Engel im Islam

Engelsvorstellungen bei Philosophen, Mutakallimūn und Sufis


Hausarbeit, 2009
28 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlegendes zu den Engeln im Islam
2.1. Engel im Koran
2.2. Iblīs, Hārūt und Mārūt

3. Engelsvorstellungen bei den Falāsifa

4. Engelsvorstellungen bei den Mutakallimūn

5. Engelsvorstellungen bei den Sufis

6. Fazit

7. Quellen
7.1. Aṭ-Ṭabarī
7.2. Az-Zamaḫšarī
7.3. Ibn Kaṭīr

8. Literatur

1. Einleitung

Die Angelologie des Islams ist ein überraschend vielfältiger und interessanter Forschungsbereich. Viele Schulen und Richtungen von Gelehrten haben Kos-mologien entwickelt, in denen Engel eine wichtige Rolle spielen. Über die Mystiker beispielsweise schreibt Murata:

„In philosophical and Sufi texts, anegelology is often an essential component of both cosmology and spritual psychology, since the an­gels enter into the definition of both the macrocosm and the micro­cosm“ (Murata, 1987: 324) .

Aber auch andere, theologische Fragen lassen sich am Beispiel der Engel gut erläutern. Genannt seien hier die Theodizee und der tau ḥī d.

In dieser Hausarbeit will ich Engelsvorstellungen von Philosophen, Mutakal-limūn und Sufis darstellen. Zuerst werde ich aber auf die Rolle der Engel im Koran eingehen, speziell auf die Frage ihrer Verehrung, und auf Hārūt und Mārūt (und den damit inhaltlich verwandten Fall des Iblīs‘) eingehen, die in den drei tafsīr -Texten behandelt werden, deren Übersetzung Teil dieser Arbeit ist.

2. Grundlegendes zu den Engeln im Islam

2.1. Engel im Koran

Neben grundlegenden religiösen Dogmen wie dem tau ḥī d steht die Engels-lehre im Islam sicher in ihrer Bedeutung etwas zurück. Dennoch nehmen die Engel im Koran einen weiten Platz ein und der Glaube an ihre Existenz wird dort mit anderen wichtigen Glaubenswahrheiten auf eine Stufe gestellt (vgl. (Henninger, 1951: 57)). Gardet meint, dass der Koran den Engeln eine Sonder-stellung einräumt, weil er sie an drei Stellen (2,177.185; 4,136), die die „not-wendigen Glaubensgrundsätze“ zusammenfassen, noch vor den Gesandten nennt (Gardet, 1968: 72). Dort schreibt der Koran den Muslimen den Glauben an die Engel vor. So heißt es in 2,177 in der Übersetzung von Khoury (Khoury, 2004: 85 f.):

Frömmigkeit besteht nicht darin, daß ihr euer Gesicht nach Osten und Westen wendet. Frömmigkeit besteht darin, daß man an Gott, den Jüngsten Tag, die Engel, das Buch und die Propheten glaubt... Und in 2,285 (a.a.O.: 110):

Der Gesandte glaubt an das, was zu ihm von seinem Herrn herabge-sandt wurde, und ebenso die Gläubigen. Jeder glaubt an Gott und seine Engel und seine Bücher und seine Gesandten.

Der Glaube an die Ǧinn und die Teufel wird dagegen nicht gefordert (Eichler, 1928: 34, 40 u. 97). Allerdings muss betont werden, dass mit dem Terminus „Glauben an die Engel“ nur die Überzeugung, dass sie existieren, gemeint sein kann. Denn eine Anbetung der Engel ist verboten, sie wäre š irk. Entsprechend heißt es in 3,79.80 (Khoury, 2004: 127 f.): Es steht keinem Menschen zu [...] , daß er euch befiehlt, die Engel und die Propheten zu Herren zu nehmen. Kann er euch denn Unglau-ben befehlen, nachdem ihr Gottergebene geworden seid?

Die Engel selbst bestreiten in 34,40.41, göttliche Verehrung entgegengenom-men zu haben. Dass der Koran sich so stark gegen die Verehrung von Engeln ausspricht, hängt meines Erachtens nach mit dem vorislamischen Glauben zu-sammen, der in Mekka und Umgebung praktiziert wurde. Es soll vorgebeugt werden, dass die Engel – wie Manāt, al-Lāt und al-ʿUzza (falls diese schon in vor-islamischer Zeit als Töchter des Hochgottes Allah betrachtet wurden) – als Nachkommen Gottes, oder zumindest als göttlich gesehen werden. Denn dies wÜrde gegen den tau ḥī d verstoßen. Man könnte aber auch die These aufstellen, dass die Notwenigkeit zu dieser Vorbeugung erst durch die häufige Hervorhe-bung der Engel entstand. Darauf aufbauend mÜsste man fragen, wieso Engel so oft erwähnt werden. Weiter könnte man dann die These aufstellen, dass dieses so ist, um Muḥammads Zeitgenossen die Konversion zum Islam schmackhaft zu machen, indem der Islam das Konzept der Mittlergöttinnen aufgriff. Dies wäre dann eine These, die mit der These verwand wäre, Muḥammad habe mit den „Satanischen Versen“ versucht, BrÜcken zur alten Religion der Araber aufzubauen. Aber dies ist sehr spekulativ und mÜsste erst untersucht werden.

Eichler weist darauf hin, dass die Engelsanbetung nicht nur SÜnde, sondern auch völlig ÜberflÜssig wäre. Denn: Da Engel nur das tuen können, was Gott ihnen befiehlt, sie von seinem Willen absolut und direkt abhängig sind, könn-ten sie „ohne seinen [Gottes] Willen nicht einmal FÜrbitte[1] einlegen“ (a.a.O.: 98). Also kann man das Prinzip der absoluten Abhängigkeit der Engel von Gott auch als Verneinung des Konzeptes der Mittlergottheiten interpretieren. Denn die Engel können zwischen dem Menschen und Gott gar nicht vermit-teln. Sie können es nicht einmal wollen. Es sei denn, Gott will es – wodurch eine Engelsanbetung, mit der Gottes Willen beeinflusst werden soll, hinfällig ist. Zur These der Verneinung der Mittlergottheiten passt auch, dass der Koran die Engel als nicht-weiblich beschreibt. In Sure 37,149-153 wird nicht nur be-stritten, dass Gott Töchter gezeugt habe, sondern auch, dass es weibliche Engel gäbe. Dies kann nicht in Abgrenzung zu den Engelsvorstellungen der Christen oder Juden formuliert worden sein. Denn auch diese Religionen gehen im All-gemeinen von männlichen Engeln aus (a.a.O.: 98). Es also sehr wahrschein- lich, dass die Betonung der Männlichkeit[2] der Engel in der Abgrenzung zum Konzept der Mittlergöttinnen in der alt-arabischen Religion begründet ist.

2.2. Iblīs, Hārūt und Mārūt

Egal ob Mutakallim, Philosoph oder Sūfī: Der Koran wird von den Gelehrten der drei Gruppen als wahr akzeptiert. Was der Koran über die Engel berichtet, dürfte unter ihnen eigentlich Konsens sein. Eigentlich – denn wie bei jeder Ko-ran-Forschung kann über die Bedeutung der Worte, über deren äul3ere Form es einen Konsens gibt, Dissens herrschen. So ist für diese Arbeit bedeutend, dass das Wort „mā“ für die Einleitung eines substantivischen Relativsatzes genutzt werden kann, aber auch zur Negation. Dazu später mehr.

Engel werden in 45 Suren erwähnt, in vielen mehrfach – insgesamt erscheint das Wort für Engel, malak (Plural mala ʾ ika) mehr als achtzig Mal im Koran. In der zweiten Sure, deren Vers 102 die Grundlage der für diese Arbeit zu über-setzenden tafsīr-Texte ist, kommen Engel in zwölf Versen vor (2,30-34.98.102.161.177.210.248.285).

Die Verse 2,30-34 berichten über eine zentrale Szene: Gott erklärt den En-geln, dass er den Menschen Menschen schaffen will („Ich werde auf der Erde einen Nachfolger einsetzen.“ Übersetzung nach Khoury, 2004: 62). Trotz einer kritischen Nachfrage[3] durch die Engel, erschafft Gott Adam, führt ihn den En-geln vor und fordert diese auf, vor ihm niederzuknien.[4] In Vers 2,34 heil3t es: Und als Wir zu den Engeln sprachen: „Werft Euch vor Adam nied]er.“ Da warfen sie sich nieder, außer Ibl ī s. Der weigerte sich und verhielt sich hoch-mütig, und er war einer der Ungläubigen.

Nach dem Wortsinn dieses Verses muss es sich bei IblTs eigentlich um einen Engel handeln. Doch, wie in den folgenden Kapiteln gezeigt werden wird, wird unter muslimischen Gelehrten allgemein davon ausgegangen, dass Engel keinen eigenen Willen haben und nur tun, was ihnen befohlen wird (vgl. Koran 6,66). Da IblTs aber, indem er nicht vor Adam niederkniet, sich dem Willen Gottes widersetzt – er wird dafür von Gott verflucht – besteht Unklarheit über IblTs‘ Natur. Manche sehen in ihm einen Oinn (vgl. (Khoury, 2004: 62, Kommentar zu 2,34). Im Vers 18,50 heißt es über IblTs „Er gehörte zu den Oinn.“ Dies könnte allerdings eine Ergänzung zu 2,34 sein („und er war einer der Ungläubigen“). Dies könte bedeuten, dass erst durch seine Weigerung aus dem Engel ein Oinn wurde – so wie in dem Moment aus ihm ein Ungläubiger wurde. Dieses könnte in Zusammenhang gebracht werden mit der – in den fol-genden Kapiteln erwähnten – Meinung, dass Engel, Oinn und Teufel gleich sind in ihrer Substanz, dass sie sich in ihrem ethischen Verhalten unterschei-den.

Die Sure mit den meisten Versen, in denen Engel vorkommen, ist die Sure 15 (7-8.28.30.51-65.68.70). Die Verse 15,51-65 bilden im Koran das längste Stück direkt aufeinander folgender entsprechender Verse. Diese Sure behan-delt vor allem den Menschen und seine Haltung gegenüber Gottes Wohltaten (15,1-48) und das Strafgericht Gottes gegen die sündigen Städte (15,49-84) (a.a.O.: 353).

Einige Engel werden auch namentlich erwähnt. Es ist wenig verwunderlich, dass OibrTl, der Mubammad den Koran offenbarte, am häufigsten genannt wird, und zwar in sechs Suren in insgesamt 22 Versen (2,97-98; 16,102; 26,193; 53,5-9.13-17; 66,4; 81,19-25). Allerdings wird er oft nicht als „OibrTl“ bezeichnet, sondern als „ ar-r ūḥ al-am ī n“.

[...]


[1] In 40,7 heißt es zwar Über die Thronträger „Sie bitten um Vergebung fÜr die, die glauben“ (Übersetzung nach (a.a.O.)), doch ich bin der Meinung, dass es so gemeint ist, dass sie allgemein fÜr die Gesamtheit der Gläubigen bit­ten – nicht fÜr einzelne Individuen und schon gar nicht auf deren Engelsanbetung hin. Dies vermute ich, da in der Sure weiter der Wortlaut ihrer FÜrbitte verzeichnet ist. Die Thronträger sagen demnach „Vergib denen, die sich bekehrt ha-ben und deinem Weg gefolgt sind, und bewahre sie vor der Pein der Hölle.“ Dies verstehe ich als kollektive FÜrbitte. Wichtig ist auch, dass in diesem Vers nicht der Begriff š af ā ʿ a verwendet wird, der nicht nur FÜrbitte umfasst, sondern auch Mittlerschaft (vgl. (Eichler, 1928: 97). Es wird yasta ġ fir ū na, „sie bitten um Verzeihung“, verwendet.

[2] Eichler meint, dass die Nicht-Weiblichkeit der Engel zeige, dass Muḥammad sie sich männlich vorgestellt habe, andernfalls hätte er ihre Geschlechtslosigkeit als Argument gegen die Vorstellungen von weiblichen Engeln genutzt (a.a.O.: 102). Aul3erdem enthält gerade die Geschichte von Hārūt und Mārūt einen Hinweis, dass Engel männlich sein könnten. Schliel3lich sollen die beiden auf der Erde Sex gehabt haben (s.h Seite 8). Allerdings könnte es auch sein, dass sie für ihren Aufenthalt auf der Erde menschliche – und männliche – Gestalt annahmen. Darauf könnten die Aus-sagen al-Qāsims im Text von Ibn Kaṭīr hinweisen, s.h. Seite 26. Auch der Koran sagt in Sure 6,9, dass ein Engel, der zur Erde herabgesandt wird, den Menschen als Mann (ra ǧ ul) erscheint.

[3] Die Erwähnung dieses Widerspruches gegen die Schöpfung des Menschen soll laut Eichler hervorheben, dass die Engel nicht an der Schöpfung beteiligt waren: ebenso, dass kein Engel mit individuellen Namen genannt wurde (Eichler, 1928: 82).

[4] Dabei handelt es sich nach vorherrschender Meinung um ein Zeichen der Ehrerbietung, der Anerkennung der Vor-züge des Menschen, nicht um eine Anbetung (vgl.: (Khoury, 2004: 62, Kommentar zu 2,34)). Andere, vor allem Sufis, erkennen in dem Niederknien vor Adam eine Geste der Anbetung – und lehnen sie daher ab. Sie sehen in Iblīs wegen seiner Verweigerung deswegen sogar ein Vorbild für den Gläubigen (vgl. (Schimmel, 1995: 276 f.)).

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Engel im Islam
Untertitel
Engelsvorstellungen bei Philosophen, Mutakallimūn und Sufis
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Islamwissenschaft und Arabistik)
Veranstaltung
Hauptseminar: Glaube und Vernunft im Islam
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
28
Katalognummer
V125072
ISBN (eBook)
9783640300266
ISBN (Buch)
9783640305094
Dateigröße
684 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: "Ich möchte noch einmal betonen, wie gut mir Ihre Arbeit gefallen hat. Nur bei der Übersetzung am Ende haben Sie ein bisschen danebengelegen."
Schlagworte
Engel, Glaube, Islam, Philosophie, Mystik, Metaphysik, Kosmologie, Angelologie, Islamwissenschaft, Orientalistik
Arbeit zitieren
Marius Meyer (Autor), 2009, Engel im Islam, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125072

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