Englische Schule und Konstruktivismus im Vergleich

Die Bedeutung des Sozialkonstruktivismus für die Englische Schule


Studienarbeit, 2007

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Merkmale der Englischen Schule und des Konstruktivismus

III. Grundelemente im Vergleich
a. Akteure und Strukturen im internationalen System
b. Anarchie und Machtstrukturen im internationalen System
c. Normen und struktureller Wandel im internationalen System

IV. Der Konstruktivismus – eine Fortsetzung der Englischen Schule?

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Der Konstruktivismus – ein neues Gewand der Englischen Schule?

Um eine Antwort auf die Frage zu erhalten, inwieweit der Konstruktivismus als neues Gewand der Englischen Schule angesehen werden darf, ist eine weitere Frage zu stellen: Welchen Zweck verfolgt ein neues Gewand? Ein neues Gewand kann den Träger, hier der Ansatz der Englischen Schule, in neuem Licht erscheinen lassen, ohne dass dieser sich inhaltlich gewandelt hat, oder der Träger präsentiert mit dem neuen Gewand seine veränderte Einstellung. Aber haben sich nun die theoretischen Einstellungen der Englischen Schule gewandelt oder können sie durch den Konstruktivismus ergänzt werden?

Seit jeher wurde von Kritikern wie Roy E. Jones bezweifelt, ob die Englische Schule überhaupt als einheitliches Forschungsprogramm betrachtet werden kann und eine ausreichende theoretische Basis besitzt um die internationalen Beziehungen[1] hinreichend erklären zu können.[2] Um die in den 1980er Jahren fast vergessene Englische Schule wiederbeleben zu können, versuchten Forscher wie Hidemi Suganami, eine komplementäre Verbindung zwischen der Englische Schule und dem Konstruktivismus herzustellen.[3] Ausgehend von gemeinsamen methodologischen Grundpositionen, sollten beide Ansätze die zentralen Bedingungen in den IB beschreiben.[4]

Ziel dieser Arbeit ist es die Bedeutung des Konstruktivismus für die Englischen Schule darzustellen und kritisch zu hinterfragen. Ausgehend von einer kurzen Darstellung der Merkmale des Konstruktivismus und der Englischen Schule soll eine vergleichende Analyse der Grundelemente beider Ansätze möglich werden. Zu diesen Grundelementen gehören die Akteure und Strukturen, die Anarchie und Machtstrukturen, die Rolle von Normen und der strukturelle Wandel im internationalen System. Abschließend wird die Frage zu klären sein, inwieweit der Konstruktivismus ähnliche Perspektiven wie die Englische Schule bereithält und demzufolge Annahmen der Englischen Schule vervollständigen kann.

II. Merkmale der Englischen Schule und des Konstruktivismus

In diesem Kapitel soll eine knappe Darstellung der Kernpunkte der Englischen Schule und des Konstruktivismus und erfolgen, um dann im zentralen Teil der Arbeit die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen beiden Ansätzen zu erörtern. Die Annahmen, welche in dieser Arbeit diskutiert werden, basieren im Wesentlichen auf den Erkenntnissen von Hedley Bull und Alexander Wendt, da diese nachhaltig die Englische Schule und den Konstruktivismus in den IB geprägt haben.

Der Institutionalismus umfasst die Theorien der IB, in denen Regeln und Recht die Beziehungen der Staaten bestimmen.[5] Der Institutionalismus tritt in verschiedenen Formen auf. So kann zwischen einem normativ-reflexiven und einem utilitaristischen Institutionalismus unterschieden werden.[6] Zum ersteren gehört die Englische Schule. In der Englischen Schule wird davon ausgegangen, dass Staaten im internationalen System eine ,,society of states“ (Staatengesellschaft) bilden.[7] Staaten sehen also andere Staaten nicht als potentielle Feinde, wie dies im Realismus geschieht, sondern ,,praktizieren vielfältige Verkehrsmöglichkeiten“[8]. So kann die Beziehungsstruktur durchaus von einem permanenten Kriegszustand zwischen den Staaten geprägt sein, welche von Bull im Rückgriff auf Martin Wight[9], dem eigentlichen Begründer der Englischen Schule, als ,,hobbesianische Geistestradition“ bezeichnet wird.[10] Diese Beziehungsstruktur kann aber auch durch eine Gemeinschaft von Weltbürgern geprägt sein, in der Krieg nicht mehr existent ist, welche dann als ,,kantianische Geistestradition“ bezeichnet wird.[11] Bull selbst ist der Meinung, dass die Struktur zwischen Staaten durch Regeln und Normen geprägt ist und somit der permanente Kriegszustand des internationalen Systems begrenzt werden kann. Dies bezeichnet Bull als ,,grotianische Geistestradition“.[12]

Das Ende des Ost-West-Konfliktes und die damit einhergehende ,,offene Struktur des internationalen Systems“[13] sowie die verstärkten Einflüsse aus der Soziologie und den Kulturwissenschaften schufen die Rahmenbedingungen für eine intensivierte Aufmerksamkeit für konstruktivistisches Denken in den IB. Im Wesentlichen befasst sich der Konstruktivismus mit drei zentralen Kategorien: dem sozial konstruierten Wechselverhältnis zwischen Akteuren und Strukturen, der herausragenden Rolle der Ideen und der hohen Bedeutung kultureller Faktoren für die IB.[14] Mit dem sozial konstruierten Wechselverhältnis ist gemeint, dass die Realität nicht äußerlich vorgegeben ist, sondern durch die Subjekte geprägt und reproduziert wird.[15] Die so von den Akteuren geschaffenen Strukturen sind zwar nicht spontan, aber zu mindestens grundsätzlich veränderbar.[16] Die herausragende Rolle der Ideen stellt wiederum einen wesentlichen Unterschied des Konstruktivismus zu rationalistischen Denkschulen dar, denn diese sehen Ideen und Interessen als etwas von außen (exogen) Entstandenes an.[17] In der konstruktivistischen Vorstellung hingegen entstehen die Ideen nicht von außen, sondern durch die Wechselbeziehungen zwischen Strukturen und sozialem Handeln, welche wiederum das Interesse des handelnden Akteurs durch die kommunikativen Prozesse verändern können.[18] Aber auch die hohe Bedeutung kultureller Faktoren stellt eine essentielle Abgrenzung des Konstruktivismus zu den meisten Theorien der IB dar. Im Konstruktivismus wirken Normen nicht als Sanktionen oder Anreize, sondern konstitutiv, was bedeuten soll, dass sich die handelnden Akteure einer bestimmten sozialen Gegebenheit entsprechend verhalten und auf die Beziehungen zu anderen Akteuren Rücksicht nehmen.[19] Dabei sind diese Normvorstellungen nicht durch ein Kosten-Nutzen-Kalkül, sondern durch eine ,,logic of appropriateness“[20] (Logik der Angemessenheit) konstituiert und immer vom jeweiligen historischen und kulturellen Rahmen abhängig.

III. Grundelemente im Vergleich

a. Akteure und Strukturen im internationalen System

Entscheidend für den Zustand der Beziehungen zwischen Gesellschaften oder Staaten sind die Akteure und die Strukturen, die im internationalen System vorherrschen. Deshalb werden nun die Auffassungen der beiden Konstrukte in diesen Kategorien gegenübergestellt.

[...]


[1] Im weiteren Verlauf werden internationale Beziehungen mit IB abgekürzt.

[2] Vgl. Kritik von Jones, Roy E., The English School of International Relations. A Case for Closure, in: Review of International Studies 1 (1981), S. 1-13, hier S. 1ff.

[3] Vgl. Suganami, Hidemi, Alexander Wendt and the English School, in: Journal of International Relations and Development 4 (2001), S. 403-435, hier S. 403f.

[4] Darunter zählt die Betonung der ,,via media“ in der Englischen Schule und die Suche nach dem ,,epistemologischen middle ground“ der Konstruktivisten, vgl. Daase, Christoph, Die Englische Schule, in: Schieder, Siegfried/ Spindler, Manuela (Hrsg.), Theorien der internationalen Beziehungen, 2., überarbeitete Auflage, Opladen 2006, S. 243-268, hier S. 263.

[5] Vgl. Krell, Gert, Weltbilder und Weltordnung. Einführung in die Theorie der internationalen Beziehungen, 3., erweiterte Auflage, Baden-Baden 2004, S. 260.

[6] Vgl. ebd..

[7] Vgl. Woyke, Wichard (Hrsg.), Handwörterbuch International Politik, 9., völlig überarbeitete Auflage, Wiesbaden 2005, S. 466.

[8] Krell, Gert, Weltbilder und Weltordnung, op.cit., S. 261.

[9] Diese Einteilung der drei Denkschulen stammt von Martin Wight, vgl. Wight, Martin, International Theory. The Three Traditions, New York 1992, S. 8-24.

[10] Vgl. Bull, Hedley, The Anarchical Society. A Study of Order in World Politics, 2., erweiterte Auflage, Hundsmills u.a. 1995, S. 23f.

[11] Vgl. ebd., S. 24f.

[12] Vgl. ebd., S. 25f.

[13] Krell, Gert, Weltbilder und Weltordnung, op.cit., S. 256.

[14] Vgl. Krell, Gert, Weltbilder und Weltordnung, op.cit., S. 257.

[15] Vgl. Berger, Peter L./ Luckmann, Thomas, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, 18. Auflage, Frankfurt 1999, S. 94f.

[16] Vgl. ebd..

[17] Vgl. Moroff, Holger, Sozialkonstruktivismus in erkenntnistheoretischer Perspektive. Die Bedeutung des Sozialkonstruktivismus für die EU-Außenpolitik, Jena 2007, S. 1-19, hier S. 5.

[18] Vgl. ebd..

[19] Vgl. Wendt, Alexander, Social Theory of International Politics, Cambridge 1999, S. 165ff.

[20] March, James G./ Olsen, Johan P., Rediscovering in Situations. The Organizational Basis of Politics, New York u.a. 1989, S. 160f.

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Details

Titel
Englische Schule und Konstruktivismus im Vergleich
Untertitel
Die Bedeutung des Sozialkonstruktivismus für die Englische Schule
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Theorien der internationalen Beziehungen
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
14
Katalognummer
V125521
ISBN (eBook)
9783640312528
ISBN (Buch)
9783640316441
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Englische, Schule, Konstruktivismus, Vergleich, Bedeutung, Sozialkonstruktivismus, Englische, Schule
Arbeit zitieren
Felix Neumann (Autor), 2007, Englische Schule und Konstruktivismus im Vergleich , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125521

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