St. Brandan: Vergleichende Untersuchung zweier volkssprachlicher Bearbeitungen der "Navigatio Sancti Brandani"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

20 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Zielstellung der Arbeit
1.2 Welt –Räume und Raumverständnis im Spätmittelalter

2. Umgang mit Fremdheit
2.1 Die Sankt Brandan Legende
2.1.1 Geschichte der Brandansage
2.1.2 Verbreitung der Brandanlegende
2.2 Die Altfranzösische Version „Le Voyage de Saint Brendan“
2.2.1 Einleitung
2.2.2 Struktur und Inhalt
2.2.3 Zusammenfassung
2.3 Die mitteldeutsche Gedichtfassung
2.3.1 Einleitung
2.3.2 Struktur und Inhalt
2.4 Zum Funktionswandel der Navigatio Bearbeitungen

Literatur

Primärliteratur:

Sekundärliteratur:

Anhang

Erklärung

1. Einleitung

1.1 Zielstellung der Arbeit

In der vorliegenden Arbeit geht es mir darum, zu zeigen, welchen Funktionswandel beide von mir untersuchten volkssprachliche Bearbeitungen der Navigatio Sancti Brandani durchlaufen haben, um einem Publikum mit veränderten Leseerwartungen und Einstellungen gerecht zu werden. Ich möchte darstellen, inwieweit die Verfasser der Texte versuchten, genau diesen neuen Rezipientenkreis zu erreichen, indem sie die lateinische Vorlage in der Weise wandelten, dass sie davon ausgehen konnten, die Publikumserwartungen weitesgehend zu erfüllen. Während in der altfranzösischen Fassung, welche die erste volkssprachliche Bearbeitung darstellt, noch didaktisch – religiöse Züge bestimmend sind, lassen sich in der rund 200 Jahre später entstandenen mitteldeutschen Bearbeitung Merkmale feststellen, die wesentlich auf die Befriedigung der curiositas des Lesepublikums ausgerichtet sind.

Um ein besseres Verständnis der im Wandel begriffenen gesellschaftlichen und mentalitätsgeschichtlichen Bedingungen des Spätmittelalters zu erreichen, die als Grundlage der sich verändernden Leseinteressen dieser Zeit angesehen werden müssen, werde ich zunächst grundlegende Denkmuster und Auffassungen von Raum skizzieren, welche für die Epoche bestimmend waren.

1.2 Welt –Räume und Raumverständnis im Spätmittelalter

Für das Denken der Zeit waren zum einen die Rezeption antiker und griechisch – arabischer Autoren und Denkmodelle, und zum anderen die christliche Werteordnung, welche das wissenschaftliche und literarische Schaffen der spätmittelalterlichen Epoche nachhaltig prägten, entscheidende Größen. Die Aristoteles – Rezeption förderte eine Übernahme antiker Vorstellungen – teils arabisch vermittelt – von Raum und Welt: mit Hilfe der Relativbewegung wurde u.a. das astronomische Weltbild mit dem theologischen in Übereinstimmung gebracht. Aristoteles’ Raumdefinition durch dessen Grenzen sowie antike Weltvorstellungen und –karten waren maßgebend für die geografischen und theologischen Denkmodelle des spätmittelalterlichen Welt - Raumes. So waren die Karten der Zeit keine reale Abbildung der (bekannten) Welt, sondern symbolisch aufgeladene und von christlichen Vorstellungen stark beeinflusste Weltdarstellungen. Es gab beispielsweise ein 4-eckiges Modell, welches zurückgeht auf die in der Bibel genannten „4 Ecken der Welt“. Karten zeichneten sich durch eine symbolhafte Darstellung der Welt aus. So wurde Jerusalem als Weltzentrum angesehen und es gab eine kontinentale Dreigliederung in Asien, Afrika und Europa, welches als so genanntes T – Modell bekannt ist. Weltkarten dieser Zeit veranschaulichten eine symbolhafte , imaginierte Welt. Ausschnittkarten – Itinerare oder Portolani – hingegen wiesen eine viel größere Detailliertheit und Genauígkeit auf. Man versuchte pragmatischen Gesichtspunkten gerecht zu werden. Europäische Kartenschreiber profitierten von der Tatsache, dass im arabischen Raum bereits der Kompass bekannt war und versuchten eine Darstellung der realen Welt. Mitte des 13. Jahrhunderts gelang mit der Epstorfer Karte eine Synthese aus beiden Formen: eine realistische Weltkarte.

Ein Raum ganz anderer Art, welcher den Wandel von einem realen Raum zum Topos verdeutlicht, ist der rhetorische Raum des locus amoenus. Aus der antiken Dichtung stammend, wo er zur rhetorischen Schmückung und zur Gunsterlangung bei den Zuhörern verwendet wurde, fand der real – rhetorische Raum des locus amoenus Eingang in die Poesie. Durch Gebrauch und Konventionalisierung entwickelte er sich zum Exordialtopos (Natureingang) und damit zum Muster. Mit einem festgelegten Requisitorium stellte er nunmehr ein dichterisches Mittel zur intertextuellen Einordnung eines Textes dar (Konventionalität) und übernahm somit die Funktion eines Musters, das bestimmte Assoziationen (Naturgefühl, Liebesort, Minnetopologie) und Verweise (auf die literarische Tradition) transportierte. Eine ähnliche Toposfunktion erfüllen Räume wie das Meer und die Inseln in der Brandan Sage und ihren Adaptionen. Durch sie wird ebenfalls ein poetisches Muster verwendet, das bestimmte Merkmale (z.B. Meer als unheimlicher Ort) und Verweise auf literarische Vorbilder (Odyssee, Sindbad u.a.) kommuniziert.

Weitere Räume, die bestimmte Funktionen erfüllen und Symbolcharakter besitzen sind u.a. die Liebesgrotte und die Burg. Die mittelalterliche Grotte als Ort der tabuisierten Liebe steht für einen von der Gesellschaft entrückten und isolierten Raum. Er ist symbolisch (für die verbotene Liebe) aufgeladen und wird aus der Außensicht (durch die Gesellschaft) und der Innensicht (durch die Liebenden) jeweils unterschiedlich betrachtet. Die mittelalterliche Burg ist hingegen ein symbolischer Ort der Herrschaft.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Konstitution der Welt durch ein Denken in Räumen funktionierte. Dieses Denken impliziert das Vorhandensein von Grenzen. Abgegrenzte territoriale, funktionale und rhetorische Räume, die sich jeweils durch eine bestimmte Funktion auszeichneten, verdeutlichen die Denkmuster der Zeit. Grenzüberschreitungen wurden entweder nicht toleriert oder stießen auf Unverständnis oder Erstaunen. Reale Räume wie das Meer, die Insel oder auch die Grotte oder Burg fanden Eingang in die literarische Welt und wurden dort symbolisch aufgeladen und mit allegorischem Gehalt verwendet, um bestimmte Konzepte zu veranschaulichen.

2. Umgang mit Fremdheit

Zum Funktionswandel am Beispiel zweier Bearbeitungen der „Navigatio Sancti Brandani“

2.1 Die Sankt Brandan Legende

2.1.1 Geschichte der Brandansage

Die Navigatio Sancti Brandani, die Legende des irischen Heiligen St. Brandan, welcher sich auf eine abenteuerliche Meerfahrt begibt, um die Wunder Gottes mit eigenen Augen zu sehen, ist wohl in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts[1] entstanden und lehnt sich eng an die Brandan - Vita des Machutus[2] an. Die Suche nach der terra repromissionum, dem Land der Verheißung, greift das tief in der irisch – keltischen Kultur verwurzelte Konzept der Meerfahrt (Imramma = irische Seefahrtlegenden) auf. Die Erzählung enthält darüber hinaus zahlreiche christliche Motive und Referenzen. Der Mönch St. Brandan ist historisch belegt; er lebte von 484 – 577 in der Grafschaft Galway. Seine Geburt wurde schon vom heiligen St. Patrick, der Irland missioniert hatte, prophezeit und Brandan gilt als einer der bedeutendsten Wanderheiligen und Seefahrer seiner Zeit. Die Meerfahrt des Mönches ist symbolisch aufgeladen und kann als individuelle (Reise –) Erfahrung Gottes – als „Bild der Lebensfahrt zum Paradies“[3] oder als Bewährungsreise um die Gnade Gottes gesehen werden. Sie wurde auch als Vorläufer der Kolumbusfahrt gedeutet[4].

2.1.2 Verbreitung der Brandanlegende

Die spätmittelalterliche Zeit, eine „Epoche ausgeprägter Mobilität“[5] brachte sowohl eine umfassende Reisetätigkeit breitester Bevölkerungsschichten[6] als auch ein neues literarisches Interesse am Unterwegssein hervor, welches u.a. in der Weitergabe von Reiselegenden und Berichten von Heiligenfahrten ihren Ausdruck fand. Die Legende des Heiligen Brandan und seiner „problemreichen Meerfahrt“[7] wurde erstmals Anfang des 12. Jahrhunderts ins Volkssprachliche übersetzt; eine um 1110[8] entstandene altfranzösische Fassung gilt als die erste dieser Bearbeitungen. Danach gab es zahlreiche Übertragungen. Lothringen gilt als Ausgangsort der Überlieferung[9]. Die Verbreitung wurde maßgeblich von „iroschottischen Niederlassungen“[10] auf dem europäischen Festland unterstützt. Der europäische Kontinent und besonders der deutschsprachige Raum waren einer starken normannisch – keltischen Beeinflussung ausgesetzt. So gab es zahlreiche Klostergründungen (u.a. Erfurt und Würzburg waren „Träger“[11] der Brandanlegende), Wanderprediger und einen engen kulturellen Kontakt im baltischen Raum, welcher über den natürlichen Seeweg unterstützt wurde. Die Brandansage hat die europäischen Seekartenschreiber offenbar stark beeinflusst und so findet man auf Weltkarten dieser Zeit jene geheimnisvollen „Brandan Inseln“[12] aus der Sage, die man noch im frühen 18. Jahrhundert glaubte, per Schiff tatsächlich erreichen zu können[13]. Vor allem im 14. und 15. Jahrhundert setzte die literarische Auseinandersetzung mit dem Brandanstoff verstärkt ein und so entstanden u.a. im 14. Jahrhundert eine mitteldeutsche Gedichtfassung[14] und 1488 eine Übersetzung durch Hartlieb von München.

2.2 Die Altfranzösische Version „Le Voyage de Saint Brendan“

2.2.1 Einleitung

Die altfranzösische Version der Brandanlegende entstand im frühen 12. Jahrhundert durch den Mönch Benedeit, einen vermutlich „gebildete[n] irische[n] Geistliche[n]“[15] und gilt als erste volkssprachliche Adaption des Brandanstoffes des europäischen Festlandes. Sie lehnt sich eng an die Originalfassung der Navigatio an und entspricht in der Wahl der Motive und der allegorischen Episodendarstellung der religiös – didaktischen Wirkungsabsicht der Urfassung. In den folgenden Punkten werde ich diese Wirkungsabsicht des Textes anhand einer Analyse nachzuzeichnen versuchen um damit die Textfunktion als primär belehrender christlicher Text mit didaktischem Gestus zu verdeutlichen. Gleichwohl entzieht sich dieser Text – ebenso wie die mitteldeutsche Gedichtversion – einer eindeutigen Funktions-zuweisung. Jedoch lassen sich innerhalb des jeweiligen Funktionsverbundes Schwerpunkte ausmachen, die den Text in besonderer Weise prägen. Kontrastiv dazu wende ich mich anschließend der mitteldeutschen Gedichtfassung zu, um so eine vergleichende Annäherung an die Texte zu vollziehen, und Unterschiede und Gemeinsamkeiten sowie auf diese Weise die Ausdifferenzierung der Brandansage aufzeigen zu können. Der erste Teil zur Analyse des altfranzösischen Textes wird etwas umfangreicher ausfallen, um in Gedichtanalyse leichter Vergleiche ziehen und Rückbezüge herstellen zu können.

[...]


[1] Ruhe, E. S. 10

[2] Schreiber, G. S. 64

[3] Haug, W. S. 988

[4] vgl. Schreiber, G.

[5] Reichert, S. 12

[6] So lassen sich für verschiedenste gesellschaftliche Gruppen , u.a. Könige, Adlige, Geistliche, Kaufleute, Bräute und Gelehrte, Reisen und Unternehmungen in die Fremde nachweisen. Alle diese Gruppen partizipierten an einer Kultur der Mobilität, welche den kulturellen und geistigen Austausch im europäischen Raum nachhaltig förderte.

[7] Schreiber, G. S. 59

[8] Ruhe, E. S. 18

[9] Haug, W., S. 988

[10] Schreiber, G. S. 68

[11] ders. S. 68

[12] Siehe Anhang

[13] Ruhe, E. S. 8

[14] Diese ist bei Schröder, C. abgedruckt. In Punkt 2.3 gehe ich genauer auf diese Fassung ein, da ich sie mit der altfranzösischen Version vergleiche.

[15] Ruhe, E. S. 10

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
St. Brandan: Vergleichende Untersuchung zweier volkssprachlicher Bearbeitungen der "Navigatio Sancti Brandani"
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Imaginierte Räume des Spätmittelalters
Note
2,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V12534
ISBN (eBook)
9783638183901
ISBN (Buch)
9783638781442
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
St. Brandan, Heiligenlegende, Heiligensage, Irische Heilige
Arbeit zitieren
Fabian Hentschel (Autor), 2002, St. Brandan: Vergleichende Untersuchung zweier volkssprachlicher Bearbeitungen der "Navigatio Sancti Brandani", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12534

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