Ein Kind um jeden Preis. Ist eine gestationelle Leihmutterschaft als letzte Hoffnung für Wunscheltern auf ein (100% genetisch) eigenes Kind in Deutschland ethisch vertretbar?


Studienarbeit, 2021

17 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definitionen relevanter medizinischer und rechtlicher Begriffe im Zusammenhang mit der Leihmutterschaft
2.1. Medizinische Termini
2.1.1. Definition der Leihmutterschaft
2.1.1.1. Traditionelle Leihmutterschaft
2.1.1.2. Gestationelle Leihmutterschaft
2.1.2. Humanmedizin
2.1.2.1. Reproduktionsmedizin
2.1.2.2. Assistierte Reproduktionsmedizin
2.1.2.2.1. Intrakorporale Reproduktionsmedizin
2.1.2.2.2. Extrakorporale Reproduktionsmethoden
2.1.3. Weitere wichtige Termini
2. 2. Rechtliche Grundlagen in Deutschland
2.2.1. Embryonenschutzgesetz (ESchG)
2.2.2. Gesetz zur Präimplantationsdiagnostik (PID)
2.2.3. Richtlinien der Bundesärztekammer und des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen (G-BA)

3. Ethische Grundlagen
3.1. Ethik und ethisch richtige Handlung
3.2. Ethischer Theorieansatz der Deontologie nach Immanuel Kant
3.3. Ethischer Theorieansatz des Utilitarismus nach Jeremy Bentham / John Stuart Mill / Peter Singer

4. Überprüfung der ethischen Vertretbarkeit der gestationellen Leihmutterschaft nach ethischen Theorieansätzen
4.1 . Die ethische Vertretbarkeit der gestationellen Leihmutterschaft aus deontologischer Sicht
4.2. Die ethische Vertretbarkeit der gestationellen Leihmutterschaft aus utilitaristischer Sicht

5. Fazit

1 Einleitung

Im Zusammenhang mit meinem beruflichen, aber auch privatem Umfeld konnte ich in den letzten fünf Jahren immer wieder Beobachtungen und Erfahrungen zum Thema (biologische) Elternschaft und ihren Schwierigkeiten machen.

Durch das in Deutschland noch immer tabuisierte Thema der Fehlgeburt und vielfach dem damit verbundenen Schicksal der Kinderlosigkeit sowie spät geplante Elternschaft warfen sich weitere Fragen auf. Was ist mit einer Schwangerschaft trotz schwerer Erkrankung bei gesicherter Diagnose der Unheilbarkeit? Und was bedeutet das zuallererst für die Kinder, dann die Eltern und das soziale Umfeld? Die Stichworte Adoption und Pflegekinder fiel in diesem Zusammenhang ebenfalls. Des Weiteren wurde auch darüber diskutiert, ob ein Kind zu jedem Preis zum Leben dazu gehört und nicht nur die vielfältigen medizinischen Möglichkeiten der Hormontherapie, der künstlichen Befruchtung ausgeschöpft werden sollten, sondern als letzte Konsequenz auch eine Leihmutterschaft in Betracht gezogen werden sollte.

Da ich selbst zwei Aborte hatte, keine dieser Optionen in Erwägung zog und mich stattdessen beruflich nochmal als Erzieherin umorientierte, ging diese Diskussion nicht spurlos an mir vorüber. Und genau an diesem Punkt frage ich mich: Ist ein Kind / Kinder um jeden Preis ethisch wirklich vertretbar? Was ist, wenn das erste Kind bereits unter der schweren Krankheit der Mutter leidet und diese eine zweite plant? Was ist noch legitim? Und wo sind die ethischen, aber auch medizinischen und rechtlichen Grenzen? Wie sieht es tendenziell mit den älteren Erstgebärenden in Deutschland aus? Wie nutzen sie die Reproduktionsmedizin und als letzte Option die Leihmutterschaft? Und vor allem: was für Konsequenzen zieht eine Leihmutterschaft nach sich?

Da das Thema sehr komplex ist, werde ich mich in dieser Studienarbeit und der Frage der ethischen Vertretbarkeit speziell dem Aspekt der gestationellen Leihmutterschaft (mit genetischem Erbgut beider Wunschelternteile) widmen.

Bei all meinen Ausführungen orientiere ich mich grundsätzlich an der derzeitigen medizinisch und rechtlich vorherrschenden Ausgangslage in Deutschland. Anschließend folgt die Auseinandersetzung mit der Fragestellung selbst anhand der ethischen Theorieansätze der Deontologie und des Utilitarismus. Abschließend werde ich die Fragestellung aufgrund der mir vorliegenden, neuen Erkenntnisse in Form eines Fazits zusammenfassen und persönlich zur Thematik Stellung nehmen. Genderbezogene Formulierungen werden in der männlichen Form gehalten, es sei denn, der Kontext erfordert eine andere Formulierung.

2. Definitionen relevanter medizinischer und rechtlicher Begriffe im Zusammenhang mit der Leihmutterschaft

Da das Thema Leihmutterschaft sehr umfangreich ist und nicht isoliert von der Reproduktionsmedizin und der geltenden Rechtslage betrachtet werden kann, stelle ich Definitionen voran, die im Zusammenhang mit dem o. g. Thema stehen. Dadurch soll der Lesefluss des nachfolgenden Textes erleichtert werden.

2.1. Medizinische Termini

2.1.1. Definition der Leihmutterschaft

Als Leihmutterschaft oder auch Ersatzmutterschaft wird eine Mutterschaft bezeichnet, bei der eine andere Frau, die befruchtete Eizelle, für ein zukünftiges Elternpaar, die oft als „Wunscheltern“ bezeichnet werden, bis zur Geburt des Kindes austrägt. Die Leihmutter verzichtet hierbei auf das Recht der Mutterschaft (vorab vertraglich geregelt) und übergibt das Kind nach der Geburt an die Wunscheltern.

Diese Form der Mutterschaft ist in Deutschland rechtlich nicht erlaubt, das Gesetz benutzt hier die Begrifflichkeit „gespaltene Mutterschaft“(s. u. ESchG).

Hierbei ist nochmals zwischen zwei Arten der Leihmutterschaft zu differenzieren:

2.1.1.1. Traditionelle Leihmutterschaft

Bei der traditionellen Leihmutterschaft stammt das genetische Material in Form einer Eizelle von der Leihmutter selbst. Es findet eine künstliche Befruchtung mit der Samenspende des Wunschvaters statt durch intra- oder extrakorporale Reproduktionsmethoden (s. u.) Diese Art der Leihmutterschaft wird eher vermieden, da die Leihmutter emotional zu stark verwickelt werden könnte.

2.1.1.2. Gestationelle Leihmutterschaft

Die meisten Länder, in denen Leihmutterschaft erlaubt ist, lassen nur die gestationelle Variante zu. Im Idealfall stammen die biologischen Erbmaterialien daher von den zukünftigen Wunscheltern selbst ab, d. h. die Eizelle von der Wunschmutter, die Samenspende vom Wunschvater. Es sind aber auch Formen denkbar, bei denen andere Personen als die Wunscheltern (bzw. Elternteile: Bsp.: homosexuelle Paare, Alleinerziehende) als Spender dienen, wenn keine andere Möglichkeit besteht. (vgl. Trolice 2019, o. S.)

2.1.2. Humanmedizin

Die Humanmedizin, also die den menschlichen Organismus betreffende Medizin, wird in eine Vielzahl an Spezialgebieten untergliedert.

2.1.2.1. Reproduktionsmedizin

Der englische Begriff „reproduction“ (Fortpflanzung) stammt ursprünglich aus der Biologie. Unter Reproduktionsmedizin versteht man heute im Allgemeinen die Fortpflanzungsmedizin als Teilgebiet der Humanmedizin. Sie fokussiert sich auf die Diagnostik und Behandlung von ungewollter Kinderlosigkeit bei beiden Geschlechtern.

Dabei wird nicht nur nach Ursachen der Unfruchtbarkeit (Sterilität) geschaut, sondern die Klienten vor allem unterstützend begleitet, dass die Zeugung auf natürlichem Wege vollzogen werden kann. In diesem Zusammenhang werden oftmals operative Eingriffe oder hormonelle Therapien notwendig. (vgl. o. V. (2001): Kompaktlexikon der Medizin) (vgl. o. V., MSD SHARP & DOHME GMBH (o. J.))

2.1.2.2. Assistierte Reproduktionsmedizin

Sollten diese Maßnahmen keine Wirkung zeigen, besteht die Möglichkeit auf die sogenannte „assistierte Reproduktion“, also die künstliche Befruchtung, auszuweichen. Hierbei gibt es wiederum ein weitreichendes Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten, welches im Rahmen der Studienarbeit nur dem Verständnis halber in vereinfachter Form dargelegt werden kann. Man unterscheidet generell zwei verschiedene Oberkategorien der assistierten Reproduktion: die intra- und extrakorporale Reproduktion.

2.1.2.2.1. Intrakorporale Reproduktionsmethoden

Bei diesen Methoden findet die Befruchtung im Körper der Frau statt. Es handelt sich jeweils um Inseminationsverfahren, d. h. die Einbringung von Samen mittels Apparatur in die weiblichen Geschlechtsorgane. Die bekanntesten Methoden sind:

- IUI (Intrauterine Insemination): Übertragung von Spermien direkt in die Gebärmutterhöhle
- ITI (Intratubare Insemination): Übertragung von Spermien in die Eileiter
- GIFT(Gamete-Intra-Fallopian-Transfer): Einbringen der Keimzellen beider Geschlechter (mit vorheriger in-vitro-Behandlung) in Eileiter oder Gebärmutter (unterschiedliche Verfahren) (vgl. ebd.)

2.1.2.2.2. Extrakorporale Reproduktionsmethoden

Bei diesen Methoden muss auf Verfahren zurückgegriffen werden, die eine Befruchtung außerhalb des Körpers der Frau ermöglichen. Meist wird in diesem Zusammenhang von In-vitro-Fertilisation (IVF) gesprochen und folgende Begriffserklärungen bzw. Abkürzungen sind wichtig:

- ECB (Extracorporale Befruchtung): Befruchtung einer Eizelle außerhalb des Körpers
- ET (Embryotransfer): Übertragen eines Embryos in die Gebärmutter
- EUG (Extrauteringravidität):Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter
- Implantation: Einnisten des Embryos in der Gebärmutterschleimhaut
- ICSI (Intrazytoplasmatische Spermieninjektion): Injektion eines Spermiums in eine Eizelle durch folgende Spermienzugabe
- MESA (Mikrochirurgische epididymale Spermienaspiration): Operative Entnahme von Samenzellen aus Nebenhoden
- Ejakulat (Samenzellen aus Masturbationsejakulat, das für eine gelingende IVF nochmals zusätzlich nachbehandelt werden muss)
- TESE (Testikuläre Spermienextraktion): Spermiengewinnung aus Hodengewebe
- Kryokonservierung. Für die IVF tiefgefrorene und somit konservierte Ei- und/ oder Samenzellen

Auch die Leihmutterschaft fällt deshalb unter die extrakorporalen Reproduktionsmethoden. (vgl. ebd.)

2.1.3. Weitere wichtige Termini

Medizinische Definition „Embryo“:

Als „Embryo“ bezeichnet man das Stadium der befruchteten Eizelle bis Ende der achten Schwangerschaftswoche, dann wird der Begriff „Fötus“ verwendet.

In den untersuchten Quellen ist hierbei von der Abstufung in verschiedene Stadien innerhalb der Embryonalphase zu lesen. Teilweise gibt es auch unterschiedliche Auffassungen davon, wann es sich „nur“ um einen oftmals als „Zellhaufen“ bezeichneten Embryo handle, wann die menschliche Würde vorliege und unantastbar sei, wie sie § 1 unseres Grundgesetzes fordert. Oft wurde dabei das Stadium der „Totipotenz“ und der „Pluripotenz“ diskutiert, also der Punkt, an dem bei der Zellteilung nicht mehr rein theoretisch eine weitere Person entstehen könne (Stichwort: Mehrlingsgeburten). „WissenschaftlerInnen nehmen an, dass es ab dem 8- bis 16-ZellStadium zu einem Verlust der „Totipotenz“ kommt. Ab dem 16-Zell-Stadium, der Embryo ist inzwischen vier Tage alt, spricht man deshalb von einer Pluripotenz der Zellen. Das heißt, man nimmt an, dass aus den Zellen noch viele verschiedene Zelltypen (zum Beispiel Nerven-, Haut- oder Muskelzellen) entstehen können, aber nicht mehr ein vollständiger Mensch.“ (BZgA 2000, Glossar: S. 54 und vgl. Rager 2016, o. S.)

Rechtliche Definition „Embryo“ nach dem Embryonenschutzgesetz (ESchG):

㤠8 Begriffsbestimmung

(1) Als Embryo im Sinne dieses Gesetzes gilt bereits die befruchtete, entwicklungsfähige menschliche Eizelle vom Zeitpunkt der Kernverschmelzung an, ferner jede einem Embryo entnommene totipotente Zelle, die sich bei Vorliegen der dafür erforderlichen weiteren Voraussetzungen zu teilen und zu einem Individuum zu entwickeln vermag.
(2) In den ersten vierundzwanzig Stunden nach der Kernverschmelzung gilt die befruchtete menschliche Eizelle als entwicklungsfähig, es sei denn, daß schon vor Ablauf dieses Zeitraums festgestellt wird, daß sich diese nicht über das Einzellstadium hinaus zu entwickeln vermag.
(3) Keimbahnzellen im Sinne dieses Gesetzes sind alle Zellen, die in einer Zell-Linie von der befruchteten Eizelle bis zu den Ei- und Samenzellen des aus ihr hervorgegangenen Menschen führen, ferner die Eizelle vom Einbringen oder Eindringen der Samenzelle an bis zu der mit der Kernverschmelzung abgeschlossenen Befruchtung.“ (Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz: ESchG 1990)

Präimplantationsdiagnostik (PID)

Unter Präimplantationsdiagnostik versteht man die genetische Untersuchung eines Embryos, der durch künstliche Befruchtung entstand, vor Einpflanzung in die Gebärmutter (Implantation). (vgl. Bundesregierung, o. V., 20.01.2020)

2.2. Rechtliche Grundlagen in Deutschland

Da die Leihmutterschaft im Zusammenhang mit der Reproduktionsmedizin steht, sind die rechtlichen Grundlagen hierzu zu berücksichtigen. In Deutschland ist jegliche Art von Leihmutterschaft zum aktuellen Zeitpunkt verboten.

Folgende Gesetze und Richtlinien kommen zur Anwendung:

2.2.1. Embryonenschutzgesetz(ESchG)

Das Embryonenschutzgesetz ist ein Bundesgesetz, das am 13.12.1990 erlassen wurde und am 01.01.1991 in Kraft trat. Es wurde geschaffen, um einem möglichen Missbrauch in der Reproduktionsmedizin durch Neuerungen in der Fortpflanzungstechnik präventiv vorzugreifen.

Es regelt bzw. verbietet folgende Punkte:

- Verbot der gespaltenen Mutterschaft (d. h. die genetische und die austragende Mutter sind nicht identisch, die fremde, unbefruchtete Eizelle wird einer austragenden Mutter übertragen)
- Beschränkung der IVF (In-vitro-Fertilisation) auf die Herbeiführung einer Schwangerschaft der Eizellenspenderin und dabei Begrenzung auf maximal drei Eizellen / Embryonen pro Zyklus
- Verbot der gewerblichen Veräußerung oder Erwerbs von Embryonen über den eigentlichen Sinn der Erhaltung hinaus
- Beabsichtigte Erzeugung von Chimär- und Hybridwesen aus Mensch / Tier
- Verbot der Geschlechtswahl (Ausnahmeregelungen)
- Verbot der Befruchtung von Eizellen / Samenzellen ohne Einverständnis der Spender
- Verbot der Befruchtung einer Eizelle mit dem Samen eines Verstorbenen
- Strafrechtlich untersagt sind zudem jegliche künstliche Veränderungen des menschlichen Erbmaterials und das Klonen von Embryonen
- Sämtliche zulässigen reproduktionsmedizinischen Eingriffe sind ausschließlich von einem Arzt vorzunehmen

Nicht geregelt ist durch diese Gesetzgebung die Tatsache, dass die Forschung an embryonalen Stammzellen eine Grauzone bleibt, da sie per Definition keine Embryonen darstellen. Ebenso sind Indikationen nach der Präimplantationsdiagnostik vernachlässigt. (vgl. bpb o. J. ESchG und Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz: ESchG 1990)

2.2.2. Gesetz zur Präimplantationsdiagnostik (PID)

Das Gesetz zur Präimplantationsdiagnostik (PID) trat 2011 in Kraft. Damals wurde das generelle Verbot der PID im Embryonenschutzgesetz verankert und auch die wenigen Ausnahmen geregelt. Die Ausnahme Gendefekte frühzeitig zu entdecken ist demnach nur gestattet, wenn ein nachweislich hohes Risiko auf eine gravierende Erbkrankheit vorliegt und soll der Intention nach einem späteren Schwangerschaftsabbruch entgegenwirken. Die Diagnostik-Kosten sind derzeit nicht erstattungsfähig und von den Betroffenen selbst zu tragen. Laut dem Bericht der Bundesregierung vom 22.01.2020 ist die Anzahl der Anträge auf PID-Eingriffe seit 2015 stetig ansteigend und wird durch fünf ständige PID-Ethikkommissionen in Zusammenarbeit mit dem Paul-Ehrlich-Institut genauestens überprüft. Alle vier Jahre setzt sich die Bundesregierung – basierend auf diesen Daten – mit den Erfahrungen in diesem Bereich auseinander und 2020 wurde der Legislative (dem Bundestag und Bundesrat) die neuesten Erkenntnisse zur Überprüfung und ggf. gesetzlichen Implementierung übergeben. (vgl. Bundesregierung, o. V., 20.01.2020)

2.2.3. Richtlinien der Bundesärztekammer und des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen (G-BA)

Die Richtlinien wurden erstmals 1990 veröffentlicht (Fassung vom 14. August 1990 veröffentlicht im Bundesarbeitsblatt 1990, Nr. 12 zuletzt geändert am 16. März 2017 veröffentlicht im Bundesanzeiger BAnz AT 01.06.2017 B4) und im März durch Erlaubnis des ICSI-Verfahrens bei entsprechender Indikation ergänzt. Ansonsten wurden seitdem keine nennenswerten Änderungen in den Richtlinien vorgenommen und sie regeln folgende Punkte: „Die vom Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen gemäß § 27a Abs. 4 i. V. m. § 92 Abs. 1 Satz 2 Nr. 10 und i. V. m. § 135 Abs. 1 des 5. Buches Sozialgesetzbuch (SGB V) beschlossenen Richtlinien bestimmen die medizinischen Einzelheiten zu Voraussetzungen, Art und Umfang der den gesetzlichen Erfordernissen des § 27a Abs. 1 SGB V entsprechenden ärztlichen Maßnahmen zur Herbeiführung einer Schwangerschaft durch künstliche Befruchtung.“ (Bundesregierung, o. V., 20.01.2020) Ergänzt werden die Richtlinien durch einen Muster-Behandlungsplan und einen Muster-Folge-Behandlungsplan, der für alle Beteiligten richtungsweisend ist.

3. Ethische Grundlagen

Nachfolgend werden Definitionen in diesem Bereich sowie Theorieansätze erläutert.

3.1. Ethik und ethisch richtige Handlung

Dem Wortursprung nach bedeutet der griechische Begriff „Ethos“ einerseits Gehäuse, Stall, Wohnung und daraus abgeleitet Gewohnheit, Sitte, Brauch und andererseits bedeutet er Gewohnheit und Gewöhnung. Der Begriff „Ethik“ selbst wurde von Aristoteles geprägt und bezieht sich auf die reflexive Behandlung des Begriffes „Ethos“, d. h. der kritischen Auseinandersetzung mit der Frage „Ist meine Gewohnheit / Sitte tatsächlich gut / richtig / sittlich?“ (vgl. Härle 2018, S. 8f) Aristoteles setzt sich als Erster speziell mit ethischen Problematiken schriftlich in diversen Abhandlungen auseinander. Dies ist der Ursprung einer Ethik, die fortan sowohl eine eigenständige Disziplin innerhalb der praktischen Philosophie, als auch eine eigenständige Wissenschaft darstellt. (vgl. Rommerskirchen 2019, S. 16ff)

Dabei kann die Gewohnheit des Einzelnen nicht losgelöst, sondern muss im Kontext seines sozialen Gefüges betrachtet werden. Es geht also vielmehr um dessen Charakter und die „Verhaltensweisen, Tugenden und Handlungsziele, die der Einzelne als gut anerkennt.“ (Rommerskirchen 2019, S. 17)

Ethische Fragestellungen konzentrieren sich demnach auf die Leitfrage:

Was ist moralisch gut / schlecht ?

Daraus abgeleitete Handlungsfragen sind:

- Handle ich gut?
- Sind die Folgen meiner Handlung gut?
- Sind die Ziele meiner Handlung gut?
- Führen meine Handlungen, die daraus erfolgenden Konsequenzen und erzielten Ergebnisse zu einem guten Leben? (vgl. Rommerskirchen 2019, S. 18)

Im engen Kontext dazu steht der Begriff „Moral“: das moralisch Gute / Richtige oder moralisch Schlechte / Falsche. Er umfasst alle Werte, alle Normen, alle als richtig oder falsch eingestuften Verhaltensweisen innerhalb eines Sozialisationsgefüges eines Menschen.

Die Leitfrage unter der Moral lautet anders als die der Ethik. Sie richtet sich nach dem Effekt einer Einzelhandlung und ob diese nach geltender moralischer Auffassung als vertretbar eingestuft wird.

Sie lautet demnach:

Ist es richtig, was ich tue?

Daraus abgeleitete Handlungsfragen sind:

- Handle ich richtig?
- Sind die Folgen meiner Handlung richtig und allgemein akzeptabel?
- Sind die Ziele meiner Handlung moralisch gut und sozial akzeptiert?
- Treffen meine Handlungen, die daraus erfolgenden Konsequenzen und erzielten Ergebnisse auf soziale Akzeptanz und tragen sie zum Allgemeinwohl und dem Erhalt der geltenden Normen, Werte, dem moralisch Richtigen bei?

Die moralischen Fragestellungen führen unweigerlich zu einer Formulierung, was ein Mensch „machen soll“ und was er zu unterlassen hat. Es werden damit allgemeingültige Regeln aufgestellt, die einen normativen Charakter haben und die Mitglieder einer Gemeinschaft kollektiv an deren Einhaltung binden. (vgl. Rommerskirchen 2019, S. 19 f)

Dabei ist der freie Wille des Menschen zu berücksichtigen, der sich als rationales Wesen seiner Vernunft bedienen und demnach eine Entscheidung treffen kann, die auf objektiven Gesichtspunkten beruht, anstatt sich von subjektiven Größen (eigene Empfindungen und Erfahrungen) leiten zu lassen. Hierbei spricht man von

- Formalem Subjektbezug (= die eigene Gesinnung mit der Frage: Will ich - nach bestem Wissen und Gewissen - Gutes tun?) und
- Materialem Objektbezug (= die Ausrichtung am Sachverhalt an sich unter Einbezug geltender Normen, Werte, Rechtsvorschriften: Was muss ich tun, um richtig zu handeln?). (vgl. Gruber 2009, S. 111 – 114)

„Für das sachgerechte Handeln des Einzelnen stellen diese Werte und Normen eine wichtige Orientierungshilfe dar. Sie übersetzen die Grundwerte in die jeweilige kulturelle und gesellschaftliche Situation. Sie sind Konkretisierungen der Grundwerte, die der handelnden Person die Richtung weisen, in der sich ihr sittliches Gutsein auf der Handlungsebene zu verwirklichen hat.“ (Gruber 2009, S. 114)

Welche Normen und Werte gelten sind dabei differenziert zu betrachten, denn sie sind durch die Umwelt des Einzelnen und seiner Sozialisation entstanden. Werte sind dabei als rein ideelle Vorstellungen innerhalb einer Gesellschaft anzusehen, die als wünschens- oder erstrebenswert gelten und hängen auch mit kulturellen Einflüssen zusammen. Normen gehen einen Schritt weiter: Sie sind Regeln, Satzungen, Richtlinien oder Gesetze, die das Zusammenleben der Menschen verbindlich regeln sollen und auf diesen Werten ausgerichtet formuliert wurden. Sie besitzen oft einen reglementierenden Charakter, um sicherzustellen, dass die Werte entsprechend gesellschaftlich umgesetzt werden. Bei Nichteinhaltung drohen Sanktionen oder Strafverfolgung im rechtlichen Sinn. (vgl. Abels 2009, S. 15 ff)

Ethisches Handeln erfolgt also immer als Interaktion zwischen der Einzelperson und der Gesellschaft und kann nicht isoliert voneinander, aber auch nicht ohne Berücksichtigung der Werte und Normen, betrachtet werden.

„Anders als den ethischen Gesichtspunkt, den jeder einnehmen muss, der sich um die rationale Begründung verantwortlichen Handelns Gedanken macht, gibt es also „den“ ethischen Standpunkt niemals, sondern unterschiedliche Auffassungen vom Grund moralischer Erkenntnis stehen einander, und zwar zum guten Teil ganz unvermittelt und entsprechend kontrovers, gegenüber. Mehr oder weniger idealtypisch kann man dabei zwei Hauptlager unterscheiden, die man als den deontologischen und den utilitaristischen Standpunkt kennzeichnen kann.“ (Schweidler 2018, S. 37)

Um später auf die Leitfrage „Ein Kind um jeden Preis? Ist eine gestaltionelle Leihmutterschaft als letzte Hoffnung für Wunscheltern auf ein (100% genetisch) eigenes Kind in Deutschland ethisch vertretbar?“ eingehen zu können, werden im nächsten Schritt ethische Theorieansätze untersucht, beginnend mit dem deontologischen Ansatz nach Immanuel Kant, gefolgt vom utilitaristischen Ansatz nach Jeremy Bentham, John Stuart Mill und Peter Singer.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Ein Kind um jeden Preis. Ist eine gestationelle Leihmutterschaft als letzte Hoffnung für Wunscheltern auf ein (100% genetisch) eigenes Kind in Deutschland ethisch vertretbar?
Hochschule
Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten
Veranstaltung
Ethische Grundlagen der Sozialen Arbeit
Note
2,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
17
Katalognummer
V1252932
ISBN (Buch)
9783346688408
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethik Gestationelle Leihmutterschaft, Deontologie Immanuel Kant, Utilitarismus, Bentham Mill Singer
Arbeit zitieren
Andrea Dietrich (Autor:in), 2021, Ein Kind um jeden Preis. Ist eine gestationelle Leihmutterschaft als letzte Hoffnung für Wunscheltern auf ein (100% genetisch) eigenes Kind in Deutschland ethisch vertretbar?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1252932

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