Zwischen den Fronten - Hrafnkels saga Freysgoða

Eine Analyse


Seminararbeit, 2005

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1. Chronologisierung

2. Komposition

3. Erzähltechnik

4. Hrafnkel und Sam

5. Was ist das Thema der Hrafnkatla?

6. Faktum oder Fiktion?

Schlusswort

Literatur

Vorwort

Noch heute – ein dreiviertel Jahrtausend nach ihrer Entstehung – erfreut sich die Hrafnkels saga größter Beliebtheit. Ihre formale Klarheit und gleichzeitige inhaltliche Vieldeutigkeit entsprechen dem Geschmack des „modernen“ Lesers. Gemeinsam mit der Gunnlaugs saga erscheint die sie in mehr Ausgaben als irgendeine andere isländische Saga. Seit ihrer Wiederentdeckung[1] im 18. Jahrhundert wurde sie in mehr als 15 Sprachen übersetzt, davon allein über 20 Mal ins Deutsche. Seit 1839 ist die Hrafnkels saga in mehr als 20 Editionen erschienen. Nach wie vor ist sie die beliebteste ostisländische Saga und steht innerhalb der Mediävistik weiterhin im Fokus der Sagaforschung. Die unterschiedlichen Meinungen divergieren so stark, wie selten bei einer anderen Isländersaga. Zu keiner anderen Saga äußert sich die Forschung derart umfassend und ausgiebig. Neben der für eine Saga beträchtigen Leserschaft stellt jeder weitere Aufsatz zur Hrafnkels saga gleichermaßen einen Beitrag zu deren Popularität dar.

1. Chronologisierung

Da sämtliche Isländersagas anonym überliefert sind, kann man keine biografischen Angaben zu Rate ziehen, um ihr Alter zu bestimmen. Erschwerend kommt hinzu, dass von keiner Isländersaga der Originaltext erhalten ist. So ist auch die Hrafnkels saga nur in späteren Bearbeitungen[2] überliefert. Prinzipiell muss jedoch zwischen ihrer Entstehungszeit und ihrer Handlungszeit unterschieden werden.

Den erhaltenen Pergamenten und Fragmenten, die als einzige Quellen dienen, können nur durch den Vergleich untereinander Informationen über ihr jeweiliges Alter werden. Profunde komparative Studien mit anderen Texten erlauben schließlich eine ungefähre Bestimmung der Zeit, in der die Saga spielt bzw. in der sie entstanden ist. Doch trotz der unbedingten Berücksichtigung philologischer, inhaltlicher sowie historischer Kriterien muss man weiterhin erhebliche Unsicherheiten in Kauf nehmen. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Meinungen hierbei auseinander gehen:

Kurt Schier bezeichnet die Jahre zwischen der Besiedlung Islands (um 870) bis ungefähr 1030 als „Sagazeit“. Es ist offensichtlich, dass er sich auf ihre Handlungszeit bezieht, die er aus den in den Sagas geschilderten Ereignissen ableitet. Bei Baetke findet man die leicht abweichende Angabe ca. 900 – 1030. Uecker nennt 930 – 1030. Die Übereinstimmung der oberen Periodengrenze bürgt zwar noch nicht für ihre Korrektheit, zeigt aber zumindest einen gewissen Konsens innerhalb der Forschung an. Um allen Annahmen, denn um mehr kann es sich hierbei nicht handeln, gerecht zu werden, kann man, ihre Handlungszeit zwischen 925 und 950 n. Chr. festsetzen. Die Zeit der Niederschrift fällt etwa in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts.

Eng verknüpft mit der Problematik der Chronologisierung ist die bis heute ungeklärte Frage, ob es eine mündliche Erzähltradition gegeben hat, bevor die Sagas erstmals niedergeschrieben wurden. Im siebten Kapitel möchte ich näher darauf eingehen.

2. Komposition

Als einen der vollkommensten Kurzromane aller Zeiten bezeichnet sie Nordal.

Schier und Röhn vergleichen sie gar mit einer Novelle. Derartige Assoziationen können wohl kaum zufällig sein. Wie kommt es also, dass es die gut 750 Jahre alte Hrafnkatla mit den o.g. viel moderneren literarischen Gattungen aufnehmen kann?

Neben dem bis heute umstrittenen Inhalt[3] ist die Antwort zunächst in ihrer doch sehr ökonomischen Struktur zu suchen. Die Hrafnkels saga bildet, so Boyer, gemeinsam mit der Gunnlaugs saga Ormstunga und der Njála ein Dreigestirn mustergültiger Vertreter der Sagagattung. Trotzdem tut sich die Hrafnkels saga gegenüber den beiden anderen angeführten Sagas in einigen wesentlichen Punkten hervor:

Vorab ist es bemerkenswert, dass gar keine eddischen, skaldischen oder losen Strophen (lausavísur) in die Saga eingeflochten sind, wie es bei den meisten anderen Isländersagas der Fall ist. Es lassen sich sehr typische Sagamotive finden, wie z.B. Traum (Hallfreds Warntraum), Brüderpaare (Thorbjörn / Bjarni, Sam / Eyvind, Thorgeir / Thorkel), Tod von Unschuldigen (Eyvind), vergebliche Warnung (Diener Eyvinds) oder die zur Rache aufreizende Frau (Magd). Weiterhin auffällig ist der vollständige Verzicht auf fantastische oder mystische Elemente. Nirgends in der Hrafnkatla [4] wird die poetische Realität durch Trolle, Naturgeister oder überirdische Kräfte kompromittiert. Auch zeigt sich die Saga bar jeder Erotik und Romantisierung. Aus diesen Gründen hielt man sie lange Zeit für historische Realität[5]. Ein ganz typisches Merkmal der Sagakunst, nämlich das Fehlen von Landschaftsbeschreibungen, kommt auch in der Hrafnkels saga vor, die ja als Prototyp für die Isländersaga gilt. Es gibt keine äußere Wirklichkeit. Der Gegenstand der Saga ist der Mensch. Die Umwelt dient lediglich als Schauplatz der Figuren.

Die Hrafnkatla verzichtet auf jegliche Nebenhandlung sowie Vor- und Rückblenden. Es ist ein linearer, einsträngiger Handlungsverlauf und zu beobachten. Wie Perlen auf einer Kette reihen sich die Ereignisse zu einer stringenten Fabel aneinander. „Was rechts und links vom Geleise der Handlung liegt, bleibt unsichtbar.“ (Baetke, 1944, S. 158)

Von See teilt die Saga in drei große Handlungsabschnitte ein. Pálsson stellt diesen noch Prolog und Epilog voran bzw. nach[6]. Fügt man beide Ideen zu einem Modell[7] zusammen, so entsteht der Eindruck eines klassischen fünfaktigen Dramenaufbaus[8], der weder vom Autor beabsichtigt noch völlig willkürlich sein kann. Tatsächlich kann man jedem Abschnitt aus Pálssons Modell einen Akt und dessen Spezifik zuordnen[9]:

Die Exposition (1. Akt) erfüllt die ihr zugedachte Aufgabe, indem sie die handlungswichtigen Personen und die Situation vorstellt. Sie entspricht dem, was Pálsson „prologue“ nennt. Im 2. Akt entsteht der Konflikt (Einar reitet Freyfaxi) und nimmt seinen Lauf (Mord an Einar, Sam übernimmt die Klage gegen Hrafnkel, Reise zum Allthing). Pálsson betitelt diesen „2. Akt“ thematisch als „murder“. Die Peripetie findet im 3. Akt statt (Verurteilung Hrafnkels) und gipfelt in der Katastrophe (Folterung, Demütigung, Entrechtung und Vertreibung Hrafnkels). Hierin sieht Pálsson den Vollzug des „punishment“. Daraufhin fällt die Handlung, wie es der 4. Akt einer klassischen Tragödie vorschreibt, ab (Sam herrscht auf Adalbol, Hrafnkel bereitet seinen Wiederaufstieg vor). Die Eyvindszene innerhalb des 4. Aktes könnte man als retardierendes Moment auffassen, da an dieser Stelle eine Abwendung von Sams Schicksal (Eyvind könnte vor Hrafnkel nach Adalbol fliehen und Sam warnen, stattdessen stellt er sich ehrenhaft dem Kampf, in dem er erliegt). Die Ereignisse von Hrafnkels Wiederaufstieg, dem Mord an Eyvind und die Rückeroberung von Adalbol bezeichnet Pálsson als „revenge“. Schließlich im 5. Akt („epilogue“) werden die Schicksale der Protagonisten besiegelt (Sam kehrt nach der ausgeschlagenen Hilfe der Thjostarsöhne gedemütigt auf seinen alten Hof zurück, Hrafnkel stirbt und vermacht seine Godentümer seinen beiden Söhnen Thorir und Asbjörn). Es bleibt kein offenes Ende.

Trotzdem wäre es anachronistisch und gattungswidrig, eine Saga noch tiefer gehend unter dramentheoretischen Aspekten zu untersuchen. Allerdings ist es meiner Meinung nach nicht zu weit gegriffen, aus den strukturellen Übereinstimmungen zwischen Hrafnkels saga und klassischer Tragödie ein literarisches Kompositionsprinzip im Allgemeinen abzuleiten. Es beweist immerhin, dass es sich vielmehr um eine eigenständige poetische denn um eine historiografische Leistung des Autors handeln muss[10].

3. Erzähltechnik

Wodurch wird nun die soeben untersuchte Komposition technisch umgesetzt? Der Hrafnkels saga liegt eine weitgehende Trennung von Materialeinführung und Geschehensdarbietung zugrunde, um den Handlungsverlauf nicht unnötig zu unterbrechen. Bis auf den ersten Abschnitt (Warntraum), der die Vorgeschichte kurz vorwegnimmt, gehören alle Kapitel zur Haupthandlung. Zudem sind von den 26 namentlich genannten Personen lediglich acht an der Haupthandlung beteiligt. Diese laut Röhn eher saga un typische „Übersichtlichkeit“ erlaubt dem Leser jedoch einen leichten Zugang zur Hrafnkatla und dürfte nach wie vor ein wesentlicher Grund für ihre Popularität sein. Die sukzessive Erzählweise ohne Perspektivwechsel des Autors machen die Saga zu einem wahren Lesevergnügen. Zudem übt sich der Autor, wie Baetke es formuliert, in epischer Zurückhaltung, d.h. dass ein hoher Dialoganteil die Geschichte zum Leben erweckt. Die Saga zeigt den Menschen nicht als denkendes oder fühlendes, sondern als handelndes Wesen. Durch sein Handeln offenbart sich seine Seele[11]. “Die Welt der Saga […] ist ohne Farben und Töne“ (Baetke, 1944, S. 158)

Es dominiert die Technik der szenischen Erzählung, wobei die Tendenz zur szenischen Darstellung der Handlungshöhepunkte besonders ausgeprägt ist (vgl. Mord an Einar, Kap. 5; Verurteilung Hrafnkels auf dem Allthing, Kap. 10; Mord an Eyvind, Kap. 14) Die Höhe- und Wendepunkte opponieren in ihrer relativen Kürze mit den viel ausführlicher erzählten vorbereitenden Ereignissen. Diese Technik gipfelt in der Eyvindszene. Der Autor verzichtet an dieser Stelle auf ausschweifende, durchaus sagatypische Beschreibungen der Kampfhandlungen und teilt lediglich das Ergebnis des Kampfes mit: „Eyvind und alle seine Männer waren gefallen.“ (Kap. 14)

Für eine möglichst profunde Interpretation der Hrafnkatla darf man auch die innere Zeitgestaltung nicht unberücksichtig lassen.[12]

[...]


[1] Handschriften

[2] Erhalten sind das einzelne Pergamentblatt AM 162 I, fol. (M) (15.Jh, bis ca. 1650 vollständig bewahrt)
- eine direkte Abschrift der Membran (M) auf Papier: AM 156, fol. (A)
- Abschriften einer verloren gegangenen Abschrift von (M): AM 158, fol. (B), AM 443, 4t° (C),
AM 551c, 4t° (D, ca. 1640), AM 451, 4t° (18. Jh.)

[3] vgl. 5. Was ist das Thema der Hrafnkatla? S. 8

[4] der Begriff wurde von Pálsson eingeführt (analog zu Njáls saga => Njála, Egils saga => Egla, Grettis saga => Grettla)

[5] vgl. 6. Faktum oder Fiktion? S. 9

[6] siehe Anhang S. 13

[7] erstellt nach Pálsson Arts and Ethics in Hrafnkels saga, 1971 und von See, Die Hrafnkels Saga als Kunstdichtung, 1979.

[8] Vielleicht kann man in diesem Sinne auch Boyers Äußerung von einem «Ouvrage d’un admirable classicisme où règnent partout l’équilibre et la mesure» verstehen. (Boyer, 1964, S. 201)

[9] Die Verwendung der dramentheoretischen Termini erfolgt lediglich zum Skizzieren einer Parallele. Sie erhebt in diesem Zusammenhang keinen Anspruch auf Adäquanz zum Forschungsgegenstand.

[10] siehe auch 6. Faktum und Fiktion, S. 9

[11] siehe 4. Hrafnkel und Sam, S. 5

[12] Eine rekonstruierte äußere Chronologie erlaubt keine annähernd genaue Datierung der Hauptereignisse, daher empfiehlt sich eine textimmanente Analyse als einzig verlässliche Methode (Forschungsansatz der sog. „Isländischen Schule“)

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Zwischen den Fronten - Hrafnkels saga Freysgoða
Untertitel
Eine Analyse
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V125068
ISBN (eBook)
9783640300242
ISBN (Buch)
9783640305070
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Themenkreis: Skandinavistik, Mediävistik, Sagaliteratur
Schlagworte
Zwischen, Fronten, Hrafnkels, Freysgoða, Sagaliteratur, Altisländisch, Mediävistik, Isländersagas, Godentum, norröne Literatur, Hrafnkatla, Saga, Eyvind, Thorbjörn, Bjarni, Sagakunst, Erzähltechnik, Komposition, Chronologisierung, Freiprosatheorie, Buchprosatheorie, Mittelalter
Arbeit zitieren
Magister Artium Philipp Zöllner (Autor), 2005, Zwischen den Fronten - Hrafnkels saga Freysgoða , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125068

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