Die Unmöglichkeit von Gegenwart in Knut Hamsuns "Pan"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Einführung

1. Af Løjtnant Thomas Glahns Papirer
1.1 Der verschwundene Untertitel
1.2 Erinnerung und Schreiben
1.3 Der maskierte Intellektuelle
1.4 Die Zeit steht still

2. Glahns Død - Ett papir fra 1861
2.1 Die Frage der Autorschaft
2.2 Funktionen des Epilogs

Conclusio

Literturverzeichnis

Anhang: Zeit-und Erzählstrukturen im Überblick

Einführung

Die vorliegende Arbeit ist ein Versuch, den komplexen narrativen Mechanismen von Pan, sowie dessen bisheriger wissenschaftlicher Verhandlung kritisch zu begegnen. Dabei halte ich mich an die formale Aufeinanderfolge beider Romanteile. Im ersten Teil 1.1 soll zunächst die Funktion des Untertitels untersucht werden. Anschließend soll unter 1.2 eine Analyse der Erzähltechniken im Zusammenhang mit Glahns Autorschaft diskutiert werden. Punkt 1.3 dreht sich um die zentrale Frage nach der Bewältigung von Vergangenheit und Gegenwart. Besonders aufschlußreich ist hierbei ein näherer Blick auf die Zeitstrukturen. Im letzten Unterpunkt zum ersten Teil (1.4) soll es um Glahns Verhältnis zu Natur und Gesellschaft aus forschungskritischer Perspektive gehen. Der zweite Teil beschäftigt sich erstens (2.1) mit der strittigen Frage der Autorschaft und zweitens (2.2) mit möglichen Funktionen des Epilogs. Abschließend sollen die wichtigsten Erkenntnisse resümiert und relativiert werden.

1. Af Løjtnant Thomas Glahns Papirer

1.1 Der verschwundene Untertitel

Die Erstausgabe von Pan ist mit „Af Løjtnant Thomas Glahns Papirer“ untertitelt. In späteren Ausgaben sowie den meisten deutschen Übersetzungen fehlt dieser Untertitel[1], der für die Interpretation von immenser Bedeutung ist.[2] Zunächst suggeriert er das Vorhandensein eines größeren Opus[3], aus welchem uns ein Ausschnitt in Form von 38 Kapiteln vorliegt. Was vielleicht noch in diesen Papieren steht wissen wir nicht und fällt damit in den Bereich der extratextuellen Spekulation. Doch was wir erfahren ist, dass es sich bei dem Protagonisten um eine sozialisierte und alphabetisierte Person handelt, die einen biblischen Vornamen[4] trägt und deren gesellschaftlicher Status durch den militärischen Grad markiert ist. Woher kommt aber der Untertitel? Ist er das Werk eines unbekannten Editors, welcher im Besitz von Glahns Aufzeichnungen ist und gerade jenen Teil auswählt und heraus gibt? Auf diese müßige Frage und die damit verbundenen Spekulationen kann man verzichten, wenn man Glahn selbst als Titelgeber annimmt, was nicht unwahrscheinlich ist, schließlich versucht Glahn sich im Laufe seiner Erzählung bewusst als Autor zu etablieren. Von sich in der dritten Person zu sprechen – es heißt ja nicht „av mina papirer“ - kommt dem Versuch gleich, eine objektivierende Instanz zu simulieren, die seine Erzählung editorisch verortet. Damit würde Glahn, der von Hamsun als fiktionaler Herausgeber inszeniert wird, seinerseits eine eigene Herausgeberfiktion innerhalb der fiktionalen Welt kreieren, nämlich die des „unbekannten Editors“. Hamsun als Erfinder Glahns ist selbstverständlich auch der Erfinder des „unbekannten Editors“, doch innerhalb der Fiktion existiert Hamsun nicht und die Autorschaft des Titels geht auf Glahn über. Dass dieser Titel wiederum nur Untertitel des ersten Teils von Pan ist, kann Glahn nicht wissen, da er nicht Teil der realen Welt ist. Der Untertitel stellt gewissermaßen den Nexus zwischen realer und fiktionaler Leserwelt dar. Seine Autoren sind gleichzeitig Hamsun und Glahn, je nachdem welchen Standpunkt wir als Leser einnehmen. Pan-Ausgaben, welche entgegen Hamsuns ausdrücklicher Forderung den Untertitel unterschlagen, berauben also auch Glahn seiner Herausgeberfiktion und synkopieren damit einen wichtigen Moment modernistischen Schreibens. Zudem fehlt die formale Parallele zum Titel des zweiten Teils „Glahns Død – Ett papir fra 1861”. Es entsteht der Eindruck, als wäre der erste Teil ohne Titel bzw. mit “Pan” betitelt, welcher jedoch der Buchtitel ist unter dem beide Teile subsummiert werden.[5] Ohne den Untertitel fehlt dem Buch weit mehr als eine Zeile, nämlich (mindestens) eine ganze analytische Ebene. Dies zeigt deutlich, wie unreflektierte redaktionelle Entscheidungen maßgeblich zu einem veränderten Textverständnis beitragen können.

1.2 Erinnerung und Schreiben

„Af Løjtnant Thomas Glahns Papirer“ ist eine homodiegetische fiktionale Erzählung. Sie ist „the subject product of a damaged, imbalanced, and highly idiosyncratic person – the narrative is fundamentally unreliable.“[6] Zu dem Schluss, dass wir Glahn als einem unzuverlässigen Erzähler begegnen, kommt auch Sehmsdorf: „If we step back from the narrative and seek to give a rational account of Glahn's experience, we are forced to the negative conclusion that he is irresponsible, dangerously unstable, even mad.“[7] Doch jeder Interpretationsansatz muss dennoch von einem bestimmten Wahrheitsgehalt in Glahns Erzählung ausgehen. Alle Aussagen Glahns als Lüge aufzufassen würde gleichermaßen heißen, dass alles wahr sein könnte, denn die Lüge kommt ohne die Wahrheit nicht aus. Was wir glauben (und damit auch nicht glauben) bildet die Basis des Textzugangs. Zunächst gilt es unseren eigenen Wahrheitsbegriff zu überprüfen, mit dem wir Glahns Aussagen bewerten. In einem Widerspruch muss nicht zwangsweise eine Unwahrheit liegen, vielleicht nur eine andere Wahrheit. Schließlich dürfen wir auch nicht vergessen, dass Glahn diese Widersprüche durch das, was er aufschreibt, selbst erzeugt. Durch diese Widersprüchlichkeit entzieht er sich immer wieder dem „analytischen Griff“ des Lesers. Das Erklärungsmodell, das dem Leser offeriert wird, sei, so Linneberg, die „unergründbare und mysteriöse Natur des Menschen.“[8] Die Erklärung läge also gewissermaßen in der Nichterklärbarkeit, was zunächst unbefriedigend erscheint und dennoch mit Hamsuns Auffassung korreliert, dass es die Aufgabe des Autors sei „to express the secret and evanescent flow of thoughts, sensations and feelings involved in the experience of self and of the world.“[9] Das Flüchtige offenbart sich nur im Moment und lässt den Charakter geheimnisvoll, unkalkulierbar erscheinen. Darin liegt die psychologische Wahrhaftigkeit von Hamsuns „Helden“, jenseits traditionell ausgearbeiteter literarischer Stereotypen.

Stuhler behauptet, Hamsuns Romane seien „systematische Anleitungen zum Falschlesen“[10], was impliziert, dass es eine oder mehrere „richtige“ Lesart(en) gibt. Lien hält im Falle von Pan dagegen und meint: „Fortelleren beregner leserens korreksjon.“[11] Diese These lässt sich auf zwei Ebenen applizieren: Einerseits auf den realen Autor Hamsun, welcher uns als realen Leser zum Korrektiv werden lässt, andererseits auf den impliziten Erzähler Glahn, welcher womöglich den impliziten Leser zur Selbstkorrektur aufruft. Im ersten Fall kommuniziert der Autor Hamsun über den Kopf des Ich-Erzählers hinweg, indem er dessen Unzuverlässigkeit (Bagatellisierungen) offensichtlich macht ohne dabei jedoch selbst das Wort zu ergreifen. Er lässt seinen Protagonisten sich selbst bloßstellen. Sollte aber tatsächlich Glahn das Entlarven seiner eigenen Unzuverlässigkeit indendiert haben, was wir ihm unterstellen aber nicht beweisen können, so hätte dies die vollständige Eklipse seines Schöpfers zur Folge.[12] In beiden Fällen gibt es keine textliche Instanz, die Glahns Aussagen relativiert. Alles wird durch seine Wahrnehmung gefiltert, was auch die o.g. Kommunikation zwischen Hamsun und dem realen Leser verunmöglicht. Negativ betrachtet ist der Leser dem internen Autor Glahn ausgeliefert. Er ist und bleibt der Erzähler und sei er noch so unzuverlässig. Lien formuliert das Autor-Leser Verhältnis in einem positiven Sinne: „Men i siste instans er det jo teksten selv som de-monterer fortellerens manipulerande skriveprosjekt.“[13]

Der Brief, indem Edvarda Glahn die beiden Vogelfedern zurückgeschickt, ist ganz offensichtlich der Auslöser für seine Niederschrift.[14] Immerhin sind Sie sind das einzige Geschenk[15], von dem Glahn den Leser wissen lässt, dass er ihr es gemacht hat. Es sollte Edvarda zur Erinnerung an ihn dienen. Die zurückgesandten Vogelfedern rufen nun gleichsam Glahns Erinnerung an sie wach[16] und werden sprichwörtlich zu seiner „Schreibfeder“. Leitmotivisch verbinden sie Rahmen- und Binnengeschichte miteinander. Bevor er die Ereignisse in Sirilund schriftlich Revue passieren lässt, thematisiert Glahn seine erzählerische Motivation:

„...jeg gir mig til å skrive noget ned for å forkorte tiden og for min fornøielses skyld.“ (1)[17]

Die Hauptmotivation dürfte wohl sein, dass Glahn nicht mit sich und seiner Enttäuschung über seine gescheiterten Beziehungen in Sirilund allein sein kann und ihm die Zeit deshalb so schrecklich lang erscheint. Schon damals wollte ihm die Zeit nur schwer vergehen.[18] Das Schreiben dient ihm als Ventil, durch dass er seinen Gedanken Luft zu machen versucht. Dass er dabei etwas wie Vergnügen im Sinne von zeitweiliger Sinnhaftigkeit empfindet scheint nachvollziehbar. Jedenfalls tut er es nicht aus reiner Muße, sonst würde er nicht zuvor auf die Notwendigkeit des Zeitvertreibs verweisen.

„...det hændte mig noget eller jeg drømte det.“ (1)

Durch diese Formulierung untergräbt er einserseits seinen eigenen Wahrheitsanspruch, andererseits konstituiert er ein charakteristisches literarisches Merkmal seiner Erzählung, nämlich das der Unentscheidbarkeit oder Widersprüchlichkeit. Der Leser merkt schon sehr bald, dass es Glahn nicht um eine wahrheitsgetreue Wiedergabe seiner Erinnerungen geht. Noch im ersten Kapitel gibt Glahn vor sich nur schwach oder gar nicht mehr erinnern zu können. Bereits einige Zeilen später geht er in detaillierte Beschreibungen der Kleidung Macks über, so als wäre das Ereignis zwei Tage und nicht zwei Jahre her. Als er seinen Hund Äsop in die Geschichte einführt (1) bemerkt er zugleich, dass er ihn später erschießen wird. Diese Antizipation eines später eintreffenden Ereignisses offenbart das literarische Schreibprojekt Glahns. Er schreibt es auf, damit es gelesen wird, was sein vorgebliches eigenes Vergnügen abermals in Frage stellt. Zu Beginn des fünften Kapitels schreibt Glahn:

„Skal jeg skrive mere? Nei, nei.“ (5)

Würde er die Geschichte tatsächlich an dieser Stelle enden lassen, wäre sie aufgrund ihrer entweder völlig belanglos oder, wenn man am Fortgang der Geschichte interessiert ist, eine publikatorische Unmöglichkeit. In beiden Fällen würde Glahn als Autor in Ungnade fallen oder hätte von vornherein zu befürchten erst gar nicht veröffentlicht zu werden, in welcher Form auch immer. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass Glahn ganz bewusst zu diesem Stilmittel der rhetorischen Frage greift, um sich als Autor zu inszenieren und mittelbar Macht über seine Leser zu erlangen.[19] Möglich ist auch eine Art der Selbstbefragung, wobei zu fragen bleibt, ob ein solcher Gedanke dann tatsächlich den Weg aufs Papier findet. Es folgt eine Reprise aus dem ersten Kapitel, die erneut seine zweigeteilte Schreibmotivation betont:

„Bare litt for min fornøielses skyld og fordi det korter mig tiden...“ (5)

Die fast wortgetreue Wiederholung bestätigt weniger den Wahrheitsgehalt der inhaltlichen Absicht, als die formale Strukturierung seines Schreibprojekts. An dieser Stelle wechselt Glahn in seine Erzählgegenwart zurück. Auch im letzten Kapitel greift er erneut seine Erzählmotivation auf, welche er eingangs bereits dreimal betont. Wiederum steht das Vergnügen in krassem Widerspruch zur Zeit, die einfach nicht vergehen will:

„Jeg har skrevet dette for å korte tiden. Det fornøiet mig å huske tilbake på den sommer i Nordland, da jeg mangen gang talte timerne, men tiden allikevel fløi. Alt er forandret, dagene vil ikke længer gå. Jeg har mangen lystig stund endnu, men tiden den står stille og jeg skjønner ikke at den kan stå så stille.“ (38)

[...]


[1] So auch in den beiden verwendeten Ausgaben (siehe Literaturverzeichnis)

[2] Vgl. Humpál, Martin (1998): „Editing and Interpreting – Two Editions of Hamsun’s Pan and the Question of the Fictional Authorship of ‚Glahns død’” in: Edda 1:98, S. 20-29

[3] Vgl. Rønhede, Nikolaj (2001): „Pan. Af Løjtnant Thomas Glahns Papirer – Uden for genre“ in: Edda 3:01, S. 315-323

[4] Thomas: aramäischer Ursprung mit der Bedeutung 'Zwilling', Jünger Jesu im Neuen Testament. Der Name kann als Metapher seiner Zwiespältigkeit und Zweigeteiltheit interpretiert werden. In der Forschung wird immer wieder auf diese Dichotomie zwischen Natur-Kultur (Linneberg, Vige) bzw. Privat-Öffentlich (Humpál) referiert.

[5] Vgl. Anhang

[6] Humpál 1998 The roots of modernist narrative, S. 108

[7] Sehmsdorf 1974, S. 385

[8] Linneberg 1976, S. 193

[9] Sehmsdorf 1974, S. 357

[10] Stuhler 2005, S. 177

[11] Lien 1993, S. 136

[12] Vgl. Barthes, Roland „Der Tod des Autors“ in: Jannidis, Fotis (Hg.): Texte zur Theorie der Autorschaft, Stuttgart 2000, S. 185-193.

[13] Lien 1993, S. 136

[14] Vielleicht war der Brief Edvardas Auslöser einer unwillkürlichen Erinnerung (mémoire involuntaire), vergleichbar mit der Madeleine-Szene in Prousts Recherche. Die schließliche Bearbeitung seiner Erinnerungen ist jedoch unter literarischen Prämissen gelenkt.

[15] Das Übersenden von Äsops Leichnam an Edvarda ist wohl eher als gezielte Geste der Demütigung und Machtdemonstration, denn als echtes Geschenk zu bewerten.

[16] Nettum vergleicht Glahns Erinnerung an Edvarda und Eva und kommt zu dem Schluss: „Diejenige die er nicht bekommt, ist in seinen Gedanken lebendiger, als die die er bekommt...“ Nettum 1970, S.294

[17] Im folgenden werden alle Zitate aus Pan der Übersicht halber nur mit der jeweiligen Kapitelnummer ausgewiesen, was aufgrund der relativen Kürze der Kapitel keine Schwierigkeiten beim Auffinden bereitet.

[18] Vgl. 1.4 Die Zeit steht still, S. 11

[19] Vgl. „Hvad mere har jeg å skrive?“ (33)

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Unmöglichkeit von Gegenwart in Knut Hamsuns "Pan"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V125066
ISBN (eBook)
9783640300235
ISBN (Buch)
9783640305063
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unmöglichkeit, Gegenwart, Knut, Autorschaft, Untertitel, Erinnerung und Schreiben, Der maskierte Intellektuelle, Funktionen des Epilogs, Zeit, Erzählstrukturen, Chronologie, Pan, Hamsun, Textanalyse, Moderne, Stilmittel, Komposition, 19. Jahrhundert
Arbeit zitieren
Magister Artium Philipp Zöllner (Autor), 2007, Die Unmöglichkeit von Gegenwart in Knut Hamsuns "Pan", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125066

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