Schimpfwörter: Konstruktion von Wirklichkeit am Beispiel von Pejorisierungen in zweisprachigen Wörterbüchern (Deutsch – Schwedisch)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

Einführung

1. Diskussion und Definition zentraler Termini
1.1 Wortbedeutung
1.2 Konnotation
1.3 Pejorativum / pejorative Lexik
1.4 Schimpfwort
1.5 Pejorisierung

2. Zum Selbstverständnis von Wörterbüchern

3. Metasprachliche Kategorien

4. Analyse und Interpretation
4.1.0 Arschloch
4.1.1 Franzmann
4.1.2 Hure
4.1.3 Itaker
4.1.4 Kümmeltürke
4.1.5 Nazi
4.1.6 Neger
4.1.7 Nutte
4.1.8 Pfaffe
4.1.9 Polacke
4.2.0 Rothaut
4.2.1 Schwuchtel
4.2.2 Schlampe
4.2.3 Schnalle
4.2.4 Spast(i)

Conclusio

Literaturverzeichnis

Anhang

Tabelle 1: Metasprachliche Markierungen

Dictionaries are extremly important social discourses: They have an almost unquestioned authority in public life. (Hornscheidt 2007, S. 2)

Einführung

In universitären Kontexten sowie im öffentlichen Leben gehören Wörterbücher zu unverzichtbaren Kommunikationshilfsmitteln. Ihr Status wird dabei nur selten hinterfragt. Wer schreibt ein Wörterbuch? Welche Wörter werden aufgenommen? Was bedeutet ein Wort? Dies sind zentrale Fragen, die aus pragmatischer Sicht kritisch diskutiert werden sollen.

Textgrundlage der Untersuchung sind fünf Deutsch-Schwedische Wörterbücher zwischen 1893 und 2001, in denen am Beispiel von Schimpfwörtern[1] aufgezeigt werden soll, wie und welche Wirklichkeit hergestellt wird. Es wurden substantivische Bezeichnungen ausgesucht, welche abwertend gebraucht wurden und werden. Die Auswahl erfolgte durch Introspektion, Gruppendiskussion und Studium vorhandener Fachliteratur. Wie jede Studie, kann sie keine absolut verbindlichen Ergebnisse liefern, sondern muss in Relation zu ihrer Entstehung, ihrem Urheber und dem zugrundeliegenden Erkenntnisinteresse betrachtet werden.[2] Ziel ist es, mittels einer diachronen Skizze Veränderungen zu analysieren und in einem konstruktivistischen Verständnis zu interpretieren. Die vorliegende Arbeit möchte eine kritische Perspektive auf Wörterbücher eröffnen und eine Sensibilisierung im Umgang mit Sprache ermöglichen.

1. Diskussion und Definition zentraler Termini

1.1 Wortbedeutung

Karl Otto Erdmann (1925) unterscheidet die Wortbedeutung in einen begrifflichen Inhalt (Hauptbedeutung) und einen Nebensinn + Gefühlswert (Nebenbedeutung). (vgl. Havryliv 2003, S. 26) Die Nebenbedeutung hängt demnach teilweise von der emotiven Verwendung des Sprechers ab. Inwieweit dies die Hauptbedeutung beeinflussen kann und in welchem Verhältnis Nebensinn und Gefühlswert stehen bleibt ungeklärt.

Oksana Havryliv definiert Wortbedeutung folgendermaßen: „Der signifikative Aspekt bildet den Kern lexikalischer Wortbedeutung. [...] Der signifikative Bedeutungsaspekt ist im Vergleich zum konnotativen Aspekt relativ gut erforscht. Als konnotativen Aspekt bezeichne ich den Teil einer lexikalischen Wortbedeutung, mit dessen Hilfe der psychische Zustand des Sprechers, seine Stellungnahme zum Adressaten, Gegenstand, Sachverhalt oder zur Situation geäußert wird.“ (Havryliv 2003, S. 27) Wie schon Erdmann, geht auch Havryliv von der Kernbedeutung eines Lexems aus. Sie definiert den Terminus Bedeutung jedoch mit sich selbst, wodurch signifikativer, also bedeutungstragender Aspekt und Kernbedeutung zusammenfallen. Demgegenüber stellt sie den konnotativen Aspekt, welcher sich dem Vernehmen nach außerhalb der Kernbedeutung befindet. Dass der signifikative Aspekt „relativ“ gut erforscht ist, setzt natürlich die Annahme seiner Existenz voraus, was aus konstruktivistischer Perspektive negiert wird; daher spielt es eine untergeordnete Rolle, ob dem tatsächlich so ist.

Scheffler betrachtet Wörter als Elemente von Wortfeldern. Die Wortbedeutung ist für sie die Struktur verbindlicher Stereotypen. (Scheffler 2000, S. 100) Hierbei wäre es interessant zu untersuchen, wie solche Verbindlichkeiten aufrechterhalten werden.

1.2 Konnotation

Gehört Konnotation zur Bedeutungsstruktur des Wortes - hat sie also semantischen Status - oder nicht? Diese Frage reproduziert einmal mehr die Denkfigur einer apriorischen Begrifflichkeit. Scheffler stellt in diesem Zusammenhang Forschungsthesen von Adamzik (pro Denotation) und Schumann (pro Konnotation) einander gegenüber und schlussfolgert: „Wir gehen davon aus, daß die Konnotation per se zum Schimpfwort gehört, ohne Konnotation würde die Beschimpfung nicht funktionieren. Bei Schimpfwörtern handelt es sich um gesellschaftlich institutionalisierte Abwehrmechanismen [...]; insofern hat die Konnotation einen konstanten Anteil an der Bedeutung von Schimpfwörtern.“ (Scheffler 2000, S. 107) Die Sprecherabhängigkeit, d.h. dass das gleiche Lexem je nach Sprecher vom Adressaten unterschiedlich (abwertend) empfunden wird, spielt für sie eine untergeordnete Rolle.

Aus pragmatischer Perspektive wird Schefflers Argumentation genau ins Gegenteil verkehrt. Konnotation hat nicht nur einen Anteil an der Bedeutung eines Worts, sondern sie ist die Bedeutung schlechthin. Es existiert keine Bedeutung aus sich heraus. Jede vermeintliche Bedeutung eines Wortes, und sei sie etymologisch noch so althergebracht und gesellschaftlich akzeptiert geht letztendlich auf Bedeutung(en) zurück, die der Mensch einem Objekt verleiht. Das Denotat ist eine irreführende Erfindung. Alles ist Konnotation.

Begriffsinhalt ist demnach gleichbedeutend mit Konnotation(en) (vgl. Arndt/Hornscheidt 2004, S. 66) Der mögliche Plural, welcher durch das eingeklammerte Morphem signalisiert wird, ist bewusst gewählt worden, um die Mehrdeutigkeit, d.h. verschiedene Inhalte, ein und desselben Wortes zu betonen. Ich würde sogar so weit gehen und einen potentiellen Plural für jedes Wort annehmen, da selbst wenn seine Bedeutung noch so eindeutig scheint, es mindestens eine metaphorische Ebene besitzt, die eine zweite Konnotation möglich macht.[3] Die unterschiedlichen Bedeutungen mit denen ein Wort verwendet wird, entsprechen also seinen Konnotationen. Durch Metaphorisierung kann jedes Wort zum Schimpfwort (siehe 1.4) werden.[4]

1.3 Pejorativum / pejorative Lexik

Hier greife ich die Terminologie Havrylivs auf und möchte sie auf ihre Eignung im Zusammenhang mit meiner Arbeit überprüfen.[5]

Im Punkt 7 spricht sie von universalen Pejorativa (Scheißkerl, Sauweib), die in erster Linie (allgemein) negativ verwendet werden. Das heißt, sie können ebenso positiv gebraucht werden!

Sie weist in Punkt 11 auf unterschiedliche Verwendung pejorativer Lexeme - Enantiosemie (Existenz zweier emotiv entgegengesetzter Wortbedeutungen in der Wortstruktur) - hin. Dieses Phänomen beschreibt jedoch nur einen Sonderfall. Denkbar wäre jedoch auch eine Gradation der Bedeutungen.[6] Aus pragmatischer Perspektive könnte man fragen: Kann nicht jedes Wort eine Bedeutung unserer Wahl annehmen und gibt es dann überhaupt noch pejorative Lexeme?

Unter Punkt 14 heißt es: „Die Termini 'Schimpfwort' und 'pejoratives Lexem' ('Pejorativum') sind keine Synonyme. 'Schimpfwort' ist nur eine mögliche Realisierung des pejorativen Lexems im Sprechakt 'Beschimpfung'.“ Aus pragmatischer Sicht findet erst in der Realisierung des Lexems als Wort eine Pejorisierung statt, d.h. ein Lexem kann nicht pejorativ sein, sondern nur ein Wort im Sprechakt. Beschimpfung schließlich stellt die Bewertung des Sprechaktes dar.

Pejorative Lexik weist, laut Havryliv, eine bilaterale Struktur auf (Benennung + negative Stellungnahme) und übt zwei Funktionen aus: nominative und expressive. Desweiteren unterscheidet sie zwei Betrachtungsebenen, eine syntagmatische und eine paradigmatische. Letzterer ordnet sie eine „absolute pejorative Lexik, die in Wörterbüchern verankert ist“, zu. (Havryliv 2003, S. 18) Damit manifestiert sie zusätzlich den Absolutheitsanspruch, welchen Wörterbüchern ohnehin für sich einnehmen.[7]

Punkt 22 besagt: „Intention des Sprechers, lingualer und extralingualer Kontext sind die Faktoren, die dazu führen, dass sich ein neutrales Lexem zu einem pejorativen und, umgekehrt, ein pejoratives Lexem zu einem neutralen oder gar einem Kosewort wandelt.“[8] In unserem Zusammenhang interessiert dabei besonders, ab wann eine Wörterbuchredaktion einen solchen Wandel als vollzogen erachtet. Bedeutet das Attribut „neutral“ „ohne Bedeutung“? An dieser Stelle stößt mein pragmatischer Ansatz auf ein Paradox: Im Kommentar zu Punkt 14 wurde geschlussfolgert, dass ein Lexem nicht pejorativ, d.h. auch nicht meliorativ oder in sonst einer Weise bedeutungstragend sein kann, doch ebenso wenig kann es neutral sein. Daher meine These: Da ein Lexem von einem Wort abstrahiert wird, werden auch dessen Konnotationen bei der Verwendung des Lexems stets mit gedacht. Idealerweise müsste es neutral sein, da erst die Verwendung eine mögliche Pejorisierung mit sich bringt. Doch die Vorstellung von Neutralität kann nicht neutral sein und ist somit lediglich eine Arbeitshypothese. Da sich beispielsweise Substantive besser zum (be-)schimpfen eignen als Präpositionen würde ich den Begriff des pejorativen Potentials als Lexem-Marker dem der pejorativen Lexik vorziehen.

1.4 Schimpfwort

Scheffler zitiert Susanne Marten-Cleef (Scheffler 2000, S. 105): „Wörter mit negativer emotionaler Bedeutung, die häufig zur Beschimpfung verwendet werden, sind Schimpfwörter.“ Diese Definition halte ich in mehrfacher Hinsicht für problematisch. Dass erst die entsprechende Verwendung ein Wort zum Schimpfwort macht, ist aus pragmatischer Sicht plausibel. Doch woher bekommt ein Wort seine „negative emotionale“ Bedeutung? Können „andere“ Wörter, ohne negative emotionale Bedeutung demnach nicht zur Beschimpfung verwendet werden?[9] Das Zitat suggeriert abermals eine wortimmanente Bedeutung, welche die pragmatische Linguistik negiert. Die „häufige“ Verwendung sollte in Relation zu den Akteuren gesetzt werden: Wer beschimpft wen auf welche Weise? Das „Wie oft“ ist dabei meiner Meinung nach nicht das entscheidende Kriterium. Zusammenfassend würde ich folgende Definition wagen: Ein Schimpfwort ist ein Wort mit einem zu einer bestimmten Zeit hohen pejorativen Potential, welches in seiner pejorativen Konnotation angewendet und verstanden wird.

1.5 Pejorisierung

Der Terminus meint einerseits den Akt der Beschimpfung, also einen Vorgang, und wird andererseits synonym zu Schimpfwort, Beleidigung, etc. verwendet. Pragmalinguistisch betrachtet könnte man auch von einer möglichen Konnotation eines Wortes sprechen, nämlich einer negativen. Ein Wort ist niemals per se pejorisierend, kann es durch entsprechenden Gebrauch jedoch werden und wird dann wissenschaftlich als Pejorisierung bezeichnet.

2. Zum Selbstverständnis von Wörterbüchern

Wörterbücher dienen neben Grammatiken als die dominierende Quelle für den „korrekten“ Sprachgebrauch[10]. Sie besitzen eine multiplikatorische und normative Funktion sowie eine selten in Frage gestellte Autorität bezüglich Sprachgebrauch und Bedeutung. (vgl. Arndt/Hornscheidt 2004, S. 33f) Daher ist es zunächst wichtig zu sehen, auf welche Weise Wörterbuchredaktionen ihre Vorgehensweisen präsentieren und legitimieren. Hierzu sollen die jeweiligen Vorwörter analysiert werden, da nur hier der Autor bzw. die Redaktion Auskunft über das Projekt geben. Antje Hornscheidt hat in diesem Zusammenhang einen sehr brauchbaren Fragenkatalog entwickelt (vgl. Hornscheidt 2007, S. 15), an dem ich mich hier orientieren möchte.

Svenn Henrik Helms (1893) gibt in seinem Vorwort von 1871 an, „aus den besten Quellen“ zu schöpfen, ohne diese jedoch zu nennen. Des weiteren schreibt er: „Auch in Betreff der, überall wo es zum richtigen Verständnis der Begriffe nötig erschien, beigegebenen Phrasen und erläuternden Beispiele glaube ich sowohl für die Schrift- als auch für die Umgangssprache beider Nationen einen sichern und brauchbaren Wegweiser geliefert zu haben.“ Helms geht also von einer „richtigen“ Bedeutung eines Begriffes aus, die er dem Benutzer nahe legen möchte. Die zu diesem Zweck „beigegebenen Phrasen und erläuternden Beispiele“ sind dem Vernehmen nach seine eigenen Kreationen.

Bei Hoppe (1955) ist im Vorwort zur dritten Auflage zu lesen: „Redaktionen har vid utarbetandet av de senare partierna självklart följt de redan givna linjerna [...] [och har] undergått en genomgripande omarbetning enligt moderna tillgängliga källor, varvid redaktionens egna samlingar och erfarenheter naturligtvis utnyttjats.“ Wiederum werden, wie schon bei Helms, die verwendeten Quellen verschwiegen, nicht ohne jedoch durch das Attribut „modern“ den Aktualitätsanspruch geltend zu machen. Durch die Verwendung der Adverbien „självklart“ und „naturligtvis“ erfüllt der Autor[11] die implizite Erwartung des Benutzers und suggeriert damit ein „gemeinsames“ Verständnis von Sprache.

Im Vorwort von Prisma (1989) steht geschrieben: „Dieses völlig neue Wörterbuch ist von der Lexikonredaktion des Verlages Prisma bearbeitet worden ...“ An die Stelle eines identifizierbaren Urhebers tritt nun eine namenlose, anonyme Gruppe: die Redaktion, welche „um die Schaffung eines gut ausgewogenen Wörterbuchs bemüht [war].“ Was damit gemeint ist wird nicht gesagt. „Wörter aus dem Jargon sowie herabsetzender und vulgärer Bedeutung (in allen Fällen mit Hinweisen auf die Sprachebene versehen) sind ebenfalls reichlich vertreten.“ Auch wenn die verwendeten Termini „Jargon“, „herabsetzend“ und „vulgär“ nicht näher definiert sind, wird nahe gelegt, dass jeweilige Einträge immer entsprechend gekennzeichnet sind. Warum deren „reichlich[e]“ (was immer damit gemeint ist) Anzahl betont wird bleibt zunächst unklar. „Wir haben es als unsere Aufgabe betrachtet, das Wortgut zu erfassen und zu vermitteln, nicht aber für oder gegen eine gewisse Sprachgewohnheit Stellung zu nehmen.“ An dieser Stelle wird indirekt eine deskriptive Sprachsicht suggeriert. Selbstermächtigung ist die Arbeitsgrundlage. Es ist offensichtlich, dass das Wortgut (wenn es so etwas gibt) nicht in seiner Gänze erfasst werden kann. Die Redaktion unterschlägt damit die Erläuterung ihres Auswahlverfahrens. Ebenfalls werden die Mechanismen der Vermittlung nicht benannt. Aus konstruktivistischer Sicht ist es nicht möglich, keine Stellung zu beziehen. Allein die explizite Erwähnung des reichlichen Vorhandenseins „herabsetzender“ Wörter kann als ein Bekenntnis zu bestimmten Sprachgewohnheiten aufgefasst werden. Weiter heißt es, bei der Arbeit seien alle wichtigen zugänglichen Werke zu Rate gezogen worden, worauf eine Auflistung der verwendeten Wörterbücher folgt mit dem Hinweis, dass auch Zeitungen konsultiert worden sind, wovon einzig Der Spiegel namentlich hervorgehoben wird. Die zahlreichen Passiv-Konstruktion suggerieren die eigene vorgebliche Passivität im Entstehungsprozess des Wörterbuchs.

[...]


[1] Siehe 1.4

[2] Ob bewusst oder unbewusst, treffen wir stets (subjektive) Entscheidungen, die niemals dem Ideal neutraler, objektiver wissenschaftlicher Betrachtung gerecht werden können. Wissenschaftliches Arbeiten kann idealerweise nur die Bewusstmachung von Zusammenhängen sein, die immer durch unser eigenes Denken determiniert sind.

[3] Da wir nur über Sprache Zugriff auf Objekte haben, ist sie ohnehin nur Metapher. (vgl. Schößler 2006, S. 104)

[4] Selbstverständlich können auch Wortgruppen, ganze Sätze bzw. Non-Kommunikation pejorisierend sein.

[5] Oksana Havyliv fasst die Ergebnisse ihrer 2003 erschienenen Arbeit in 22 Punkten (S. 135-138) zusammen. Im folgenden wird daher nur der jeweilige Punkt zitiert.

[6] Hierbei stellt sich jedoch notwendig die Frage worauf sich eine mögliche Abstufung meliorativ – ( ) – pejorativ bezieht: auf die Sprecherabsicht oder das Empfängerempfinden? Da es aus pragmatischer Sicht keine neutrale Bedeutung gibt, ist die Mitte der Skala ausgeklammert.

[7] Siehe 2.

[8] An füherer Stelle zitiert sie Burgen (1988): „Für Zigeuner und Juden braucht man kein neues Schimpfwort – diese Lexeme seien 'an sich schon eine Beleidigung'.“ (Havryliv 2003, S. 24) Aus pragmatischer Sicht muss diese Aussage negiert werden, denn „an sich“ ist kein Lexem beleidigend. Dass o.g. Beispiele im Laufe der Geschichte in pejorisierender Weise angewendet wurden (und auch heute noch werden), darin besteht kein Zweifel.

[9] Scheffler unterscheidet zwischen schimpfen, was auch ohne Adressat möglich ist und beschimpfen, wofür ein Adressat notwendig wird. Laut ihrer eigenen Definition gehören jedoch auch Objekte und Tiere zu den Adressaten. (Scheffler 2000, S.103) Denkt man diesen Ansatz weiter, könnte man ihre Dichotomie zugunsten eines omnipresenten Referenzsubjekts - bzw. Objekts aufheben, d.h. egal ob be- oder ge-schimpft wird, es wird immer Bezug auf jemanden oder etwas genommen, selbst, wenn dieser oder dieses nur abstrakt benannt werden kann. Der Ausruf „Scheiße!“ zum Beispiel bezieht sich gewöhnlich auf einen misslichen Vorfall, welcher hier den abstrakten Bezug darstellt. (Kann aber ebenso gut als positive Affirmation gebraucht werden; etwa: „Scheiße, war das gut“)

[10] Wenn im folgenden von Wörterbüchern die Rede ist, so bezieht sich dies stets auf die von mir untersuchten (siehe Literatur). Jedoch wird der kritische Benutzer auch in den meisten anderen ein- oder zweisprachigen Wörterbüchern, egal welcher Sprache, sehr ähnliche Ergebnisse finden. (vgl. Arndt/Hornscheidt 2004, Afrika und die deutsche Sprache)

[11] Der Terminus „Autor“ wird bewusst verwendet, um ihn auch als Urheber und nicht nur als Herausgeber zu identifizieren.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Schimpfwörter: Konstruktion von Wirklichkeit am Beispiel von Pejorisierungen in zweisprachigen Wörterbüchern (Deutsch – Schwedisch)
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Nordeuropainstitut)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
26
Katalognummer
V125065
ISBN (eBook)
9783640825196
ISBN (Buch)
9783640825110
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Pragmalinguistisch, Diskursanalytisch, Konstruktivismus, Wörterbücher
Schlagworte
Pejorisierung, Schwedisch, Wörterbuch, Hochsprache, Sprachregister, Sprachebenen, diaphasische Varieteten, Normsprache, sprachliche Norm, Deutungshoheit, Konstruktivismus, Standardisierung, Diskriminierung, Lexik, Dialekt, Tabuisierung, Bilingual, Zweisprachig, Rückübersetzung, diachron, kritisch, Kritik
Arbeit zitieren
Magister Artium Philipp Zöllner (Autor), 2007, Schimpfwörter: Konstruktion von Wirklichkeit am Beispiel von Pejorisierungen in zweisprachigen Wörterbüchern (Deutsch – Schwedisch), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125065

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