Trauer der Hinterbliebenen nach Suizid und die Anforderungen an die Soziale Arbeit


Essay, 2020

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist Suizid?
2.1 Begriffsklärung Selbstmord und Freitod
2.2 Was ist Suizidalität?
2.3 Was ist ein Suizidversuch?
2.4 Welche Suizidmethoden gibt es?

3 Definition Hinterbliebene

4 Die Konfrontation mit dem Suizid
4.1 Trauer als Teil des Heilungsprozesses
4.2 Schuldzuweisung und Trauer
4.3 Erschwernisse der Trauer

5 Herausforderung für die Soziale Arbeit
5.1 Gatekeeper Funktion der Sozialen Arbeit
5.2 Grundhaltung bei der Beratung und Betreuung

6 Schlussfolgerung und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Ich weiß nicht, wieso es heißt, der Suizid eines geliebten Menschen lasse alles andere banal erscheinen, wenn es doch der Suizid ist, der selbst das Banale in eine Hölle verwandelt.“ (Jungnikl 2014: 1). Ein Mensch hat sich das Leben genommen, eine endgültige Entscheidung über den Verlauf seines Lebens getroffen. Wie es zu diesem Entschluss kommen konnte, ist die Frage, die eine unerträgliche Leere hinterlässt. Je inniger die Beziehung erlebt wird, desto schwerer trifft der Verlust die betroffenen Personen. Die Tatsache, dass Suizid einen bedeutenden Teil der Todesursachenstatistik ausmacht und es mehr Tote durch Suizid wie durch Verkehrsunfälle gibt, ist durchaus überraschend (Statistisches Bundesamt 2020). Unerwartet stehen Angehörige vor einer Aufgabe, eine schmerzliche Lücke in Ihrem realen Leben als auch in Ihrem Seelenleben schließen zu müssen (Mess 2014: 1). Daraus entschließen sich die Fragen, in welcher Situation sich Hinterbliebene unmittelbar nach einem Suizid befinden und wie die Profession der Sozialen Arbeit intervenieren und Hilfestellung leisten kann. Die Hausarbeit trägt demnach den Titel „Was hast du uns angetan? Trauer der Hinterbliebenen nach Suizid und die damit entstehenden Anforderungen an die Soziale Arbeit“. Zunächst soll eine Definition von Suizid und damit in Verbindung stehende Begriffe im Kapitel 2 ausgearbeitet werden. Zudem wird in Kapitel 3 untersucht, wie Angehörige, die einen Suizid erlebt haben, definiert werden und welche Personen in das soziale Netzwerk der verstorbenen Person gehören. In Kapitel 4 und 5 wird der Trauerprozess, der sich unmittelbar nach einem Suizid in Bewegung setzt, beleuchtet. Die verschiedenen Aspekte, die während des Trauerprozesses erscheinen, unter anderem die Konfrontation mit dem Suizid und die daraufhin folgenden Schuldzuweisungen, werden untersucht und mit Auswirkungen bei Hinterbliebenen verbunden. Demnach ist auch die Erschwernis der Trauer ein Aspekt des Trauerprozesses, welcher die Schwere der Verarbeitung im Zusammenhang mit dem sozialen Umfeld betrachtet. Daraufhin folgt das 6 Kapitel, welcher die Herausforderung an die Soziale Arbeit aufgreift. Sozialarbeitende, die mit Hinterbliebenen in Verbindung kommen, müssen sich der besonderen Schwere des Todesumstandes bewusst sein und dementsprechend im Interaktionsgeschehen reflektiert handeln. Zudem wird der Sozialen Arbeit im Zusammenhang mit dem Suizid eine besonders wichtige Rolle als Gatekeeper zugesprochen (Yusuke 2014:40), welche definiert und näher betrachtet wird. Die Haltung der Sozialarbeitenden spielt demnach eine wichtige Rolle bei der Beratung und Begleitung von Hinterbliebenen, in Anbetracht dessen werden die Schlüsselkompetenzen durchleuchtet. In Kapitel 7 folgt eine Schlussfolgerung und ein Ausblick in Hinsicht der Ausarbeitung der zu erforschenden Thematik.

2 Was ist Suizid?

Es gibt Begriffe, die den des Suizides geformt und zu veranschaulichen versucht haben. Darunter gehören unter anderem die Synonyme „Selbstmord“ und „Freitod“, jedes dieser Wörter impliziert niedrige und schwerwiegende Beweggründe. Für die Auseinandersetzung mit Suizid ist es erforderlich, Begriffe zu definieren und im Kontext zu verstehen. So wird das Wort „Suizid“ als „das sich aus dem Lateinischen sui cadere= sich hauen, schlagen, fällen, sich töten, morden, schlachten, opfern“ (Wolfersdorf 2000: 16) beschrieben. Nach eingehender Recherche lässt sich jedoch feststellen, dass dem Suizid über einen langen Zeitraum hinweg mehrere Definitionen zugeschrieben werden und dem Wort eine Wertung zugrunde liegt, dabei aber das individuelle und komplexe Phänomen Suizid nicht mit einbezogen wird. Eine umfassende und verständlichere Definition stammt von Wolfersdorf und Etzersdorfer (2008: 18):

„eine Handlung mit tödlichem Ausgang, ob sofort oder infolge der Selbstbeschädigung, sofern Sie nicht durch Fremdeinfluss herbeigeführt oder eine unklare Todesursache ausgeschrieben wird“.

2.1 Begriffsklärung Selbstmord und Freitod

Im allgemeinen Sprachgebrauch finden sich die Wörter „Selbstmord“ und „Freitod“ wieder. So beinhaltet „Selbstmord“ das Wort „Mord“ und lenkt im Unterbewusstsein auf die moralische Feststellung, ein Suizident sei ein Mörder. Jedoch gibt es kein Wort, welches unangemessener sein könnte, denn als ein Mörder wird gemäß § 211 Abs. II StGB jener Mensch definiert „wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch, grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.“

Dementsprechend werden aufgrund der negativen Besetzung, Diskriminierung und der fälschlichen Betonung des Verbrecherischen des Wortes „Selbstmord“ in der wissenschaftlichen Fachsprache die Wörter „Selbsttötung“ und „Suizid“ verwendet (Wolfersdorf 2000: 16). Der Freitod sei die edelste Form, sich aus dieser wahnsinnigen Welt zu verabschieden, heißt es in einem Zitat des französischen Philosophen Michel Foucault, interpretiert wird dies womöglich durch jedes Individuum anders. In diesem Zitat spiegelt sich das Wesentliche über das Wort „Freitod“ wider, welcher Verbundenheit zu Freiheitsgefühl und Erlösung zum Ausdruck bringt. Jedoch stellt sich die Frage, wie frei ein Mensch ist, der an Suizid denkt. Die Not, in der sich der Mensch zu dem Zeitpunkt des suizidalen Geschehens befindet, wird demnach missachtet. Somit entspricht der Begriff nicht der Realität „denn die meisten suizidalen Handlungen geschehen in einem Zustand subjektiv erlebter oder objektiv bestehender und als existentiell bedrohlich erlebter psychosozialer und psychischer Not“ (Wolfersdorf 2000: 16). Vor dem Absprung nennt der Autor Jean Amery diese Notlage und vergleicht das suizidale Geschehen mit Licht und Dunkelheit.

„Man wendet all seine Kraft auf, tritt über die Schwelle, erwartet nach dem Dämmergrau, in dem man stand, das Licht: stattdessen aber ist es nunmehr eine ganz undurchdringliche Finsternis, die einen umgibt.“ (1976: 11).

2.2 Was ist Suizidalität?

Umfassend wird Suizidalität wie folgt definiert „Summe aller Denk und Verhaltensweisen von Menschen, die in Gedanken, durch aktives Handeln, passives Unterlassen oder durch Handeln lassen den eigenen Tod anstreben bzw. als mögliches Ergebnis einer Handlung in Kauf nehmen“ (Wolfersdorf 2000: 18). Menschen, die den eigenen Tod herbeiführen, erleben das Bedürfnis nach einer Ruhe oder einer Pause in Ihrem Leben und entwickeln Gedankengänge und eigens erdachte Pläne für die Selbsttötung. Laut Eink und Haltenhof (2006: 20) manifestieren sich entstandene Gedankengänge und nehmen allmählich zu, jedoch kann die Überlegung, sich selbst zu töten, von widersprüchlichen und zwiespältigen Gefühlen wie Scham und trüben Gedanken begleitet werden.

2.3 Was ist ein Suizidversuch?

Ein Suizidversuch ist jener Versuch, sich selbst zu töten. Jedoch kann dieser ungewollt misslingen und kein tödliches Ende nehmen (Eink und Haltenhof 2006: 22). Wolfersdorf äußert sich zu Suizidversuchen und meint, dass Gründe für das Überleben für die Benennung als Suizidversuch unwesentlich sind, vielmehr ist er der Meinung, dass die auserwählte Suizidmethode insuffizient sein kann oder aber eine hohe Rettungs- und Überlebenswahrscheinlichkeit der Fall ist (Wolfersdorf 2000: 28). Zur Subgruppe des Suizidversuch zählt die parasuizidale Handlung und charakterisiert sich mit besonders ausgeprägter Motivstruktur und dem Ziel, etwas in der Realität beeinflussen und verändern zu wollen (Wolfersdorf 2000: 29). Ein abgebrochener Suizidversuch wird in Hinsicht der weiterhin bestehenden suizidalen Gefährdung genauso gewertet wie ein durchgeführter Suizidversuch. Hierzu müssen die Motive des abgebrochenen Suizidversuches in Betracht gezogen und die Gründe erkenntlich gemacht werden. Wird ein Suizid aus Gefahr vor Mitschädigung der Mitmenschen abgebrochen oder gilt ein suizidaler Impuls als Auslöser? Dies sind laut Wolfersdorf (2000: 30-31) wichtige Fragen, die sorgfältig ergründet werden müssen, um die suizidale Gefährdung weiterhin im Auge behalten zu können.

2.4 Welche Suizidmethoden gibt es?

Jener Mensch, der die Intention hat, sich selbst zu töten, tut dies auf unterschiedlichste Art und Weise. Zu unterscheiden bei Suizidmethoden sind die sogenannten harten und weichen Methoden. Bei realisierten Suiziden werden häufiger als bei misslungenen Suizidversuchen harte Methoden angewendet. Zu den harten Methoden gehören unter anderem Erhängen, Erdrosseln, Ersticken, Erschießen, Ertrinken und sich aus großer Höhe in die Tiefe stürzen (Zippel und Kraus 2009: 268). Der Tod als Ausgang ist mit harten Methoden eher zu realisieren als mit weichen Methoden. Dementsprechend werden bei Suizidversuchen weiche Methoden angewendet, zu denen primär Vergiftung durch Schlaf-, Beruhigungs-, Schmerz- und Pflanzenschutzmittel, unter anderem aber auch Autoabgase gehören (Faust o.J.: 2-3).

3 Definition Hinterbliebene

Als Hinterbliebene können jene Personen bezeichnet werden, die den Verlust eines Menschen erlitten haben. Dazu gehören jene, die eine starke emotionale Bindung zu dem Verstorbenen haben, wie nahe Familienangehörige, Freunde und Arbeitskollegen. In Anbetracht eines Suizids ist die Stärke der emotionalen Bindung zu dem Verstorbenen nicht zu bewerten, so kann der Verlust selbst auf Freunde und Arbeitskollegen eine tiefgreifende Wirkung ausüben. In der englischen Fachsprache werden Personen, die einen Todesumstand wie den Suizid erlebt haben, auch suicide survivors genannt „First, it allows for the possibility that any person, regardless of their social relationship to the deceased, may be significantly distressed after the suicide and may, thus, become a survivor“ (Jordan und Mcintosh 2011: 8). Demnach sind Hinterbliebene diejenigen, die eine emotionale Bindung zu dem Verstorbenen hatten und Teil Ihres sozialen Netzwerkes waren.

4 Die Konfrontation mit dem Suizid

„Ein unerwarteter Anruf mitten in der Nacht, die Polizei vor der Haustür: Auf die Nachricht eines Suizids kann man sich nicht vorbereiten.“ (Müller 2018: 33). Menschen, die den Suizid einer nahestehenden Person erfahren, befinden sich plötzlich in einer belastenden und aufwühlenden Lebenserfahrung. Es wird stets versucht, das Unfassbare zu verstehen und sich damit auseinanderzusetzen, dass die Person den Tod selbst herbeigeführt hat. Die Wissenschaft hat bislang Untersuchungen veranlasst, um die Umstände der Suizid Hinterbliebenen von jenen zu unterscheiden, die Ihre Angehörigen durch natürliche Todesursachen verloren haben. Die Trauer und der Schmerz jedes Menschen, der Verlust erlebt, ist individuell und nicht zu bewerten. Jedoch spielen bei Suizid Hinterbliebenen Traueraspekte eine Rolle, die intensiver, länger andauernd und erschwerend erlebt werden. Dazu gehören laut Müller und Willmann (2014: 94-95) die Konfrontation der Traueraspekte wie Schuld, Scham, soziale Isolierung, Stigmatisierung, gestörte innerfamiliäre Beziehungen und das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein. Dieses Ausmaß an Traueraspekten führt zu einem langwierigen Trauerprozess, der individuell unterschiedlich verläuft.

4.1 Trauer als Teil des Heilungsprozesses

„Beim Tod eines geliebten Menschen erfahren wir, was Tod ist. Dieses Todeserlebnis widerfährt uns, trifft uns, läßt uns irre werden an uns und allem, was wir bisher für selbstverständlich gehalten haben.“ (Kast 1982: 13). Bei einem besonderen Todesumstand wie Suizid verändert sich das Leben eines Hinterbliebenen grundlegend und hinterlässt tiefen Schmerz. Nichts ist mehr so, wie es einmal war, viele Fragen bleiben unbeantwortet und Fassungslosigkeit darüber, dass ein Mensch sich töten kann, greift. Der Suizid löst eine starke Reaktion aus. Der Wunsch besteht, die Entscheidung zu verstehen. Neugier, Faszination oder gar Abscheu übernehmen nun (Paul 2010: 18). Dies sind normale Reaktionen, die zur Trauer eines Menschen gehören, bei einem Suizid kann es jedoch dazu führen, dass der Trauerprozess blockiert wird. Die Blockierung kann durch grausame Bilder, Schuldgefühle, Fantasien und Schmerz entstehen. Die Erinnerungen an den Menschen werden durch all diese Gefühle überlagert und der Verstorbene somit auf den Suizid reduziert (Schmidt 2018: 12). Der Verlauf der Trauer ist individuell unterschiedlich und wird als dynamischer Prozess bezeichnet, indem die Hinterbliebenen selbst aktiv werden und sich Ihrer Trauer annehmen (Schmidt 2018: 13).

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Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Trauer der Hinterbliebenen nach Suizid und die Anforderungen an die Soziale Arbeit
Hochschule
Evangelische Hochschule Ludwigsburg (ehem. Evangelische Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg; Standort Ludwigsburg)
Veranstaltung
Wissenschaftliches Arbeiten
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
14
Katalognummer
V1254626
ISBN (Buch)
9783346693785
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anmerkung der Dozierenden: Gut strukturiert, Roter Faden und leicht verständlicher Text
Schlagworte
Trauer, Suizid, Soziale Arbeit, Heilungsprozess
Arbeit zitieren
Irem Karabulut (Autor:in), 2020, Trauer der Hinterbliebenen nach Suizid und die Anforderungen an die Soziale Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1254626

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