Machiavelli pur. Die Discorsi - 3. Buch

Die handelnden Individuen


Quellenexegese, 2009
86 Seiten, Note: Keine

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung:

1. Kapitel: Soll ein Staat oder eine Religion lange bestehen, so muss man sie häufig zu ihrem Ursprung zurückführen

2. Kapitel: Wie weise es ist, sich zu rechter Zeit töricht zu stellen

3. Kapitel: Zur Erhaltung der neu errungenen Freiheit ist es nötig, die Söhne des Brutus zu töten

4. Kapitel: Kein Fürst ist seiner Herrschaft sicher, so lange die am Leben sind, denen sie genommen wurde

5. Kapitel: Wodurch ein König sein ererbtes Reich verliert

6. Kapitel: Von den Verschwörungen

7. Kapitel: Warum der Umschwung von der Freiheit zur Knechtschaft und umgekehrt bisweilen sehr viel, bisweilen gar kein Blut kostet

8. Kapitel: Wer eine Republik stürzen will, muss ihren Zustand in Betracht ziehen

9. Kapitel: Wer immer Glück haben will, muss sein Verfahren je nach den Zeiten ändern

10. Kapitel: Ein Feldherr kann der Schlacht nicht ausweichen, wenn der Gegner durchaus eine Schlacht liefern will

11. Kapitel: Wer mit mehreren Gegnern zu tun hat, trägt, auch wenn er der Schwächere ist, den Sieg davon, wenn er nur den ersten Angriff aushält

12. Kapitel: Ein kluger Feldherr soll seine Soldaten soviel wie möglich in die Notwendigkeit versetzen zu kämpfen, sie dem Feinde aber benehmen

13. Kapitel: Auf wen mehr Verlass ist, auf einen guten Feldherrn mit einem schlechten Heer oder auf ein gutes Heer mit einem schlechten Feldherrn

14. Kapitel: Die Wirkung neuer Erfindungen, die mitten im Kampfe in Erscheinung treten, oder überraschender Ausrufe, die gehört werden

15. Kapitel: Einer, nicht viele müssen an der Spitze eines Heeres stehen; mehrere Befehlshaber sind schädlich

16. Kapitel: Wahres Verdienst sucht man nur in schwierigen Zeiten hervor; in ruhigen Zeiten dagegen werden nicht die Verdienstvollen vorgezogen, sondern die, welche sich auf Reichtum oder Verwandtschaft stützen

17. Kapitel: Man darf einen Mann nicht beleidigen und ihm nachher die Leitung einer wichtigen Sache anvertrauen

18. Kapitel: Nichts bringt einem Feldherrn mehr Ehre, als die Pläne des Feindes zu durchschauen

19. Kapitel: Ob zur Leitung der Menge Milde nötiger ist als Strenge

20. Kapitel: Ein Beweis von Menschlichkeit richtete bei den Faliskern mehr aus als die Waffengewalt der Römer

21. Kapitel: Woher es kam, dass Hannibal bei ganz verschiedener Handlungsweise die gleichen Erfolge in Italien hatte wie Scipio in Spanien

22. Kapitel: Die Härte des Manlius Torquatus und die Milde des Valerius erwarben beiden den gleichen Ruhm

23. Kapitel: Weshalb Camillus aus Rom vertrieben wurde

24. Kapitel: Die Verlängerung des Oberbefehls brachte Rom in Knechtschaft

25. Kapitel: Von der Armut des Cincinnatus und vieler Römer

26. Kapitel: Wie durch Frauen ein Staat zugrunde gerichtet werden kann

27. Kapitel: Wie man in einer Stadt die Eintracht wiederherstellen soll, und dass die Ansicht falsch ist, um sich im Besitz einer Stadt zu behaupten, müsse man sie in Uneinigkeit halten

28. Kapitel: Man muss auf die Handlungen der Bürger Acht geben, denn unter einer tugendhaften Haltung verbirgt sich oft der Anfang der Tyrannei

29. Kapitel: Die Sünden der Völker kommen von den Fürsten

30. Kapitel: Ein Bürger, der in einer Republik durch sein Ansehen etwas Gutes ausrichten will, muss erst den Neid überwinden. – Wie man beim Anrücken des Feinde die Verteidigung einer Stadt einzurichten hat

31. Kapitel: Starke Republiken und ausgezeichnete Männer bewahren im Glück und Unglück den gleichen Mut und die gleiche Würde

32. Kapitel: Welche Mittel einige benutzt haben, um den Frieden zu hintertreiben

33. Kapitel: Um eine Schlacht zu gewinnen, muss man dem Heer Vertrauen auf sich selbst und auf den Feldherrn einflößen

34. Kapitel: Welcher Ruf, welche Stimme oder Meinung das Volk bestimmt, seine Gunst einem Bürger zuzuwenden, und ob es die Ämter klüger verteilt als ein Fürst

35. Kapitel: Es ist gefährlich, sich zum Hauptratgeber einer Sache aufzuwerfen, und zwar um so gefährlicher, je außerordentlicher sie ist

36. Kapitel: Warum man von den Franzosen gesagt hat und noch sagt, sie seien zu Beginn der Schlacht mehr als Männer und später weniger als „Weiber“

37. Kapitel: Ob vor einer Schlacht kleine Gefechte nötig sind, und wie man das Heer mit einem neuen Feind bekannt machen soll, wenn man sie vermeiden will

38. Kapitel: Wie ein Feldherr sein muss, wenn sein Heer Vertrauen in ihn setzen soll

39. Kapitel: Ein Feldherr muss Geländekenntnis besitzen

40. Kapitel: Betrug ist im Kriege ruhmvoll

41. Kapitel: Man soll das Vaterland verteidigen, einerlei, ob mit Ruhm oder Schande; es wird immer gut verteidigt

42. Kapitel: Erzwungene Versprechen braucht man nicht zu halten

43. Kapitel: Die Menschen eines Landes bewahren in allen Zeiten fast das gleiche Wesen

44. Kapitel: Mit Ungestüm und Kühnheit erreicht man oft, was man auf gewöhnlichem Wege nicht erreicht hätte

45. Kapitel: Was in der Schlacht besser ist, den Angriff des Feindes auszuhalten und dann zum Gegenstoß zu schreiten oder gleich ungestüm auf ihn loszugehen

46. Kapitel: Wie es kommt, dass ein Geschlecht in einer Stadt lange die gleichen Sitten bewahrt

47. Kapitel: Ein guter Bürger muss aus Vaterlandsliebe persönliche Beleidigungen vergessen

48. Kapitel: Wenn der Feind einen großen Fehler macht, muss man eine Kriegslist dahinter vermuten

49. Kapitel: Um die Freiheit einer Republik zu erhalten, bedarf es täglich neuer Maßnahmen. – Für welche Verdienste Quintus Fabius den Beinahmen Maximus erhielt

Hintergrund: Die politische Lage in Machiavellis Italien

Kleinere Schriften und Berichte

Hintergrund: Sinigaglia aus der Sicht Machiavellis

Wie man das aufständische Chianatal behandeln solle

Über die Pisanische Angelegenheit

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Mögliche Begründungen einer gesellschaftlichen Reform

Tabelle 2: Strategien für den Sturz von Herrschern

Tabelle 3: Grundsätze des Umgangs mit Gegnern eines Regimewechsels

Tabelle 4: Wie ein etablierter Fürst seine Macht unter gewöhnlichen Umständen erhalten kann

Tabelle 5: Unterscheidung einer Verschwörung nach ihrem Ziel

Tabelle 6: Ursachen einer Verschwörung gegen einen Fürsten

Tabelle 7: Unterscheidung einer Verschwörung nach der Anzahl der Beteiligten

Tabelle 8: Wer zettelt zumeist Verschwörungen an?

Tabelle 9: Gefahren vor, während und nach der Tat

Tabelle 10: Gewalttätigkeit bei politischen Umstürzen

Tabelle 11: Umsetzbarkeit von politischen Zielen eines Bürgers

Tabelle 12: Bedingungen erfolgreichen Handelns

Tabelle 13: Mögliche Gegenmaßnahmen gegen gesellschaftlichen Neid

Tabelle 14: Zusammenfassung: Warum Scipio und Hannibal mit milder/ harter Führung beide erfolgreich waren

Tabelle 15: Unterschiedliche Kurzzeit- und Langzeitfolgen einer Maßnahme am Beispiel der Verlängerung des Oberbefehls in Rom

Tabelle 16: Auswirkungen von Armut und Reichtum der Bürger

Tabelle 17: Verschiedene Ansätze, eine durch Fraktionskämpfe gespaltene Stadt zu sichern und deren Erfolgsaussichten

Tabelle 18: Beurteilung von Kandidaten für ein Amt durch das Volk

Tabelle 19: Gewöhnung der Soldaten an bislang fremde Gegner durch Scharmützel

Tabelle 20: Vorteile ungestümen Handelns am Beispiel Julius II

Tabelle 21: Verfahren Roms mit aufständischen Städten

Tabelle 22: Verfahren von Florenz mit aufständischen Städten

Tabelle 23: Mögliche Arten, in den Besitz von Pisa zu gelangen

Alle Tabellen wurden vom Autor erstellt.

Einleitung:

Mit diesen Seiten erscheint ein weiterer Band der Reihe „Machiavelli pur“. Zu Beginn der Arbeiten an der Reihe stand das Anliegen, Interessierten einen möglichst unverfälschten und unkommentierten Blick auf die Gedankenwelt und die politischen Vorstellungen Machiavellis anzubieten. Natürlich kann man sein Werk auch ausgezeichnet kommentieren und beurteilen, wenn man denn will. Seine Thesen laden zum Teil geradezu dazu ein, moralische Wertungen vorzunehmen. Allein, dies würde seinen Ansatz ignorieren, moralische Erwägungen außen vor zu lassen und sich ganz auf die Regeln des politischen Spiels einzustellen.

Dies widerspricht schließlich nicht dem Anliegen, diese eben jene moralischen Erwägungen in der eigenen Gegenwart umgesetzt sehen zu wollen. Aber Machiavelli kann uns gerade hier einen Dienst erweisen, indem er uns kritisch macht gegenüber jenen, die für ihr Handeln lautstark moralische Begründungen liefern. Eben dies schlägt Machiavelli vor, für interessengeleitetes Handeln moralische Gründe vorzuschieben. Wenn die aufmerksame Lektüre des Florentiners uns daher unempfänglicher macht für die Versprechungen heutiger politischer Personen, hat sich die Lektüre schon gelohnt.

Wenn auch die Darstellung der Gedanken Machiavellis hier natürlich verkürzt erfolgen muss, da die Reihe in erster Linie den Einstieg in das Werk Machiavellis erleichtern soll und in gewisser Weise nur einen Kompass durch den Principe und die Discorsi bietet, wird doch der systematische Einstieg durch die Betonung der jeweiligen Kapitelschwerpunkte deutlich erleichtert.

Auch für studentische Arbeiten soll eine Hilfestellung geboten werden. Durch Machiavellis systemischen Ansatz ist es manchmal im Nachhinein schwer nachzuvollziehen, in welchem Kapitel der Discorsi oder des Principe er eine bestimmte These geäußert hat. Durch den hier verwendeten Kapitelansatz soll diese Nachvollziehbarkeit erhöht werden.

Das dritte Buch der Discorsi behandelt, wie schon der Titel sagt, die handelnden Individuen in einem Staat. Machiavelli versucht hier, allgemeine Ansätze für Handlungsanweisungen zu geben und seinen Lesern ein Gespür für situative Dringlichkeiten und politische Notwendigkeiten zu vermitteln, mit dem sie sich den konkreten Herausforderungen ihres Alltags stellen können. Hierbei behält er stets, wie auch im Principe und den anderen Büchern der Discorsi, das große Ganze, die Ordnung und den Erhalt des Staates, im Blick. Bei Machiavelli kann man daher mit Fug und Recht von einem systemischen Denken sprechen, in dem alles mit allem zusammenhängt und auf jede actio auch eine reactio (oder gleich mehrere, sowohl positive als auch negative) erfolgen muss. Angesichts so vieler heutiger wissenschaftlicher Denkmodelle, in denen die Komplexität der realen Welt bewusst reduziert wird – man denke nur an die fast beängstigend verkürzt wirkenden wirtschaftswissen-schaftlichen Modelle des homo oeconomicus – ist der Ansatz Machiavellis, die Komplexität möglichst wenig zu verringern und immer zu betonen, dass der Erfolg eines Handelns zum Beispiel entscheidend auch von der qualità dei tempi, also der Situation, in der gehandelt wird, abhängt, erfrischend ehrlich gegenüber dem Leser.

Vor allem aber hat Machiavellis Werk die Eigenschaft, sich seinen Lesern durch seine zahlreichen inneren Verweise als eine Einheit zu präsentieren. Diese inhaltliche Einheit aber erschließt sich, da Machiavelli meist sehr ungenau verweist, erst nach einem genauerem Studium vor allem des Principe und der Discorsi, aber auch natürlich der Arte della Guerra. Nichtsdestotrotz sind seine Schriften durch ihre einfache Sprache und die generelle inhaltliche Abgeschlossenheit der Kapitel leicht zugänglich und bieten außerdem zahlreiche geschichtliche Anekdoten, die Machiavelli im Rahmen seiner historischen Methode, bei der er versucht, seine Thesen anhand geschichtlicher Beispiele zu belegen, anführt. Hierbei fallen vor allem bei den politischen Beschreibungen dem Leser selbst schnell weitere Beispiele ein, die Machiavellis Thesen verifizieren oder auch falsifizieren könnten. Auf diese Weise sorgt Machiavellis Methode zugleich dafür, dass sich der aktive Leser mit seinem eigenen historischen Wissen vor allem auch mit und seiner Gegenwart auseinander setzt.

Natürlich entwickelt sich eine Reihe wie diese mit jedem fertig gestellten Band. In diesem Band wurde vor allem versucht, Machiavellis Thesen anhand von Tabellen und Schaubildern zu visualisieren, um vor allem dem eiligen Leser den Überblick zu erleichtern. Darüber hinaus haben diese Visualisierungen den positiven Nebeneffekt, das Schriftbild aufzulockern.

1. Kapitel: Soll ein Staat oder eine Religion lange bestehen, so muss man sie häufig zu ihrem Ursprung zurückführen

„Es ist eine ausgemachte Wahrheit, [dass] alle Wesen auf Erden ihre Lebensgrenze haben.“[1]

Machiavelli wählt zu Beginn des dritten Buches einen naturgesetzlichen Einstieg, indem er eingangs feststellt, das alles Leben endlich ist. Dieses Naturgesetz überträgt Machiavelli auch auf politische Körper. Auch diese unterlägen einem Verfallsprozess. Natürliche Folge dieser Annahme ist, dass es eine Aufgabe der politischen Wissenschaften sein muss, zu ergründen, wie sich das Leben politischer Körper verlängern lässt, so wie sich die Medizin darum bemüht, das Leben normaler Lebewesen zu verlängern.

Machiavelli sieht die Lösung für die Verlängerung des Lebenszyklus darin, politische Körper „zu ihrem Ursprung“[2] zurück zu führen. Die Notwendigkeit für diese Rückführung eines Staates zu seinen Wurzeln entstehe aus dem Umstand, dass seine guten Einrichtungen im Lauf der Zeit verdorben werden und der Staat insgesamt dadurch an Substanz verliert. Denn die grundsätzlichen Einrichtungen eines Staates, der einmal erfolgreich gegründet wurde und gewachsen ist, müssen nach Machiavellis Ansicht etwas Gutes enthalten haben. Ist dieser Staat nun durch den natürlichen Verfall seiner Einrichtungen gefährdet, sei es sinnvoll, sich auf seine Ursprünge zu besinnen.

Diese Rückführung kann auf zwei verschiedenen Wegen passieren. Entweder es passiert durch innere Klugheit oder durch äußeres Unglück.[3] Es liegt im Zustand des Staates, ob eine innere Reform noch möglich ist, oder ob nur noch ein Impuls von außen den Anstoss für eine Veränderung zum Besseren geben kann.

Eine innere Reform kann durch das Erlassen von Gesetzen geschehen, die Teile der Gesellschaft in ihre Schranken weisen[4] oder durch eine öffentliche Persönlichkeit, die durch ihr Vorbild die gesellschaftlichen Tugenden erneuert. Ebenso können überkommene Einrichtungen des Gemeinwesens eine Erneuerung fördern.

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Tabelle 1: Mögliche Begründungen einer gesellschaftlichen Reform

Machiavelli betont, dass ein äußerer Einfluss zwar oft das beste Mittel ist, diese Kur jedoch vermieden werden müsse, da sie ebenso schmerzhaft wie gefährlich für den Patienten sei.[5] Denn ein äußerer Einfluss ist oft ein Angriff durch eine auswärtige Macht, der naturgemäß den Bestand des Staates an sich gefährdet. Schlussfolgernd muss versucht werden, einen Staat durch innere Kräfte zu reformieren, zu seinem Ursprung zurück zu führen und ihn damit für die Zukunft überlebensfähig zu machen.

2. Kapitel: Wie weise es ist, sich zu rechter Zeit töricht zu stellen

„Männer von Rang können nicht die Ruhe wählen, selbst wenn sie es ernstlich wollten und keinerlei Ehrgeiz hegten, denn man glaubt es ihnen nicht.“[6]

An den Beginn seines Dritten Buches stellt Machiavelli ein ausdrückliches Lob des Junius Brutus. Dieser hatte sich dumm gestellt, um seine persönliche Sicherheit zu wahren und die Könige Roms in Sicherheit zu wiegen. Die Könige dachten, Brutus sei keine Gefahr für sie. So konnte er sie schließlich stürzen und die Monarchie in Rom beenden.

Aus dieser historischen Anekdote zieht Machiavelli die zentrale Lehre, dass Personen, die mit ihren Machthabern unzufrieden sind, zuallererst ihre eigenen und die Kräfte der Machthaber einschätzen und vergleichen müssen, bevor sie sich gegen eine unliebsame Herrschaft erheben.

Reichen ihre Kräfte für den offenen Konflikt, so sollen die Unzufriedenen diesen suchen. Sind sie aber nicht stark genug, so sollen sie ihre Ressentiments für sich behalten und vielmehr die Nähe und Freundschaft der Fürsten suchen. Denn dies wiege sie in Sicherheit und schaffe zugleich „bequeme Gelegenheit, dein Gelüst zu befriedigen.“[7], also den Umsturz durchzuführen.

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Tabelle 2: Strategien für den Sturz von Herrschern

Machiavelli erläutert zudem, dass es für herausragende Persönlichkeiten unmöglich sei, neutral gegenüber den politischen Machthabern zu bleiben. Ein angesehener Mann könne noch so oft beteuern, er wolle in Ruhe leben und begehre weder Macht noch Ansehen: Niemand glaubt ihm nach Machiavelli. „Wollten sie also auch in Ruhe leben, so ließen es die andern nicht zu.“[8] Daher sei Junius Brutus ausdrücklich zu loben, denn da er sich töricht gestellt habe, wurde er nicht behelligt durch die Könige Roms und konnte ihren Sturz vorbereiten und durchführen.

3. Kapitel: Zur Erhaltung der neu errungenen Freiheit ist es nötig, die Söhne des Brutus zu töten

„Wer die alte Geschichte liest, wird stets finden, [dass] nach einer Staatsumwälzung, sei es, [dass] eine Republik in eine absolute Monarchie verwandelt wird oder umgekehrt, ein denkwürdiges Exempel an den Feinden der neuen Ordnung stattfinden [muss].“[9]

Jeder Systemwechsel in einem Staat findet naturgemäß Befürworter und Gegner. Vereinfacht könnte man sagen, alle Nutznießer einer Veränderung begrüßen diese und alle, denen die Veränderung schadet, werden sie ablehnen.

Machiavelli fordert nun, dass die Führung eines Staates, welcher einen Regimewechsel durchgemacht hat, scharf gegen die Feinde der neuen Ordnung vorgehen müsse, indem sie Exempel statuiere. Dies gelte sowohl für einen Fürsten als auch für eine Republik. Als erfolgreiches historisches Beispiel führt Machiavelli Brutus an, der, nachdem er Rom zur Republik gemacht habe, seine eigenen Söhne, welche sich gegen die neue Ordnung verschworen, hinrichten ließ. „Wer sich zum Alleinherrscher aufwirft und den Brutus nicht tötet, oder wer einen Freistaat gründet und die Söhne des Brutus nicht hinrichtet, wird sich nicht lange halten.“[10]

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Tabelle 3: Grundsätze des Umgangs mit Gegnern eines Regimewechsels

Als negatives Beispiel führt Machiavelli Piero Soderini an. Dieser war bis zum Gonfaloniere der jungen florentinischen Republik aufgestiegen. Laut Machiavelli habe er wahrgenommen, dass sich die Anhänger des Prinzipats gegen die Republik verschworen. Obwohl er sogar die Gelegenheit bekam, an seinen Gegnern ein Exempel zu statuieren, unterließ er es. Machiavelli führt hierfür rechtliche und moralische Bedenken an. Soderini habe gefürchtet, dass der Ruf des Amts des Gonfaloniere auf Lebenszeit darunter leiden würde, wenn er sich über Recht und Gesetz hinweg setzte und die Gegner der Freiheit vernichtete[11]. Machiavelli teilt diese Bedenken nicht. Seiner Einschätzung nach hätte Soderini nach der erfolgreichen Eliminierung aller Gegner der Freiheit seine ungesetzlichen Handlungen jeden Bürger „. .überzeugen können, [dass] er alles zum Wohle des Vaterlandes und nichts aus Ehrsucht getan hätte.“[12] Durch Soderinis Untätigkeit aber verlor er letztendlich seine Herrschaft und die Republik ging unter. Soderinis Sorge um den Ruf seines Amtes hatte letztlich nicht nur ihn das Amt, sondern die Republik das Leben gekostet. Hieraus folgert Machiavelli: „. .[Man] darf niemals einem Übel aus Rücksicht auf etwas Gutes freien Lauf lassen, wenn dies Gute von dem Übel leicht unterdrückt werden kann.“[13] Wenn ein Herrscher also die Gelegenheit habe, ein Übel abzustellen, sollte er diese Gelegenheit nutzen.

4. Kapitel: Kein Fürst ist seiner Herrschaft sicher, so lange die am Leben sind, denen sie genommen wurde

„Die Herrschaft ist so groß, [dass] sie nicht nur die ergreift, die eine Anwartschaft auf die Herrschaft haben, sondern auch die, die sie nicht haben.“[14]

In diesem Kapitel stellt Machiavelli die These auf, dass ein neuer Fürst seiner Herrschaft nicht sicher sein kann, solange diejenigen leben, denen die Herrschaft genommen wurde. Als Beleg führt er zwei historische Fälle an.

Im ersten Fall hatte Tarqunius Priscus durch die Zustimmung der Bevölkerung von Rom die Herrschaft erlangt. Er ging nun davon aus, dass die Söhne des Ancus Marcius, der vorher die Herrschaft innehatte, ihm die Herrschaft nicht neiden würden. Denn der Machtwechsel ging auf den Willen des Volkes zurück. Diese Fehlkalkulation gab den Söhnen des Ancus Marcius die Gelegenheit, Tarquinius Priscus zu ermorden.

Im zweiten Fall hatte Servius Tullius die Herrschaft in Rom inne. Er glaubte, die Söhne des ehemaligen Herrschers Tarquinius durch Wohltaten für sich gewinnen zu können. Auch er wurde von diesen, unter Mithilfe seiner eigenen Tochter, die, wie Machiavelli es formuliert, lieber „Königin als Königstochter“[15] sein wollte, ermordet.

Aus diesen beiden Beispielen zieht Machiavelli den Schluss, das es für einen Fürsten äußerst gefährlich ist, Abkömmlinge einer ehemaligen Herrschaft in seinem Machtbereich zu dulden. Denn diese Personen würden über kurz oder lang versuchen, die Macht zurück zu erobern. Es nütze hier auch nichts, sie durch Wohltaten an sich binden zu versuchen, denn „alte Unbill [werde] nie durch neue Wohltaten ausgelöscht“[16]. Der Gedanke hinter diesem Satz ist klar und bestechend: Warum sollten Abkömmlinge sich mit den Almosen eines Herrschers zufrieden geben, wenn sie die Gelegenheit bekommen, ihre angestammte Macht wieder zu erlangen?

5. Kapitel: Wodurch ein König sein ererbtes Reich verliert

„Mögen daraus die Fürsten lernen, [dass] sie mit der Stunde ihre Herrschaft zu verlieren beginnen, wo sie die Gesetze, die alten Gebräuche und Gewohnheiten zu übertreten anfangen, unter denen das Volk lange gelebt hat.“[17]

Machiavelli stellt in diesem Kapitel die These auf, das ein Fürst im Normalfall keine großen Schwierigkeiten haben dürfte, sich an der Macht zu halten, wenn er nur einige simple Regeln befolgt.

Die erste Priorität des fürstlichen Handelns müsse demnach sein, sich beim Volk nicht verhasst zu machen, denn wie Machiavelli schon im Principe ausgeführt hat, gibt es für einen Fürsten keine Hoffnung, der vom ganzen Volk gehasst wird. Das Wohlwollen des Volkes zu erhalten sei einfach: Der Fürst müsse nur darauf achten, dass er das Volk nicht übermäßig belaste und ihm mehr zumute als vorherige Regime. Daneben müsse er sich in allem an die Gesetze halten. Rechtssicherheit führt nach Machiavellis Annahme zu Ordnung im Land. Das Volk hat bei ihm einen ausgeprägt konservativen Charakter. Auf mutwillige Änderungen des Althergebrachten, der gewohnten Gesetze, Gebräuche und Sitten reagiert es mit Unwillen und Ablehnung. Den überkommenen Gesetzen und Gebräuchen zu gehorchen ist für einen Fürsten einfach; es bedeutet keinen Aufwand, keine Kosten, hilft aber seinem Ansehen beim Volk. Im Gegenschluss dürfen diejenigen Fürsten, welche ihre Herrschaft durch den Hass des Volkes verloren haben, sich nicht beschweren, denn den Grundstein für ihren Untergang haben sie durch ihr Handeln selbst gelegt.

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Tabelle 4: Wie ein etablierter Fürst seine Macht unter gewöhnlichen Umständen erhalten kann

6. Kapitel: Von den Verschwörungen

„Ich wollte nicht unterlassen, von den Verschwörungen zu reden, da sie für Fürsten wie Privatleute gleich gefährlich sind. Durch sie haben mehr Fürsten Leben und Herrschaft verloren als durch offenen Krieg; denn offenen Krieg können nur wenige mit einem Fürsten führen, sich gegen ihn verschwören jedoch jeder.“[18]

Jedwede politische Verschwörung ist für die Verschwörer selbst gefährlich und für die betroffenen Fürsten oder Republiken bedrohlich. Da sie so außergewöhnlich gefährlich seien, gelängen nur wenige Verschwörungen. Jedoch lassen sich laut Machiavelli verschiedene Grade der Gefahr ablesen, je nachdem, wer sich in welcher Situation gegen wen verschwört. In diesem Kapitel stellt Machiavelli einige Kriterien vor, nach denen sich die Gefahr einer spezifischen Verschwörung genauer einschätzen lässt.

Zunächst differenziert Machiavelli nach dem Ziel der Verschwörung. Entweder eine Verschwörung richtet sich gegen die konkrete Herrschaft eines Fürsten oder gegen das „Vaterland“ selbst. Richtet sie sich gegen die Herrschaft eines Fürsten, kann dies verschiedene Ursachen haben.

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Tabelle 5: Unterscheidung einer Verschwörung nach ihrem Ziel

Zu diesen Gründen für Verschwörungen zählt Machiavelli die allgemeinen und die persönlichen Beweggründe.

Allgemeine Beweggründe liegen vor, wenn der Fürst es geschafft hat, sich beim Volk verhasst zu machen, so dass es seine Herrschaft als Tyrannei betrachtet.[19] Unter den vielen, die nach dem Ende seiner Herrschaft trachten, gibt es wiederum einige, die ihre persönlichen Rachewünsche gegen den Fürsten erfüllen wollen und durch die öffentliche Meinung in ihrem Bestreben bestärkt werden.

Daneben gibt es rein persönliche Gründe, die den Anlass für eine Verschwörung gegen einen Fürsten bieten können. Machiavelli zählt hier Vermögen, Leben und Ehre auf.

Handelt ein Fürst gegen das Leben eines Untertanen, so entstehen ihm daraus nach Machiavelli im allgemeinen keine größeren Probleme. Der Betreffende selbst kann sich naturgemäß nicht mehr rächen, „die Überlebenden [überlassen] diesen Gedanken meisten den Toten...“.[20] Bedroht ein Fürst hingegen das Leben eines Untertanen, führt diese Drohung aber nicht aus, so setzt er diesen Untertanen unter Zugzwang. „Wer aber bedroht ist und sich in Notwendigkeit versetzt sieht, entweder zu handeln oder zu leiden, wird für den Fürsten der gefährlichste Mensch ...“.[21]

Vermögen und Ehre sind laut Machiavelli auch oft beobachtete Gründe für Verschwörungen. „Davor [muss] sich ein Fürst hüten, denn er kann einen Menschen nie so ganz ausplündern, [dass] ihm kein Dolch zur Rache bleibt, und er kann keinen so entehren, [dass] ihm nicht der zähe Vorsatz bleibt, sich zu rächen.“[22]

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Tabelle 6: Ursachen einer Verschwörung gegen einen Fürsten

Für Verschwörer bestehen sowohl in der Planungs- und Vorbereitungsphase, als auch während der Ausführung und sogar nach einem erfolgreichen Attentat auf einen Fürsten Gefahren. Um diese aufzuschlüsseln, differenziert Machiavelli Verschwörungen zunächst weiter nach der Anzahl der Verschwörer. Eine Verschwörung könne entweder durch eine Einzelperson oder durch mehrere Personen erfolgen.

Ein derartiger Plan einer Einzelperson ist natürlich streng genommen keine Verschwörung, „sondern es ist der feste Vorsatz eines Mannes den Fürsten zu ermorden.“[23] Dementsprechend ist die Gefahr, dass der Mordplan selbst vor der Ausführung entdeckt oder gemutmaßt wird, faktisch nicht vorhanden, da eine Einzelperson sich mit niemandem abstimmen muss und deshalb keine Informationen nach außen dringen können. Folglich werden diese Verschwörungen auch erst mit ihrer Ausführung offenbar, was sie so gefährlich macht.

Ein historisches Beispiel für den Mordplan einer Einzelperson ist das Attentat des Pausanias auf Philipp von Mazedonien. Dieses Attentat war erfolgreich, obwohl Philipp von zahlreichen Soldaten umgeben war, weil niemand mit einem Anschlag durch Pausanias rechnete, denn dieser war ein Adliger und stand dem Fürsten nahe.

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Tabelle 7: Unterscheidung einer Verschwörung nach der Anzahl der Beteiligten

Das Beispiel des Pausanias bringt Machiavelli zu einem weiteren Charakteristikum von Verschwörungen. Diese würden zumeist von „Männern aus der nächsten Umgebung des Fürsten angesponnen [...]; denn andere, [...] können sich nicht verschwören, weil geringen und dem Fürsten fernstehenden Leuten alle Hoffnungen und Gelegenheiten fehlen, die zur Ausführung einer Verschwörung erforderlich sind.“[24] Man könnte hier sagen: Die Gelegenheit ist ein zentrales Kriterium, ob eine Verschwörung überhaupt erst in Erwägung gezogen wird.

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Tabelle 8: Wer zettelt zumeist Verschwörungen an?

Befindet sich eine Verschwörung mehrerer Personen in der Planung, so kommt es nach Machiavelli häufig vor, dass sie bereits in dieser Phase entdeckt und vereitelt wird. Entdeckt werde eine Verschwörung entweder durch Denunziation oder durch das Erregen von Verdacht durch die Verschwörer.[25]

Verschwörungen werden unter anderem durch Denunziation entdeckt. Dies ist der Fall, wenn der Nutzen einer Person, eine ihr bekannte Verschwörung anzuzeigen, für sie größer ist als sie zu ignorieren oder sich an ihr zu beteiligen. Dieses Nutzenkalkül ist letztendlich eine individuelle Frage, was es für Verschwörer sehr schwer macht, die richtigen Personen auszuwählen, wenn sie Unterstützung von außen benötigen und sich und ihre Pläne offenbaren müssen.

Daneben werden Verschwörungen häufig durch Unvorsichtigkeit und Leichtsinn entdeckt.[26] Ein Beispiel für die Entdeckung einer Verschwörung durch Mutmaßung liefert Machiavelli anhand der Verschwörung des Piso gegen den römischen Kaiser Nero. Einer der Verschwörer, Scaevinus, habe im Vorfeld des geplanten Attentats, da er sich der Gefährlichkeit seiner Unternehmung bewußt gewesen sei, Vorkehrungen für den Fall seines Todes getroffen. So schenkte er unter anderem allen seinen Sklaven die Freiheit, befahl, einen alten Dolch (für das Attentat) zu schärfen etc. Durch alle diese Maßnahmen erregte er das Misstrauen eines seiner Angestellten, der ihn daraufhin anzeigte, was die ganze Verschwörung gegen den Kaiser auffliegen ließ.

Als Mittel gegen die Gefahren vor einer Verschwörung bietet Machiavelli an, seine Mitverschwörer über möglichst viele Dinge im Unklaren zu lassen, so dass sie die Verschwörung weder willentlich noch versehentlich verraten können.[27] Allerdings sei hierzu angemerkt, dass dies einen großen Vertrauensvorschuss seitens der Mitverschwörer voraus setzt.

Das die Ausführung einer Verschwörung mithin Gefahren beinhaltet, steht außer Frage. Grund für diese Gefahren entstehen nach Machiavelli unter anderem aus „Änderungen in den Anordnungen oder aus der Verzagtheit des Vollstreckers der Tat, oder aus einem Fehler, den er aus Unvorsichtigkeit macht, oder aus unvollständiger Ausführung, wenn nämlich einige der zu Ermordenden am Leben bleiben.“[28] Gerade wenn sich eine Verschwörung gegen mehrere Zielpersonen richtet, ist ein Scheitern nach Machiavelli nicht unwahrscheinlich.[29] Man denke nur an die Verschwörung der Pazzi in Florenz zu Machiavellis Zeiten. Diese Verschwörer konnten nur Guiliano de Medici ermorden, weshalb sie scheiterten.

Daneben bestehen noch Gefahren für die Verschwörer, nachdem sie ihre Tat erfolgreich hinter sich gebracht haben. Als erste Gefahr ist nach Machiavelli der Fall zu nennen, dass jemand den Sturz des Fürsten an den Verschwörern rächt. Dies sind nach Machiavelli oft erbberechtigte Verwandte des Fürsten.[30]

Eine weitaus größere Gefahr für die Verschwörer stellt das Volk selbst dar. War der gestürzte Fürst beliebt beim Volk, und will dieses dessen Sturz an den Verschwörern rächen, gibt es für diese keine Möglichkeit, dieser Rache zu entgehen, da sie sich nicht gegen das Volk sichern können.[31]

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Tabelle 9: Gefahren vor, während und nach der Tat

Die Verschwörungen gegen das eigene Land sind nach Machiavelli nicht so gefährlich wie die Verschwörungen gegen einen Fürsten, „denn bei der Anstiftung ist weniger Gefahr, bei der Ausführung die gleiche, nach vollbrachter Tat keine.“[32] Um eine Verschwörung gegen das eigene Land erfolgreich durchführen zu können, müssen den Verschwörern beträchtliche militärische Kräfte zu Verfügung stehen, oder sie müssen das Volk durch List zuerst in Sicherheit wiegen.[33] Nach der erfolgreichen Übernahme der Macht hingegen ist deren Sicherung recht unproblematisch, da den Verschwörern nunmehr der Machtapparat des Staates zur Verfügung steht. Somit sind sie zu diesem Zeitpunkt keine Verschwörer mehr, sondern Tyrannen, mit allen daraus folgenden Anforderungen an sie und Konsequenzen aus ihrer Umgebung.[34]

7. Kapitel: Warum der Umschwung von der Freiheit zur Knechtschaft und umgekehrt bisweilen sehr viel, bisweilen gar kein Blut kostet

„Man könnte ihm Zweifel sein, woher es kommt, [dass] die vielen Umwälzungen vom freien Staatsleben zur Tyrannenherrschaft und umgekehrt, teils mit, teils ohne Blutvergießen ablaufen. Denn soviel man aus der Geschichte ersieht, sind bei diesen Umwälzungen bisweilen zahllose Menschen ums Leben gekommen, und bisweilen ist keinem ein Leids geschehen.“[35]

Es hat in der Geschichte zahlreiche Systemwechsel in Staaten gegeben. Der Übergang von einer Fürstenherrschaft zu einer Republik oder umgekehrt ging dabei in einigen Fällen blutig von sich, in einigen Fällen aber auch unblutig. In diesem Kapitel fragt Machiavelli nach den Gründen hierfür.

Zentrales Kriterium ist für Machiavelli, ob die Herrschaft, welche gestürzt wird, selbst mithilfe von physischer Gewalt geschaffen wurde oder nicht.

Eine Tyrannis beispielsweise lässt sich nach Machiavellis Empfinden „...nur durch Verletzung vieler [aufbauen], und bei ihrem Sturz ist es natürlich, [dass] die Geschädigten sich rächen wollen; ...“[36]. Ist eine Herrschaft also selbst auf Gewalt und Unterdrückung gegründet, kommt es bei ihrem Sturz allein deshalb zu Gewalt, weil Rachebedürfnisse befriedigt werden wollen. In diesem Zusammenhang warnt Machiavelli eindringlich vor Umwälzungen, die von Menschen mit Rachebedürfnis ausgehen, denn diese „... waren stets derart, [dass] sie den Leser schaudern machen.“[37]

Herrschaften hingegen, die mit der Zustimmung des Volkes gegründet wurden und durch eine andere Herrschaftsform abgelöst werden, bieten nur wenig Anlass für Ausschreitungen. Nach Machiavelli würden beim Sturz einer Fürstenherrschaft hier allenfalls die gestürzten Fürsten selbst zu Schaden kommen.

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Tabelle 10: Gewalttätigkeit bei politischen Umstürzen

8. Kapitel: Wer eine Republik stürzen will, muss ihren Zustand in Betracht ziehen

„Will man also in einer Republik zu Ansehen kommen und ihr eine schlimme Regierungsform aufzwingen, so müssen die Sitten bereits verderbt und die Zustände nach und nach, von Geschlecht zu Geschlecht, zerrüttet worden sein.“[38]

Machiavelli ging bereits im 6.Kapitel darauf ein, dass es einem Bürger kaum möglich ist, in einer unverdorbenen Republik ein offensichtlich gesellschaftsschädigendes politisches Ansinnen umzusetzen. Dies hat den einfachen Grund, dass ein Einzelner, und wenn er noch so verkommen sein möge, durch sein Beispiel allein nicht in der Lage sein kann, ein ganzes Volk in dem Maße zu korrumpieren, dass er selbst noch seine verderbten Ziele umsetzen kann.[39] Die natürliche Ungeduld des Menschen sorge zudem dafür, dass ein verderbter Einzelner aus Ungeduld oder einer Fehleinschätzung der qualità dei tempi erliegend zu früh versuche, sein Ansinnen umzusetzen und zwangsläufig scheitert.[40] Denn, und dies durchzieht das ganze Werk Machiavellis, ein Mensch muss sein Handeln an die qualità dei tempi anpassen oder untergehen.[41]

Diese fast schon naturgesetzliche Beobachtung Machiavellis führt ihn automatisch zu einer nächsten These: Man muss „in einer verderbten Republik auf andern Wegen nach Ruhm streben [...], als in einer, die noch nach freien Grundsätzen lebt.“[42]

Dies soll noch einmal erläutert werden am Beispiel von Spurius. Dieser war sehr ehrgeizig und versuchte, das Volk durch Wohltaten für sich zu gewinnen, was ihn in den Augen des Senats naturgemäß verdächtig machte. Der Senat ließ das Volk von diesem Verdacht wissen. Als Spurius nun vorschlug, man möge die Erlöse aus einem Geschäft des Staates unter das Volk verteilen, lehnte dieses diese „Wohltat“ ab, da es fürchtete, dass „Spurius ihm mit diesem Geld seine Freiheit abkaufen wollte.“[43] Machiavelli fügt hinzu, dass Rom zu dieser Zeit noch unverdorben war und die Bürger einer verderbten Republik das Geschenk sicher angenommen hätten. Aus diesem Grund müssen die Bürger, „die in einer Republik etwas zugunsten der Freiheit oder der Alleinherrschaft unternehmen wollen, den Zustand des Staates in Betracht ziehen.“[44]

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Tabelle 11: Umsetzbarkeit von politischen Zielen eines Bürgers

9. Kapitel: Wer immer Glück haben will, muss sein Verfahren je nach den Zeiten ändern

„Daher kommt es, [dass] eine Republik längere Lebensdauer und länger Glück hat als ein Königreich, denn sie kann sich bei der Verschiedenheit ihrer Bürger besser in die verschiedenen Zeiten schicken als ein Fürst.“[45]

Es ist ein natürlicher Umstand, dass sich die Rahmenbedingungen politischen Handelns ändern. Die internationalen Machtverhältnisse und der innere Zustand eines Staates sind einem steten Wandel unterworfen. Um angesichts dieses Wandels erfolgreich zu sein, müssten sich die Menschen an ihn anpassen, folgert Machiavelli. Hierbei treten einige Probleme auf.

Machiavelli unterscheidet zwei Handlungsweisen: Die Menschen sind entweder ungestüm oder zaghaft. Mit beiderlei Handlungsweisen kann man erfolgreich sein, wenn die gerade ausgewählte Handlungsweise zu den historischen Umständen passt.

Nun ist es aber leider laut Machiavelli nicht so, dass die Menschen fähig wären, ihr Handeln veränderten Rahmenbedingungen anzupassen. Es liege vielmehr in der Natur jedes Menschen, entweder ungestüm oder zaghaft zu sein. Diesen Charakterzug aber könne ein Mensch kaum ändern. Daher handelt jeder Mensch auf die Weise, zu der ihn seine Natur zwingt.

Hinzu kommt nach Machiavelli, dass der Mensch nur schwer von einer Art zu handeln lässt, wenn er mit dieser in der Vergangenheit erfolgreich war. Er ignoriere die veränderten Rahmenbedingungen, handle, wie er es gewohnt sei, und scheitere letztlich, da seine Handlungsweise nicht zu seiner Zeit passt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 12: Bedingungen erfolgreichen Handelns

Die historischen Rahmenbedingungen drückt Machiavelli mit dem Begriff der „qualità dei tempi“ aus.

Machiavelli sieht in den oben beschriebenen Umständen einen Vorteil für die republikanische Regierungsform. Denn während ein Fürstentum nur hoffen kann, dass der Charakter des jeweiligen Fürsten zu den Zeitumständen passt, regieren in einer Republik mehrere Menschen und damit verschiedene Charaktere, so dass sich eine Republik besser auf den Wandel der Zeiten einrichten kann.

[...]


[1]Günther, Horst (Hg): Machiavelli. Discorsi. Staat und Politik, Frankfurt am Main/Leipzig 2000, S.291

[2]Ebd., S.291

[3]Vgl.: ebd., S.291.

[4]Vgl.: ebd., S.292.

[5]Vgl.: ebd., S.295f.

[6]Ebd., S.297.

[7] Ebd., S.297.

[8] Ebd., S.297.

[9] Ebd., S.298.

[10] Ebd., S.298.

[11] Vgl.: ebd., S.299.

[12] Ebd., S.299.

[13] Ebd., S.299.

[14] Ebd., S.300.

[15] Ebd., S.301.

[16] Ebd., S.300.

[17] Ebd., S.302.

[18]Ebd., S.303.

[19]Vgl.: ebd., S.304.

[20]Ebd., S.304.

[21]Ebd., S.304f.

[22]Ebd., S.305.

[23]Ebd., S.306.

[24]Ebd., S.307.

[25]Vgl.: ebd., S.309.

[26]Vgl.: ebd., S.311.

[27]Vgl.: ebd., S.311.

[28]Ebd., S.316.

[29]Vgl.: ebd., S.317.

[30]Vgl.: ebd., S.322.

[31]Vgl.: ebd., S.323. Eine ähnliche Überlegung Machiavellis findet sich auch im Pincipe, Kapitel XIX: Es ist Machiavellis feste These, dass sich keine Person gegen den Hass des gesamten Volkes sichern kann. Vergleiche auch: Andre Budke: Machiavelli pur. Der Principe, München 2008, Seite 33.

[32]Ebd., S.323.

[33]Vgl.: ebd., S.324.

[34]Vgl: ebd., S.325.

[35] Ebd., S.328.

[36] Ebd., S.328.

[37] Ebd., S.329.

[38]Ebd., S.332.

[39]Vgl.: ebd., S.332.

[40]Vgl.: ebd., S.332.

[41]Vgl.: ebd., S.331.

[42]Ebd., S.331.

[43]Ebd., S.329.

[44]Ebd., S.332.

[45] Ebd., S.334.

Ende der Leseprobe aus 86 Seiten

Details

Titel
Machiavelli pur. Die Discorsi - 3. Buch
Untertitel
Die handelnden Individuen
Note
Keine
Autor
Jahr
2009
Seiten
86
Katalognummer
V125313
ISBN (eBook)
9783640308866
ISBN (Buch)
9783640306961
Dateigröße
704 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Machiavelli, Discorsi, Politologie, Klassiker der Politik, Staatskunst
Arbeit zitieren
M.A. Andre Budke (Autor), 2009, Machiavelli pur. Die Discorsi - 3. Buch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125313

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