Neugründung im Dienst der Armen und Vernachlässigten: Rosa Flesch und die Waldbreitbacher Franziskanerinnen


Seminararbeit, 2007

21 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historischer Kontext

3 Das Leben Mutter Rosas (1826-1906)
3.1 Ihre Kindheit
3.2 Ihre Jugend
3.3 Anfänge der Gemeinschaft
3.4 Intrigen gegen M. Rosa
3.5 Ihr Tod
3.6 Translation und Seligsprechungsprozess

4 Das Wirken der Waldbreitbacher Franziskanerinnen
4.1 Die Marienhaus GmbH – Weitere Entwicklungen
4.2 Waisenfürsorge
4.3 Ambulante Krankenpflege
4.4 Lazarettdienst
4.5 Filialen in Deutschland
4.6 Ordensniederlassungen in den USA, Niederlande und Brasilien
4.7 Kulturkampf und Maigesetze
4.8 Äußere und innere Weiterentwicklung der Gemeinschaft

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Möchte man sich ein Bild über die katholischen Armenfürsorgepraktiken des 19. Jahrhunderts machen, so kommt man wohl an Mutter Rosa und ihrer Gründung nicht vorbei.

Das Profil der Waldbreitbacher Franziskanerinnen passt sich entsprechend gut in die Armenfürsorge des 19. Jahrhunderts ein: Wie Wilhelm Liese schreibt, war der Tätigkeitsbereich der neuen Genossenschaften in diesem Zeitrahmen weniger das traditionelle Spital, sondern eine neue Form der Pflege: die Hauskrankenpflege.[1] Die Waldbreitbacher Schwestern waren somit auch eine von vielen neu entstandenen caritativen Gemeinschaften. Wilhelm Liese führt hier eine Statistik an, die alle caritativen Gemeinschaften vor dem ersten Weltkrieg in „allen deutschen Landen (Deutsch-Österreich, Schweiz, Luxemburg)“[2] summiert: Insgesamt 7155 Niederlassungen mit insgesamt 70000 Kräften, allein in Preußen gab es 2540 Niederlassungen mit 28520 Mitgliedern[3].[4]

Die neu entstandenen Waldbreitbacher Schwestern waren also auch ein Produkt des „Ordensfrühlings“, innerhalb dessen eine ungemein große Zahl von neuen Gemeinschaften entstand. Sie konzentrierten sich nicht auf die traditionelle Spitalpflege, sondern auf die ambulante Hauskrankenpflege und trafen damit den Nerv der Zeit.

Was macht diese Waldbreitbacher „Erfolgsstory“ darüber hinaus so interessant?

Hier möchte ich zwei Dinge nennen, die zudem eng miteinander verknüpft sind: Das Leben Mutter Rosas und das segensreiche Wirken ihrer Schwestern. Eine arme Müllerstocher beschließt, sich in der Nachfolge Christi für die Armen einzusetzen und errichtet auf einem Berg ein kleines Waisenhäuschen. Aus diesem Häuschen wird innerhalb weniger Jahre ein riesiges Kloster und ein überregionaler, großer Wirtschaftsbetrieb. Ein von Mutter Rosa überlieferter Ausspruch zeigt ihren Antrieb, ihre Motivation: „Um den armen Menschen gut zu sein, muss man selbst die Armut gespürt haben“[5].

Früh lernt sie in der eigenen Familie mit Armut umzugehen und folgt ihrer Berufung, ihrem Herrn Jesus Christus in Leiden und Armut nachzufolgen – und wird so zum Segen für Waisen und Kranke ihrer Zeit. Eine später erschienene Schrift zum Wirken der Waldbreitbacher Franziskanerinnen trägt den Titel: „Felsgrund wird zum Quellgrund“[6]. Dies zeigt, wie ich finde, sehr schön die Schwierigkeiten, mit der Mutter Rosa und die Gründerschwestern zu kämpfen hatten: Armut und die ablehnende Haltung Pfarrer Gomms wurden zu ihrem harten Felsgrund, auf den sie ihr Klostergebäude bauen wollten. Ihrer Berufung treu folgend, eine caritative „Marktlücke“ treffend, wurde der harte Felsgrund des Waldbreitbacher Berges zum Quellgrund, auf dem das Mutterhaus reichen Segen hervorbrachte.

Gerade wegen der wohl bald bevorstehenden Seligsprechung Mutter Rosas möchte ich natürlich auch auf ihr Leben eingehen.

Leider sind die schriftlichen Quellen zu ihrem Leben sehr dünn gesät. Aufgrund der Intrigen gegen Mutter Rosa wurden viele Schriftstücke verfälscht[7] oder auch einfach vernichtet[8].

Im Laufe der Zeit erschien auch so manche Biographie über Mutter Rosa.
Der erste Biograph war wohl Albert Friedrich GROETEKEN (1878-1961), ein Priester des Erzbistums Paderborn, der sich von 1926-1940 im Auftrag der Ordensleitung mit diesem Thema auseinander setzte. Das Werk „Im Schatten des Kreuzes“ gelangte allerdings nie in den Buchhandel.

Maura BÖCKELER (1890-1971), Benediktinerin, hatte bereits umfassenderen Zugang zu den Archiven und erstellte wiederum aufgrund der Anfrage der Ordensleitung ein Porträt Mutter Rosas. „Die Macht der Ohnmacht“ erschien erstmals im Jahre 1960 und stellt in sehr lesenswerter, spannender Form das Thema dar. Leider verzichtete Böckeler auf Anmerkungen oder belegende Quellennachweise, weswegen ich dieses Werk zwar gelesen habe, meine Ausführungen aber nicht darauf stütze.

Jakob A. BACKES (1910-1988) war maßgeblich an der Eröffnung des Seligsprechungsprozesses 1957 beteiligt und verfasste aufgrund dessen mehrere Bücher über das Leben Mutter Rosas. Exemplarisch sei hier das Büchlein „Wenn das Weizenkorn nicht stirbt“ genannt.

Die neueste und für mich auch herausragendste Arbeit stellt eindeutig das zweibändige Werk „Rosa Flesch – Leidenschaft für die Menschen“ von Hans-Joachim KRACHT (*1940) dar, der sich noch einmal sehr detailliert mit ihrem Leben und vor allem auch mit den Intrigen des Kreises um Rektor Konrad Probst, Mutter Agatha Simons und Ägidius Dittscheid befasst hat. Der erste Band enthält die gesamte Vita Mutter Rosas, Band 2 führt noch zusätzliche Quellen an, welche aus den Schriften[9] von Schwester Marzella Schumann, einer Mitschwester Mutter Rosas, bestehen.

Kracht zeichnet für mich mit dieser Arbeit das umfassendste Bild Mutter Rosas, weswegen ich mich in meinen Ausführungen auch hauptsächlich auf Kracht stütze.

Die Entwicklung der Waldbreitbacher Franziskanerinnen soll natürlich auch nicht unberücksichtigt bleiben. Als Grundlage dafür dienen mir die beiden Jubiläumsschriften zum 100. und zum 125-Jährigen Bestehen der Gemeinschaft.

Ich hoffe, mit diesen meinen Ausführungen obgleich der doch recht spärlichen Quellenlage ein angemessenes Gesamtbild von Mutter Rosa einerseits und dem segensreichen Wirken ihrer Gemeinschaft andererseits zeichnen zu können.

2 Historischer Kontext

Um das Leben und Wirken Mutter Rosas sowie die von ihr gegründeten Waldbreitbacher Franziskanerinnen besser würdigen zu können, sollte man auch einen kurzen Blick in den geschichtlichen Zusammenhang werfen.

Das 19. Jahrhundert war von einigen Veränderungen gekennzeichnet, die zur Verarmung der Gesellschaft beitrugen:

Zum einen wäre ein großes Bevölkerungswachstum zu nennen. Mitte des 18. Jahrhunderts gab es etwa 16-18 Millionen Einwohner im (geographischen) Deutschland, bis zum Jahr 1800 waren es bereits 22-24 Millionen, im Jahr 1900 sogar 56 Millionen Einwohner[10] - Innerhalb von 150 Jahren also eine Verdreifachung der Bevölkerung. Wie Sachße/Tennstedt konstatieren, die Bevölkerung sei schneller gewachsen als die Wirtschaft[11], was neue Probleme mit sich brachte.

Weiter wären die „Verstädterungsprozesse“[12], also die Flucht vom Land in die Großstadt hinein, zu nennen. Das agrarisch geprägte Preußen bestand um 1800 aus 70-80% Landbevölkerung, 998 von 1016 preußischen Städten waren Ackerbürgerstädte. 1816 war in Preußen Berlin die einzige Großstadt mit über 100000 Einwohnern, 1905, ein Jahrhundert später, gab es bereits 41 Großstädte mit 11,5 Millionen Einwohnern – ein Wachstum um 913%.[13]

Ein dritter Faktor war die Verschiebung der Beschäftigung vom primären zum sekundären und tertiären Sektor. Die Beschäftigung verschob sich von der Landwirtschaft zu Industrie, Handwerk und Dienstleistung – wohl auch eines der Früchte der Industrialisierung.

Gelegentlich auftretende Missernten verschärften die Situation und damit auch das Problem der Verarmung der unteren Bevölkerungsschichten.

Auch das katholische Millieu hatte ihre Last zu tragen: Der Reichsdeputationshauptschluss und die Säkularisation entmachteten und enteigneten die Kirche – vormals katholische Gebiete waren nun Untertanen des protestantischen Preußens. Diese Konfessionalisierung brachte natürlich auch ein großes Konfliktpotenzial mit sich.

Mutter Rosa wird in diese Umstände hinein geboren und wird so früh mit Armut und sozialem Elend vertraut.

3 Das Leben Mutter Rosas (1826-1906)

3.1 Ihre Kindheit

Margaretha Flesch, die später ihren Ordensnamen Mutter Rosa erhalten wird, wird am 24. Februar 1824 als Tochter eines Ölmüllers in Vallendar geboren. Aufgrund sinkender Preise für Agrarprodukte konnte man in der Landwirtschaft keinen Lebensunterhalt mehr verdienen – davor blieb deswegen auch Familie Flesch nicht verschont. Kracht schreibt: „Armut, Einfachheit, Fleiß, Hunger und Sparsamkeit gehören zu den gemeinsamen Alltagserfahrungen“[14]. Früh wurde Margaretha mit dem kirchlichen Umfeld vertraut und fand im heiligen Franziskus ein Vorbild für ihr Leben.

[...]


[1] Vgl. LIESE, W. Prof. Dr.: Geschichte der Caritas Buch I, Freiburg i. Br., 1922, 323

[2] Siehe ebd. 324

[3] Anm.: Von 2540 Niederlassungen waren 70 männl. Gemeinschaften, 2470. weibl., 1562 männliche Mitglieder, 26958 weibliche Mitglieder, summiert ergibt dies dann 2540 Niederlassungen mit 28520 Mitgliedern

[4] Vgl. LIESE, W. Prof. Dr.: Geschichte der Caritas Buch I, Freiburg i. Br., 1922, 324

[5] Siehe 125 Jahre WBB, 18

[6] Vgl. Matrona SIMON, Felsgrund wird Quellgrund, Neuwied 1988

[7] Vgl. Hans-Joachim KRACHT, 361f

[8] Vgl. ebd., 363

[9] Band II enthält das Manuskript Nr. 7, das umfangreichste Manuskript der Schwester M. Schumann

[10] Vgl. zu den Zahlen der Statistik: SACHßE, C./TENNSTEDT, F.: Armenfürsorge, 179

[11] Vgl. ebd., 181

[12] Siehe ebd., 179

[13] Vgl. zu den Zahlen der Statistik: ebd., 180

[14] Siehe Hans-Joachim KRACHT, Margaretha Flesch I, 29

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Neugründung im Dienst der Armen und Vernachlässigten: Rosa Flesch und die Waldbreitbacher Franziskanerinnen
Hochschule
Universität Trier  (Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Vom Arbeitshaus zum Caritasverband: Katholische Armutsdiskurse und Armenfürsorgepraktiken vom späten 18. bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V125218
ISBN (eBook)
9783640308644
ISBN (Buch)
9783640306749
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neugründung, Dienst, Armen, Vernachlässigten, Rosa, Flesch, Waldbreitbacher, Franziskanerinnen, Arbeitshaus, Caritasverband, Katholische, Armutsdiskurse, Armenfürsorgepraktiken, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Christian Baltes (Autor), 2007, Neugründung im Dienst der Armen und Vernachlässigten: Rosa Flesch und die Waldbreitbacher Franziskanerinnen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125218

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