Antisemitismus bei Benito Mussolini


Hausarbeit, 2007
25 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Rolle Mussolinis im faschistischen Staat

3 Judenhetze, antisemitische Gesetzgebung und Ausgrenzung der Juden im faschistischen Italien

4 Der Antisemitismus bei Benito Mussolini
4.1 Mussolinis Einstellung zum Judentum während des Aufstiegs der faschistischen Bewegung
4.2 Mussolini und die Juden 1922 – 1933
4.3 Mussolini und die Juden vor dem Hintergrund von Hitlers Machtergreifung bis zu den Rassengesetzen von 1938
4.4 Der Duce und die Juden von 1938 – 1943
4.5 Mussolini und die Juden in der Republik von Salò

5 Mussolini zwischen Opportunismus und Überzeugung (Schlussteil)

1 Einleitung

Der italienische Faschismus nahm spätestens mit den Rassengesetzen von 1938 deutliche antisemitische Züge an. In der italienischen Geschichtswissenschaft ist dieser Wandel des faschistischen Regimes lange Zeit vernachlässigt worden, indem die Gründe für die Hinwendung Roms zum staatlich verordneten Antisemitismus auf die Bündnispolitik Mussolinis reduziert wurden. Die italienischen Historiker, allen voran Renzo De Felice1, sprachen dem Faschismus jegliche genuin-antisemitischen Charakterzüge ab, und führten die rassistische Gesetzgebung von 1938 auf den politischen Druck NS-Deutschlands auf das faschistische Regime zurück. Mussolini, so lautete der Tenor bis in die 1980er Jahre hinein, sei von Hitler gar gezwungen worden, den Antisemitismus nach Italien zu importieren. Für diese Deutung konnten weder Renzo De Felice, noch andere Vertreter dieser These einen handfesten Beweis erbringen. Ähnliches war in der deutschen Geschichtsschreibung zu beobachten. Etliche deutsche Historiker, allen voran Karl-Dietrich Bracher2 maßen den italienischen Faschismus an den historischen Untaten der Nationalsozialisten, und gelangten so zu einer Verharmlosung des mussolinischen Faschismus.

Das Jahr 1988 und der 50. Jahrestag der Verkündung der Rassengesetze stellt in der Geschichtsschreibung einen Wendepunkt dar. Der Antisemitismus im italienischen Faschismus wurde Gegenstand der Forschung.3 Der bedeutendste Vertreter der neueren italienischen Forschung ist Michele Sarfatti, der erstmals Mussolinis entscheidende Rolle bezüglich des italienischen Antisemitismus heraustellte.4 In der neueren Forschung gilt als unbestritten, dass der Antisemitismus nicht durch den unmittelbaren Druck des Achsenpartners Deutschlands in die faschistische Politik Italiens integriert wurde. Vor dem Hintergrund dieser Forschung ist offensichtlich, dass Mussolini einen entscheidenden Anteil an der Konvertierung des italienischen Faschismus zu einem rassistischen Faschismus hatte.

Der Antisemitismus im Denken Mussolinis soll daher im Zentrum dieser Betrachtung stehen. Wenngleich Mussolini politisches Handeln während seiner Regierungszeit selbstredend nicht völlig außer Acht gelassen werden kann, so liegt doch der Fokus auf Mussolinis Äußerungen und Empfindungen bezüglich der Juden, um ein möglichst genaues Bild von Mussolinis Einstellung zum Judentum zeichnen zu können. Mussolini war ein großer Opportunist. Weitgehend frei von Prinzipien und ideologischen Überlegungen war es ihm möglich, seine Meinung von heute auf morgen zu ändern.5 Die zentrale Fragestellung dieser Arbeit wird demnach sein, ob Mussolini 1938 den Antisemitismus aus reinem politischen Kalkül zur Staatsraison erhob, oder ob Mussolini seinen möglicherweise vorhandenen Antisemitismus bis 1938 wiederum aus taktischen Überlegungen unterdrückte. Die Frage lautet also, war Mussolini Antisemit oder ein skrupelloser, menschenverachtender Taktiker, der die Verfolgung einer religiösen Minderheit zu machtpolitischen Zwecken missbrauchte. Im zweite Teil der Arbeit (2) wird die Rolle Mussolinis als Duce des faschistischen Staates und seine Position im innerstaatlichen wie innerparteilichen Machtgefüge umrissen. Im dritten Abschnitt (3) soll kurz die Geschichte des Antisemitismus im italienischen Faschismus dargestellt werden, um dann im vierten Teil (4) eine chronologische, analytische Darstellung des Antisemitismus im Denken Mussolinis vorzunehmen. Auf die aufgeworfene Fragestellung werde ich im Schlussteil (5) eingehen.

Bei der Literaturauswahl musste ich leider auf die italienischsprachigen Quellen aufgrund der Sprachbarriere verzichten. Die herausragende Sekundärquelle zu Mussolinis Antisemitismus ist die ausgezeichnete Monographie von Meir Michaelis6, der erstmals beweist, dass der italienische Faschismus genuin antisemitische Züge hatte. Ein ebenfalls wichtige Quelle für diese Arbeit ist Jonathan Steinbergs Darstellung über den italienischen Widerstand gegen den Holocaust7, da Steinberg auf einer breiten Quellengrundlage argumentiert. Die Mussolini-Biographie von Denis Mack Smith8 erscheint mir unter den deutschsprachigen Mussolini-Biographien am ausgewogensten. Eine aktuelle Darstellung der Juden im italienischen Faschismus mit Verweisen auf den Forschungsstand stellt der Aufsatz von Thomas Schlemmer und Hans Woller dar.9 Bei der Auswahl der Primärquellen muss ich mich auf die ins Deutsche bzw. Englische übersetzten Quellen beschränken.

2 Die Rolle Mussolinis im faschistischen Staat

Mussolinis Einstellung zum Judentum soll den Kern dieser Arbeit bilden. Dabei kann die Rolle des Duce im italienischen Faschismus und seine Machtposition nicht außer Acht gelassen werden, da diese Rückschlüsse auf die antisemitische Wende von 1938 erlaubt.

Spätestens seit der Konsolidierungsphase des Regimes ab 1926 stand der Mythos des unfehlbaren Duce im Zentrum der faschistischen Propaganda. Mussolini wurden gottgleiche Fähigkeiten zugesprochen und er galt als unverzichtbar ja gar als Inbegriff der faschistischen Bewegung. Der Kult um den Duce erreichte alle Gesellschaftsbereiche. Sinnbildlich für diesen Führerkult, der in der Zuspitzung auf die unfehlbare Person Mussolinis, dem Hitlerismus in Nazi-Deutschland in nichts nachstand, ist der damals bekannte und gebräuchliche Ausspruch: „Mussolini hat immer Recht“.10

Mussolini versuchte soviele Machtbefugnisse wie möglich auf seine Position zu vereinen. Neben seinem Amt als Ministerpräsidenten übernahm er stets weitere, wichtige Ministerien persönlich, da er seinen Mitarbeitern nicht vertraute und um seine diktatorische Position in Partei und Staat auszubauen. So hingen alle wichtigen politischen Entscheidungen vom Duce ab, der es schaffte, den Regierungsapparat so zu gestalten, dass er ohne ihn nicht mehr funktionieren konnte.11

Als Folge eines Attentates auf Mussolini im Oktober 1926 begann das faschistische Regime den totalitären Staat aufzubauen. Mussolini verbot alle Parteien außer der PNF und ließ die wenigen noch unabhängig berichtenden Zeitungen einstellen. Diese und viele weitere Verstöße gegen die Verfassung der konstitutionellen Monarchie stellten die endgültige Totalisierung des Staates dar. Staatsoberhaupt König Vittorio Emmanuele III. unterzeichnete sämtliche verfassungsändernden Gesetze. Durch die Ereignisse im Jahre 1926 wurden auch die Befugnisse einzelner Mitglieder der faschistischen Partei und der PNF12 als solcher beschnitten. Parteimitglieder und Beamte waren nunmehr nicht mehr als Befehlsempfänger Mussolinis.13

Als einzige Einschränkungen in diesem Totalitarismus ohne historischem Beispiel in der Geschichte Italiens, müssen die Rolle des Königs und des Vatikan herangeführt werden. Formell war Mussolini nie weder Staatsoberhaupt noch Befehlshaber über die Streitkräfte. Diese Rolle nahm der König Vittorio Emmanuele III. ein. Wenngleich Ernst Nolte hierzu feststellt, dass die tatsächlichen Möglichkeiten der Einflussnahme Vittorio Emmanueles III. auf Mussolini und seine Politik verschwindend gering waren14, so hatte der König doch die Möglichkeit Mussolini als Regierungschef zu entlassen, wovon er ja auch 1943 Gebrauch machen sollte.

Das Papsttum in Rom stellte durch den Totalitätsanspruch der Religionen innewohnt potentiell eine Gefährdung für Mussolini dar. Die katholische Kirche bewahrte sich während der faschistischen Herrschaft zweifelsohne eine größere Selbstständigkeit als das Königshaus, verkörperte jedoch auch keine ernsthafte Einschränkung der Machtbefugnisse des Duce15, der durch den Abschluss der Lateranverträge dieses Konfliktpotential gering zu halten wusste16.

Es bleibt festzuhalten, dass Mussolini mit dem Errichten der Diktatur und des Totalitarismus sämtliche Machtbefugnisse auf seine Person vereinen konnte. Wenngleich er im Gegensatz zu Hitler, unabhängige Strukturen, wie die katholische Kirche und das italienische Königshaus neben seiner totalitären Diktatur duldete bzw. dulden musste, so stellten weder der Vatikan noch Vittorio Emmanuele III. eine wirkliche Opposition innerhalb des Staates dar. Der Duce ist demnach allein verantwortlich für die Politik des faschistischen Italiens, spätestens ab dem Ausbau zum totalitären Staat. Dies ist vor dem Hintergrund der antisemitischen Wendung von 1938 von Bedeutung, will man die Ursprünge dieses faschistischen Antisemitismuss, sowie vor allem die Rolle Mussolinis hierbei, verstehen.

3 Judenhetze, antisemitische Gesetzgebung und Ausgrenzung der Juden im faschistischen Italien

Das Jahr 1938 ist bekannt als das Jahr der Wende des italienischen Faschismus zum antisemitischen Faschismus. Diese Wende geschah jedoch nicht ohne Vorzeichen. Auch vor der Geburtstunde der Achse Berlin-Rom gab es in Italien antisemitische Aktionen, wie Pressekampagnen gegen das „internationale Judentum“ oder staatliche wie nichtstaatliche Übergriffe auf „jüdische Antifaschisten“.17 Einige antijüdische Vertreter des rechten Flügels der faschistischen Partei, wie Giovanni Preziosi, Roberto Farinacci oder Telesio Interlandi, wussten sich hierbei besonders zu profilieren. Die einschlägigen Presseorgane der genannten Antisemiten waren die Zeitschrift Farinaccis, „Il Regime Fascista“ und die von Interlandi herausgegebene Zeitung „Il Tevere“. Die Presse als Propagandaorgan hatte im Faschismus, nicht zuletzt durch Mussolinis Wurzeln im Journalismus, eine große Bedeutung.

Die erste große Kampagne gegen die Juden wurde 1936 gestartet. Erstmals wurden alle Juden (auch die italienischen Juden, die bisher von der Hetze ausgenommen worden waren) angegriffen und eine Welle des Antisemitismus schwappte durch die Presselandschaft. So waren auch in Mussolinis eigener Zeitung dem „Il Popola d’Italia“ antijüdische Kommentare und Buchrezensionen zu lesen.18 Die Vorwürfe an die Juden waren nicht neu, wurden jedoch erstmals von der breiten Presselandschaft getragen. Man unterstellte ihnen sich im Antifaschismus zu engagieren, setzte das Judentum mit dem internationalen Kommunismus gleich und zweifelte an ihrer nationalen Treue aufgrund „zionistischer Umtriebe“19.

Parallel zur antijüdischen Pressekampagne 1936 häuften sich auch die Übergriffe der „squadristi“, der faschistischen Kampfbünde, auf Juden. Die Gewalt der „squadristi“ hatte sich bisher gegen Antifaschisten und Kommunisten gerichtet, mit dem 1936 eingeleuteten Propagandafeldzug des Regimes, nahmen auch die Gewaltaktionen gegen Juden zu, auch wenn sie immer noch eher vereinzelt auftraten.20

[...]


1 Vgl. Renzo De Felice, Storia degli ebrei italiani sotto il fascismo. Nuova edizione ampliata, Turin 1993.

2 Vgl. Karl-Dietrich Bracher, Zeitgeschichtliche Kontroversen um Faschismus, Totalitarismus und Demokratie, München 1976, speziell, S. 13ff.

3 Vgl. Thomas Schlemmer / Hans Woller, Der italienische Faschismus und die Juden 1922-1945, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 53. Jahrgang, S.167. (im Folgenden: „Schlemmer/Woller“)

4 Vgl. Michele Sarfatti, Mussolini contra gli ebrei, Turin 1994.

5 Vgl. Dennis Mack Smith, Mussolini. Eine Biographie, München 1983, S. 179f. (im Folgenden: „Smith“)

6 Meir Michaelis, Mussolini and the jews. German-Italien Relations and the Jewish Question in Italy 1922 – 1945, Oxford 1978. (im Folgenden: „Michaelis”)

7 Jonathan Steinberg, Deutsche, Italiener und Juden. Der italienische Widerstand gegen den Holocaust, Göttingen 1992. (im Folgenden: „Steinberg“)

8 “Smith”.

9 „Schlemmer/Woller“.

10 Vgl. “Smith”, S. 197f.

11 Vgl. ebd., S. 203ff.

12 Partito Nazionale Fascista.

13 Vgl. ebd., S. 225ff.

14 Vgl. Ernst Nolte, Der Faschismus in seiner Epoche, München 1965, S. 280. (im Folgenden: „Nolte“)

15 Vgl. ebd., S. 282.

16 Vgl. Max Domarus, Mussolini und Hitler, Zwei Wege – Gleiches Ende, Würzburg 1977, S.147ff

17 Vgl. Katharina Walter, Die Judenpolitik unter Mussolini, in: Zeitgeschichte, 24. Jahrgang/1997, S.4. (im Folgenden: „Walter“)

18 Vgl. „Walter“, S.5.

19 Vgl. “Schlemmer/Woller”, S. 172.

20 Vgl. ebd., S.173.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Antisemitismus bei Benito Mussolini
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Der italienische Faschismus
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
25
Katalognummer
V125111
ISBN (eBook)
9783640308118
ISBN (Buch)
9783640306275
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antisemitismus, Benito, Mussolini, Faschismus
Arbeit zitieren
Joscha Hansen (Autor), 2007, Antisemitismus bei Benito Mussolini, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125111

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