Der Turmbau zu Babel


Seminararbeit, 2005

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Grundlegendes
1.1. Hebräischer Text
1.2. Deutsche Übersetzung

2. Literarkritik. Der Turm als Stufenbau

3. Assyrischer Exkurs und babylonisches Exil. Von den Stufen des Turmbaus

4. Theologisches, Menschliches

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis
6.1. Quellen
6.2. Hilfsmittel
6.3. Literatur

0. Einleitung

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel, des wahrscheinlich eindrucksvollsten Bildes menschlicher Hybris, gehört zu den wohl berühmtesten Erzählungen der Bibel und könnte sich vom Bekanntheitsgrad sicherlich mit Adam und Eva im Paradies, ja sogar mit dem berühmt-berüchtigten Weihnachtsmärchen nach Lukas messen. Wie so oft gilt es aber, den tatsächlichen Text von der verbreiteten opinio communis über dessen Deutung zu trennen. So ist weder Nimrod der Erbauer, noch wird der Turm durch göttliche Intervention zerstört!

Diese Arbeit wird, nachdem mit einer vorsichtigen und literarisch eher wertlosen deutschen Übersetzung (1.2.) des hebräischen Textes[1] (1.1.) eine Arbeitsgrundlage geschaffen worden ist, versuchen, folgende Fragen zu beantworten:

1. Wer ist der Verfasser der Turmbauerzählung?

2. Aus welchem Anlass wurde diese geschrieben? oder schärfer formuliert:

Wo stand der Turm zu Babel? und:

3. Welche theologischen Aussagen wohnen ihr inne?

Da der Text auf den ersten, spätestens auf den zweiten, Blick durch gewisse Inkohärenzen auffällt, wird zunächst eine literarkritische Analyse (2.) vorgenommen werden müssen; auf diese Weise wird dann, unter Berücksichtigung der Geschichte Israels und seiner Nachbarn einerseits und archäologischer Funde andererseits, auf den/die Verfasser und ihre Intention(en) geschlossen werde können (3.). Dabei wird auch versucht werden, den Turm zu lokalisieren. Aus mangelnden archäologischen und (ur-)altsprachlichen Kenntnissen, wird dieses äußerst interessante Kapitel, das sich vor allem auf Christoph Uehlingers Untersuchungen stützt, leider nicht in einer ihm gebührenden Ausführlichkeit behandelt werden können. Stattdessen wird die Turmbauerzählung im letzten Teil dieser Arbeit wieder in ihrer Gesamtgestalt und ihrem besonderen Umfeld als Mittlerin zwischen Ur- und Patriarchengeschichte auf die ihr innewohnenden, theologischen Aussagen hin betrachtet und interpretiert. Im Schlussteil (5.) werden die gewonnen Ergebnisse noch einmal zusammengefasst und bewertet.

1. Grundlegendes

1.1. Hebräischer Text

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Literarkritik. Der Turm als Stufenbau

Unübersehbar herrscht zwischen V7 und V8 eine logische Spannung: Spricht Gott noch in Ersterem davon, dass er die Lippe/usw. der Menschen verwirren will[2], zerstreut er in V8 die Menschheit. Auch wenn man das Verwirren der Sprache und das Zerstreuen der Menschen als einen Ursache–Wirkung–Zusammenhang verstehen könnte – wobei das Verhältnis in beide Richtungen denkbar wäre –, so ist doch der erzählerische Sprung ungewöhnlich groß. Zudem scheint die nun folgende Bemerkung, die Menschen hätten mit dem Bau aufgehört, überflüssig. Eine ähnliche Inkohärenz lässt sich in V4 finden: Die Furcht vor dem Zerstreutwerden steht in keinem Zusammenhang zum Namenmachen. Außerdem wird in diesen beiden Versen (als auch in V9) das כל־הארץ, die ganze Erde, anders, nämlich örtlich, gebraucht als in V1, wo es die Einwohnerschaft derselbigen bezeichnet. Aus diesem und aus der auffälligen Gleichartigkeit besagter drei Sätze ist zu schließen, dass diese einer zweiten literarischen Schicht angehören. „Löst man die genannten Halbverse aus dem Text heraus, so bietet die dabei resultierende Vorlage […] grössere [sic!] logische Kohärenz.“[4]

In V1 wird das Motiv der „einen Lippe“ שפה אחת)) durch die „einen/einerlei Worte“ ( דברים אחדים) zu einem scheinbaren Hendiadyion erweitert.[5] Sehr kunstvoll werden diese „einen Worte“ dann anschließend in V3 sprachlich umgesetzt: Sowie die Menschen zum ersten Mal zu sprechen beginnen, tun sie dies in einer zweifachen figura etymologica („Lasst uns Ziegel ziegeln und lasst uns zu Brand brennen!“), in zahlreichen Alliterationen (z. Bsp. להם הלבנה לאבן) und einer Annominatio ( והחמר [...] לחמר). Allerdings beschränken sich diese stilistischen Besonderheiten im Ganzen nur auf V3. Zudem scheinen sie als reine Materialnotizen der Erzählung durchaus entbehrlich zu sein. Auch wird der Halbvers 1b, in dem diese kunstvolle Rede der Menschen durch das „eine/einerlei Worte“ eingeleitet wird, im Gegensatz zur „einen Lippe“ von V1a in den Versen 6a, 7a.b und 9a (in den letzten dreien ohne אחת) nicht noch einmal wiederholt. Ein anderes, wenn auch nicht ganz überzeugendes Wortspiel findet sich in V9, wo der Stadtname „Babel“ ( בבל) auf das Verb „verwirren“ ( בלל) zurückgeführt wird. Dass V9 der Erzählung fremd ist, macht ihr Charakter deutlich: „Zwischen dem in der Regel angenommenen impliziten kulturmythisch-ätiologischen Interesse der Erzählung, den Ursprung der Verschiedenheit menschlicher Sprache(n) zu erklären, und dem explizit ätiologisch formulierenden V. 9a, der einen Ortsnamen erklären will, besteht eine deutliche Spannung.“[6] „Der […] zu erwartende Schluß wäre ein 11, 1 exakt entsprechender Satz: ‚Seitdem aber sind die Sprachen aller Menschen verwirrt.“[7] Da die Turmbaugeschichte zudem auch ohne besagte Verse 1b, 3 (ohne den ersten Satz) und 9 vollständig ist, und die Materialangaben in V3 sowohl stilistisch wie auch inhaltlich – in Israel wurde nicht mit Ziegeln gebaut – auf das Babel von V9 weisen, darf die These gewagt werden, dass ebendiese drei Verse wiederum auf eine andere – und zwar eine andere – literarische Schicht zurückzuführen sind.

Wenn aber die Grunderzählung nicht von Babel handelte, sondern erst im Nachhinein durch die Verse 1b, 3 (ohne den ersten Satz) und 9a derart uminterpretiert wurde, so ist zu vermuten, dass auch V2 mit der Ortsangabe Schinear erst nachträglich hinzugefügt wurde. Interessant ist dabei ein kleines grammatisches Problem: Das Subjekt von V2 wird nicht genannt, muss aber – die Verben verlangen dies – im Plural stehen. Nun bietet aber V1, der einzige Vers, auf den sich V2 beziehen kann, einen solchen nicht an. Es liegt also eine augenscheinliche, sprachliche Inkohärenz vor; eine solche wäre dem Verfasser der poetischen “Babel-Schicht“ nicht zuzutrauen. Auch ist V2 für die innere Logik der Erzählung nicht notwendig. Im Gegenteil scheint er sogar die geografische Angabe von V9 unnötig zu doppeln. Sein Sinn ist also im weiteren Umfeld zu suchen. Dabei könnte er als eine, wenn auch etwas schwache, Verbindung zu Gen 10, 30, als späterer Versuch, die Turmbaugeschichte in die biblische Urgeschichte einzugliedern, verstanden werden.[8]

Eine weitere Schwierigkeit liefern die Verse 5 und 7, da Gott in Ersteren hinabgestiegen ist, in Letzterem aber erst (oder wieder?) seinen Beschluss zu ebendiesem (oder doch einem erneuten?) Hinabsteigen kundtut. Fraglich ist ebenfalls, an wen sich Gott eigentlich in V6 richtet, und wer mit dem Plural in V7 gemeint ist. Eine gewöhnliche, monotheistische Antwort wäre hierauf: Die Ratsversammlung der Engel. Bleibt man bei diesem Bilde, so findet eine Unterredung Gottes mit den Engeln auch im Himmel statt. Gott, hinabgestiegen (V5 steht im Singular; gemeint ist also Gott allein!) um den Bau der Menschen zu begutachten, muss also wieder in den Himmel aufsteigen, um sich mit den Engeln zu besprechen. Ein erneutes Hinabsteigen in V7 folgt also der Logik der Erzählung. Auch kann das doppelte Hinabsteigen als Verstärkung der Ironie im Hinblick auf die Höhe des Turmes und die Rede der Menschen (vgl. 4.) gemeint sein.[9]

[...]


[1] Gewählt wird der von den Masoreten überlieferte Text der Biblia Hebraica Stuttgartensia, 5. verb. Aufl., Stuttgart 1997, der „an allen Stellen, an denen die Lesarten der alten Versionen oder einzelner hebräischer Handschriften von ihm abweichen, als ursprünglicher Text vorzuziehen ist.“ (Uehlinger, Christoph, Weltreich und <eine Rede>: eine neue Deutung der sogenannten Turmbauerzählung (Gen 11,1-9), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 1990, S. 9).

[2] Biblia Hebraica Stuttgartensia, 5. verb. Aufl., Stuttgart 1997. Abwandlung des Gottesnamens: D. Verf. Strukturierung nach: Uehlinger, Weltreich. Im Folgenden werden Zitate aus der BHS als solche nicht weiter gekennzeichnet.

[3] Unter Berücksichtigung von: Die Bibel. Altes und Neues Testament. Einheitsübersetzung, Freiburg / Basel / Wien 1996; Die Bibel in heutigem Deutsch. Die Gute Nachricht des Alten und Neuen Testaments mit den Spätschriften des Alten Testaments (Deuterokanonische Schriften / Apokryphen), Stuttgart 1982; Die Bibel oder die ganze heilige Schrift des alten und neuen Testaments nach der Übersetzung Martin Luthers, Stuttgart1972; Die Heilige Schrift des Alten und des Neuen Testaments, Zürich 1993; Steuer, Rita Maria, Das Alte Testament. Interlinearübersetzung Hebräisch-Deutsch und Transkription des hebräischen Grundtextes nach der Biblia Hebraica Stuttgartensia 1983, Bd. 1. Genesis – Deuteronomium, Stuttgart ²1989.

[4] Uehlinger, Weltreich, S. 309. Vgl. auch: Westermann, Claus, Genesis, Bd.1. Genesis 1-11, Neukirchen-Vluyn 1974, S. 713.

[5] Dies gilt nur insoweit „eine Lippe“ als „eine Sprache“ verstanden wird.

[6] Uehlinger, Weltreich, S. 311.

[7] Westermann, Genesis, S. 712.

[8] Zu demselben Schluss kommt auch Westermann in: Genesis, S. 723. Eine genauere, die grammatische Konstruktion mit anderen Stellen vergleichende, Untersuchung dieses Verses nimmt Uehlinger in Weltreich, S. 317 vor.

[9] Vgl. Uehlinger, Weltreich, S. 313.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Turmbau zu Babel
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Judaistik)
Veranstaltung
Tora und erste Propheten
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V125080
ISBN (eBook)
9783640300297
ISBN (Buch)
9783640305124
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religion, Theologie, Altes Testament, Exegese, Babel, Turmbau, Assyrien, Sargon II
Arbeit zitieren
Konrad Bach (Autor), 2005, Der Turmbau zu Babel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125080

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