Sprachpolitik in Frankreich und der Türkei


Hausarbeit, 2001

23 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkungen

2. Theorien der Sprachpolitik und der Sprachplanung

3. Die Sprachpolitik Frankreichs und der Türkei
3.1. Frankreich
3.1.1. Sprachpolitik gegenüber den Regionalsprachen
3.1.2. Sprachpolitik gegenüber ausländischen Sprachen
3.1.2.1. Sprachpolitik bis 1975
3.1.2.2. Sprachpolitik unter Giscard d´Estaing und Mitterand
3.1.2.2.1. Das Loi Bas-Lauriol von 1975
3.1.2.2.2. Sprachpolitik in der Zeit nach dem Sprachgesetz von 1975
3.1.2.2.3. Das Loi Toubon von 1994
3.1.2.2.4. Auflockerungen der Repressivität
3.1.2.2.5. Sprachenstreit auf Europäischer Ebene
3.1.2.2.6. Neuste französische Sprachpolitik
3.2. Türkei

4. Ausblick

Literatur

1. Vorbemerkungen

Als George Orwell im Jahre 1949 seinen Roman „Nineteen Eighty-Four“ auf den Markt brachte[1] und damit – bis heute andauernde – große Erfolge hinsichtlich sowohl der Verkaufszahlen als auch der Kritiken erzielen konnte, wurde der Leserschaft einmal mehr aufgezeigt, wie sehr die Sprache und dadurch das Handeln durch politische Vorgaben beeinflusst werden können.[2]

Orwells Meisterwerk diente als wunderbare Illustration, wie nur wenige Jahre zuvor ein Regime sich einer äußerst durchdachten Sprachregelung bediente und dadurch eine ganze Bevölkerung eines Staates in gewisse Denk- und Verhaltensmuster gepresst werden konnte. Mit seiner Kritik am Nationalsozialismus und dessen Sprachpolitik legte Orwell seinen Finger in eine Wunde, die bis heute noch in zahlreichen Staaten weit aufklafft. Auch heute noch gibt es in zahlreichen Staaten Sprachgesetze, die durch ihre künstliche Verklärung der Wirklichkeit die Bürger in starkem Maße in eine bestimmte Richtung lenken sollen.

Nicht erst seit Zeiten des Nationalsozialismus gibt es allerdings von der politischen Obrigkeit erdachte und dem Volk auferlegte Sprachregelungen. Vielmehr reichen die Anfänge dieser weltweit betrachtet weit zurück. In Frankreich ist spätestens seit dem 16. Jahrhundert ein sprachnormativer Diskurs feststellbar.[3] Neben dem Nationalsozialismus ist auf deutschem Boden auch die Deutsche Demokratische Republik zu nennen, die ihren morbiden Zustand durch die Institutionalisierung und ständige Wiederholung gewisser sprachlicher Begrifflichkeiten in einem positiveren Licht erscheinen lassen wollte.

Während die Sprachpolitik in Deutschland heute nicht sonderlich ausgeprägt ist und sich hauptsächlich darauf versteigt, Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herzustellen oder abschätzige Ausdrücke wie z.B. Putzfrau durch aufgewertete Wörter wie Reinemachfrau zu ersetzen, existiert in nicht wenigen Ländern eine ausdifferenzierte Sprachpolitik. Hierbei sind allerdings nicht nur defekte Demokratien wie die Türkei betroffen, sondern auch vermeintlich vollausgereifte Demokratien wie die Frankreichs.[4] Anhand dieser beiden Länder soll im Folgenden exemplarisch verdeutlicht werden, inwieweit Sprachkonventionen in der Vergangenheit und in der Gegenwart Menschen beeinflussen sollten, konnten und hierzu immer noch fähig sind und auf welch unterschiedliche Weise dies in diesen beiden Ländern geschieht.

2. Theorien der Sprachpolitik und der Sprachplanung

Auch wenn einige Sprachwissenschaftler der Auffassung sind, es gäbe überhaupt keine Sprachpolitik, so beweist die Geschichte – wie bereits in den einleitenden Sätzen aufgezeigt – eigentlich anderes. Sprachpolitik schafft die Voraussetzungen dafür, dass Sprachplanung in sinnvoller Weise stattfinden kann. Sprachplanung setzt die von der Sprachpolitik vorgegebenen Richtlinien praktisch um.[5]

Der Prozess der Sprachplanung besteht dabei im Allgemein aus vier Phasen. In der ersten Phase („selection“) wird das zu lösende Problem definiert und es werden Grundsatzentscheidungen bezüglich der anzuwendenden Normen getroffen. In der zweiten Phase („codification“) werden Regeln für Grammatik, Orthographie und Lexik festgelegt. Diese Regeln werden hieraufhin implementiert („implementation“). Die Sprache wird in der Implementierungsphase in den Massenmedien und im Schulwesen gefördert und verbreitet. Ebenso werden Gesetze und Verordnungen diesbezüglich erlassen. In einer letzten Phase („elaboration“) kommt es zu einer kontinuierlichen Weiterentwicklung und Anpassung der Sprache, damit diese den gesellschaftlichen Anforderungen gerecht wird. Wichtig hierbei ist vor allem die Aktualisierung der Terminologien.[6]

Diese vier Phasen sind die Grundlagen für jede Sprachpolitik. Wie diese in Frankreich und der Türkei verwirklicht wurden und welche Besonderheiten die Sprachpolitik in diesen Ländern aufweist, soll im Folgenden dargestellt werden.

3. Die Sprachpolitik Frankreichs und der Türkei

3.1. Frankreich

Die moderne französische Sprachpolitik gründet sich vorwiegend auf zwei Hauptsäulen. Zum einen steht die Sprachpolitik gegenüber den Regionalsprachen im Vordergrund, welche in Kapitel 3.1.1. näher beleuchtet werden soll. Zum anderen versuchen die französischen Regierungen, den Einfluss der ausländischen Sprachen durch sprachplanerische Maßnahmen zurückzudrängen, um die eigene Sprache und somit das für Frankreich so wichtige Nationalbewusstsein aufrecht zu erhalten. Hierauf wird in Kapitel 3.1.2. eingegangen.

Bewusst unberücksichtigt bleibt die feministische Sprachpolitik, die zum Ziel hat, durch Sprache mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zu schaffen. Da sehr ähnliche Tendenzen aber in fast allen demokratischen westlichen Industriestaaten auszumachen sind und dies somit keine spezifisch französische Sprachpolitik darstellt, wird auf die ebenfalls die Sprache Frankreichs bereichernden Feminismen nicht eingegangen.

3.1.1. Sprachpolitik gegenüber den Regionalsprachen

Mit dem Elsass-Lothringischen, dem Bretonischen, dem Baskischen, dem Katalanischen, dem Korsischen, dem Flämischen und dem Okzitanischen[7] existieren in Frankreich gleich sieben Regionalsprachen, die – mit Ausnahme der Sprachen in Flandern und im französischen Baskenland – jeweils von ungefähr der Hälfte der dort ansässigen Franzosen gesprochen wird.[8] Hierbei können die Sprachen dieser ethnischen Minderheiten nicht mit den Dialekten in Deutschland verglichen werden, da diese eher eine Abwandlung der deutschen Hochsprache – aber keine eigene Sprache an sich – darstellen.

Dieser Umstand führt die Existenz einer französischen Sprachpolitik eigentlich bereits ad absurdum, da zwar durch die französische Sprachpolitik unerwünschte Fremdwörter aus anderen Nationalsprachen ferngehalten werden sollen, aber andererseits innerhalb der Bevölkerung andere Sprachen existieren,[9] die allein schon aus historischen und ethnischen Gründen gar nicht so sehr unterdrückt werden können, dass das Französische selbst zur Universalsprache mit Alleinvertretungsanspruch wird.

Die Unterdrückung und versuchte Ausrottung[10] der Regionalsprachen wurde jedoch von der herrschenden Obrigkeit Frankreichs immer wieder angedacht und auch implementiert. Als Beginn kann hier die Ordonnance de Villers-Cotterêts gelten, die bis heute offiziell gilt und 1539 von König FranVois I. mit dem Ziel erlassen wurde, dass gerichtliche Verfügungen ausschließlich in französischer Sprache zu verkünden und zu registrieren seien. Nach und nach wurde diese Verordnung auf den gesamten Bereich der Verwaltung und Justiz ausgedehnt[11] und sollte somit die Regionalsprachen zurückdrängen. Diese bewiesen jedoch eine enorme Ausdauerfähigkeit, was nicht zuletzt am Widerstand der Peripheriegebiete gegenüber dem Akkulturationsdruck des französischen Staates lag.[12]

Erst im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts wurden die Regionalsprachen im Zuge der sich verstärkenden Globalisierung und der mit ihr verbundenen und durch die Veränderung der Arbeitsverhältnisse erzwungenen erhöhten Mobilität der Menschen mehr und mehr durch das Französische zurückgedrängt,[13] da sowohl Ausländer als auch zugereiste Franzosen nicht gewillt waren, die Regionalsprachen zu erlernen.[14] Ein anderer Grund für die verminderte Verwendung der Regionalsprachen besteht darin, dass die von der französischen Regionalregierung über Jahrhunderte systematisch betriebene Sprachassimilierungspolitik ihre Wirkung nicht verfehlt hat. Die Benachteiligung der Regionalsprachen führte im Laufe der Zeit dazu, dass diese von einer Mehrheit als minderwertig betrachtet wurden und auch die Sprecher der Regionalsprachen selbst diese als weniger wertvoll erachteten, wozu auch beitrug, dass die Regionalsprachen landläufig sogar als patois – zu übersetzen etwa mit „Dialekte“ oder „Mundarten“ – bezeichnet werden.[15]

Eine Ausrottung der Regionalsprachen steht allerdings wohl vorerst nicht zu befürchten, da das Benutzen dieser Sprachen von Zeit zu Zeit wieder modern und modisch erscheint[16] und das Verständnis der Franzosen für die Regionalsprachen – nicht zu letzt auch durch den Druck der Europäischen Union – gestiegen ist. Dies führte auch dazu, dass die Regionalsprachen, die durch die Bestimmung, dass Französisch die einzige Unterrichtssprache Frankreichs sein sollte, eine zusätzliche Marginalisierung erfuhren,[17] seit dem Loi deixonne von 1951 erstmals seit dem 18. Jahrhundert wieder in Kindergärten gesprochen und an Grundschulen gelehrt werden dürfen,[18] auch wenn der praktische Effekt vorerst aufgrund der niedrigen Anzahl von dafür bereitgestellten Wochenstunden nahezu ausblieb.[19]

Das Korsische allerdings blieb bis 1974 vom Loi deixonne ausgeschlossen, was darin begründet liegt, dass Korsika bis heute als abtrünnigste Region Frankreichs mit stark autonomen Tendenzen gilt und sich deswegen auch in seiner Sprache, welche der Italienischen sehr nahe steht,[20] deutlich vom französischen Mutterland abzugrenzen versucht.[21]

Die eigentliche Bedeutung des Loi deixonne lag darin, dass der Staat erstmals die Existenz der Regionalsprachen anerkannte. Ende der 1960er Jahre begann der Staat durch zahlreiche Zusatzvorschriften, den Unterricht in den Regionalsprachen verstärkt anzubieten und seit 1970 besteht sogar die Möglichkeit, im Baccalauréat eine fakultative Prüfung in einer Regionalsprache abzulegen.[22] Auch wenn Staatspräsident FranVois Mitterand den Regionalsprachen zu seinem Amtsantritt 1981 eigentlich ein viel umfangreicheres Unterstützungsprogramm zugesagt hatte, als er letztlich verwirklichte,[23] fand zu diesem Zeitpunkt ein Umdenken statt, das die minorisierten Regionalsprachen nicht mehr so stark zurückdrängte, sondern eher auf deren dynamischen Unterstützung aus war.[24]

1983 wurde der Unterricht in den Regionalsprachen als eigenständiges Fach eingeführt. Somit wurde auch eine angemessene universitäre Ausbildung der Lehrkräfte notwendig, die eine umfangreiche wissenschaftliche Forschung im Bereich der Regionalsprachen unabdingbar machte und welcher seit 1985 z.B. auf der Universität in Strasbourg durch den Aufbau einer eigenen Studieneinheit Rechnung getragen wurde.[25] Außerdem kam es 1985 zur Bildung des Conseil national des langues et cultures régionales, welcher die Förderung und Unterstützung der Regionalsprachen – aber auch deren Lehre und Forschung – zur Aufgabe hat.[26] Im Loi Toubon von 1994 kam es zu einer zusätzlichen Sicherung des Status der Regionalsprachen.[27]

3.1.2. Sprachpolitik gegenüber ausländischen Sprachen

3.1.2.1. Sprachpolitik bis 1975

Die Politik gegenüber den Regionalsprachen – also gewissermaßen die innerfranzösische Sprachpolitik – ist aber nur ein Teil der gesetzgeberischen Maßnahmen. Ein anderes, ganz vordergründiges Anliegen der französischen Sprachpolitik liegt darin, die eigene Sprache zu pflegen und sie gegenüber dem stetig zunehmenden Einfluss des Englischen zu verteidigen.

Hierbei kämpft Frankreich gegen ein globales Phänomen – die Dominanz und das Voranpreschen der englischen Sprache, die verbunden ist mit der allgegenwärtigen und sich immer weiter ausbreitenden US-amerikanischen Kultur, welche aus dem Vorsprung in Technik und Wissenschaft resultiert und sich vorbildhaft auf die weltweite Mode in Freizeitgestaltung, Tourismus, Ernährung, Werbung usw. auswirkt und letztlich auch die Sprache beeinflusst, die sich international angleicht.[28]

Das Problem dieser „Gleichmacherei“ hat selbstverständlich auch Gegner, welche versuchen, den Erhalt der eigenen Sprache und die Abwehr der fremdländischen, quasi unterwandernden, Sprache zu ermöglichen. Die politische Obrigkeit eines jedes Landes hat nun die Möglichkeit, sich mehr oder weniger gegen den Verfall seiner eigenen Sprache und die Unterwanderung durch das Englische zu wehren. Frankreich kann hierbei als ein Extrembeispiel aufgeführt werden, was seine ablehnende Haltung anbetrifft, was mit seiner Kultur-, Ideologie und Sprachgeschichte zusammenhängt.[29]

[...]


[1] Orwell 1949.

[2] Kolb 1990, S. 13.

[3] Braselmann 1999, S. 4.

[4] Zugrunde gelegt ist hierbei der Demokratiebegriff nach Wolfgang Merkel. Vgl. Merkel 1998.

[5] Arntz 1998, S. 17.

[6] Arntz 1998, S. 18.

[7] Okzitanisch wird im Süden Frankreichs gesprochen und war im 13. Jahrhundert Heimat der verfolgten und schließlich ausgerotteten Albigenser, deren Sprache sich jedoch bis heute erhalten hat. Vgl. Münch 1999, S. 18.

[8] Münch 1999, S. 18.

[9] Haas 1991, S. 51.

[10] Schiffman 1996, S. 124.

[11] Arntz 1998, S. 41.

[12] Bochmann 1993, S. 426.

[13] Bochmann 1993, S. 426.

[14] Coulmas 1992, S. 225.

[15] Arntz 1998, S. 42.

[16] Schiffman 1996, S. 124.

[17] Arntz 1998, S. 43.

[18] Schiffman 1996, S. 121.

[19] Arntz 1998, S. 44.

[20] Bochmann 1993, S. 460.

[21] Bochmann 1993, S. 431.

[22] Arntz 1998, S. 44.

[23] Bochmann 1993, S. 440.

[24] Bochmann 1993, S. 456.

[25] Arntz 1998, S. 45.

[26] Arntz 1998, S. 36.

[27] Braselmann 1999, S. 9.

[28] Braselmann 1999, Einleitung.

[29] Braselmann 1999, Einleitung.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Sprachpolitik in Frankreich und der Türkei
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Soziolinguistik
Autor
Jahr
2001
Seiten
23
Katalognummer
V125532
ISBN (eBook)
9783640312580
ISBN (Buch)
9783640316502
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachpolitik, Frankreich, Türkei
Arbeit zitieren
Dirk Wippert (Autor:in), 2001, Sprachpolitik in Frankreich und der Türkei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125532

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