"Pyramus und Thisbe" bei Shakespeare

Rezeption und Umgestaltung eines ovidischen Stoffes


Seminararbeit, 2000

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Biographische Grundlagen - Sir William Shakespeare:

3. Allgemeine Bemerkungen zur Rezeption:

4. Shakespeares zweifache Bearbeitung des Stoffes:
4.1. Die ernsthafte Variante – The Tragedy of Romeo and Juliet:
4.2. Die humorvolle Variante – A Midsummer Night’s Dream:

5. Exemplarischer Vergleich der ovidischen Erzählung mit den beiden Dramen Shakespeares:

6. Fazit

Literaturverzeichnis
1. Primärliteratur:
2. Sekundärliteratur:

1. Einleitung

Eine Verbindung zwischen den beiden Dichtern Sir William Shakespeare und Publius Ovidius Naso dürfte für den modernen Leser nicht unbedingt auf den ersten Blick er­sichtlich sein. Immerhin liegen die Epochen ihres Lebens und Schaffens rund 1600 Jahre auseinander, und die gesellschaftlichen, politischen sowie kulturellen Gegeben­heiten, denen sie als Autoren unterworfen waren, unterscheiden sich demzufolge be­trächtlich.

Geht man indessen mit größerer Sorgfalt an die Lektüre ihrer Werke heran, so offenba­ren sich unverkennbar gewisse Parallelen[1], die sich auf den Gang der Handlung, ein­zelne Szenen oder schlicht auf mythologische Gestalten erstrecken können. Offensicht­lich muß daher Shakespeare die Dichtungen Ovids gekannt haben, und zwar derge­stalt, daß er sie nicht nur beiläufig gelesen, sondern vielmehr intensiv rezipiert und für sein eigenes Schaffen fruchtbar gemacht hat. Insbesondere die Metamorphosen, welche für Ovids Nachleben und Wirkungsgeschichte generell eine herausragende Bedeutung besitzen, haben die Beachtung Shakespeares gefunden. Er hat dabei eine jener Ver­wandlungsgeschichten, die Episode von Pyramus und Thisbe, einer zweifachen Bear­beitung unterzogen, so daß sie besonders geeignet erscheint, die Rezeption des be­rühmten römischen Dichters Ovid durch den nicht minder bedeutenden Engländer Shakespeare zu beleuchten.

In der vorliegenden Arbeit soll daher diese Metamorphose von Pyramus und Thisbe wirkungsgeschichtlich untersucht werden, wobei die Frage im Mittelpunkt stehen wird, wie Shakespeare mit seiner Vorlage umgegangen ist, d.h. welche Übereinstim­mungen und welche Abweichungen festzustellen sind; auch ein Blick auf mögliche Gründe für Veränderungen des Stoffes soll gewagt werden.

Zunächst freilich scheint es angemessen, Shakespeares Leben in kurzen Worten zu umreißen und dabei dem Einfluß Ovids nachzuspüren.

2. Biographische Grundlagen - Sir William Shakespeare

Der englische Dramatiker, Schauspieler und Dichter wurde im April des Jahres 1564 in der kleinen Ortschaft Stratford-upon-Avon geboren. Obgleich er jedoch späterhin außergewöhnliche Berühmtheit erlangen sollte und bereits zu Lebzeiten als der füh­rende Bühnenautor Englands galt, ist von seinem Leben nur weniges zuverlässig über­liefert[2]. So kann nicht einmal das exakte Geburtsdatum angegeben werden, sondern die Taufurkunde wird als Anhaltspunkt herangezogen: Er wurde am 26. April 1564 als Sohn des Wollhändlers John und dessen Frau Mary Shakespeare in der örtlichen angli­kanischen Pfarrkirche auf den Namen William getauft.

Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Stratford, dessen Umgebung von der typi­schen mittelenglischen Landschaft geprägt ist, »mit bebauten Feldern, üppigen Wiesen und sanften Hügeln«[3]. Die Erinnerungen an diese natürlich-ländliche Gegend dürften wohl ebenso Eingang in seine Dichtung gefunden haben wie die recht genauen Tier- und Pflanzenkenntnisse, welche er in seiner Jugend erwarb. Durch gelegentliche Gast­spiele fahrender Theatergruppen und traditionelle Festspiele in Stratford oder den Nachbarorten kam er überdies schon in jungen Jahren mit dem Theater sowie den Mythen um Götter, Nymphen und Elfen in Berührung.

Ganz entscheidend für die weitere Entwicklung des jungen Shakespeare – auch im Hinblick auf die folgende Fragestellung – dürfte seine Einschulung in die Lateinschule des Ortes, etwa im Jahre 1571, gewesen sein. Hier durchlief er die für seine Zeit typi­sche strenge elisabethanische Ausbildung, welche vor allem in einem anspruchsvollen Lehrgang des Lateinischen bestand. Man begann mit speziellen Lehrbüchern der Grammatik sowie Übersetzungen lateinischer Autoren, ging aber recht bald dazu über, rhetorische Übungen zu veranstalten, um die aktive Sprach- und Ausdrucksfähigkeit in der zu erlernenden Fremdsprache herauszubilden und zu verbessern. Auf der Grundlage klassischer Texte und mit Hilfe verschiedener Handbücher wurden die Schüler in den Techniken der antiken Rhetorik unterrichtet, die sie sogleich praktisch anwenden mußten: Dafür hatten sie zum Beispiel einen vorgelegten Textabschnitt nach den Regeln von Erasmus’ De Copia mit allen erdenklichen Tropen und Figuren auszu­schmücken. Ovids Darstellung der Hecuba im dreizehnten Buch der Metamorphosen galt hier als Paradebeispiel für die Kunst, durch extreme » copia « Gefühle hervor­zurufen.

In den höheren Klassen wurde die sprachlich-rhetorische Ausbildung weiter vorange­trieben, die Schüler mußten jetzt Briefe, Aufsätze und Reden verfassen, deren Themen sie großenteils aus den Progymnasmata des Aphthonius bezogen, eines syrischen Rhe­tors aus Antiochia. Dieser führt in seinem Lehrbuch als Beispiel einer narratio unter anderem auch unsere Geschichte von Pyramus und Thisbe an. Nicht alle Lehrer der Redekunst gaben sich allerdings damit zufrieden, Originaltexte bekannter Autoren als Vorbilder zu präsentieren, vielmehr existierten verschiedene didaktisch »aufbereitete« Versionen, die offenbar dazu gedacht waren, gewisse Phänomene überdeutlich her­vorzuheben. So wurde auch Ovids Metamorphose von Pyramus und Thisbe einer sol­chen Bearbeitung unterzogen, welche 41 Verse des Originals auf 186 Zeilen ausdehnt, von denen allein 46 nichts anderes als Thisbes Schönheit beschreiben. »Nothing goes unmentioned, even what cannot be seen«, bemerkt dazu Bruce Harbert[4], der zu Recht darauf hinweist, daß – neben den allegorischen Kommentaren des Mittelalters – auch derartige Übungstexte auf die Ovid-Rezeption Einfluß nahmen. Denn vielfach war der Dichter ja in erster Linie nur aus der Schule bekannt.

Darüber hinaus war zu diesem Zeitpunkt des Unterrichtes erstmals die Lektüre der großen römischen Dichter im Original vorgesehen, so daß Shakespeare nun seine erste zweckfreie Begegnung mit Ovid erfahren sollte, dessen Werk er jetzt endlich als Lite­ratur, als Kunst wahrnehmen konnte. Doch nicht nur das: Man schätzte die ovidischen Verse insbesondere auch wegen ihrer beispielhaften Formvollendung, die gleichzeitig mit einer gewissen Leichtigkeit verbunden ist und damit jene Dichtung gleichsam dazu prädestiniert, eine Vorbildfunktion beim selbständigen Verseschreiben zu über­nehmen. Tatsächlich wurde von den Schülern nicht bloß eine grammatikalisch kor­rekte Rückübersetzung ovidischer Texte ins Lateinische erwartet, sondern eine mög­lichst originalgetreue Wortwahl sowie eine stilistisch einwandfreie Anordnung der Wörter im geforderten Versmaß.

Die Metamorphosen gehörten zur absoluten Pflichtlektüre eines jeden Lateinschülers, wobei man es jedoch nur selten beim gründlichen Lesen der Bücher beließ; die meisten Lehrer verlangten zusätzlich, daß erhebliche Teile des Werkes auswendig gelernt wur­den. Jonathan Bate bringt diese Aspekte von Shakespeares Ausbildung folgender­maßen auf den Punkt: »It is not an exaggeration to say that Shakespeare’s first lessons in poetry were lessons in the imitation of Ovid.«[5]

Nachdem nun Shakespeare ganz offensichtlich in seiner Schulzeit intensiven Kontakt mit Ovid hatte, stellt sich die Frage, ob die zahlreichen Übungen, die Pflichtlektüre und schließlich gar das Auswendiglernen sein Verhältnis zu diesem Dichter eher getrübt oder sein Interesse erst richtig geweckt haben. Zunächst ist festzuhalten, daß Shake­speare die Schule wohl nicht besonders gern besuchte, wie man anhand verschiedener Stellen in seinen Werken abgeleitet hat. Bei einigen seiner Zeitgenossen und Biogra­phen galt er deshalb als ungebildet, doch soll er wohl späterhin sein Schulwissen nicht unerheblich ergänzt haben. Das Interesse Shakespeares an Ovid hingegen scheint von vornherein außerordentlich stark gewesen zu sein, wobei umstritten ist, in welchem Maße er dessen Dichtungen, insbesondere die Metamorphosen, freiwillig im lateini­schen Original gelesen hat. Vielfach wird angenommen, daß er wohl in seiner Freizeit auf die Übersetzung durch Arthur Golding zurückgegriffen haben dürfte, doch zur gleichen Zeit lassen sich Indizien anführen, die darauf hindeuten, daß Shakespeare den Originaltext zumindest im Hinterkopf stets präsent hatte. In jedem Falle haben bei ge­nauerer Betrachtung alle fünfzehn Bücher der Metamorphosen in der einen oder ande­ren Weise Eingang in seine Dichtung gefunden[6].

An dieser Stelle kann nicht auf die zahllosen Einzelheiten der Beziehung zwischen den beiden Dichtern eingegangen werden, statt dessen sei nur auf einige allgemeine, ein­leitende Worte von Jonathan Bate verwiesen: »For a long time it has been widely agreed that Shakespeare’s favourite classical author, probably his favourite author in any language, was Publius Ovidius Naso. Readers who wish to pursue the relationship can consult a large number of specialized studies of particular aspects of it…«[7]. Es läßt sich also festhalten, daß Shakespeare durch seine schulische Bildung an Ovid herange­führt wurde und ihn – trotz mancher mühsamen Übung – bald zu einem seiner Lieb­lingsautoren zählte, der ihn während seines ganzen Lebens und Schaffens stets beglei­ten sollte.

Nachdem die Vermögensverhältnisse der Familie aus nicht bekannten Gründen zu­rückgegangen waren, mußte der junge William die Lateinschule frühzeitig verlassen und sich nach einem Beruf umsehen. Vermutlich ging er bei seinem Vater in die Lehre, doch sehnte er sich in zunehmendem Maße aus dem engen Stratford heraus, das er schließlich etwa im Jahre 1585 verließ, um in London sein Glück zu versuchen. Drei Jahre zuvor hatte er bereits die um einiges ältere Anne Hathaway geheiratet, welche allerdings mit Blick auf die Sonette wohl nicht die einzige Frau in seinem Leben gewe­sen sein dürfte. Spätestens seit 1594 gehörte er zu der Londoner Theatergruppe Cham­berlain’s Men ‚ der er unter verschiedenen Gönnern bis zu seinem Abgang von der Bühne treu blieb, wobei er schon früher ein gewisses Ansehen als Schauspieler und Stückeschreiber – »den Ehrennamen ›Dichter‹ gönnte man einem Bühnenautor nicht«[8] – erlangt hatte.

Seine Werke entstanden in der Zeit zwischen 1590 und 1613 und lassen sich einteilen in einige Versepen, die aus der frühesten Schaffensperiode stammen, weiterhin 154 So­nette, deren Themen vor allem Liebe und Freundschaft sind, und schließlich 36 Dra­men, darunter Komödien, Tragödien sowie die sogenannten »Königsdramen« oder Historien. Mit zunehmendem künstlerischen Erfolg verbesserte sich auch die finan­zielle Situation Shakespeares erheblich, so daß er sich 1597 in seiner Heimatstadt ein großes Anwesen leisten konnte und 1599 Teilhaber am Globe Theatre wurde, welches für die stetig an Beliebtheit gewinnenden Chamberlain’s Men neu erbaut worden war. Im gleichen Jahr wurde die Familie Shakespeare in den Adelsstand erhoben, d.h. um die Jahrhundertwende konnte der Dichter und Dramatiker alle erdenklichen Vorzüge seines Ruhmes und Erfolges genießen. Dennoch beginnt seine Weltanschauung gerade in dieser Zeit, mehr und mehr pessimistische Züge anzunehmen, welche in den späten Werken wie etwa » Timon of Athens « deutlich zum Ausdruck kommen; als Gründe da­für werden in erster Linie gehäufte familiäre Schicksalsschläge sowie der Verlust lang­jähriger Freunde angeführt.

Shakespeare hatte schon seit längerer Zeit nicht mehr selbst auf der Bühne gestanden, als er sich etwa im Jahre 1611 endgültig auf sein Landgut in Stratford zurückzog, wo er nach der gewaltigen Anspannung seines schöpferischen Lebens nun endlich zur Ruhe kommen konnte. Bis zu seinem Tode am 23. April 1616 hat er jedoch den Kontakt zu seiner Truppe in London niemals abgebrochen. Einige der ehemaligen Schauspieler­kollegen erwiesen ihm im Jahre 1623 schließlich die letzte große Ehre, indem sie postum seine gesammelten Werke herausgaben, welche bis heute für Shakespeares außergewöhnlichen Nachruhm gesorgt haben.

[...]


[1] Cf. Jonathan Bate, »Shakespeare and Ovid«, New York 1993: Bereits im Vorwort werden zahlreiche Werke Shakespeares genannt, die von seinem »Ovidianism« geprägt sind.

[2] Dazu bemerkt Irmgard Walter, »William Shakespeare Werke«, Salzburg 1983, p. 15f. (Einleitung): »[...] Die Renaissance lebte in der Gegenwart. Man genoß die Werke des Dichters, um seine Person aber kümmerte man sich nicht [...]«.

[3] Cf. Irmgard Walter, ibid., p. 17.

[4] Bruce Harbert, »Lessons from the great clerk: Ovid and John Gower«, in »Ovid renewed«, ed. Charles Martindale, Cambridge 1988, p. 88.

[5] Jonathan Bate, »Shakespeare and Ovid«, New York 1993, p. 22.

[6] Eine nach den einzelnen Büchern geordnete Auflistung derjenigen Metamorphosen, die sich besonders deutlich in Shakespeares Werk niedergeschlagen haben, bietet Jonathan Bate, »Shakespeare and Ovid«, New York 1993, p. 23.

[7] Jonathan Bate, ibid., Preface, p. vii.

[8] Cf. Irmgard Walter, »William Shakespeare Werke«, Salzburg 1983, p. 20.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
"Pyramus und Thisbe" bei Shakespeare
Untertitel
Rezeption und Umgestaltung eines ovidischen Stoffes
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Klassische Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
23
Katalognummer
V125549
ISBN (eBook)
9783640383801
ISBN (Buch)
9783640384129
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pyramus, Thisbe, Shakespeare, Rezeption, Umgestaltung, Stoffes
Arbeit zitieren
Dr. Ernst Seiffert (Autor), 2000, "Pyramus und Thisbe" bei Shakespeare, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125549

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