Diese Arbeit geht der Frage nach, ob Triage-Entscheidungen ethisch vertretbar sind und mittels welcher Kriterien sie getroffen werden könnten. Exemplarisch wird dabei die Bedeutung des „Wert des Lebens“ bei Immanuel Kant und Peter Singer untersucht. Dabei wird Kants Ethik der Würde dem utilitaristischen Ansatz Singers gegenübergestellt und schließlich auf das Triage-Problem im Zuge der Corona-Pandemie übertragen.
Die Corona-Krise fordert heraus und stellt die Welt vor gewaltige Aufgaben. Maßnahmen und Regelungen zur Eindämmung der Pandemie verändern das Leben in zuvor ungekanntem Maße. Und das alles um eines zu verhindern: Die Überlastung des Gesundheitssystems, den Triage-Fall. Doch wie sollten Ärzte im Ernstfall entscheiden, welcher Patient bei zu knappen Ressourcen ein Beatmungsgerät bekommt?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Wert des Lebens bei Immanuel Kant
2.1 Das Reich der Zwecke
2.2 Der Kategorische Imperativ
2.3 Die Würde und der Preis
2.4 Autonomie als Grund der Würde
2.5 Drei Arten des Prinzips der Sittlichkeit
3. Der Wert des Lebens bei Peter Singer
3.1 Utilitarismus
3.2 Präferenzutilitarismus
3.3 Prinzip der gleichen Interessenabwägung
3.4 Personenbegriff
3.5 Tötung von Wesen
4. Immanuel Kant und Peter Singer im Vergleich
5. Anwendung der ethischen Ansätze im Triage-Fall
6. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das ethische Dilemma der Triage während der Corona-Pandemie, indem sie die gegensätzlichen Positionen von Immanuel Kant und Peter Singer gegenüberstellt, um Kriterien für eine ethisch vertretbare Entscheidungsfindung in der Ressourcenknappheit zu evaluieren.
- Menschenwürde und der Kategorische Imperativ nach Kant
- Präferenzutilitarismus und Interessenabwägung bei Peter Singer
- Kritische Analyse von Triage-Richtlinien im Kontext der Pandemie
- Vergleich deontologischer Pflichtethik vs. teleologischer Folgenethik
- Vertretbarkeit von Priorisierungsentscheidungen im Gesundheitswesen
Auszug aus dem Buch
2.1 Das Reich der Zwecke
Grundlegend betrachtet Kant den Menschen hinsichtlich des Aspekts seiner Vernünftigkeit und spricht daher von einem „vernünftige[n] Wesen“.7 Dies macht bereits einen Grundgedanken Kants deutlich, dass der Mensch nicht nur vernünftig im Sinne von vernunftbegabt ist, sondern gleichzeitig auch vernünftig sein soll.8 Wiederum soll jeder Mensch den anderen „niemals bloß als Mittel, sondern jederzeit zugleich als Zweck an sich selbst behandeln.“9 Damit meint Kant, dass ein Vernunftwesen eben nicht ausschließlich als Mittel für andere Ziele verwendet werden darf. So muss der Mensch in allen Handlungen, die auf ihn selbst gleichwohl wie auf andere gerichtet sind, als absoluter Zweck betrachtet werden. Er besitzt zudem die Eigenschaft, moralische Gesetze autonom aufzustellen und zu befolgen.10 Auf dem Einnehmen der Gesetzgeberrolle gründet der Selbstzweckcharakter der Person, wodurch sie sich einen absoluten Wert gibt.11
Durch gemeinschaftlich objektive Gesetze stehen die Menschen in einer Verbindung zueinander. Den Geltungsbereich dieser Gesetze bezeichnet Kant als „Reich der Zwecke“ und wird durch die Freiheit des Willens konstituiert. Bei diesem angesprochenen Ideal handelt es sich um eine Wortneuschöpfung seinerseits, die er als „ein Ganzes aller Zwecke (sowohl der vernünftigen Wesen als Zwecke an sich, als auch der eigenen Zwecke, die ein jedes sich selbst setzen mag) in systematischer Verknüpfung“12 definiert. So muss der Wille jedes Einzelnen im Verhältnis vernünftiger Wesen zueinander zugleich als gesetzgebend betrachtet werden.13 Konstitutiv für das Reich der Zwecke ist die Moralität, die den Zustand der inneren Gesetzgebung und damit der Selbstgesetzgebung bedeutet.14
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt die durch die Corona-Pandemie ausgelöste Krise und die daraus resultierende Notwendigkeit der Triage sowie die Zielsetzung der Arbeit.
2. Der Wert des Lebens bei Immanuel Kant: Erläutert die Grundlagen von Kants Pflichtethik mit Fokus auf den Kategorischen Imperativ, das Reich der Zwecke und den Begriff der Würde.
3. Der Wert des Lebens bei Peter Singer: Stellt Singers utilitaristischen Ansatz dar, insbesondere den Präferenzutilitarismus, das Prinzip der Interessenabwägung und seine Differenzierung zwischen Personen und bewussten Wesen.
4. Immanuel Kant und Peter Singer im Vergleich: Führt eine vergleichende Analyse der beiden ethischen Theorien durch und zeigt Gemeinsamkeiten sowie fundamentale Unterschiede in der Bewertung von Leben und Handeln auf.
5. Anwendung der ethischen Ansätze im Triage-Fall: Analysiert aktuelle medizinische Richtlinien zur Triage vor dem Hintergrund der kantischen und utilitaristischen Ethik.
6. Fazit: Führt die Ergebnisse zusammen und betont die Notwendigkeit, bei Triage-Entscheidungen die Würde des Lebens als zentralen Maßstab zu wahren, trotz der praktischen Herausforderungen.
Schlüsselwörter
Triage, Corona-Pandemie, Immanuel Kant, Peter Singer, Menschenwürde, Utilitarismus, Präferenzutilitarismus, Kategorischer Imperativ, Interessenabwägung, Ethik, Ressourcenknappheit, Pflichtethik, Lebenswert, Personenbegriff, Entscheidungskriterien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht ethische Fragestellungen bei Zuteilungsentscheidungen (Triage) im Gesundheitswesen während der Corona-Pandemie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Menschenwürde, den Utilitarismus, die medizinische Ethik sowie die Frage nach dem Wert menschlichen Lebens.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu prüfen, inwieweit die ethischen Ansätze von Kant und Singer Triage-Entscheidungen ethisch stützen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende philosophische Analyse zweier ethischer Theorien, angewandt auf aktuelle medizinische Richtlinien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Ausarbeitung der Ethik von Kant und Singer sowie deren praktische Anwendung auf offizielle Positionspapiere zur Triage.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Triage, Menschenwürde, Utilitarismus, Präferenzutilitarismus und Lebenswert.
Findet Singer Kants Position völlig falsch?
Interessanterweise stellt die Autorin fest, dass Singer in Bezug auf die Achtung der Autonomie und des freien Willens gar nicht so weit von Kant entfernt ist, wie es der erste Anschein vermuten lässt.
Wie bewerten medizinische Fachgesellschaften die Triage laut Arbeit?
Viele Gesellschaften lehnen eine rein utilitaristische Bewertung nach Alter oder sozialer Rolle ab und priorisieren stattdessen anhand klinischer Erfolgsaussichten.
Was ist das zentrale Fazit der Autorin?
Obwohl eine Triage ein unlösbares Dilemma darstellt, muss die Würde des Lebens stets den unantastbaren Kern bilden, um den herum klare Entscheidungskriterien formuliert werden sollten.
- Arbeit zitieren
- Selina Heller (Autor:in), 2021, Triage in der Coronapandemie. Der Wert des Lebens bei Immanuel Kant und Peter Singer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1255559