David Humes Skeptizismus und seine Ablehnung des Pyrrhonismus


Hausarbeit, 2019

14 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Zielsetzung

2. Der Ursprung des Zweifels: Pyrrhonismus

3. Humes Darstellung der verschiedenen Stufen des Skeptizismus
3.1 Vorangehende und nachfolgende Skepsis
3.2 Die übertriebene Skepsis
3.3 Gemäßigter Skeptizismus

4. Hume im Kampf gegen den Pyrrhonismus: Analyse der Stellung Humes

5. Philosophischer Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Zielsetzung

Gibt es unter den Strömungen und Schulen der Philosophie noch so viele Unterschiede, dass man sie in einem Zuge gar nicht aufzählen könnte, haben sie doch eines gemeinsam: Sie hinterfragen die Dinge in der Welt, wie sie uns erscheinen, beobachten sie und streben nach Antworten auf ihre Fragen.

Skeptisches Denken fand bereits in der Antike statt, so dürfte der berühmte Aphorismus ,,Ich weiß, dass ich nichts weiß’’ des Sokrates sogar Laien der Philosophie geläufig sein.1

In unserer heutigen Gesellschaft konnotiert man mit dem Begriff Skeptizismus etwa Zweifel, was aus dem Begriff Skepsis 2 hervorgeht. Nach der Beschäftigung mit David Hume und seiner Untersuchung über den menschlichen Verstand3 kommt man zu einem differenzierteren Ergebnis. Meinem Verständnis nach beschreibt der Skeptizismus ein philosophisches Vorgehen, welches kritisch ausgelegt darauf abzielt, zu klären, ob die Erkenntnis sowie die Wahrheit und Wirklichkeit der Dinge, welche unser Leben tangieren, zu beweisen sind.

In dieser Hausarbeit wird der Skeptizismus, wie er in der Untersuchung4 dargestellt wird, hinreichend analysiert. Zunächst wird der für Humes Philosophie essenzielle Begriff Geltungsanspruch geklärt, woraufhin wir uns den verschiedenen Stufen des Skeptizismus widmen werden.

Alle erlangten Ergebnisse dienen der Verständlichkeit von Humes Text und ermöglichen in Anlehnung an Sekundärliteratur eine reflektive Kritik an den Überzeugungen des Briten.

Das Ziel der Arbeit ist also die Darstellung der Formen des Skeptizismus und Humes negativer Haltung dem Pyrrhonismus gegenüber in der Untersuchung. Am Ende der Arbeit steht ein thematischer Ausblick.

2. Der Ursprung des Zweifels: Pyrrhonismus

Womöglich legte bereits Thales von Milet mit seinem Zweifel an mythologischen Erklärungen den Grundstein. Geht man nicht davon aus, liegt der Ursprung in der Strömung, mit der wir uns nun beschäftigen werden - dem Pyrrhonismus, benannt nach dem Gründer der skeptischen Schule: Pyrrhon von Elis.5

Wie andere antike Philosophen so verfasste auch Pyrrhon selbst keine Schriften, vielmehr schrieben seine Schüler mit und entwickelten die Lehre weiter. Eine Ausarbeitung des Pyrrhonismus findet sich erst bei Sextus Empiricus im 2. Jahrhundert n. Chr. mit seinem Werk Grundriss der pyrrhonischen Skepsis.6 In diesem Werk definiert er die Skepsis und das Ziel ihres Zweifels.

Will man den pyrrhonischen Skeptiker in die philosophischen Schulen einteilen, kommt man zu dem Urteil, dass er sich zwischen den Dogmatikern und Akademikern bewegt. Während die einen die Möglichkeit der Erkenntnis negieren und die anderen diese für gefunden halten, ist die skeptische Schule auf der Suche: Würde der Skeptiker seine Suche beenden, würde er sich auf eine der beiden Seiten stellen und jenes Dogma vertreten, wäre also kein Skeptiker mehr.7

Doch was ist die Skepsis nun genau?

Sextus schreibt von der skeptischen Lebensweise (ἀγωγή).8 Skepsis definiert er als das Vermögen (δύναμις), Sinneseindrücken und Schlüssen einen gleichwertigen Sinneseindruck bzw. Schluss gegenüberzustellen. So haben alle Sinneseindrücke und Argumente die gleichwertige Aussagekraft (ἰσοσθένεία) und ein Skeptiker ist jemand, der über die δύναμις verfügt. Sextus’ Darstellung nach erlange man so die ἀταραξία (Ungestörtheit der Seele).9

Ein Ende seiner Suche findet der Skeptiker nicht. Wie bereits festgehalten, wäre er dann kein Skeptiker mehr. Das bedeutet aber nicht, seine Gedanken müssten in einer Aporie enden. Sextus definiert das Ziel, welches der Skeptiker verfolgt:

Das Ziel (τέλος) der Skepsis liegt [...] in der bereits mehrfach angeführten ἀταραξία in Bezug auf die Dogmen und das maßvolle Leiden in den aufgezwungenen Dingen.10

Anhänger des Pyrrhonismus verfolgen also das gängige Ziel eudaimonischen Lebens, allerdings durch Passivität und Zurückhaltung in ihrem Urteil über die Beschaffenheit und wahre Natur der Dinge sowie Verzicht auf Erkenntnistheorie. Man kann den Pyrrhonismus daher als radikalen metaphysischen, aber auch epistemischen Quietismus titulieren.11

3. Humes Darstellung der verschiedenen Stufen des Skeptizismus

Nachfolgend wird der Begriff Geltungsanspruch geklärt und anschließend die Darstellung des Skeptizismus sowie Humes eigene Haltung ins Auge gefasst.

Der Begriff Geltungsanspruch findet seinen Platz auch bei Habermas, der im Fluss kommunikativer Handlungen von wechselseitigen Ansprüchen ausgeht.12

Für Hume ist ein philosophischer Geltungsanspruch erst dann valides Wissen, wenn er erfolgreich durch ein empirisches Verfahren geprüft wurde.

Da nun alle einleitenden Grundlagen geschaffen wurden, kann nachfolgend ein genauer Bezug zum Text hergestellt werden. Die Grundlage für die weiteren Schritte bildet hier der zwölfte, dreiteilige Abschnitt der Untersuchung über den menschlichen Verstand, welcher den Titel Über die akademische oder skeptische Philosophie trägt.

- Vorangehende und nachfolgende Skepsis

Den ersten Teil des Abschnitts Über die akademische oder skeptische Philosophie betitelt Hume mit die vorangehende und nachfolgende Skepsis.

Hume beginnt den Abschnitt mit der allgegenwärtigen Diskussion um den Beweis für das Dasein einer Gottheit und kommt über die Gegenposition der Atheisten zum Begriff des Skeptikers sowie der wesentlichen Frage:

Was versteht man unter einem Skeptiker? Und bis zu welchem Punkte lassen sich die philosophischen Prinzipien des Zweifels und der Ungewissheit treiben? 13

Daran anknüpfend beginnt er mit der Darstellung der Skepsis, die aller Forschung der Philosophie voranginge. Gemeint ist die Philosophie Descartes’. Er verfolgt in seinen ‘ Meditationen über die Erste Philosophie, in welcher die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele bewiesen wird’ das Ziel, an allen Dingen (besonders den materiellen) solange zu zweifeln, bis er von allen Vorurteilen befreit wird, sich nicht (mehr) von den Sinnen ablenken lässt und schließlich an dem, was er alsdann für wahr befinden wird, nicht mehr zweifeln kann.14

Der methodische Zweifel, auch cartesischer Zweifel genannt, ist seiner Ansicht nach unerreichbar und gäbe uns im Fall der Erreichbarkeit keinerlei Sicherheit oder Überzeugung hinsichtlich der Wahrheit von jeglichen Geltungsansprüchen.

Eine gemäßigte Form (more moderate) der vorangehenden Skepsis hält Hume für vernünftig und notwendig , um Unparteilichkeit zu erlangen und nicht von dem Weg zur Erkenntnis und Wahrheit unserer Bestimmungen (determinations) abzukommen. Man müsse Schritt für Schritt ein System aufbauen, dessen Fundament von selbst einleuchtende Prinzipien bilden sollten.

Dieses Fundament müsse man stetig erweitern, aber die Folgerungen und Schlüsse immer wieder einer Überprüfung unterziehen.15

Im Gegensatz zur vorangehenden Skepsis steht die nachfolgende Skepsis, die wir als nächstes genauer betrachten werden. Ihren Ursprung erklärt Hume folgendermaßen:

Eine andere Art des Skeptizismus, welche der Wissenschaft und Forschung nachfolgt (consequent to science and enquiry), entsteht dort, wo man angeblich entdeckt hat, dass die geistigen Fähigkeiten entweder völlig trügerisch sind, oder ungeeignet zur Erreichung einer festen Bestimmung in (all jenen) Fragen der Spekulation, auf die sie gewöhnlich angewandt werden.16

Das bedeutet also, dass man zunächst überzeugt von den eigenen Geltungsansprüchen sein müsse, jedoch keinen verschränkten Blick auf die Dinge haben dürfe. Auf diese Art und Weise käme man nicht zu dem Schluss, die eigenen Fähigkeiten entsprächen nicht der Realität. Nach Humes Darstellung folge auf die Reflexion eine Art des Dranges zum Forschen nach jener Realität, eine Wissbegierde und der Zweifel an allem Bekannten, von gesellschaftlichen Konventionen bis zu den tiefgründigsten Erkenntnissen der Metaphysik und Theologie.17

Die beiden Arten verfolgen also dasselbe Ziel, nämlich die Wahrheit zu erreichen und eine Sicherheit in den eigenen Ansichten und Überzeugungen, vor allem aber in den Geltungsansprüchen, zu finden.

Auf den ersten Blick scheinen sie sich also nur in der Vorgehensweise des Zweifelns zu unterscheiden. Lebt aber derjenige, der die nachfolgende Skepsis präferiert, nicht stetig mit vielen falschen Geltungsansprüchen und Überzeugungen?

Dieser Gedanke ist Teil des philosophischen Ausblicks am Ende der Arbeit.

An nächster Stelle steht die ausführliche Ausarbeitung des übertriebenen und des gemäßigten Skeptizismus. Hume beschäftigt sich in diesen Abschnitten mehr mit dem Gehalt der jeweiligen Art von Skepsis als mit dem methodischen Verfahren.

- Die übertriebene Skepsis

Ein Mensch lebt davon, dass er Antworten bekommt. So wie Hume es im Bereich der nachfolgenden Skepsis beschrieben hat, drängt er auf eine Klärung und lässt nicht los, solange er noch offene Fragen hat.

[...]


1 Platon: Apologie des Sokrates (v 427-347). Im Original: ,,Was ich nicht weiß, glaube ich auch nicht zu wissen.’’ - der Sinn der genauen Textstelle ist an dieser Stelle aber nicht der Punkt.

2 altgr. σκέψις (sképsis) was so viel wie Untersuchung oder Überprüfung bedeutet.

3 Die Ausgabe, welche verwendet wurde, ist folgende: A treatise of Human Nature (1739-40). David Hume, Über Moral, übers. v. Th. Lipps, hrsg. v. H. Pauer Studer, Berlin: Suhrkamp, 2007.

4 Folgend wird die Untersuchung über den menschlichen Verstand nur vereinzelt ausgeschrieben.

5 Eine biografische Darstellung findet sich bei Diogenes Laertius (Buch IX, 61-108, Über Pyrrhon), seine Lehre zeichnete hauptsächlich sein Schüler Timon von Phleius auf. Die wesentliche Annahme Pyrrhons Lehre: Die Dinge sind nicht beurteilbar, unsere Meinungen und Wahrnehmungen sagen weder Wahres noch Falsches über sie aus.

6 Altgr.: Πυρρωνείαι ὑποτυπώσεις (pyrrhoneíai hypotypôseis), das Werk beinhaltet 3 Bücher.

7 Breker, Christian, Einführender Kommentar zu Sextus Empiricus ,,Grundriss der pyrrhonischen Skepsis’’, Mainz: 2008, S.18.

8 Verschiedene Ansätze zur Übersetzung: ,,Führungsweise’’ (Pappenheim 1877), ,,System’’ (Bury 1933). Ebenfalls zum ersten Mal gelesen bei Breker.

9 Vgl. Breker, C. S. 21-23.

10 Sextus Empiricus: Grundriss der pyrrhonischen Skepsis, eingel. und übers. von Malte Hossenfelder, Frankfurt a.M.: 1985. PH I 8,10,12.

11 siehe: Williams, Michael, Skeptizismus und Metaphysik: Wie radikal ist der Pyrrhonismus? in: Skeptizismus und Metaphysik, Hrsg. von Markus Gabriel, Berlin: 2012, S. 187. - Quietismus: philosophisch, (religiös) begründete Haltung totaler Passivität. Nicht: weltabgewandte Strömung im 17. Jahrhundert.

12 Siehe: Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt am Main: 1981.

13 Vgl. Hume, Über Moral, S. 187.

14 René Descartes: Meditationes de prima philosophia in quibus dei existentia et animae humanae a corpore distinctio demonstranctur. Œuvres de Descartes, 1897–1913, Nachdruck 1996, 11 Bde.) AT VII.

15 Vgl. Hume, Über Moral, S. 188.

16 Ebd.

17 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
David Humes Skeptizismus und seine Ablehnung des Pyrrhonismus
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Einführung in die Philosophie David Humes
Note
2,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V1255634
ISBN (Buch)
9783346693914
Sprache
Deutsch
Schlagworte
David Hume, Hume, Skeptizismus, Pyrrhonismus, Stoa, Philosophie des Geistes, metaphysik, Erkenntnistheorie
Arbeit zitieren
Dominik Wübbelt (Autor:in), 2019, David Humes Skeptizismus und seine Ablehnung des Pyrrhonismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1255634

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