Nachteile genderspezifischer Sprache am Arbeitsplatz. Psychologische Betrachtung eines sprachwissenschaftlichen Irrtums


Bachelorarbeit, 2022

110 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Wirtschaftspsychologische Erkenntnisse
2.1.1 Think-Manager–Think-Male (TMTM)
2.1.2 Lack of fit
2.1.3 Backlash
2.1.4 Think female think crisis
2.1.5 Doppelter Einfluss von Geschlecht
2.1.6 Stereotypisierung
2.2 Sozialpsychologische Perspektive
2.2.1 Das weibliche Stereotyp
2.2.2 Das männliche Stereotyp
2.3 Genderspezifische Sprache
2.3.1 Formen genderspezifischer Sprache
2.3.2 Grammatikalische Ebene
2.3.3 Semantische Ebene
2.3.4 Sprachpraktische Ebene
2.3.5 Psychologische Ebene
2.4 Studien zu genderspezifischer Sprache

3. Methodischer Teil
3.1 Wahl der Methode
3.2 Erstellung des Fragebogens und Items
3.3 Hypothesen
3.4 Beschreibung der Stichprobe
3.5 Ablauf der Untersuchung
3.6 Auswahl des statistischen Verfahrens

4 Ergebnis

5 Diskussion
5.1 Ergebnisdiskussion
5.2 Methodische Diskussion
5.2.1 Stichprobe
5.2.2 Itemauswahl
5.2.3 Durchführung
5.2.4 mögliche Verzerrungen
5.2.5 Fragebogen
5.2.6 Datenanalyse

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang 1: Fragebogen

Anhang 2: Übersicht Codes - Itembezeichnungen – Abfrage prozentualer Anteil Geschlecht

Anhang 3: Auswertung der einzelnen Items nach Gruppen (4 Versuchsbedingungen)

Anhang 4: Auswertung der Mittelwertvergleiche zwischen den unterschiedlichen Gruppen

Anhang 5: Auswertung der abschließenden Frage

Anhang 6: Console mit Berechnungen zum Versuchsablauf und Ergebnissen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Altersstruktur Gesamtstichprobe

Abbildung 2: Altersstruktur Teilstichproben

Abbildung 3: Verteilung Geschlechter Gesamtstichprobe

Abbildung 4: Verteilung der Geschlechter Gruppen A und B

Abbildung 5: Bildungsniveau Gesamtstichprobe

Abbildung 6: Bildungsniveau Teilgruppen

Abbildung 7: Politische Orientierung Gesamtstichprobe

Abbildung 8: Politische Orientierung Teilstichproben

Abbildung 9: Graphische Darstellung Medianvergleich AG01 (Na=39) / BG02 (Nb=38)

Abbildung 10: Graphische Darstellung Medianvergleich AG02 (Na=39) / BG01 (Nb=38)

Abbildung 11: Graphische Darstellung Medianvergleich AG01 (Na=39) / BG01 (Nb=38)

Abbildung 12: Graphische Darstellung Medianvergleich AG02 (Na=39) / BG02 (Nb=38)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Formen genderspezifischer Sprache

Tabelle 2: Alterstruktur der Gesamtstichprobe N

Tabelle 3: Charakterisierung der Stichprobe (N=77) - Geschlechter

Tabelle 4: Charakterisierung der Stichprobe N=77 Bildungsniveau

Tabelle 5: Charakterisierung der Stichprobe N=77 politische Orientierung

Tabelle 6: Auswertung Wirksamkeit Verwendung Gendersprache

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit widmet sich dem Thema genderspezifischer Sprache am Arbeitsplatz. Dazu werden zuerst einige wirtschaftspsychologische Modelle zur Benachteiligung von Frauen in der beruflichen Entwicklung betrachtet. Als Ursache für die Diskriminierung identifizieren diese Modelle die Stereotypisierung der Geschlechter in männliche und weibliche Pole, welche sich gegenteilig konstruieren. Davon ausgehend stellt sich die Frage, ob die permanente Sichtbarmachung des Geschlechtes im beruflichen Kontext ein sinnvolles Mittel ist, diese Diskriminierung zu beseitigen. Dabei widmet sich diese Arbeit zunächst der sprachlichen Problematik der Auffassung und der daraus abgeleiteten Umsetzung von genderspezifischer Sprache, um ihrer Ablehnung in der Bevölkerung Verständnis entgegenzubringen. Weiter wird ein kurzer Blick auf die Studienlage zu genderspezifischer Sprache geworfen, der einige Unstimmigkeiten bei der Interpretation des sogenannten generischen Maskulinums (in dieser Arbeit als commune Form 1 bezeichnet) offenbart. Die Ergebnisse aus diesen Betrachtungen führen im methodischen Teil der Arbeit zur Konzeption einer kontextarmen Methode zur Untersuchung der Fragestellung, ob die Beidnennung der Geschlechter tatsächlich Einfluss auf die Wahrnehmung des weiblichen Anteils in gemischtgeschlechtlichen Gruppen hat. Zu diesem Zweck wurde ein Fragebogen entworfen, in dem in randomisierten Gruppen entweder die commune Form oder die Beidnennung der Geschlechter vorangestellt wurde, bevor der wahrgenommene prozentuale Anteil in Berufsgruppen in unterschiedlichen Settings abgefragt wurde. Für die Untersuchung wurden 123 Probanden mit einem Fragebogen mit 7 Items in jeweils zwei unterschiedlichen Settings befragt. Die Hypothese H0: ‚Die Beidnennung hat gegenüber der Verwendung der communen Form Einfluss auf die Wahrnehmung der Verteilung der Geschlechter in den Berufsgruppen‘ musste abgelehnt werden. Die Daten wurden mittels t-Test bei vorliegender Normalverteilung ausgewertet, lag diese nicht vor, wurde der Wilcoxon-Test angewandt.

Die Personenbezeichnungen in dieser Arbeit verstehen sich grammatikalisch als commune Formen, welche sämtliche Geschlechter einschließen, wenn diese nicht explizit genannt sind oder eindeutig aus dem Kontext hervorgehen. Personenbezeichnungen, die mit einem Asterisk (*) versehen sind, stehen in dieser Arbeit für die Variationen zwischen communer Form und Beidnennung in den unterschiedlichen Versuchsdesigns.

1 Einleitung

Mit der Absicht, die Gleichstellung von Mann und Frau weiter voranzutreiben, wird in immer mehr Unternehmen, Institutionen und Bildungseinrichtungen genderspezifische Sprache richtungsweisend, teilweise sogar verpflichtend eingeführt. Obwohl zahlreiche Studien dahingehend interpretiert werden, dass die Anwendung genderspezifischer Sprache Frauen sichtbarer macht, steigt die Ablehnung in der Bevölkerung. Der Gender Pay Gap hingegen schließt sich, wenn überhaupt, nur langsam. Studien zur unterschiedlichen Wahrnehmung von männlichen und weiblichen Führungskräften haben unter Bezugnahme auf unterschiedliche Modelle belegt, dass Frauen allein aufgrund ihrer Weiblichkeit im Karrierebestreben gegenüber ihren männlichen Kollegen im Nachteil sind. Sprache war in diesen Studien nicht Gegenstand der Untersuchung. Die Ursachen für die Benachteiligung sind dort eher in der Stereotypisierung der Geschlechter zu suchen. Es stellt sich die Frage, ob die verpflichtende Verwendung einer genderspezifischen Sprache überhaupt das richtige Mittel ist, um diese Ungleichbehandlung zu beseitigen und die ökonomische Gleichstellung der Geschlechter endlich zu beschleunigen. Wenn Stereotypen die Benachteiligung von Frauen im Berufsleben bewirken, führt der permanente Verweis auf das Geschlecht möglicherweise zu einer Verstärkung der oben genannten Modelle. Wenn das tatsächlich der Fall ist, schadet die Verwendung genderspezifischer Sprache der Gleichstellung der Geschlechter, in dem sie die ständige Sichtbarmachung oder Umgehung des Geschlechtes thematisiert, in den Fokus rückt und so die Stereotypisierung begünstigt. Folge davon sind möglicherweise Kategorisierung in Eigen- und Fremdgruppe, Bevorzugung der Eigengruppe, Ablehnung der Fremdgruppe. Dieses Zerfallen der Angehörigen eines Unternehmens, einer Berufsgruppe, in Geschlechter verstärkt möglicherweise Probleme von Frauen in oft männlich dominierten Netzwerken.

Weiteren Eingang in die Gemengelage finden die nicht konsequent anwendbaren sprach- und schreibpraktischen Umsetzungen genderspezifischer Sprache. Hier wurde mit einer Vielzahl von Schreib- und Sprechvarianten experimentiert, von denen keine eine zufriedenstellende Lösung findet. Die Debatte wird hauptsächlich populärwissenschaftlich im öffentlichen Raum geführt und verweist dennoch immer wieder auf wissenschaftliche Studien zur vermeintlichen Dysfunktionalität der communen Form. Die nähere Betrachtung dieser Studien wirft weitere Fragen auf. Diese Arbeit beleuchtet im theoretischen Teil die unterschiedlichen Teilprobleme der Verwendung genderspezifischer Sprache am Arbeitsplatz. Sie behandelt neben den wirtschaftspsychologischen Modellen, die eine Stereotypisierung der Geschlechter belegen, auch die sprachliche Problematik der Umsetzung einer geschlechtertrennenden Sprache. Im Anschluss wirft sie einen kritischen Blick auf einzelne Studien zu mehr Sichtbarkeit von Frauen in der Sprache. Im methodischen Teil stellt sie sich der Frage, ob genderspezifische Sprache, hier die Beidnennung der Geschlechter bei Angehörigen einer Berufsgruppe, wirklich zu mehr Wahrnehmung von weiblichen Beteiligten führt. Hierzu wurde eine eigene Methode konzipiert, in einem Fragebogen realisiert und als Umfrage ausgeführt und ausgewertet.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Wirtschaftspsychologische Erkenntnisse

Trotz des grammatikalisch eindeutig weiblichen Geschlechtes des Begriffes ‚Führungskraft’, sind die Geschlechter in bundesdeutschen Führungsetagen von einer Gleichverteilung weit entfernt. Laut Schimeta (2012) fand das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) bei einer Erhebung in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt heraus, dass der Gender Pay Gap im Öffentlichen Dienst in der Bundesrepublik Deutschland bei insgesamt sieben Prozent zum Nachteil der weiblichen Beschäftigten liegt. Das ist insofern erstaunlich, da die allgemeine Verteilung der Geschlechter im öffentlichen Sektor seit Jahren als ausgeglichen gilt. (Destatis, 2003) Betrachtet man den Bereich Erziehung und Unterricht isoliert, ergibt sich sogar ein mehr als doppelt so hoher Wert von 15 % mit steigender Tendenz in den jüngeren Berufsgruppen. Das deutet in der horizontalen Segregation eher auf eine Vergrößerung des Gender Pay Gap hin als auf seine sukzessive Schließung. Betrachtet man die vertikale Segregation, vergrößert sich das Problem mit steigender Hierarchieebene. In den Beteiligungsunternehmen des Bundes sind noch 8,2 % Frauen im Vorstand anzutreffen, in den Vorständen des öffentlich-rechtlichen Finanzsektors sogar nur 2,5 %. Dieser aus 2011 stammende Wert fällt sogar noch geringer aus als der vergleichbare Wert aus dem privaten Sektor. Dort sind in den führenden Dax-Unternehmen 92,5 % der Vorstandsposten mit Männern besetzt. Dieses Phänomen ist allgemein als ‚ glass-ceiling-effect’ bekannt. Dieser liegt vor, wenn die bestehende Ungleichheit durch keine anderen Parameter zu erklären ist als die Zugehörigkeit zu einer bestimmten, mit Vorurteilen belasteten Bevölkerungsgruppe.

Schimeta (2012) gibt zu bedenken, dass eine stetige Entwicklung in der Geschwindigkeit der vorangegangenen fünf Jahre zu einem ausgewogenen Verhältnis der Geschlechter im öffentlichen Finanzsektor auf diese Art erst in 792 Jahren führen würde. Betrachtet man hingegen die Verdienstunterschiede zwischen männlichen und weiblichen ungelernten Arbeitnehmern des öffentlichen Dienstes, zeichnet sich eine gegenläufige Entwicklung ab. Ungelernte Frauen verdienen hier im Durchschnitt mehr als ungelernte Männer (BMFSFJ, 2009). Der Gender Pay Gap kann folglich nicht mehr auf eine generelle Bevorzugung von Männern im Arbeitsmarkt zurückgeführt werden. Auch unterschiedliche Bildungsniveaus schließt Schimeta (2012) aus. Die Hindernisse scheinen auf dem Weg in die Führungsposition zu liegen. Besonders in den oberen Chefetagen werden sowohl präskriptiv als auch deskriptiv persönliche Eigenschaften bei Führungskräften vorausgesetzt, die sich eher mit männlich konnotierten Eigenschaften decken (Sczesny & Bosak, 2007). Dem grammatischen Geschlecht zum Trotz formt die Vorstellung einer Führungskraft folglich in den meisten Köpfen ein typisch männliches Bild. Dieses Bild ist einerseits auch deshalb vor unserem geistigen Auge präsenter, da es einfach mehr männliche Führungskräfte gab und noch immer gibt, andererseits stehen sich hier womöglich einander feindlich gesinnte Idealvorstellungen gegenüber. Da das ökonomische Ungleichgewicht bei den Führungskräften am größten ist, werden zunächst dort wirkende Phänomene betrachtet.

2.1.1 Think-Manager–Think-Male (TMTM)

Führungskräfte werden als erfolgreich angesehen, wenn sie zum Beispiel die Eigenschaften Kompetenz, Dominanz und Aufgabenorientierung aufweisen. Fragt man jedoch danach, welche die bevorzugten Eigenschaften einer Frau sind, werden Fürsorge, Wärme und Bindungsorientierung genannt – Eigenschaften, die nicht an die Chefetage denken lassen (Athenstaedt & Alfermann, 2011). Auch Schein (1973) hat Probanden aus einem Beschreibungsindex von 92 Adjektiven diejenigen auswählen lassen, die als besonders charakteristisch für Männer angesehen wurden. Aus der gleichen Liste ließ sie typische Eigenschaften für Frauen benennen und glich beide Ergebnisse mit den Eigenschaften einer repräsentativen Führungskraft ab. Das Ergebnis übertraf in seiner Eindeutigkeit alle Erwartungen. Während sich 60 Adjektive sowohl zur Beschreibung eines typischen Mannes sowie einer typischen Führungskraft eigneten, deckten sich nur acht Begriffe aus den Gruppen Frauen und Führungskräfte. Diese Studie zum sogenannten TMTM-Phänomen wurde seit den 70er Jahren mehrfach wiederholt (z. B. Schein, 1975; Brenner, Tomkiewicz & Schein 1989; Heilman, Block, Martell & Simon 1989; Schein & Mueller, 1992; Schein, Mueller, Lituchy & Liu, 1996). Die Ergebnisse konnten selbst im internationalen Vergleich wiederholt werden. Und obgleich sich inzwischen die Zahl gemeinsamer Eigenschaftswörter für Frauen und Führungskräfte geringfügig erhöht hat (Heilmann et al.1989), blieben die männlichen 60 Entsprechungen unverändert. Was bedeutet das? Wenn eine Frau sich in eine Führungsrolle begibt, widerspricht sie folglich entweder dem Idealbild einer Führungskraft oder dem einer typischen Frau. Sie kann sich bemühen, betont dominant zu agieren und man wird ihr mangelnde Authentizität und Weiblichkeit vorwerfen. Verhält sie sich hingegen bindungsorientiert und fürsorglich, wird man ihr das notwendige Durchsetzungsvermögen absprechen. Aus Angst durch ihr weibliches Sein zu scheitern, droht die Gefahr der Ablehnung in Folge ihres männlichen Handelns. Beide Handlungsmöglichkeiten erschweren ihr die Ausübung ihres Führungsauftrages und benachteiligen sie gegenüber männlichen Kollegen.

2.1.2 Lack of fit

Diesen wahrgenommenen Mangel an Eignung für eine Führungsposition erlebt die Frau bereits im Bewerbungsprozess. Heilmann (1983) hat dazu mit ihrem ‚lack of fit’ Modell den Zusammenhang von Attraktivität und Geschlecht in der Bildung eines Vorurteils im Hinblick auf angebliche Fähigkeiten untersucht und kam zu dem Schluss: Je attraktiver, und damit weiblicher, eine Frau wirkt, umso schlechter sind demnach ihre Chancen bereits im Bewerbungsprozess überhaupt als potenzielle Führungskraft wahrgenommen zu werden. Grund dafür ist, dass die für die Stelle geforderten maskulin konnotierten Eigenschaften nicht mit den Eigenschaften übereinstimmen, die der Bewerberin aufgrund ihres Geschlechts a priori unterstellt werden. Bemerkenswert dabei ist, dass attraktive Frauen im Gegensatz zu unattraktiven Frauen bei gleicher Leistung und auf gleicher Ebene selbst von ihren Geschlechtsgenossinnen schlechter bewertet werden (Heilmann, 2012). Die Hoffnung, dass Frauen sich der Vorurteile, mit denen sie täglich im Berufsleben zu kämpfen haben, bewusst sind und folglich sorgfältiger urteilen, erfüllt sich nicht. Eine Durchführung derselben Studie mit männlichen attraktiven und unattraktiven Probanden ergab interessanterweise das Gegenteil. Attraktivität unterstützt folglich Männer und behindert Frauen auf der Karriereleiter. Zu gleichem Ergebnis kam Friedel-Howe (2003), bei einer Untersuchung zur Attraktivität in Bezug auf erwarteten Führungserfolg. Personen mit betont femininem Äußeren wurde weniger Erfolg vorhergesagt.

2.1.3 Backlash

Wenn Frauen nun aus all diesen Erkenntnissen korrigierende Maßnahmen ableiten und sich betont maskulin am Arbeitsplatz bewusst entgegen dem weiblichen Stereotyp inszenieren, droht die nächste Hürde beim beruflichen Aufstieg in Form einer starken Gegenreaktion. Diese wird in der Literatur im Allgemeinen als backlash bezeichnet. Rudman (1998) untersuchte dazu motivationale Einflüsse auf die Bildung von Eindrücken und kam zu dem Schluss, dass die Selbstdarstellung von Frauen im Berufsleben soziale Abstrafungen nach sich ziehen kann, wenn Vertreter des weiblichen Geschlechts dabei gegen geschlechtsspezifische Vorschriften zur Bescheidenheit verstoßen. Für die Nutzung betont männlichen Verhaltens speziell im Führungskontext bedeutet das für die Frau zumindest weniger Sympathie, wenn nicht sogar die Ablehnung ihrer Person. Sie wird entweder aufgrund ihrer Rolle als Frau abgelehnt, da sie nicht dem gängigen Stereotyp ihrer Geschlechtsgenossinnen entspricht oder sie wird in ihrer Rolle als Führungspersönlichkeit nicht gemocht, da sie nicht authentisch und damit sympathisch wirkt (Rudman & Phelan, 2008). Sympathie ist für den Führungserfolg und den weiteren Aufstieg jedoch gerade im Wandel von den klassischen, aufgabenorientierten zu den modernen, bindungsorientierten Führungsstilen essenziell. Für die Etablierung einer Bindung ist Sympathie zwingend notwendig. Fehlende Sympathie gleichen die Betroffenen oft durch besseres Fachwissen aus. Dies wiederum erzeugt Konkurrenz, welche wiederum als nicht dem weiblichen Stereotyp entspricht. Frauen meiden Konkurrenzsituationen eher und sind selbstkritisch. Männer hingegen begeben sich selbstsicher gern in den Wettbewerb (Niederle & Vesterlund, 2007). Wenden Frauen transformationale Führung (bindungsorientiert) an, können sie dem Backlash ein Stück entgegenwirken, da sie in den bindungsorientierten Erwartungen sowohl ihrer weiblichen als auch ihrer Führungsrolle gerecht werden. (Vinkenburg, von Engen, Eagly & Johannesen-Schmidt, 2011) Wenden Männer hingegen transformationale Führung an, werden sie als besonders fortschrittlich beurteilt. Die früher ausschließlich weiblich konnotierten und in der Führung abgelehnten Eigenschaften werden beim Mann als bereichernd, bei der Frau als selbstverständlich empfunden (Hentschel, Braun, Peus & Frey, 2018).

2.1.4 Think female think crisis

Die wachsende Tendenz zu bindungsorientierten Führungsstilen birgt Chancen für mehr weibliche Führungskräfte. Besonders assoziieren Unternehmen diese neuen Führungsstile allerdings in Unternehmenskrisen (Ryan & Haslam, 2005, 2007). In einer Weiterführung des TMTM-Modells differenzierten die Wissenschaftler Unternehmen, denen es gut ging und solche, die sich in einer Krise befanden. Sie fanden heraus, dass die stereotypen Eigenschaften, die Frauen zugeschrieben werden, in krisengeschüttelten Unternehmen als vorteilhaft assoziiert werden, während die TMTM-Assoziationen in gesunden Unternehmen repliziert werden konnten. Gleiches Ergebnis konnte auch präskriptiv bestätigt werden. Der Prototyp des idealen Managers wurde im nichterfolgreichen Unternehmen weiblich assoziiert, im erfolgreichen männlich. Außerdem fanden sie heraus, dass Frauen in kritischen Situationen zwar bevorzugt an die Spitze gesetzt werden, begründen das aber nicht mit Vertrauen in deren Fähigkeiten die Wende herbeizuführen. Vielmehr herrscht Einigkeit darüber, dass Frauen gut in der Personalführung sind und im Falle des betrieblichen Scheiterns einen guten Sündenbock abgeben (Ryan, Haslam, Hersby, Bongiorno 2011). Schlussendlich bedeutet das für Frauen eine doppelte Last. Sie müssen sich fachlich besser ausrichten, denn sie werden erst gerufen, wenn die Not groß ist. Schaffen sie die 180-Gradwende nicht, wird der Misserfolg ihnen allein zur Last gelegt. Dabei müssen sie männliche Eigenschaften im höheren Maße ausleben, um einer weiblichen Stereotypisierung entgegenzuwirken und sich dabei anstrengen, möglichst authentisch zu bleiben, um die notwendige Bindung zu erzeugen. Männer hingegen müssen nur männliche Eigenschaften ausleben, um als ausreichend erfolgreich wahrgenommen zu werden (Johnson, Elaine, Zewdie & Reichard, 2008). Die psychologischen Kosten von Frauen dürften hierbei ungleich höher sein als die von Männern, die in einem florierenden Unternehmen vor der einfacheren Aufgabe stehen.

2.1.5 Doppelter Einfluss von Geschlecht

Die Auswirkungen der oben beschriebenen Modelle TMTM, backlash, die Angst vor dem lack of fit und der erhöhten Leistungsanforderung, die entsteht, wenn Frauen erst in Krisen zum Einsatz kommen, entfalten ihre Wirkung sowohl in die Außenwahrnehmung von Frauen als auch, verbunden mit hohen psychologischen Kosten, in die weibliche Innenwahrnehmung und begleiten die Frau in ihrer gesamten Laufbahnentwicklung. Abele (2002) hat in ihrem Modell des doppelten Einfluss‘ von Geschlecht ein Instrument ausgearbeitet, welches die Wechselwirkung der Rollenerwartungen im Außen mit den stereotypen Prägungen im Innen aufzeigt. Nun hat die Außenwirkung, die Interaktion mit anderen und damit verbundenes Feedback, einen maßgeblichen Einfluss auf das Selbstkonzept wie durch Smither, London und Reilly (2005) empirisch belegt wurde. Der Begriff ‚ looking glass self’ geht sogar davon aus, dass sich das Selbstkonzept durch Fremdeinschätzungen geachteter Personen erst konstruiert. Jede Wahrnehmung durch andere, die mit einer Bewertung einhergeht, ruft folglich Emotionen hervor, die wieder wahrgenommen werden. Unweigerlich auftretende Dissonanzen führen zu Unsicherheiten, welche wieder vom Außen wahrgenommen und bewertet werden (Cooley, 1902).

2.1.6 Stereotypisierung

Der Begriff Stereotyp wurde erstmals von Walter Lippmann Anfang des 20. Jahrhunderts im heutigen Sinne gebraucht. Er versteht Stereotype als „erkenntnis-ökonomische Abwehreinrichtung gegen die notwendigen Aufwendungen einer umfassenden Detailerfahrung“ (Dröge, 1967). Stereotype sind also schnell verfügbare mentale Modelle, die sich mit einem Wort oder einem Bild im Gegenüber aufrufen lassen. Dort wirken sie als mentale Repräsentation verallgemeinernd für alle Angehörige der so kategorisierten Gruppe. Ein einmal so einer Gruppe zugeordnetes Mitglied geht in den Gruppeneigenschaften unter und kann individuell nicht mehr sichtbar werden. Aus dem Altgriechischen kommend bedeutet στερεός τύπος ‚feste Form’ und verweist damit auf die Starrheit. Beim Geschlechterstereotyp kommt erschwerend hinzu, dass die geschlechtliche Kategorisierung bereits im frühen Kindesalter erlernt wird und durch ihre Dualität2 am leichtesten verfügbar ist. Es ist deshalb besonders fest. Eine unmittelbare Folge der eigenen Zuordnung zu einem Geschlechtsstereotyp ist die Entwicklung eines Genderstereotypes (Geschlechtsrollenidentität). Dazu beobachten Kinder Verhaltensweisen ihrer Geschlechtsgenossen, ordnen diese einem Stereotyp zu, nehmen die Eigenschaften und Verhaltensweisen an und erwarten diese von anderen. Von ihnen geachtete Personen bestätigen sie darin und legen in einem nächsten Schritt biologische Ursachen zu Grunde. Ab hier wirkt das oben beschriebene Modell des doppelten Einfluss‘ von Geschlecht. Dies geschieht bereits im Alter von 5-7 Jahren (Martin & Ruble, 2010). Ein Verstoß gegen die so im Stereotyp verankerte Erwartungshaltung zieht unweigerlich Ablehnung und Bestrafung nach sich. Um ein so altes, basales und festes Stereotyp aufzubrechen, wären gravierende gegenteilige Erfahrungen nötig, die sich in ihrer neuen Form sehr oft wiederholen (Spreemann, 2000).

2.2 Sozialpsychologische Perspektive

Die Entstehung und Polarisierung der heute in der westlichen Welt vorherrschenden Geschlechtsstereotypen begann in der Zeit der wachsenden Industrialisierung. Fabriken mit langen Arbeitszeiten und die Bedienung schwerer Maschinen trieben zwischen den Geschlechtern eine Arbeitsteilung voran, die Männer in den öffentlichen Raum drängte und Frauen ins Private, wo diese für Hausarbeit, Pflege und Kindererziehung zuständig wurden. Da diese Arbeiten unbezahlt waren, ergab sich für Frauen eine wirtschaftliche Abhängigkeit zum Mann, der seine Arbeit – und dann sich selbst - im öffentlichen Raum als wirtschaftlich potent erlebte (Krumpholz, 2004). Aufgrund einer ebenfalls zunehmenden Verbürgerlichung der Gesellschaft trat die bisherige Polarisierung durch Adel und Nichtadel in den Hintergrund. Universale und als biologisch vorbestimmt deklarierte Charakterdefinitionen von Männern und Frauen besetzten nun neue Pole (Hausen, 1976). Wie oben bereits beschrieben, bedingen sich Selbst- und Fremdwahrnehmung. Die eigene Zuordnung zu einer Geschlechtergruppe, repräsentiert durch das entsprechende Stereotyp, geht auch immer mit der Abgrenzung zur anderen Gruppe einher. Die Fremdgruppe wird dabei stärker stereotypisiert und abgewertet (Eckes, 1997).

2.2.1 Das weibliche Stereotyp

Das weibliche Stereotyp birgt in sich, wie oben schon mehrfach beschrieben, also die Abhängigkeit vom Mann, Bindungsorientiertheit und Emotionalität. Typisch weibliche Eigenschaften sind Sanftmut, Passivität (auch sexuell) und Fürsorge.

Nach außen richtet sich das weibliche Stereotyp stark am Kindchenschema aus. Begründet ist das vermutlich durch die kleinere Gestalt aber auch durch die Abdrängung ins Private, zur Kindererziehung und zur Stilisierung zum „schwächeren Geschlecht“. Geschminkte Frauen wirken gesünder und gepflegter als ungeschminkte. Rougebetonte Wangen deuten enthemmte Erregung an, groß geschminkte Lippen und Augen sowie enthaarte Beine und Achselhöhlen verstärken ebenfalls das Kindchenschema. Die außen betonte Nähe zum Kind bewahrt einerseits vor Aggression, spricht aber andererseits den Beschützerinstinkt an, der eine Frau hierarchisch abwertet. Diese Abwertung und die Nähe zum Kind gehen mit einer verminderten Zuschreibung geistiger Fähigkeiten einher. Auch modisch werden diese Merkmale kontrastiert. Hohe Schuhe werden weiblich assoziiert. Sie verunsichern den Gang und signalisieren sexuelle Verfügbarkeit. Durch figurbetonte Kleidung nimmt die Frau weniger Platz im Raum ein. Übereinandergeschlagene Beine wirken schüchtern, werden aber als weiblich empfunden. Das moderne weibliche Geschlechtsstereotyp lässt sich in drei Subkategorien aufteilen: Hausfrau, Karrierefrau und Sexbombe (Krumpholz, 2004).

2.2.2 Das männliche Stereotyp

Das männliche Stereotyp konstruiert sich folglich als Gegenpol. Unabhängig, wirtschaftlich und sexuell potent, aufgabenorientiert und rational. Typische Eigenschaften sind Aggression (Durchsetzungsvermögen im unternehmerischen Kontext), Führungsanspruch, versorgend, markant. Im Europa des beginnenden 20. Jahrhunderts erlebt das männliche Stereotyp durch die Erfahrung zweier Weltkriege vermutlich eine weitere Übersteigerung, in der es sich nochmals so weit wie möglich vom weiblichen Gegenpol entfernt. Modisch betrachtet, sitzt männliche Kleidung lockerer, ist nicht figurbetont und die flachen Schuhe sorgen für sicheren Gang.

Das männliche Stereotyp teilt sich zwei Subkategorien auf: Macho – Softi (Six & Eckes, 1991). Auch diese Subkategorien bilden in der Eigenschaftszuschreibung die bekannten Pole ab.

2.3 Genderspezifische Sprache

Wie bisher ausführlich dargelegt wurde, führt die Stereotypisierung der Geschlechter zur unterschiedlichen Wahrnehmung von Männern und Frauen im Arbeitsleben und in Folge zu einer ökonomischen Schlechterstellung der Frau. Dies findet Niederschlag im gender pay gap. Die feministische Linguistik sieht die Ungleichstellung der Geschlechter bereits in der Sprache begründet und bemüht sich nun seit mehr als 30 Jahren um eine gezielte Einflussnahme.

Pusch (1990), Mitbegründerin der feministischen Linguistik, sagt dazu:

„Als feministische Wissenschaft ist die feministische Systemlinguistik ‚parteilich’, d. h., sie bewertet und kritisiert ihre Befunde, begnügt sich nicht mit der Beschreibung, sondern zielt auf Änderung des Systems in Richtung auf eine gründliche Entpatrifizierung und partielle Feminisierung, damit aus Männersprachen humane Sprachen werden.“ S. 13)

Die VW-Tochter Audi führte im März 2021 „genderspezifische Sprache“ ein und hält ihre Mitarbeiter an, zukünftig von „Mitarbeitenden“ zu schreiben und anstelle des Wortes „Chef“ besser das Wort „Führungskraft“ zu verwenden (Audi-Mediacenter, 2021). Fachkräftemangel auf der einen Seite und Änderungen der klassischen hin zu kooperativen Führungsstilen fordern mehr Frauen auf den Plan. Um die Gleichbehandlung der Geschlechter voranzutreiben, stellen Unternehmen sich dementsprechend aufgeschlossen dar. Auch für die Außenwirkung der Unternehmen z. B. im Marketing wird der genderspezifischen Sprache ein hoher Stellenwert eingeräumt. Eine Umfrage der Firma Faktenkontor bei 415 Fach- und Führungskräften im Bereich Public Relations ergab, dass nur 12 % der Befragten auf genderspezifische Sprache in ihrer Öffentlichkeitsarbeit verzichten (News aktuell, 2020). Betrachtet man hingegen Umfragen zur Akzeptanz genderspezifischer Sprache in der Bevölkerung stößt man durchweg auf eine ablehnende Mehrzahl (z. B. Infratest-Dimap, 2021; Verein für Sprachpflege, 2019, 2020; Bebemeier, 2019). Auch an vielen Universitäten gehört genderspezifische Sprache inzwischen nicht mehr nur zum guten Ton, sondern zieht bei Nichtanwendung in schriftlichen Arbeiten möglicherweise Punktabzug nach sich. Gleichzeitig widerspricht die verpflichtende Sprachregelung dem natürlichen Sprachgefühl einer Mehrheit, wie die wachsende Ablehnung in der Bevölkerung zeigt (Infratest-Dimap, 2021) Welche Formen genderspezifischer Sprache gibt es und welche Gründe könnte diese Ablehnung haben?

2.3.1 Formen genderspezifischer Sprache

In der folgenden Tabelle sind die häufigsten Verwendungen genderspezifischer Sprache ungefähr nach ihrer Häufigkeit mit einem Beispiel aufgelistet.

Tabelle 1: Formen genderspezifischer Sprache

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die konsequente Umsetzung genderspezifischen Sprache verursacht nun Schwierigkeiten auf vier unterschiedlichen Ebenen, die sich gegenseitig bedingen.

2.3.2 Grammatikalische Ebene

Der Trugschluss, auf dem sich die gesamte Genderdebatte aufgebaut hat, beruht auf der Annahme, dass das grammatikalische System der deutschen Sprache über maskuline, feminine und neutrale Wortformen verfügt, die entsprechend maskuline, feminine Personen oder Dinge bezeichnen. Die Sprachwissenschaft bezeichnet diese Annahme als Kongruenz von Sexus und Genus. Sexus steht dabei für eine semantische und Genus für eine grammatikalische Kategorie.

Allgemeingültig ist diese Annahme falsch. So besitzt das Weib grammatikalisch Genus neutrum und kann semantisch weiblicher nicht sein. Die Giraffe bezeichnet auch mal ein männliches Exemplar der Gattung und der Aktenvernichter könnte sowohl ein Ding sein als auch eine bestimmte männliche Person, die wiederholt Akten vernichtet. Auch bei der Zuordnung der determinierten Artikel zu diesen drei Geschlechtern finden wir nur im Nominativ Singular geordnete Verhältnisse vor: der (masc.), die (fem.), das (neutr.). Bereits im Genitiv der femininen Form (Bsp. das Kleid der Schwester) hätte man es, dieser Logik folgend, mit einem nicht erklärbaren maskulinen Artikel zu tun. Der Plural benutzt in allen drei Geschlechtern bereits im Singular den femininen Artikel.

Ein Folgefehler dieser Annahme ist auch die Schlussfolgerung, dass die Endung –er maskulin ist. Da diese bei den inzwischen oft schon gegendert verwendeten Berufsbezeichnungen bereits semantisch aufgeladen ist, wird das Phänomen hier rein grammatikalisch bei der exemplarischen Herleitung der Wörter Vater und Mutter verdeutlicht.

nhd. Mutt-er (fem.)

< ahd. muot-er < urgerm. *mōd-er < frühurgerm. *maþ-ér < idg. *meh2t-ér

(vermutlich3 : diejenige die säugt)

nhd. Vat-er (masc.)

< ahd. fat-er < urgerm. *pad-er < frühurgerm. *paþ-ér < idg. *ph2t-ér

(vermutlich: derjenige der beschützt)

Es ist unbestritten, dass das Wort für Mutter nie ein anderes semantisches Geschlecht als das weibliche gehabt haben kann, ebenso wie das Wort für Vater immer männliche Personen bezeichnet hat. Die Endung –er trägt folglich nicht das Geschlechtsmerkmal männlich. Sie ist erst einmal geschlechtslos4 und kennzeichnet lediglich eine Handlungsfähigkeit. Die Linguistik bezeichnet diese Substantive als nomina agentia. Sie entstehen aus Ableitung eines Verbalstammes mit dem Zusatz des Tätersuffix –er. Diese commune Nachsilbe ist seit mehr als 5000 Jahren produktiv. Das heißt, auch neue Wörter oder Lehnwörter aus anderen Sprachen, erhalten im Deutschen diese Endung. Für den Fall, dass eine explizite Markierung des weiblichen Geschlechts nötig wird, hat das Indogermanische das Motionssuffix *-ih2 > nhd. –in verwendet. Es moviert (verwandelt) die commune, bis dahin geschlechtslose Form in eine ausschließlich weibliche Form und etabliert so den Kontrast männlich – weiblich, beschränkt auf diesen einen Kontext. Steht sie allein, bleibt sie geschlechtslos. Diese Regel ist komplex und sicher nicht für jeden auf Anhieb verständlich. Oberflächlich betrachtet sind die commune und die maskuline Ausprägung formgleich und führten zu der Fehlannahme, Frauen seien nicht „mitgemeint“. Die Folge war der Aufruf zur Vermeidung der Form – er für die communen Formen z. B. bei Berufsbezeichnungen.

2.3.3 Semantische Ebene

Auf semantischer Ebene soll die Verwendung genderspezifischer Sprache dem Glaubenssatz entgegenwirken, Frauen seien nicht mitgemeint. In verallgemeinernden Aussagen, die auf beide Geschlechter abzielen, kann das zu Tautologien führen. Der Satz: ‚Frauen sind die besseren Zuhörerinnen’ funktioniert semantisch nicht, da alle Frauen Zuhörerinnen sind.

Die Beidnennung und auch alle Formen, die mit einer Trennung der beiden grammatikalischen Formen arbeiten, manifestieren allerdings die Binarität der Geschlechter und führen zu einer semantischen Maskulinisierung der communen Form. Diese Verwendung widerspricht der grammatikalischen Regel, dass Sexus und Genus nicht identisch sind. Eine Folge davon ist eine Lexikalisierung eigentlich communer Personenbezeichnungen zu wirklich maskulinen Formen, die sich nun wieder mit Stereotypen aufladen. Kognitive Dissonanzen entstehen in Folge bei der Verwendung von Komposita wie Lehrerzimmer oder Bürgerinitiative, die fortan Frauen ausschließen würden. Das semantische Geschlecht gilt eigentlich nur für Personen und dehnt sich als weitere Folge z. B. auf Institutionen aus. Beispiele dafür lassen sich im Duden unter Vorständin und Vormundin finden. Auch diese sorgen für kognitive Dissonanz bei der Verwendung und führen zu Ablehnung, welche Gefahr läuft, auf die Gruppe projiziert zu werden, die eigentlich durch diese Maßnahme geschützt werden soll.

Die ursprünglich semantisch angelegte Binarität zwischen communer und neutraler Form gibt es z. B. noch in den Lexemen5 werwas, jemandetwas, niemandnichts, man – es. Für diese Formen konnte die Genderlinguistik bislang keine zufriedenstellenden Alternativen anbieten. Die Folge sind z. B. Kongruenzprobleme in Relativsätzen. In der deutschen Sprache finden sich auch abseits vom Geschlecht oberbegriffliche oder unmarkierte Formen in anderen grammatikalischen Kategorien. Ein eckiges dreidimensionales Objekt wird mit Länge, Höhe und Breite angegeben, egal wie kurz, niedrig oder schmal es ist. Die Wörter groß und klein stellen Gegensätze dar und doch wird von der Größe von Kindern gesprochen und nicht von der Kleine. Der Tag kann die Nacht miteinschließen oder sich als Gegenpol darstellen. Innerhalb der Zeitformen nimmt das Präsens diese unmarkierte Position ein. Abgesehen von der Bezeichnung der Gegenwart kann es historisch, iterativ, verlaufend oder für eine zukünftige Handlung verwendet werden.

Bei dem Satz ‚ Die CDU wurde bei der letzten Wahl vom Wähler abgestraft ’ ist es genauso absurd, ein männliches Geschlecht wie eine einzelne Person im Singular anzunehmen. Vielmehr wird hier das Stilmittel pars pro toto angewandt und selbstverständlich steht der Wähler hier für die gesamte Wählerschaft, die sich auch männlichen, weiblichen und diversen Wählern zusammensetzt.

Die Vermeidung der Endung –er zieht weitere Probleme nach sich. Die Verwendung des Partizip Präsens Aktiv als Ersatzform für ein nomen agentis bezeichnet gleichzeitig eine Handlung im Verlauf. So kann man z. B. nach einem tragischen Arbeitsunfall nicht von verstorbenen Mitarbeitenden sprechen. Dass ein Ausweichen auf das Partizip nicht funktioniert, kann der Lateinkundige auch aus dem Wort Student erkennen. Als substantiviertes Partizip des Wortes studere, wurde es dennoch als maskulin empfunden und im Deutschen einer weiteren Substantivierung mit Partizip unterzogen. Doch auch ein Studierender kann im Singular ohne Kontext als ausschließlich maskulin interpretiert werden.

Die semantische Bedeutung des Hiats, der zum Beispiel mit dem Unterstrich oder dem Gendersternchen erzeugt wird, ist nicht vollständig geklärt und erzeugt auf semantischer Ebene Dissonanz.

Das Binnen-I verursacht bei der Aussprache eine Betonungsveränderung hin zur vorletzten Silbe, wodurch ein phonetischer Gleichklang mit dem Wort (Lexem) ‚innen’ entsteht und wieder Dissonanz erzeugt. Die Feminisierung ist abzulehnen, da sie Männer ausschließt und somit wirklich Inhalte verfälscht.

2.3.4 Sprachpraktische Ebene

Die wohl größte Herausforderung in der Anwendung geschlechterspezifischer Sprache entsteht auf sprachpraktischer Ebene. Bei der Beidnennung entsteht eine kognitive Dissonanz zwischen der kulturellen Gepflogenheit, Frauen zuerst zu nennen und einer instinktiven Regel der Satzmelodie, welche fordert, bei zwei Dingen, die auf ein Ganzes referieren, die kürzere Form der längeren voranzustellen (Kind und Kegel). Eine Voranstellung der weiblichen Variante würde diese unabhängig vom Kontext betonen. Manche Befürworterinnen der nachgestellten Variante empfinden sich in Folge als zweitgenannte oder Anhang. Alle Formen, die mit Lücke arbeiten, verändern die Betonungsgewohnheiten, was zu zusätzlicher Inkonsistenz beim Denken führt und somit verunsichert.

Die wohl radikalste Form des Genderns ist die nach Phettberg. Dabei wird an den Wortstamm ein –y angehängt, welches als geschlechtsneutrales Tätersuffix für Personen benutzt wird. Dieses -y ist als Phonem im Deutschen aber schon mit der Verkleinerungsform besetzt und wirkt dadurch entsprechend semantisch (verharmlosend oder sarkastisch wie zum Beispiel Mörd-y ). Die Verwendung dieser Variante würde ihre Radikalität auf die diesbezügliche Einstellung der Anwender projizieren und somit vom Inhalt ihrer Aussage ablenken.

Der Glottisschlag, der bei vielen Formen verwendet werden muss, diente bisher dazu Wortgrenzen oder in wenigen Fällen Silbengrenzen zu markieren. Vor dem Suffix –innen angewendet, verweist er auf das gleichlautende Adjektiv als Lexem und sorgt für Irritation.

Das ständige Abwägen zwischen zwei oder mehreren Regelverstößen beim Sprechen dem natürlichen Sprachgefühl zum Trotz erzeugt enorme psychologische Kosten.

Das Gendersternchen wurde vom Rat für deutsche Rechtschreibung abgelehnt und findet bis heute keinen Eingang in den Duden (Rat für deutsche Rechtschreibung, 2018).

Sprache ist der wichtigste Baustein zur Integration in eine Gesellschaft. Die Verwendung genderspezifischer Sprache erschwert nicht nur den Spracherwerb von heranwachsenden Muttersprachlern. Menschen mit gewissen Einschränkungen wie zum Beispiel einer Autismusspektrumstörung, Blinde, Gehörlose, Menschen mit Leserechtschreibschwäche wird oft durch die im Wort vorkommenden Zeichen zusätzlich das Lesen erschwert. Die in vielen Institutionen bereits praktizierte Leichte Sprache verzichtet oft auf gegenderte Sprache zu Gunsten ihrer Klientel. So findet sich zum Beispiel auf der Seite des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration der Hinweis in leichter Sprache „Wir schreiben in der männlichen Form. Zum Beispiel schreiben wir: Bürger. Damit meinen wir Bürger und Bürgerinnen.“ (Sozialministerium Baden Württemberg, 2020) Die zweite Level-One-Studie beziffert die Anzahl der Deutsch sprechenden Erwachsenen mit niedrigem Kompetenzniveau (geringe Literalität) auf 12,1%. Im Vergleich zu den Ergebnissen der ersten Level-One-Studie zwei Jahre zuvor entspricht das einer Verschlechterung um 2,4% (Grotlüschen, Buddeberg, Dutz, Heilmann & Stammer, 2018). Die Nichtbeachtung der Bedürfnisse dieser zu schützenden Gruppe zu Gunsten einer gegenderten Schreibweise, deren Vorteile bislang nicht ausreichend belegt werden können, offenbart eine privilegierte Einstellung einer gebildeten, kognitiv nicht benachteiligten Gruppe, die die Ausgrenzung einer benachteiligten Bevölkerungsschicht in Kauf nimmt und sich in Folge durch eine bestimmte Sprach- und Sprechweise abgrenzt ohne tatsächlich Lebensrealität zu verändern.

2.3.5 Psychologische Ebene

Der Ausgangsgedanke „Frauen sind in der Sprache unterrepräsentiert“ kann auch als sexistisch interpretiert werden. Er dringt tief in den sprachlichen Intimbereich der Sprecherinnen ein und unterstellt, dass Frauen Jahrtausende lang versäumt haben, sich in ihre Sprache einzubringen. Das macht sie zum dümmeren Geschlecht. Den Frauen signalisiert das: Ihr müsst nur richtig sprechen, dann lösen sich eure Probleme, ihr seid selbst schuld, habt euch nicht in eure Sprache eingebracht. Das rückt Frauen wieder in Richtung Intelligenzminderung bzw. in die Nähe von Kindlichkeit. Damit wird das weibliche Stereotyp weiter verstärkt, wie bereits in 2.2.1 beschrieben. Besonders im Falle einer betrieblichen Anordnung zu genderspezifischer Sprache spricht hier, transaktionsanalytisch betrachtet, ein Eltern-ich zum Kind-ich.

Die Abschaffung der communen Form polarisiert die Geschlechter und sexualisiert die Sprache in Bereichen, die bislang ohne Verweis auf das Geschlecht auskamen. Am Arbeitsplatz unter Wirkung der oben belegten Stereotypisierung und damit verbundenen Benachteiligung der Frau droht eine Verstärkung der Stereotypen. Durch die Entscheidung zur Segregation der Geschlechter in der Sprache werden alle Unternehmensangehörigen in Geschlechtsgruppen kategorisiert und entsprechend Eigen- oder Fremdgruppen zugewiesen mit der Folge, dass die entsprechenden Phänomene der Stereotypisierung dort wirken. In der Selbstkategorierungstheorie von Turner et al. (1987) stellen die Wissenschaftler heraus, dass die Wahrnehmung der Mitglieder einer bestimmten Gruppe allein durch ihre Zuordnung zu dieser sich von der individuellen Kategorisierung abwendet und sich der zugeordneten Gruppe zuwendet. Die Mitglieder identifizieren sich folglich mehr mit den Eigenschaften der zugeordneten Gruppe als mit ihren individuellen. Im Zusammenhang mit den gegenderten Berufsbezeichnungen in Unternehmen, ist es mehr als wahrscheinlich, dass dieses Phänomen hier wirkt. Durch Abwendung von individuellen Eigenschaften erfolgt automatisch eine starke Stereotypisierung der Fremdgruppe sowie eine schwächere Stereotypisierung der Eigengruppe. Der so entstehende Intergruppenkonflikt der Geschlechter bedient unweigerlich die unter 2.1 beschriebenen Phänomene. Besonders schwerwiegend erscheint hier der Einfluss auf das von Abele (2002) beschriebenen Modells des doppelten Einflusses von Geschlecht. Die Kategorisierung von Mitarbeitern auf Grund biologischer Geschlechtsmerkmale reproduziert die bereits vorhandenen Stereotypen immer wieder und manifestiert diese nachhaltig. Anstatt der Unterschiede drohen die Gemeinsamkeiten abgeschafft zu werden. Die Inklusion aller Geschlechteridentitäten in die commune Form wäre auf vielen Ebenen die elegantere Lösung. Die commune Form könnte zum Beispiel durch andere Maßnahmen mit mehr Weiblichkeit gefüllt werden, wenn das biologische Geschlecht am Arbeitsplatz keine Rolle spielte. Die mit der konsequenten Umsetzung gegenderter Sprache einhergehenden Probleme, wie sie in 2.3.2 bis 2.3.4 beschrieben wurden, bergen die Gefahr einer Projektion dieser Probleme auf die zu schützenden Gruppen und verstärken den Intergruppenkonflikt durch Reaktanz und Pejorisierung gegenüber den eigentlich zu protegierenden Fremdgruppen. Da Männer im Berufsleben in vieler Hinsicht ökonomisch und hierarchisch bessergestellt sind, spielt dieses Phänomen denjenigen in die Karten, die den Status quo der Benachteiligung von Frauen im Berufsleben beibehalten wollen. Der in 2.1 erwähnte glass-ceiling-effect verstärkt sich. Die in einigen Unternehmen umgesetzte Vorschrift zur Verwendung genderspezifischer Sprache erzeugt unter Umständen psychologische Kosten, da bei jeder Äußerung eine mögliche Verletzbarkeit des anderen oder die unbeabsichtigte Offenbarung einer unterstellten Gesinnung mitgedacht werden muss. Dabei widerspricht die Praxis des Genderns dem natürlichen Sprachgefühl einer Mehrheit. Ein Unternehmen, welches gegenderte Sprache zwingend vorschreibt, stellt das Vertrauen zu seinen Mitarbeitern in Frage, indem es bei Nichtanwendung Diskriminierungsabsicht unterstellt. Die sozioökonomische Realität der Benachteiligten ändert es allein durch die Etablierung einer Gesinnung nicht. Eine Vorschrift wirkt zudem a priori belehrend und kann sich unter Umständen besonders in der Dienstleistungsbranche auch auf die Kundenbeziehung negativ auswirken, wenn diese sich vordergründig belehrt und nicht bedient fühlen.

2.4 Studien zu genderspezifischer Sprache

Die Diskussion um die Notwendigkeit genderspezifischer Sprache wird zum großen Teil auf populärwissenschaftlicher Ebene in der breiten Öffentlichkeit (z.B. Lobin & Nübling, 2018) geführt und basiert wie in 2.3.2 bereits dargelegt, auf dem Irrtum der Kongruenz von Sexus und Genus. Aus diesen Diskussionen werden Handlungsnotwendigkeiten und Maßnahmen abgeleitet, die sich dann in Leitfäden zu genderspezifischem Formulieren wiederfinden. Die tatsächlich zu Grunde liegenden Studien werden zwar wage erwähnt aber ihre Ergebnisse nicht ausreichend hinterfragt und diskutiert. Ebenfalls unbefriedigend ist die Studienlage zur Wirksamkeit dieser Maßnahmen, obwohl, wie bereits erwähnt, die Ablehnung in der Bevölkerung gleichzeitig zunimmt. Auch diese Ursachen werden unzureichend wissenschaftlich untersucht und moralisierend begründet (z. B. Stefanowitsch, 2018).

Betrachtet man die empirischen Untersuchungen, auf die in der öffentlichen Debatte zu diesem Thema immer wieder zurückgegriffen wird (z. B. Gygax et al. 2008), stößt man auf nur wenige und unbefriedigende Untersuchungen der communen Form. Die Ungenauigkeiten beziehen sich vornehmlich auf die Abfrage von Stereotypisierungen und/oder auf die Etablierung eines Kontextes in einer Laborsituation, die in der Sprachwirklichkeit so nicht vorkommen würde. Die Schaffung eines Kontextes führt unweigerlich zur Hinwendung zur nächstmöglichen Kongruenz in diesem Kontext. Eine umfassende Analyse aller Studien hierzu würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Deshalb wird an dieser Stelle nur exemplarisch auf einige wenige Studien Bezug genommen, die zur Wahl der statistischen Untersuchungsmethode in dieser Arbeit hinführen.

So untersuchen zum Beispiel Sheila Kennison und Jessie L. Trofe, zwei US-amerikanische Psycholinguisten, in der englischen Sprache 405 Personenbezeichnungen auf assoziierte, geschlechtsspezifische Pronomina. An der Studie nahmen 40 weibliche und 20 männliche Studenten der Oklahoma State University teil. Alle waren Muttersprachler (amerikanisches Englisch). Die Stichprobe kann sowohl vom Alter als auch von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht als einseitig homogen betrachtet werden, da alle Probanden Studenten waren. Die Adaption der Ergebnisse ins Deutsche ist schon deshalb problematisch, da Englisch in diesem Sinne kein Genus hat. Es verwendet anders als im Deutschen einen Artikel für alle Geschlechter. Lediglich beim Pronomen gibt es Unterscheidungen. Die im Deutschen verwendete Movierung –in gibt es im Englischen nicht. Den Probanden wurden zwei Sätze präsentiert. Im ersten Satz wurde eines der 405 Items präsentiert und im zweiten Satz mit dem Pronomen he/she darauf referiert. Auf einer siebenstufigen Skala sollten sich die Probanden entscheiden, ob sie die Personenbezeichnung eher als männlich oder weiblich empfinden. Hier wurde in erster Linie die Stereotypisierung der verwendeten Substantive abgefragt. Als Beleg für eine vornehmlich maskuline Ausrichtung der communen Form vor allem im Deutschen können diese Ergebnisse nicht gewertet werden. Die commune Form wird verwendet, wenn das Geschlecht keine Rolle spielt, besonders in Fällen, wo die Aussage allgemein ist. Fragt man eine konkrete Person ab (he, she) verliert die commune Form ihren unmarkierten Charakter und nimmt das Geschlecht des vorherrschenden Stereotyps an. Beispiel: „The rapist/rape victim gave a complete account of what happened. He/She seemed dazed during most of the questioning.“ (Kennison & Trofe 2003) Das zu Grunde liegende psychologische Phänomen lässt sich eher auf eine Verfügbarkeitsheuristik zurückführen als auf die Interpretation der communen Form.

Gabriel et al (2008), Psycholinguisten (keine Sprachwissenschaftler) übernehmen Teile dieser Liste (126 items) von Personenbezeichnungen von Kennison & Trofe (2003) und untersuchen ebenfalls Genderstereotype bei Berufsbezeichnungen in den Sprachen Englisch, Französisch und Deutsch. Diese Studie wird in zwei Sets durchgeführt. In einem Set erscheinen in einer zehnstufigen Skala spezifische weibliche und männliche Formen oder nur commune Formen (dort bezeichnet als generisches Maskulinum) im anderen Set. Im Ergebnis geben sie an, dass der Gesamtmittelwert weniger zur männlichen Form tendierte, als wenn beide Geschlechter explizit genannt wurden. Im Fragebogen wurden abwechselnd männliche und weibliche Formen zuerst genannt. Tatsächlich wurden auch hier aus soziolinguistischer Sicht Genderstereotype abgefragt. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht wurde die Wahrnehmung des Sexus einzelner Lexeme abgefragt aber nicht das Genus commune. Dies war auch nicht Gegenstand der Studie, die eindeutig als Forschungsbeitrag zur Geschlechterstereotypisierung konzipiert war. Dennoch verweisen namhafte Genderlinguisten auf diese Studie (z. B. Kotthoff & Nübling, 2018) als Beweis für die Dysfunktionalität der communen Form.

Das Problem von Kontextualität und Kongruenz wird zum Beispiel am ‚ Spezialistenproblem’ (Stöger, Ziegler & David, 2004) deutlich. Die Forscher untersuchen hier die Effekte des Mentalkonzeptes einer erfolgreichen akademischen Person auf die mentale Repräsentanz des männlichen Geschlechts. Dazu erzählen sie folgende kurze Geschichte:

A father and his son driving together in their car have a terrible car accident. The father dies upon impact. The son is rushed to the hospital in an ambulance and is immediately brought to the operating table. The doctor takes a quick look at him and says that a specialist is needed. The specialist comes, looks at the young man on the operating table and proclaims, I cannot operate on him, he is my son. (S. 515)

Die Mehrzahl der Probanden empfanden eine fehlende Kongruenz in der Geschichte, was die Forscher auf die vorherrschende mentale Präsenz eines männlichen Vertreters der Kategorie ‚Spezialisten’ zurückführten. Tatsächlich ist auch das keine Untersuchung zur communen Form. Dies würde nur zutreffen, wenn das Geschlecht in dieser Situation keine Rolle spielen würde. Die zweite Erwähnung des Wortes ‚specialist’ würde auch im Englischen nicht vorkommen, da in dieser Situation das Geschlecht eine maßgebliche Rolle spielt. Es handelt sich bei der zweiten Erwähnung nämlich nicht mehr nur um irgendeinen Spezialisten, sondern um einen bestimmten – die Mutter des Sohnes. Die Nutzung der communen Form an dieser Stelle ist semantisch falsch. Sie darf nur verwendet werden, wenn das Geschlecht irrelevant ist. Die Adaption ins Deutsche verstärkt das Problem aufgrund der genderspezifischen Artikel (der, die), welche im Englischen durch the abgedeckt werden. Dies ist eine typisch konstruierte Laborsituation, die im Feld so nicht vorkäme.

Eine weitere sehr bekannte Studie präsentierte den Teilnehmern zwei Sätze in Folge. Die Teilnehmer sollten entscheiden, ob der zweite Satz eine logische Folge des ersten sein könnte. Die Studie wurde in Französisch, Deutsch und Englisch durchgeführt. Mittels Eye-Tracking-Verfahren wurde die Geschwindigkeit der Reaktion der Teilnehmer auf die Satzpaare gemessen. Als Beispiel führen die Wissenschaftler das folgende Satzpaar an: „The social workers were walking through the station. Since sunny weather had been forecast, several of the women weren’t wearing a coat.“ Dabei geben sie an, im zweiten Satz geschlechtsspezifische Teile der ersten Gruppe zu erwähnen (Gygax & Gabriel 2008). Da die Studie schriftlich durchgeführt wurde, ist das so nicht richtig. Die zweite Gruppe („several of the women“) könnte sich sowohl auf die ganze Menge, als auch auf die Teilmenge beziehen. Die Erwähnung des Geschlechts verwirrt hier ohne weiteren Kontext. Ein Kongruenzproblem tritt auf. Der Leser weiß nicht, ob die Gesamtmenge oder eine Teilmenge gemeint ist. Hätte das Experiment mündlich stattgefunden, hätte mittels Betonung der zweiten Teilmenge (women) hier Abhilfe geschaffen werden können. Das Ergebnis wäre ein anderes gewesen.

In wieder einer weiteren Studie werden die Teilnehmer z. B. nach dem Namen ihres liebsten Romanhelden gefragt. (Stahlberg & Sczesny, 2001). Auch das fragt nicht die geschlechtslose Form ab, sondern im Singular ein einfaches Maskulinum.

3. Methodischer Teil

Auf Grund der oben dargelegten unbefriedigenden Forschungssituation zur communen Form, wurde für diese Arbeit eine eigene Methode entwickelt, die sich um einen möglichst kontextarmen Umgang mit der communen Form bemüht. Wie bereits in 2.3.2 dargelegt, ist die commune Form sehr sensibel. Sobald sie in einen Geschlechtskontext gestellt wird, verliert sie ihr communes Geschlecht und wird maskulin. Für die kontextarme Methode wurden hier unter dem Vorwand einer Untersuchung zur berufsgruppenorientierten Wahrnehmung der Urlaubswahl Zahlen männlicher und weiblicher Repräsentanten verschiedener Berufsgruppen abgefragt. Die Umfrage wurde in zwei Versuchsgruppen durchgeführt. Gruppe A wurde die commune Form der jeweiligen Berufsgruppe präsentiert, Gruppe B die Beidnennung als gegenderte Variante. Der vollständige Fragebogen befindet sich in der Anlage 1. Untersucht werden sollte, ob die Wahl der communen Form (Gruppe A) im Gegensatz zur Beidnennung (Gruppe B) die Teilnehmer in ihrer Wahrnehmung dahingehend beeinflusst, dass sie bei der communen Form mehr maskuline Angehörige einer Berufsgruppe antizipieren als bei der Beidnennung.

3.1 Wahl der Methode

Bei der Entwicklung der Methode wurde darauf geachtet, dass keine Satzpaare abgefragt werden, wie in Stahlberg & Sczesny (2001), bei denen sich die Teilnehmer für ein Geschlecht entscheiden müssen und dabei möglicherweise aus Gründen der Kongruenz das maskuline wählen. Mit dieser Methode wurde auch versucht, keine Stereotypisierung hervorzurufen. Der wahre Untersuchungsgegenstand wurde bis zum Ende der Umfrage verschleiert, um nicht die politisch motivierte Einstellung der Teilnehmer zum Thema genderspezifische Sprache abzufragen. In der ersten Frage wurde in beiden Gruppen jeweils die Gesamtzahl der Angehörigen einer bestimmten Berufsgruppe an einem bestimmten Urlaubsort abgefragt. In der darauffolgenden Frage wurde der prozentuale Anteil der Geschlechter abgefragt. In Gruppe A wurde ausschließlich die commune Form, z. B. Handwerker, verwendet. In Gruppe B wurde dagegen die Beidnennung, z. B. Handwerker und Handwerkerinnen verwendet. In den jeweils darauffolgenden Fragen, die den Anteil der Geschlechter in der jeweiligen Berufsgruppe abfragte, wurden abwechselnd Männer und Frauen prozentual abgefragt. Dies variierte bei den Urlaubsorten Kreuzfahrtschiff und Zeltplatz, um auch hier kein Priming oder Stereotypisierung zu erzeugen. Daten wurden randomisiert in zwei Gruppen erhoben, deren Ergebnisse später miteinander verglichen werden. Ebenfalls randomisiert wurden die Urlaubsorte, so dass es auch hier zu keinem Priming in Bezug auf die Erstnennung Männer oder Frauen in der Abfrage des prozentualen Anteils kommen konnte.

3.2 Erstellung des Fragebogens und Items

Die erste Fragegruppe diente der Abfrage demographischer Daten wie Alter, Geschlecht, politische Einordnung und Schulabschluss. Die zweite Fragegruppe besteht aus sieben unterschiedlichen Berufsgruppen und setzt diese in ein Urlaubsszenario auf einem Kreuzfahrtschiff. Die Probanden sollen zuerst den Gesamtanteil dieser Berufsgruppe und dann den jeweiligen Anteil der Geschlechter innerhalb dieser Berufsgruppe schätzen. Gruppe A erhielt dabei die commune Form. Gruppe B erhielt dieselbe Berufsgruppe in der Beidnennung. Jede Gruppe erhält in einer dritten Fragegruppe ein weiteres Urlaubsszenario auf einem Zeltplatz. Dieses Vorgehen dient einmal der Verschleierung der eigentlichen Absicht der Umfrage, zur Vermeidung des Einflusses der Einstellung zum Gendern, zum anderen gibt es die Möglichkeit zwischen der Erstnennung Männer und Frauen innerhalb der Berufsgruppen der beiden Szenarios zu wechseln. Damit auch hier kein Priming erfolgen kann. Folgende Berufsgruppen wurden gewählt: Handwerker, Rentner, Juristen, Ärzte, Pflegekräfte, Grundschullehrer, Künstler. Bei der Wahl der Items wurde darauf geachtet, dass sowohl solche gewählt werden, in denen in der Realität mehr Männer ( Handwerker ), mehr Frauen ( Grundschullehrer ) anzutreffen sind, als auch solche mit ausgewogenem Verhältnis ( Rentner ). Das Item Pflegekräfte ist bewusst neutral gewählt und taucht in beiden Gruppen gleich auf. Auch das dient einmal der Verschleierung der Absicht der Umfrage und kann außerdem dahingehend ausgewertet werden, ob in der Gruppe der Beidnennung ein Primingeffekt eingesetzt hat. Bei der Wahl der gegenderten Form der Gruppe B wurde die Beidnennung eingesetzt, da dies nach ausführlicher Recherche im Moment die vorherrschende Form in den Unternehmen zu sein scheint und andere Formen (wie der Genderstern) vermehrt abgelehnt werden. Abschließend wird anhand einer fünfstufigen Likertskala gefragt, wie die Probanden zu genderspezifischer Sprache stehen. Damit offenbart sich schließlich die tatsächliche Absicht der Umfrage. Den Probanden wurde an dieser Stelle die Möglichkeit gegeben, sich in einem freien Kommentarfeld zum Thema zu äußern.

3.3 Hypothesen

Untersucht werden soll, ob die vorausgehende Nutzung der communen Form einen anderen Einfluss auf die wahrgenommene Verteilung der Geschlechter in den Berufsgruppen im Gegensatz zur Nutzung der Beidnennung hat.

H0: Die Beidnennung hat gegenüber der Verwendung der communen Form Einfluss auf die Wahrnehmung der Verteilung der Geschlechter in den Berufsgruppen.

H1: Die Beidnennung hat gegenüber der Verwendung der communen Form keinen Einfluss auf die Wahrnehmung der Verteilung der Geschlechter in den Berufsgruppen.

Untersucht wird also, ob der Anteil der weiblichen Personen einer Berufsgruppe als höher wahrgenommen wird, wenn im Vorfeld die Beidnennung angewendet wurde. Die Hypothesen sind folglich gerichtet.

na = Anzahl der Probanden der Gruppe A

nb = Anzahl der Probanden der Gruppe B

[...]


1 Der oftmals verwendete Ausdruck generisches Maskulinum ist verwirrend, denn er geht von einem zu Grunde liegenden maskulinen Geschlecht eines Wortes aus. Tatsächlich ist das sogenannte generische Maskulinum alleinstehend Sexus indifferent und wird erst im Kontext maskulin, z. B. durch das Danebenstellen einer femininen Form. Konstruiertes Beispiel: Für die Lehrer (commune Form) unserer Schule stehen zwei Toiletten zur Verfügung – eine für Lehrerinnen (feminin) und eine für Lehrer (maskulin).

2 Auf eine geschlechtliche Pluralität wird an dieser Stelle aufgrund des seltenen Vorkommens und der damit verbundenen Irrelevanz für diese Arbeit nicht eingegangen.

3 Indogermanische Formen sind aufgrund von Lautgesetzen konstruierte Formen ohne tatsächliche Belege. Um sie von belegten Formen zu unterscheiden, werden sie mit einem Asterisk * gekennzeichnet. Ebenso wird die vermutete Bedeutung konstruiert.

4 Vielleicht war es unglücklich, die deutsche Grammatik nach lateinischem Vorbild zu beschreiben. Hätte man für das Deutsche die basale Genuseinteilung utrum/neutrum oder commun/neutrum gewählt, wäre die Diskussion heute eine andere.

5 Ein Lexem bezeichnet in der Linguistik eine sprachliche Bedeutungseinheit.

Ende der Leseprobe aus 110 Seiten

Details

Titel
Nachteile genderspezifischer Sprache am Arbeitsplatz. Psychologische Betrachtung eines sprachwissenschaftlichen Irrtums
Hochschule
Private Fachhochschule Göttingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2022
Seiten
110
Katalognummer
V1254819
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gendergerechte Sprache, geschlechtergerecht, gender, Gleichstellung, Gleichberechtigung, Gender pay gap
Arbeit zitieren
Jana Schleske (Autor:in), 2022, Nachteile genderspezifischer Sprache am Arbeitsplatz. Psychologische Betrachtung eines sprachwissenschaftlichen Irrtums, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1254819

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