Theorien und Feindbilder der deutschen Autonomen


Seminararbeit, 2002

19 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Begriff und Einordnung der deutschen Autonomen

Theorien und Denktradition

Entstehung einer autonomen Bewegung in der BRD

Die Feindbilder der Autonomen
Feindbild: bürgerliche Werte
Feindbild: Staat und System
Feindbild: USA und UdSSR

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Einleitung

Die Autonomen werden in der Berichterstattung der Medien meist nur als vermummt agierende Demonstranten und Gewalttäter wahrgenommen. Eine wichtige Ursache für diese Wahrnehmung liegt in ihrer selbstgewählten Isolierung. Sie bewegen sich als Subkultur ganz bewusst am Rande der Gesellschaft. In Folge dessen gibt es wenig Erkenntnisse über ihre Entstehung und Entwicklung. Die Theorien, Feindbilder und Motive bleiben weitgehend verschwommen. Die umfassendsten Arbeiten zu diesen Themen stammen von ehemaligen Aktiven der autonomen Szene. Die Bewertungen und Erklärungsversuche von Geronimo, Thomas Schultze und Almut Gross sind stark subjektiv gefärbt.

Seit Mitte der 70er Jahre verloren die Ereignisse des Kalten Krieges durch den Zerfall und die Zersplitterung der neuen sozialen Bewegungen (NSB) zunehmend an innenpolitischer Bedeutung. Neben das Phänomen der Massenarbeitslosigkeit tritt das No-Future-Denken. Leistungs- und Konsumzwang führen zum Hedonismus. Der Zentralisierung und Organisation einzelner sozialistischer und kommunistischer Gruppen steht die Anonymisierung und Vereinzelung der städtischen Bevölkerung gegenüber. Dieser Wandel führte langfristig zur Theorie- und Politikfeindlichkeit. Dennoch entwickelten sich in den 80er Jahren aus den Theorien der italienischen „Autonomia operaia“ und der bundesdeutschen Sponti-Bewegung die relativ eigenständige politische Subkultur der Autonomen. Der gesellschaftliche Wandel ist an ihnen nicht spurlos vorüber gegangen: Theorien spielen keine allzu große Rolle mehr. Indem man sich gegen den Staat und das System generell wendet, vermeidet man zugleich eine politische Positionierung im weltpolitischen Blocksystem und bleibt von anderen Gruppen unangreifbar.

Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, woher die Theorien und Feindbilder der Autonomen stammen, welche Kontinuitäten und Parallelen zu den NSB vorhanden sind. Dabei geht es im ersten Abschnitt der vorliegenden Arbeit um die Bestimmung des Begriffes „Autonomie“ sowie die Einordnung der deutschen Autonomen in Bezug auf die antiautoritäre Bewegung seit 1968 und die daraus entstandenen neuen sozialen Bewegungen. Im Anschluss werden die Denktradition der New Left und Theorie des Operaismus als theoretische Stütze beschrieben. Im darauf folgenden dritten Abschnitt wird die Entstehung einer autonomen Bewegung in der BRD auf die Ideen der „Autonomia operaia“ Italiens und die Praxis der bundesdeutschen Spontibewegung zurück geführt. Der Hauptteil und letzte Abschnitt ist der Untersuchung der Feindbilder gewidmet. Eine genaue Abgrenzung der Feindbilder erweist sich auf Grund der Theoriefeindlichkeit der Autonomen zwar als schwierig, dennoch wird an der Dreiteilung: Ablehnung bürgerlicher Werte, der Kampf gegen den Staat und das System sowie der Widerstand gegen die imperialistische Politik der USA und der UdSSR festgehalten.

Begriff und Einordnung der deutschen Autonomen

Der griechische Begriff „Autonomie“ bedeutet Selbstständigkeit und Unabhängigkeit im engeren Sinn. Allgemein wird unter Autonomie die Möglichkeit von Individuen oder Gruppen zu weit gehend selbstbestimmtem Verhalten verstanden. Im Bereich des innerstaatlichen Rechts bezeichnet man mit Autonomie die eigenständige Regelung von Rechtsverhältnissen durch bindende Rechtssätze zwischen Individuen oder Angehörigen eines Gemeinwesens oder einer Gruppe.[1]

Allerdings kann Freiheit bzw. Autonomie immer nur relativ sein. Sie ist durch Ordnungen, Grenzen, Regeln und Autoritäten begrenzt und kann nur so weit gehen, wie es die Gesellschaft außerhalb des Gemeinwesens oder der Gruppe zulässt. Im Kampf um Selbstbestimmung und Unabhängigkeit von Staat und Gesellschaft hat sich der Autonomie-Begriff seit Beginn der antiautoritären Bewegungen Ende der 60er Jahre verändert.

Als „Autonome“ bezeichnet man Gruppierungen aus dem linken Spektrum. Sie greifen aktuelle gesellschaftliche Themen auf und werden innerhalb der Proteste der jeweiligen NSB aktiv. Am besten lässt sich ihre Erscheinung mit den Worten Severin Lansac’s als „Wanderdüne des gesellschaftlichen Konfliktes“ beschreiben[2]. Den Autonomen fehlt ein festes ideologisches Programm. In den verschiedenen autonomen Gruppen der Groß- und Universitätsstädte (vor allem Berlin, Hamburg und Frankfurt/Main) existiert eine Vielzahl von Ideen und Theorien. Der Konsens besteht lediglich in der Ablehnung alles politisch und rechtlich Bestehenden. Insofern ist es schwierig von den Autonomen als einer einheitlichen Bewegung mit gleichen Theorien und Zielen zu sprechen.

Für die Autonomen ist das Ausleben subjektiver Gefühle wie in der Sponti-Bewegung handlungsanleitend. Sie erklären die antiautoritäre Revolution für gescheitert und versuchen, durch radikalere Protestformen ihre Ablehnung der bestehenden politischen Ordnung auszudrücken. Das positive Selbstverständnis der Autonomen bezieht sich lediglich auf die Akzeptanz militanter Aktionsformen oder diffuse anarchistische Vorstellungen. Sie wollen isoliert bleiben, weil man für eine breitere Basis entsprechend schlüssige Theoriekonzepte braucht. Sie müssen isoliert bleiben, weil ihre Militanz eine soziale Basis verhindert. Entsprechend ihrer Negierung von Hierarchien und Strukturen organisieren sie sich über weitgehend selbständige basisdemokratische Kleingruppen, die allerdings informell durch Gruppendruck durchaus Autoritarismus erzeugen. Sie bewegen sich somit zwischen einer Organisation und einer Bewegung. Die Autonomen sind demnach eine Protestbewegung und Subkultur, aber keine NSB.

Theorien und Denktradition

Mit dem Entstehen der New Left ab 1962 wurden in Amerika zunehmend praxisphilosophische Denker wie Lefèbvre oder Gramsci wahrgenommen. Sie verließen den Rahmen traditionalistischer Politik- und Aktionsmuster, um teilweise zivilgesellschaftliche und kulturelle Hegemonie zu theoretisieren. Für die bundesdeutsche Studentenbewegung war die Kritische Theorie der Frankfurter Schule mit Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse maßgebend. Alle drei verfolgten eine kritische Analyse der Gesellschaft und wiesen unter Berücksichtigung marxistischer Erkenntnisse das Bestehende scharf zurück. Marcuse prangerte die Elitenherrschaft der westlichen Länder sowie der UdSSR und ihrer Satellitenstaaten an. Besonders Marcuses Ansicht, dass das menschliche Leben lebenswert gemacht werden sollte, begründete das sprengende Potential, das er den Bewegungen gesellschaftlicher Minoritäten zuerkannte.[3]

Zeitgleich wurde in Italien in theoretischen Schriften von Antonio Negri, Mario Tronti und anderen der Operaismus entwickelt. Mit Hilfe einer Neulektüre des „Kapitals“ von Marx wurde den traditionellen Organisationen der italienischen Arbeiterbewegung das Recht strittig gemacht, sich selbst als zentrales Subjekt politischer Auseinandersetzungen zu begreifen. Wurde die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft bislang in der Beziehung zwischen Kapital und Klasse als von den Kapitalbewegungen bestimmt betrachtet, so gehen Operaisten davon aus, dass die Kapitalbewegungen durch die Bewegungen der Klasse bestimmt sind. Daraus folgt, dass der Kapitalismus nur durch bewusst tätiges Handeln der Arbeiterklasse überwunden werden kann. Entsprechend wurden den etablierten Gewerkschaften und der Kommunistischen Partei Anpassung und Verbürgerlichung vorgeworfen. Erst die vollständige Negation des Bestehenden könne zu einer sozialistischen Transformation der Gesellschaft führen.

Im strukturell zweigeteilten wirtschaftlich schwachen Italien spielt die „Autonomia operaia“ (Arbeiterautonomie) eine wichtige Rolle. In den 60er Jahren standen sich hier die moderne kapitalistische Arbeitsorganisation Norditaliens und teils noch feudalistische landwirtschaftliche Eigentumsstrukturen Süditaliens gegenüber. Angespornt durch die theoretischen Schriften zur Industriegesellschaft kritisierten Studenten und unqualifizierte Arbeiter aus dem Süden die norditalienischen Produktions- und Arbeitsverhältnisse. Autonome Basiskomitees entstanden. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen.[4] Später wurden die Basiskomitees in herkömmliche Gewerkschaftsstrukturen integriert und die autonomen Arbeiterbewegung zerfiel durch die Verlagerung der Produktion, Einführung von Industrierobotern oder modernere Produktionsverhältnisse.

[...]


[1] Alle Definitionen sind der PC Bibliothek des Bibliographischen Instituts der Brockhaus AG 2002 entnommen.

[2] Geronimo (Pseudonym), Feuer und Flamme. Zur Geschichte und Gegenwart der Autonomen, Amsterdam-Berlin 1990, S. 203.

[3] Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, München 1998.

[4] 1962 demonstrierten Tausender Fiat-Arbeiter in Turin. 1969 folgte ein landesweiter Generalstreik von 600.000 Metallarbeitern.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Theorien und Feindbilder der deutschen Autonomen
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Friedrich-Meinecke-Institut)
Veranstaltung
PS: Kalter Krieg und soziale Bewegungen: Gesellschaft, Ideologie und Feindbilder in Westeuropa (1948-1989)
Note
2,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V12560
ISBN (eBook)
9783638184144
ISBN (Buch)
9783638787574
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autonome, BRD, Feindbild, Denktradition, Operaismus, Slime
Arbeit zitieren
Andrea Friemann (Autor), 2002, Theorien und Feindbilder der deutschen Autonomen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12560

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