Als Grundlage der Arbeit soll zunächst die Entwicklungsgeschichte des Märchens Hänsel und Gretel skizziert werden, um den Ursprung und die im Laufe der Zeit unternommenen Anpassungen der Grimms nachvollziehen zu können. Anschließend werden die Typkategorien Stiefmutter und Hexe als allgemeine Märchenfiguren analysiert, wobei deren historische Wurzeln und die Umsetzung in den Grimm'schen Märchen im Vordergrund stehen. Zuletzt erfolgt mit dem Vergleich der beiden Figuren am konkreten Beispiel Hänsel und Gretel der Kern der Untersuchung, der in einer Beantwortung der aufgestellten These gipfeln und schließlich in ein zusammenfassendes Fazit münden soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehung und Entwicklungsgeschichte von Hänsel und Gretel
3. Charakteristische Figurentypen in Märchen
3.1 Die Stiefmutter
3.2 Die Hexe
4. Der Vergleich von Stiefmutter und Hexe in Hänsel und Gretel
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die These, ob die Stiefmutter und die Hexe im Märchen Hänsel und Gretel als eine Figur mit zwei unterschiedlichen Identitäten betrachtet werden können. Dabei wird analysiert, inwiefern die beiden Charaktere dieselbe antagonistische Funktion innehaben und ob sie durch eine doppelte Identität innerhalb des Märchens sinnvoll miteinander verknüpft sind.
- Entwicklung und Adaptationsgeschichte des Märchens Hänsel und Gretel seit der Erstausgabe 1812.
- Analyse der literarischen Figurentypen der Stiefmutter und der Hexe in der Märchenwelt.
- Vergleichende Untersuchung der Motive, psychologischen Hintergründe und Handlungsweisen beider Figuren.
- Evaluation der These einer "doppelten Identität" unter Einbezug literaturwissenschaftlicher und volkskundlicher Deutungsansätze.
Auszug aus der Arbeit
Der Vergleich von Stiefmutter und Hexe in Hänsel und Gretel
Im vorherigen Kapitel wurde bereits die Ähnlichkeitsbeziehung zwischen der Figurenkategorie Stiefmutter und der Figurenkategorie Hexe innerhalb der Märchenwelt sichtbar, so weisen »Hexen [...] in Märchen [...] dieselben bösen Regungen und Fähigkeiten wie [...] Stiefmütter auf, das heißt sie üben eindeutig dieselbe Funktion aus.« Zwar ist hierbei dem Kern der Aussage, das beide Figuren dieselbe antagonistische Funktion besitzen und aus denselben gefühlsbedingten Motiven heraus handeln, zuzustimmen, doch müssen ihre jeweiligen Fähigkeiten nicht zwingend übereinstimmen. Obwohl Stiefmütter zugleich auch Hexen sein können und in diesem Fall die Behauptung zutreffend ist, stellt eine magische Begabung kein notwendiges Kriterium für eine Stiefmutter da, während die Hexengestalt aber an diese Bedingung geknüpft ist, so dass beide Märchenfiguren aus allgemeiner Perspektive nicht völlig übereinstimmen und gleichzusetzen sind. Wie verhält es sich aber bei dem ausgewählten Beispiel?
Das Märchen erzählt von einer durch Armut und Teuerung bedingten Notlage in Form von Nahrungsmangel, in der ein Vater von seiner Frau, der Stiefmutter der beiden Kinder, dazu getrieben wird, Hänsel und Gretel im Wald auszusetzen, wo eben jene auf die Hexe stoßen. Diese wird in dem Märchen als »steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte« beschrieben, die »eine feine Stimme« besaß und »mit dem Kopfe« wackelte. Da sie hier noch nicht explizit als Hexe auftritt und auch keine böse Absicht für den Leser in ihren Worten oder dem Äußeren erkennbar ist, gelingt die Täuschung. Die als fürsorgliche Mutter auftretende Frau gewinnt das Vertrauen der Kinder und wird erst im Anschluss als »böse Hexe, die den Kindern auflauerte« und »das Brothäuslein bloß gebaut [hatte], um sie herbeizulocken«, entlarvt. Hinzugefügt wird, dass sie wie alle Hexen »rothe Augen« habe und »nicht weit sehen« könne, jedoch auch »eine feine Witterung, wie die Thiere« und eine »dürre[n] Hand« ihr eigen nenne.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Fragestellung und Motivation der Untersuchung vor, die These der Identitätsgleichheit von Stiefmutter und Hexe zu prüfen und die bestehende Forschungslücke in diesem Bereich zu schließen.
2. Entstehung und Entwicklungsgeschichte von Hänsel und Gretel: Das Kapitel dokumentiert die textlichen Veränderungen des Märchens von der Urfassung 1810 bis zur Fassung letzter Hand von 1857, um den historischen Kontext und die Entstehung der Rolle der Stiefmutter zu erläutern.
3. Charakteristische Figurentypen in Märchen: Es erfolgt eine Analyse der literarischen Stereotype der Stiefmutter sowie der Hexe im Kontext der Grimms-Märchen, wobei deren historische Wurzeln und Funktionen als Antagonisten beleuchtet werden.
4. Der Vergleich von Stiefmutter und Hexe in Hänsel und Gretel: Dies ist der Kern der Arbeit, in dem die gewonnenen Erkenntnisse über die Figurentypen direkt auf das Märchen Hänsel und Gretel angewendet und vergleichend analysiert werden.
5. Fazit und Ausblick: Das Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen, die für eine doppelte Identität der Figuren sprechen, räumt jedoch ein, dass eine zweifelsfreie Beweisführung bei diesen interpretatorischen Ansätzen nicht möglich ist.
Schlüsselwörter
Hänsel und Gretel, Brüder Grimm, Märchenfiguren, Stiefmutter, Hexe, Antagonist, Literaturwissenschaft, Identität, Volkskunde, Märchenanalyse, Motivforschung, Rollenbild, Psychologische Interpretation, Figurentypologie, Märchentext.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einer literaturwissenschaftlichen Untersuchung des Märchens Hänsel und Gretel, mit einem Fokus auf die Rolle und Gemeinsamkeiten der weiblichen Antagonisten, Stiefmutter und Hexe.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die historische Entstehungsgeschichte des Märchens, die Analyse von Figurentypen in Volksmärchen sowie die Untersuchung von Narrativen zur Rolle der Mutterfigur im Kontext von Armut und Überleben.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist die Beantwortung der Forschungsfrage, ob Stiefmutter und Hexe in Hänsel und Gretel als ein und dieselbe Figur mit zwei Identitäten bzw. als Spiegelbilder interpretiert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die textvergleichende Analysen (insbesondere der Grimm-Fassungen) mit volkskundlichen und psychologischen Deutungsansätzen kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Typkategorien "Stiefmutter" und "Hexe" sowie deren konkreten, komparativen Anwendung auf den Text von Hänsel und Gretel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen neben Hänsel und Gretel vor allem die Begriffe Antagonist, Stiefmutter, Hexe, Identität, Motivation und Märchenanalyse.
Inwieweit spielt die historische Fassung des Märchens eine Rolle?
Die historische Entwicklung ist entscheidend, da erst ab der vierten Auflage der Grimms die leibliche Mutter durch die Stiefmutter ersetzt wurde, um das für diese Zeit typische, negativ konnotierte Stereotyp zu bedienen.
Wie unterscheidet der Autor zwischen Stiefmutter und Hexe?
Während die Stiefmutter eine diesseitige, durch rationale Motive handelnde Figur ist, verkörpert die Hexe eine jenseitige, als Ausgeburt des Bösen dargestellte Gestalt, die jedoch in ihrer Doppelrolle im Märchen die gleichen destruktiven Mittel wie ihre Täuschung anwendet.
- Arbeit zitieren
- Julius Kauschmann (Autor:in), 2021, Die Stiefmutter und die Hexe im Märchen "Hänsel und Gretel" der Brüder Grimm. Eine Figur mit zwei Identitäten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1255448