging über dramaturgische Einflüsse Gottscheds hinaus. Schönemann sollte einige Jahre später (von 1747-1752) seinerseits ebenfalls eine Repertoiresammlung von Dramen herausgeben, was sich auf die Theaterentwicklung außerordentlich stabilisierend auswirkte. Mit der Gründung der "Akademie der Schönemannschen Gesellschaft" machte sich Konrad Ekhof (1720-1778), der "Vater der deutschen Schauspielkunst", in der deutschen Theatergeschichte verdient. Sie beschäftigte sich mit künstlerischen Problemen aufzuführender Werke, Fragen der schauspielerischen Darstellung und war zudem eine erste Schauspielschule. Johann Friedrich Löwen (1727-1771), ein Schwiegersohn Schönemanns, legte 1766 eine der ersten Geschichtsdarstellungen über das deutsche Theater vor. An Ekhof anknüpfend forderte er stehende Bühnen, die aus öffentlichen Mitteln unterstützt werden müßten sowie die Aufnahme deutscher Originalstücke anstelle von Übersetzungen. Darüber hinaus postulierte er die Verbesserung der sozialen Lage der Schauspieler. In der Erfüllung dieser Prinzipien sah er die Chance, Deutschland zu einer Nationalbühne zu verhelfen.
"Niemand [...] wird leugnen, daß die deutsche Schaubühne einen großen Teil ihrer ersten Verbesserungen dem Herrn Professor Gottsched zu danken habe."
Ich bin dieser Niemand; ich leugne es geradezu. (1, S.81)
Mit diesen Sätzen beginnt Lessing seinen 17. Literaturbrief [...]
Inhaltsverzeichnis
Kampf für ein deutsches Nationaltheater
Die Hamburger Entreprise
Hamburgische Dramaturgie
a) Situation und Aufgabe
b) Die drei Einheiten
c) Furcht und Mitleid
d) Prinzipien einer realistischen Ästhetik
e) Natur gegen Unnatur!
f) Wahrheit und Geschichte
Schlußwort
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Lessings kritische Auseinandersetzung mit dem französischen Theater und seine Bemühungen, durch die theoretische Fundierung in der "Hamburgischen Dramaturgie" die Grundlagen für ein eigenständiges deutsches Nationaltheater zu schaffen.
- Die historische Entwicklung des deutschen Theaters im 18. Jahrhundert.
- Die kritische Analyse der französischen Klassik durch Lessing.
- Die Etablierung einer realistischen Ästhetik und Dramentheorie.
- Die Bedeutung von Aristoteles’ Poetik für Lessings Theaterreform.
Auszug aus dem Buch
Die drei Einheiten
Im Zusammenhang mit der Besprechung der "Merope" von Maffei und der von Voltaire überprüft Lessing, in wie fern die Autoren den Forderungen der aristotelischen Poetik nachkommen, welche für ihn Mustergültigkeit besitzt.
Aus der Einheit der Handlung resultieren zwingend die Einheiten von Raum und Zeit. Das Ideal der Handlung vollzieht sich mit dem geringsten Zusatz von Umständen der Zeit und des Ortes. Somit begründet sich der Handlungsrahmen von einem bestimmten Ort und einem Tag von Sonnenauf- bis untergang.
"Die Franzosen hingegen, die an der wahren einheit der Handlung keinen Geschmack fanden, [...] betrachteten die Einheiten der Zeit und des Ortes nicht als Folgen jener Einheit, sondern als für sich zur Vorstellung einer Handlung unumgängliche Erfordernisse [...]"(46. Stück)
Lessing wirft Voltaire in höchstem Maße die Verletzung der antiken Postulate vor, auf welche sich die französischen Schriftsteller doch zu berufen glaubten. Er tadelt Voltaire, sich "die Fesseln der Kunst [...] so weit zu machen" (44. Stück) wie er will und bringt in diesem Kontext auch Corneille ins Spiel, welcher seinerseits die aristotelischen Regeln auf ein inakzeptables Maß ausweitete. Auf ihn geht der Dreißig-Stunden-Tag zurück sowie eine ganze Stadt als Einheit des Ortes. In Voltaires Stück ist der Palast der Merope Handlungsort, welchen das Auge jedoch nicht von ein und demselben Standpunkt aus übersehen kann. Auf ironische Weise rechtfertigt er beider Mißachtung der griechischen Gebote: "Was Corneillen aber erlaubt war, daß muß Voltairen recht sein."(44. Stück) Trotzdem er in Voltaires "Merope" keine physikalischen Hindernisse ausmachen kann, sieht er eine Vielzahl von moralischen Hindernissen und Ungereimtheiten, welche die Zeiteinheit eines Tages in Frage stellen. Dieses Phänomen faßt er treffend in folgendem Satz zusammen: "Denn was er an einem Tage tun läßt, kann zwar an einem Tage getan werden, aber kein vernünftiger Mensch wird es an einem Tage tun."(45. Stück)
Zusammenfassung der Kapitel
Kampf für ein deutsches Nationaltheater: Diese Einführung beleuchtet die Zersplitterung der deutschen Theaterlandschaft des 18. Jahrhunderts und Lessings Bestreben, durch den Bruch mit französischen Modellen ein eigenständiges deutsches Theater zu begründen.
Die Hamburger Entreprise: Das Kapitel schildert den Versuch der Gründung eines Nationaltheaters in Hamburg, das trotz finanziellen Scheiterns eine Zäsur markiert und Lessings theoretische Arbeit maßgeblich prägte.
Hamburgische Dramaturgie: In diesem zentralen Abschnitt wird die theoretische Auseinandersetzung Lessings mit der französischen Klassik, zentralen Begriffen wie den drei Einheiten, der Katharsis sowie dem Ziel eines realistischen Theaters detailliert dargelegt.
a) Situation und Aufgabe: Lessing definiert hier den kritischen Anspruch seines Werkes, als Register der Theaterpraxis die Kunst von Dichter und Schauspieler zu begleiten und zu reformieren.
b) Die drei Einheiten: Lessing untersucht die aristotelischen Vorgaben und kritisiert deren oberflächliche und missbräuchliche Anwendung durch französische Autoren wie Voltaire und Corneille.
c) Furcht und Mitleid: Der Autor erläutert seine Interpretation der aristotelischen Katharsis und plädiert für ein Theater, das auf echtes moralisches Mitleid statt auf bloßen Schrecken abzielt.
d) Prinzipien einer realistischen Ästhetik: Lessing vertieft hier den Einfluss von Diderot und fordert eine Abbildung der menschlichen Natur, die den Zuschauer durch lebensnahe Charaktere berührt.
e) Natur gegen Unnatur!: Ein leidenschaftliches Plädoyer gegen schwülstige Rhetorik und für eine Sprache, die dem bürgerlichen Verständnis entspricht und die Natur des Menschen widerspiegelt.
f) Wahrheit und Geschichte: Lessing diskutiert das Spannungsfeld zwischen historischer Faktizität und der künstlerischen Freiheit des Dramatikers, zugunsten der dramatischen Wahrheit und Wahrscheinlichkeit.
Schlußwort: Abschließend wird gewürdigt, wie Lessing mit der "Hamburgischen Dramaturgie" die Vorherrschaft der französischen Klassik brach und den Weg für die deutsche Klassik ebnete.
Schlüsselwörter
Gotthold Ephraim Lessing, Hamburgische Dramaturgie, Nationaltheater, Französisches Theater, Aristoteles, Katharsis, Drei Einheiten, Realistische Ästhetik, Dramentheorie, Aufklärung, Theaterkritik, Voltaire, Corneille, Diderot, Bürgerliches Trauerspiel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Lessings Theaterkritik, insbesondere seine Auseinandersetzung mit der französischen Klassik im Rahmen seiner "Hamburgischen Dramaturgie", um die Entwicklung des deutschen Nationaltheaters zu verdeutlichen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den zentralen Themen gehören die Theaterreform des 18. Jahrhunderts, der Vergleich zwischen der französischen Dramentheorie und aristotelischen Prinzipien sowie die Entwicklung einer eigenständigen realistischen Ästhetik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel besteht darin, Lessings theoretisches Ringen um ein deutsches Theater darzustellen, das sich von der Nachahmung französischer Modelle löst und eine eigene, naturverbundene und bürgerliche Ausdrucksform findet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Analyse literaturtheoretischer Schriften, insbesondere der "Hamburgischen Dramaturgie" und zeitgenössischer Literaturbriefe, die in den historischen Kontext der Aufklärung gestellt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theaterhistorischen Bedingungen des 18. Jahrhunderts, das Scheitern der Hamburger Entreprise und eine detaillierte systematische Analyse von Lessings ästhetischen Prinzipien, darunter Einheiten, Katharsis und Charakterdarstellung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Aufklärung, Theaterreform, Aristoteles, Mitleid-Theorie, Realismus und den Gegensatz zwischen französischer Klassik und bürgerlichem Ideal zusammenfassen.
Inwiefern beeinflusste Diderot Lessings dramentheoretische Ansichten?
Lessing übernahm Diderots Fokus auf das Theater als Schule der Sittlichkeit und die Forderung nach der Darstellung von Charakteren, die dem bürgerlichen Leben und der menschlichen Natur näherstehen als die höfischen Helden der französischen Tragödie.
Welchen Stellenwert nimmt die "Hamburgische Dramaturgie" in Lessings Werk ein?
Sie gilt als das fundamentale Werk seiner Theaterkritik, in dem er die Praxis des Theaters reflektiert, antike Gebote neu interpretiert und so die theoretische Grundlage für die nachfolgende deutsche Klassik bereitet.
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- Magister Artium Philipp Zöllner (Author), 2004, Lessing und das französische Theater, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125058