Die Suche nach den Wurzeln als Geschichtsschreibung, Wege, Orte und ihre Bedeutung für Identität in der Fremde


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

31 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Zusammenhang von Selbstdefinition/ Identität und Geschichtsschreibung

3 Die Orte – Der Versuch einer Kategorisierung
3.1 Historische Orte – Orte mit Erinnerung
3.2 Historische Orte oder Erinnerte Orte?

4 Diaspora – Auf der Suche nach neuen Erinnerungsorten?

5 Erinnern und Vergessen in der Gemeinschaft, der afrikanischen Diaspora

6 Pilgerreise als praktizierte Gemeinschaft: Black Atlantic
6.1 „Black Atlantic“ oder „Die Afrikanische Diaspora“?
6.2 Gemeinschaft und Praxis

7 Die Bedeutung von Pilgerreisen für die Afrikanische Diaspora
7.1 Die erste Trennung
7.2 Der Übergang oder die Konfrontation
7.3 Die Integration des Neuen durch Rückkehr ins Alte

8 Zusammenfassung

9 Bibliographie
9.1 Primärliteratur
9.1.1 Door of No Return (gelesen 01.03.2002)
9.1.2 Rezensionen, Filmbesprechungen, Interviews
9.2 Sekundärliteratur
9.3 Weiterführende Literatur

1 Einleitung

Die vorliegende Semesterarbeit entstand im Rahmen des Hauptseminars „Afrika und Black Atlantic“ im Wintersemester 2001/2002. Ursprünglich sollte der Fokus auf der Bedeutung von Orten als Ziel für Pilgerreisen und eines Heimkehrwunsches für AfrikanerInnen in der Diaspora liegen. Während der Arbeit an diesem Thema aber wurde klar, dass das Anliegen einer Pilgerreise nicht mit dem Erreichen des Zielortes erfüllt ist, sondern im Gegenteil sich bis in das Residenzland fortsetzt und fortwirkt ebenso wie die Vorbereitungen nicht erst unmittelbar vor der Reise beginnen, sondern dem Ganzen ein langwieriger Prozess vorausgeht, der in bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse eingebettet ist.

Des weiteren konnte während des Hauptseminars immer wieder festgestellt werden, dass Diskussionen oft von verschiedenen Ausgangspunkten (als Deutsche, AfrikanerInnen, Afrodeutsche usw.) geführt wurden, und diese dem jeweils anderen Mitdiskutanten nicht unbedingt klar oder nachvollziehbar waren. Ebenso wurden scheinbar Perspektiven beim Mitdiskutanten angenommen, die so nicht gegeben sein mussten. Daraus ergab sich eine Emotionalität und Spannung in der Diskussion, die sich dann m.E. oft im Kreis drehte. Aufgrund dieser Beobachtungen stellte sich die Frage nach dem Zusammenhang von Identität und Geschichtsverständnis. So war nicht nur das Thema „Afrika und Black Atlantic“ sondern auch Beobachtungen im Hauptseminar selbst Anstoß für die hier dargelegten Ergebnisse.

Die These dieser Arbeit lässt sich in den Worten Paul Connertons zusammenfassen:

„Thus we may say that our experiences of the present largely depend upon our knowledge of the past, and that our images of the past commonly serve to legitimate a present social order. And yet these points, though true, are as they stand insufficient when thus put. For images of the past and recollected knowledge of the past, I want to argue, are conveyed and sustained by (more or less ritual) performances.”[1]

Wenn alle möglichen Formen von Gedächtnis performativ immer wieder hergestellt und bestätigt werden und dies der Legitimation sozialer Ordnungen dient, liegt es nahe, eine solche Performativität auch für Geschichte anzunehmen, die bereits in der Annahme der Konstruiertheit von Geschichte angedeutet wird.

Es soll im Folgenden weder um die Konstruktion von Geschichte als eine Frage von Macht gehen, noch um Rolle oder Verantwortung der Geschichtswissenschaft und ebenso wenig um die Diskussion um „die“ Wahrheit in Geschichte oder Gedächtnis. Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es vielmehr, wissenschaftliche Ansätze zu finden, die der Komplexität des Black Atlantic als Diaspora gerecht werden. Dazu gehören u.a. Phänomene wie Fremdsein, Heimkehrwunsch und Pilgerreisen, aber auch kollektive Identität als „AfrikanerInnen in der Diaspora“ und Unterschiede zwischen den Residenzländern. Um diesem Ziel näher zu kommen, ist eine Synthese verschiedener Theorien notwendig. In der Entlehnung und Anwendung „fachfremder“ Konzeptionen liegen Ideen verborgen, die aus der Krise der Geisteswissenschaften weisen können.[2]

Aus diesem Grund finden sich in dieser Arbeit im Wesentlichen drei theoretische Modelle, die auf das Thema angewandt werden können und sollten: Das Konzept der „Erinnerungsorte“ von Pierre Nora stammt aus der Geschichtswissenschaft. Der Ethnologe Arnold van Gennep entwickelte die inzwischen zum Klassiker avancierte Analyse von „Pilgerreisen“, und dem Sozialwissenschaftler Etienne Wenger ist die Vorstellung von den „communities of practice“ entlehnt.

Die Arbeit beginnt mit der Darstellung des Zusammenhangs von Identität und Geschichtsschreibung. Dies kann gleichsam als die Essenz der Autorin aus dem Hauptseminar verstanden werden. Die Unterscheidung und Bedeutung von historischen und erinnerten Orten sowie die darauf folgende Darstellung des Diaspora-Begriffes werden ab dem fünften Kapitel auf die afrikanische Diaspora angewandt. Dem Erinnern und Vergessen ist ein ganzes Kapitel gewidmet, da sie bereits Ende des 19. Jahrhunderts von Ernest Renan als wichtig für die Bewusstseinsbildung von Gruppen erkannt wurden. Abschließend werden Pilgerreisen in der von van Gennep vorgeschlagenen Struktur hinsichtlich der vorausgegangenen Überlegungen betrachtet.

Zugunsten eines hoffentlich anwendbaren theoretisches Konzeptes als Ergebnis ist die Auswahl an Primärquellen sehr gering gehalten, und deren Analyse findet nicht statt. Die Autorin hält dies trotz anderslautender geschichtswissenschaftlicher Konventionen für vertretbar, vor allem angesichts der Fülle an angesprochenen Aspekte des Themas und des äußerst begrenzten Umfangs einer solchen Arbeit.

2 Der Zusammenhang von Selbstdefinition/ Identität und Geschichtsschreibung

An dieser Stelle soll etwas genauer auf den Zusammenhang von Identität und Geschichtsschreibung eingegangen werden. Ich gehe davon aus, dass Wissenschaft nicht nur gesellschaftliche Strukturen offen legen soll, sondern diese beeinflusst und auch von ihnen beeinflusst wird.[3] Wissenschaft kann nicht von Gesellschaft und Politik losgelöst betrachtet werden ebenso wenig wie einzelne Diskurse, die scheinbar auf akademische Kreise beschränkt sind (wie z.B. der Gorée-Disput), letztlich aber politische, gesellschaftliche Auswirkungen haben (können).

In der vorliegenden Arbeit geht es in erster Linie um geschichtswissenschaftliche Aspekte der Frage nach Diaspora und Identität, weniger um die politische Bedeutung oder Relevanz von Fremd- und Eigenbezeichnungen. Da aber gerade die Identitätsfindung und -konstruktion von sogenannten Minderheiten politisch brisante Themen sind und häufig unter dem Deckmantel einer missverstandenen „political correctness“ verschwiegen oder Diskussionen peinlich berührt mit schuldbewusst gesenkten Köpfen beendet werden, muss der Zusammenhang von politischer Aktion und Geschichtsverständnis hier noch einmal verdeutlicht werden.

Stark vereinfacht lässt sich die logische Kette zwischen Politik und Geschichte folgendermaßen beschreiben: Grundlage von politischen Aktionen ist ein gemeinsames Interesse von Menschen, die sich durch dieses Interesse oder geteilte Erfahrungen als Mitglieder einer Gruppe verstehen. Sie identifizieren sich in bestimmten Punkten mit dieser Gruppe bzw. deren Interessen oder Aktivitäten. Solche Interessen können verschiedener Art sein, angefangen mit Zielen, die sich in unmittelbarer Nähe zum Alltag, zur Nachbarschaft befinden (wie z.B. Kiezvereine sie vertreten) bis hin zu Zielen, die sich auf einer größeren Ebene, z.B. überregionaler internationaler bewegen.

Wichtig für das zu bearbeitende Thema sind die Wege und Prozesse, auf denen Identifizierung verläuft und praktiziert wird. Dabei dürfte klar sein, dass Identitäten niemals statisch sind, sondern immer wieder der Bestätigung, eventuell Neudefinierung und nach Möglichkeit auch der Materialisierung (reification) bedürfen.

In der sich ständig ändernden postmodernen zersplitterten und zusammengerückten globalisierten Welt, mit dem verstärkten und sich beschleunigenden Austausch von Ideen, Werten und Vorstellungen werden Identitäten öfter in Frage gestellt, müssen öfter ausgehandelt werden, sind noch weniger statisch. Die Prozesse der Identifizierung müssen schneller ablaufen, um, etwas pathetisch ausgedrückt, dem Ansturm von Zweifeln und Identifizierungsangeboten entgegenzutreten.

Durch das „Schrumpfen“ geographischer Entfernungen und das Näherrücken verschiedener Lebenswelten werden moralische Werte, Normen und Vorurteile in Frage gestellt oder ihre Sinnlosigkeit unter aktuellen Umständen bewiesen. Dem muss die Politik Rechnung tragen. Aus diesen Prozessen entstehen Phänomene wie „Identitätspolitik“, „political correctness“ o.ä.

Da mittlerweile auch allgemein anerkannt ist, dass Geschichtsschreibung unter dem mehr oder weniger starken Einfluss zeitgenössischer Werte, Moral und Vorurteile stattfindet, ist die zwingende Konsequenz aus den vorhergehenden Überlegungen, dass auch Geschichte neu geschrieben, neu gedeutet, neu ausgehandelt werden muss.

Die Rolle der Geschichts- und anderes Geisteswissenschaften wird dadurch offensichtlich auch in Frage gestellt. Erkenntnisse veralten oder sind viel leichter zu relativieren oder anzuzweifeln. Vor allem Regional- und Kulturwissenschaften sind von dieser Schnelllebigkeit konfrontiert. Gerade die Ethnologie beispielsweise reflektiert diese Problematik mit ihrer Anpassung der Methodologie recht deutlich. Die seit den 70er Jahren verstärkt geforderte Selbstreflexion des Forschers oder der Forscherin stellt die Frage nach der Allgemeingültigkeit der Erkenntnisse und der absoluten Wahrheit. Mit dem selbstbewussten Auftreten und der Präsentation völlig verschiedener Ergebnisse von WissenschaftlerInnen des Südens, also aus den Regionen, über die die jeweiligen RegionalforscherInnen ehemals ein Wissensmonopol für sich beanspruchten, wurde letzteres gestürzt.[4]

An dieser Stelle wird der von mir vorausgesetzte Zusammenhang von Selbstdefinition und Geschichtsschreibung offensichtlich. Wenn akzeptiert wird, dass es weder eine regional, kulturell oder von der Tradition begründete Erkenntnismacht noch ein Monopol an Wissen gibt, dann muss auch anerkannt werden, dass jeder Mensch an der Produktion von Geschichte und Geschichtsschreibung teilhaben und aktiv teilnehmen kann. Die hier interessierende Art der Teilnahme ist öffentliche und/ oder kollektive Aushandlung von Selbstdefinition, um mit ihrer Hilfe die eigene Position in der Gesellschaft zu bestimmen und beschreiben.

Wenn Identität(en) öffentlich werden, z.B. durch politische Aktivitäten, verändern und beeinflussen sie die Werte der Gesellschaft und der Interaktion mit anderen Individuen und Gruppen. Somit wirken sie auf die Art der Produktion und die Auffassung von Geschichte.[5] Sehr subtil und oft nicht sichtbar kommen sie auch in der lange Zeit als „objektiv“ verstandenen Wissenschaft zum Tragen, da auch WissenschaftlerInnen sich des Erlernens von Grundbegriffen (Normen) und Begriffsinhalten (Werten) lange vor der Absolvierung einer akademischen Ausbildung nicht verweigern können.[6]

Um konkrete Aushandlungsprozesse von Identität und Geschichtsverständnis soll es im Folgenden gehen, immer unter der Voraussetzung, dass jeder Mensch an Geschichte und deren Konstruktion aktiv teilnehmen kann, wobei die Teilnahme hier eher als Mitglied einer Gruppe denn als Individuum erfolgt.

3 Die Orte – Der Versuch einer Kategorisierung

3.1 Historische Orte – Orte mit Erinnerung

In diesem Kapitel geht es um die Unterscheidung von Geschichte und Gedächtnis (Erinnerung) in Bezug auf Orte. Hierbei sollen Orte als lokale oder geographische Landschaften und Stätten verstanden werden.[7] Grundlage ist die These, dass es Orte gibt, die Geschichte tragen. Für diese Kategorisierung gehe ich davon aus, dass diese Orte in der Vergangenheit eine Rolle gespielt habe, welche wiederum von der Geschichte oder der Geschichtswissenschaft registriert wurde. Ich möchte hier nicht näher auf die Frage nach Verantwortung oder Macht bei der Geschichtsschreibung (u.a. bei der Auswahl der anerkannten oder zu registrierenden Orte) oder nach einer objektiven Wahrheit eingehen.[8] Vielmehr soll gezeigt werden, dass historische Orte als Träger von Erinnerung, also im einfachsten Sinne als Schauplätze vergangener Geschehnisse nicht nur für die Geschichtsschreibung, sondern auch in ihrer später zu behandelnden Funktion als „Erinnerte Orte“ von Bedeutung sind.

Die Differenzierung von Geschichte und Gedächtnis in Bezug auf Orte führt zur Unterscheidung von historischen und erinnerten Orten. Sie beschreibt in erster Linie die Art und das Ausmaß der Bedeutung, welches Orten in der Geschichtsschreibung oder Erinnerung zugemessen wird. „Historische Orte“ soll in dieser Arbeit Orte bezeichnen, welche in der Vergangenheit eine dokumentierte Rolle spielten. D.h. es müssen Aufzeichnungen oder Überlieferungen über diese Orte existieren oder zumindest existiert haben. In der Tradition eurozentrischer Geschichtsschreibung sind „natürlich“ alle schriftlich erwähnten Orte (Städte, Gemeinden, Siedlungen ohne Stadtrecht etc.) solche historischen Orte. Ebenso aber schließt dieser Begriff Stätten ein, die nicht mehr existieren oder aber „nur“ in mündlichen Überlieferungen dokumentiert sind.[9]

So kann Babylon auf der Grundlage schriftlicher und mündlicher Überlieferungen als historischer Ort gesehen werden, nicht aber das christliche Jenseits oder die Hölle. Auch Troja wäre nach diesem Verständnis schon vor seiner Ausgrabung ein historischer Ort gewesen, trotz des Mangels an materiellen Überresten. Der Berg Ararat wäre ebensolch ein Ort, wenn auch nicht aufgrund der Rolle, die er im Alten Testament spielt, so doch auf jeden Fall infolge vergangener Ereignisse im Kaukasus, einschließlich der heutigen Rolle als „Grenzberg“ zwischen Armenien und der Türkei.

Es geht um Stätten, die in der anerkannten Geschichte Schauplatz von Ereignissen waren, nach Möglichkeit wenigstens teilweise noch erhalten sind und die Rekonstruktion des Vergangenen ermöglichen oder anregen, wie z.B. Museen oder Gedenkstätten. „Erinnerte Orte“ hingegen sind abhängig von dem Stellenwert, den sie im Geschichtsverständnis der Menschen, in der Erinnerung einnehmen.[10]

Wenn sich an historischen Orten etwas Dokumentiertes oder Überliefertes in der Vergangenheit abgespielt hat, werden diese Orte Träger von Erinnerung. Ihnen, den Orten selbst, ist die Vergangenheit eingeschrieben, d.h. Bauten, Landschaften bilden immer noch eine Bühne für Ereignisse, die später ebenfalls dokumentiert und/ oder überliefert werden können. Dabei können sich die Orte seit dem vergangenen Geschehen auch verändert haben, durch Einwirkung von Menschen, Naturkräften o.a.

Der Ausdruck „Orte mit Erinnerung“ spielt bereits mit der folgenden Bedeutung „Erinnerte Orte“. Historische Ort als Orte mit Erinnerung zu betrachten, bietet die Möglichkeit, sich nochmals von einem Geschichtsverständnis zu lösen, das von der Existenz alleingültiger, objektiver Wahrheiten ausgeht, die es nur durch „wahrhaft wissenschaftliche, akribische“[11] Arbeit aufzudecken gilt. Wenn Orte, Landschaften oder andere Stätten, die unabhängig vom Menschen bestehen (also über Generationen hinweg), etwas so „Menschliches“ wie Erinnerung besitzen, „entzaubert“ es die unangreifbare, unverrückbare Wahrheit.

Hier soll darauf hingewiesen werden, dass, ebenso wie Erinnerung (hier synonym mit „kulturelles, soziales oder kollektives Gedächtnis“) mittlerweile oft als Performanz (performance) anerkannt wird, auch Geschichte performative Aspekte hat. Orte aber bilden nicht nur die Bühne für diese Vorstellungen, vielmehr „nehmen“ sie „teil“ an dieser Performance. Als Träger von Erinnerungen, als greifbare (verkörperlichte) Manifestationen der Vergangenheit bieten sie die Grundlage für Deutungen und Interpretationen, und werden damit selbst immer wieder Teil einer (re-) interpretierten und (re-) konstruierten Vergangenheit und Geschichte.

3.2 Historische Orte oder Erinnerte Orte?

Im vorhergehenden Kapitel wurden „erinnerte Orte“ etwas vereinfachend beschrieben als die Bedeutung, die Orte in der Erinnerung von Menschen einnehmen. Das soll nicht etwa bedeuten, dass historische Orte losgelöst vom menschlichen Verständnis oder menschlicher Wahrnehmung existieren könnten. Solch eine Annahme würde der angeblichen Existenz einer objektiven historischen Wahrheit Vorschub leisten.

Vielmehr geht es hier darum, bis zu welchem Ausmaß durch wiederholte Prozesse der Aushandlung von politischen, sozialen und anderen Machtverhältnissen, durch Neuerforschung und -interpretation Orte zu zentralen oder marginalen Figuren in der Erinnerung und in der Geschichtsschreibung werden können. Die konsequente Wahrnehmung „historischer“ als „erinnerte“ Orte verlangt geradezu nach Aufmerksamkeit für die Performativität von Geschichtsschreibung.

Bei Aleida Assmann sind Orte in erster Linie Lokalitäten, wie z.B. heilige Orte und mythische Landschaften, exemplarische Gedenkorte, Gräber und Grabsteine sowie traumatische Orte. Allen gemeinsam ist ein gewisses Geheimnis, eine tiefere Bedeutung, die es zu enträtseln gilt. Weiterhin ist ihnen eigen, dass diese Bedeutung aus der Vergangenheit stammt.[12] Ähnlich wie eine Genealogie bietet ein Ort die Möglichkeit, zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu vermitteln und damit auch eine gegenwärtige Ordnung, einen Anspruch zu legitimieren und für wahr zu erklären.

Das Konzept „erinnerte Orte“[13] allerdings ist bereits eine Lösung von Orten als reiner „Lokalität“. Ebenso wie auch „historische Orte“ mehr bedeuten als lediglich eine geographische Beschreibung oder Manifestation von Vergangenheit, geht es bei „erinnerten Orten“ um mehr:

[...]


[1] Connerton, 1989: S. 11.

[2] Von dem, was ich hier populistisch „Krise der Wissenschaft(en)“ nenne, sind vor allem Disziplinen wie Ethnologie oder Regionalwissenschaften betroffen, die sich mit Themen des Südens befassen, aber im Norden und zumeist aus kolonialen Interessen heraus entstanden sind.

[3] Mit dieser Problematik sind wohl alle WissenschaftlerInnen, die jemals mit Drittmitteln gearbeitet haben, vertraut, ebenso wie jene, die versuch(t)en, Forschungen oder Diskurse in universitäre Einrichtungen einzubringen, die bis dahin noch nicht etabliert waren.

[4] Vgl. z.B. die Forschungen von Margaret Mead vs. Derek Freeman oder Bronislaw Malinowski vs. Annette B.Weiner.

[5] Eine Klärung des Begriffes „Geschichte“ versuche ich hier nicht, da dies sowohl den Rahmen der Arbeit bei weitem sprengen würde, wie auch am Thema vorbeiginge.

[6] Als Beispiele dafür können historische oder ethnologische Arbeiten der KlassikerInnen dienen, die unter heutigen Ansprüchen als rassistisch, sexistisch, evolutionistisch, biologistisch oder anderweitig diskriminierend gelten (würden).

[7] Zu einem erweiterten Verständnis von „Orte“ vgl. Assmann, 1999, Nora, 1990, sowie das Kapitel 3.2. dieser Arbeit.

[8] Vgl. hierzu u.a. Trouillot, 1995, oder den anhaltenden Diskurs um die Schreibung einer Geschichte, die anders als die „Geschichte der großen Männer“ auch Frauengeschichte(n) einschließt.

[9] „Nur“ ist bewusst in Anführungszeichen gehalten, um die Hinfälligkeit einer Diskussion um die Historizität oraler Kulturen und um Schriftlichkeit als Bedingung für Geschichtlichkeit oder Kultur anzudeuten. Dieses Thema ist für die Beschäftigung mit außereuropäischen Geschichten interessant, aber in den letzten Jahren auch schon ausführlich diskutiert worden. Hier sei nur kurz auf die Diskussion oraler Geschichte als „wissenschaftlich“ oder „unwissenschaftlich“ verwiesen.

[10] Dies soll hier nur der Korrektheit halber angemerkt werden. Dem Verständnis von „erinnerte Orte“ ist das nächste Kapitel gewidmet.

[11] Leider kann ich Ironie im Zusammenhang mit der „allgemeingültigen, wahren Wissenschaft“ nicht vermeiden. Vgl. dazu Kapitel 2 dieser Arbeit: „Der Zusammenhang von Selbstdefinition/ Identität und Geschichtsschreibung“.

[12] Vgl. Assmann, 1999: S. 298-339.

[13] Welches ich aus den Arbeiten von Jan Assmann und Pierre Nora herleite.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Die Suche nach den Wurzeln als Geschichtsschreibung, Wege, Orte und ihre Bedeutung für Identität in der Fremde
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Seminar fuer Afrikawissenschaften)
Veranstaltung
Afrika und der Black Atlantic
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
31
Katalognummer
V12520
ISBN (eBook)
9783638183819
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Suche, Wurzeln, Geschichtsschreibung, Wege, Orte, Bedeutung, Identität, Fremde, Afrika, Black, Atlantic
Arbeit zitieren
Ilka Borchardt (Autor), 2002, Die Suche nach den Wurzeln als Geschichtsschreibung, Wege, Orte und ihre Bedeutung für Identität in der Fremde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12520

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