Aktuelle Bildungssituation von Vietnamesen in (Ost)Deutschland


Hausarbeit, 2009

14 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Vietnamesen in Deutschland
2.1. Vietnamesen in der BRD bzw. Westdeutschland
2.2. Vietnamesen in der DDR bzw. Ostdeutschland

3. Die Bildungssituation der (Ost-)Vietnamesischen Migranten

4. Hypothesen und Erklärungsversuche

5. Ausblick

6. Quellen

1. Einleitung

Die Debatte über Integration und Einwanderung rückt hin und wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Fast jeder glaubt, zu diesem Thema etwas sagen zu können; seien es Menschen aus dem Alltag, Politiker, Personen aus den Medien oder aus der Fachwelt. Auch die aktuelle Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich dahingehend mehrfach geäußert: „Ich halte das Thema Integration für ein wirkliches Schlüsselthema der Zukunftsfähigkeit Deutschlands“ [1] .

In Deutschland hat sich Integration in den letzten Jahrzehnten zum einem der Themen überhaupt entwickelt, das in naher Zukunft vorerst kein Ende findet. Im Visier stehen dabei Menschen mit Migrationshintergrund, oftmals Türken, weil sie die optisch auffälligste, am schlechtesten gebildete, am wenigsten integrierte und auch von der Anzahl her die Größte Gruppe stellen. Die Superlativen um diese Gruppe häufen sich; mit Tendenz in die negative Richtung, wobei u.a. auch arabische Mitbürger von dieser Stigmatisierung betroffen sind. Eine Vielzahl von Studien und Publikationen arbeiten mit Daten vorwiegend aus Westdeutschland bzw. westdeutschen Bundesländer und weist darauf hin, welche gesellschaftlichen und auch wissenschaftliche Probleme existieren.

PISA fällt als Stichwort; in der Öffentlichkeit der Inbegriff für die Bildungssituation und Differenzen innerhalb Deutschland und im internationalen Vergleich. Der Blick auf Ostdeutschland wird häufig außen vor gelassen, wenn dann, mit dem Hinweis auf die geringe Anzahl von Kindern mit Migrationshintergrund. Dabei besuchen über 20.000 ausländische Kinder und Jugendliche die Schulen in Ostdeutschland und lassen damit durchaus stichhaltige Schlussfolgerungen zu.

Im Rahmen des Soziologie-Moduls „Ethnische Ungleichheit“ widmet sich dieser Aufsatz der Bildungssituation in ostdeutschen Bundesländern. Dabei gibt es Erkenntnisse, die die Wahrnehmung der Öffentlichkeit in Erstaunen versetzen könnten. Es ist der außergewöhnliche Erfolg von Schülern mit vietnamesischem Migrationshintergrund.

2. Die Vietnamesen in Deutschland

Bis zum Jahr der Wiedervereinigung von Nord- und Südvietnam 1975 lebten lediglich wenige hunderte, überwiegend aus der Oberschicht stammenden Vietnamesen zum Studium oder Ausbildung in der BRD (Bundesrepublik Deutschland) und DDR (Deutschen Demokratischen Republik). Die zwei großen Gruppen die nach 1975 nach Deutschland einwanderten, sind zum einen die „boat people“ bzw. Boots- und Kontingentflüchtlinge zwischen 1975 und 1986 in die BRD und zum anderen die Vertragsarbeiter von 1980 bis 1990 in die DDR bzw.

Ostdeutschland. 20 Jahre später, Ende des Jahres 2005 leben ca. 83000 Vietnamesen in der heutigen Bundesrepublik. Rechnet man Eingebürgerten hinzu, ergibt sich eine Zahl von ca. 125 000 Menschen mit vietnamesischer Herkunft ohne die Einbeziehung der Illegalen und von den Deutsch-Vietnamesen geborenen Kinder. Unter den Ausländern bilden sie damit die größte nicht europäische Gruppe der Migranten in Deutschland nach den US-Amerikanern (ca. 99 000), vor den Chinesen (ca. 76 000) und Irakern (ca. 74 000). Ihre durchschnittliche Aufenthaltsdauer betrug Ende 2006 laut dem Ausländerzentralregister 11,7 Jahren (im Vergleich dazu die Türken mit 20,7 Jahren).

2.1. Vietnamesen in der BRD bzw. Westdeutschland

Die boat people (ca. 38 000) flohen seit 1975 wegen politischer Unterdrückung des kommunistischen Nordens sowie zum Teil auch aufgrund der wirtschaftlichen Not in die damalige BRD. Ihr Fluchtweg war durch die öffentlich wirksamen Unglückfälle im Südchinesischen Meer gekennzeichnet (Beuchling 2001, 92ff).

Gründe waren die untauglichen Boote, wilde Naturgewalten sowie Angriffe von thailändischen Piraten. Viele überlebten die schwierige Seereise nicht – die die das Glück hatten, wurden von Handelsschiffen oder von der „Cap Anamur“ (Schiffe der humanitären Hilfsorganisation) in Übergangslager der asiatischen Nachbarländer aufgenommen und dann in Drittländer verteilt. Dies geschah mit Hilfe eines Programms von UNHCR (Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinen Nationen) indem Deutschland auch beteiligt war und somit neben Ländern wie USA, Kanada usw. auch Kontingente aufnahm (Wolf 2007, 4). Die Integration der Bootsflüchtlinge ist insgesamt gut gelungen und war stets mit staatlichen Programmen gefördert worden. Darunter die Sprachförderung, berufliche Orientierung mit Umschulung oder Ausbildung sowie wirtschaftliche Stützung in Form von BaFög und Sozialhilfe. Rechtlich hatten die „boat people“ entsprechende Möglichkeiten zur Integration gehabt, da ihnen Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse erteilt wurden. Selbst die deutsche Öffentlichkeit und Teile der inländischen Bevölkerung zeigten anfänglich eine leichte Euphorie, die sich in großen Spenden, Geschenken, Vermittlung von Patenschaften und verschiedenen Kontaktversuchen entlud (Beuchling 2001, 93-94). Die Platzierung der ersten Generation auf dem Arbeitsmarkt gelang „gut“ und die meisten fanden Beschäftigung als Angestellte oder haben bis sich heute erfolgreich selbständig gemacht. Zahlreiche „asiatischen“ Restaurants, Imbisse und Lebensmittelgeschäfte seien hier ein Indiz dafür.

Insgesamt gestaltet sich die Integration der Vietnamesen in Westdeutschland einschließlich der zweiten Generation ruhig und fast reibungslos (Wolf 2007, 5).

2.2. Die Vietnamesen in der DDR bzw. Ostdeutschland

In der DDR begann die aktive Rekrutierung von Vertragsarbeitern aus der seit 1975 vereinigten Sozialistischen Republik Vietnam (SRV) ab dem Regierungsabkommen vom 11.April 1980. Die Gründe waren überwiegend ökonomischer Natur – Vietnam begann in den 80ern junge und zugleich sehr billige Arbeitskräfte, überwiegend einfache Arbeiter aus der Industrie und Landwirtschaft, aber auch höher gebildete (u.a. Ärzte und Lehrer) in befreundetet sozialistisch-kommunistische Länder zu exportieren. Durch das bilaterale Abkommen[2] sollte die Integration unterbunden und lediglich der Mangel an Kräften für einfache Tätigkeiten (Textil-, Bau- und Metallindustrie) in der DDR gedeckt werden. Es zeigen sich hier einige Parallelen zu den „Gastarbeitern“ in der BRD nur mit einigen zusätzlichen Defiziten wie häufige Überqualifizierung, keine entsprechende Vorbereitung, deutlich schlechtere Bezahlung und begrenzter Aufenthalt bis max. 5 Jahren. Trotz der sozialen Isolation in Wohnbarrake, strikte Überwachung und den damit verbundenen Problemen war es für die Vietnamesen eine „Ehre“ in der DDR arbeiten zu dürfen und so stieg die Zahl der Vertragsarbeiter bis zum Zusammenbruch der DDR 1989 auf 60.000 an (Wolf 2007, 7). Nach dem Beitritt der neuen Bundesländer und Ost- Berlin am 03.01.1990 zur BRD kehrten lediglich 34.000 der 60.000 Vietnamesen mit jeweils einer Abfindung vom 3.000 DM zurück. Der große (Rest)-Teil blieb, hoffte auf die sozio-ökonomische und politische Neuorientierung und traf in erster Linie auf Orientierungslosigkeit, gesellschaftliche Spannungen und zunehmende Fremdenfeindlichkeit, die sich gewalttätigen Übergriffen auf Asylheimen entlud. Hinzu kam noch der Verlust des Arbeitsplatzes und nach Ablauf der DDR-Verträge de facto nicht vorhandene Aufenthaltsstatus. Die fehlenden Sprachkenntnisse erschwerten den Durchblick durch das komplizierte deutsche Rechtssystem und der Zugang zu Ressourcen durch den Arbeitsmarkt blieb den meisten Verwehrt. Anfang der 90er zogen eine beträchtliche Anzahl von Vietnamesen (ebenfalls ehemalige Vertragsarbeiter) aus der UdSSR, der CSSR und Bulgarien nach Deutschland illegal hinzu. Die (Zwangs-)Abschiebung deutscher Seite war nicht möglich, da Vietnam die Aufnahme von unfreiwilligen Asylbewerbern verweigerte. Den Vietnamesen in (Ost-)Deutschland wurde somit von beiden Seiten der Boden unter den Füßen weggezogen (Aufenthaltsstatus „Duldung“ oder illegal) und es wuchs der Anomiedruck. Kulturell anerkannte Ziele wie Wohlstand, Reichtum und Karriere wurden erkannt bzw. angestrebt – die gesellschaftlich legitimierten Mittel standen ihnen allerdings nicht zur Verfügung (Korte 2008, 183ff). Dies könnte eine mögliche Erklärung für die damalig extrem hohe Kriminalitätsrate unter Vietnamesen sein, die überwiegend der Unterschicht zuzuordnen sind. In der Öffentlichkeit spiegelte sich ein zunehmend negatives Bild in Verbindung mit Zigarettenschmuggel und Bildung mafiaähnliche Strukturen wider. Ab 1993 war es durch den ein Beschluss der Innenministerkonferenz für diejenigen Vertragsarbeiter möglich, die bis April 1994 eine Arbeit nachweisen, eine befristete Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Für Portes/Rumbaut würde dies eindeutig eine der drei Determinanten für die Eingliederung (modes of incorporation) bedeuten, nämlich die Aufnahmepolitik der Regierung in Form von „ablehnend“ teilweise hin zu „passiv duldend“. Damit ist ausdrücklich die Legalisierung des Aufenthaltsstatus und bei Zurückhaltung unterstützender Hilfe zur Eingliederung gemeint (vgl. Farwick 2009, 88). Dies trifft ohne Zweifel zu. Die Vietnamesen wählten daraufhin den normkonformen Weg und legalisierten seit dem ihre Geschäfte überwiegend in der Selbständigkeit. Bis heute stehen entsprechende Restaurants, Imbissstände, Obst- und Gemüseläden, Kleidungsgeschäfte und seit neuerer Zeit sog. Nagelstudios dafür Ausdruck. Als weiterer Faktor der segmentierten Eingliederung/Assimilation[3] sei hier noch die „soziale Distanz“ erwähnt, die scheinbar so stark war, dass sie eventuell einen impact in der Politik 1993 fand. Die Frage, ob die Grundgesetzänderung des Artikel 16a, Abs.1 („Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“) mit zusätzlichen Absätzen und damit die systematische Abschaffung des Asylrechts, nur eine politische oder auch eine gesellschaftliche oder sich gegenseitig verstärkende Effekte sind, bleibt hier offen (Oswald 2007, 183).

[...]


[1] Angela Merkel bei dem 4.Integrationspolitischen Dialog im Bundeskanzleramt http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2008/06/2008-06-04-integrationsdialog.html

[2] Dieses Abkommen von 1980 war verbunden mit gravierenden Einschränkungen: Die Vertragsarbeiter aus der SRV mussten alle Sozialabgaben zahlen ohne ein Anspruch auf das soziale Netz zu haben. 12% des Lohns wurden automatisch an die Regierung von Vietnam abgeführt und ihr Leben streng durch DDR kontrolliert und reglementiert. Familiennachzug und Geburt von Kindern sowie jegliche politische Beteiligung waren verboten, andernfalls droht die Abschiebung. Weiteres siehe Wolf 2007: S.6ff.

[3] Assimilation ist nach Esser „zunächst eine Angleichung der Akteure bzw. Gruppen in gewissen Eigenschaften an einem bestimmten Standard.“ In der Öffentlichkeit ist mit dem Begriff der „Integration“ weitgehend mit den Dimensionen der Assimilation gleichgesetzt (Esser 2007: 90)

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Details

Titel
Aktuelle Bildungssituation von Vietnamesen in (Ost)Deutschland
Hochschule
Universität Leipzig  (Soziologie)
Autor
Jahr
2009
Seiten
14
Katalognummer
V125438
ISBN (Buch)
9783656114703
Dateigröße
744 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aktuelle, Bildungssituation, Vietnamesen, Soziologie, Abitur, Erfolg
Arbeit zitieren
Tuan Vu Minh (Autor:in), 2009, Aktuelle Bildungssituation von Vietnamesen in (Ost)Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125438

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