Auf dem Weg zur Rainbow Nation?

Politische Unterstützung in Südafrika


Magisterarbeit, 2007

129 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen der Arbeit
2.1 Modell demokratischer Konsolidierung nach Diamond
2.2 Das Konzept der politischen Unterstützung
2.2.1 David Eastons Konzept politischer Unterstützung
2.2.2 Modell politischer Unterstützung nach Fuchs
2.2.3 Determinanten politischer Unterstützung
2.2.4 Überblick über den Forschungsstand
2.3 Ethnizität und Demokratie
2.3.1 Das Konzept der ‚Ethnizität’
2.3.2 Ethnizität in der Konsolidierungsforschung
2.3.3 Ethnizität und politische Unterstützung
2.4 Modifiziertes Kausalmodell politischer Unterstützung

3. Das Fallbeispiel Südafrika
3.1 Demokratisierung und Konsolidierung von Demokratie in Afrika
3.1.1 Verlauf der Demokratisierung in Afrika
3.1.2 Ergebnisse der Demokratisierungswelle in Afrika
3.2 Der Weg Südafrikas von der Apartheid bis zur Demokratie
3.2.1 Das Apartheidsystem in Südafrika 1948 bis 1990
3.2.2 Ende der Apartheid und Demokratisierung Südafrikas 1990-1994
3.2.3 Konsolidierung der Demokratie in Südafrika seit 1994

4. Forschungshypothesen

5. Empirische Überprüfung
5.1 Untersuchungsanlage
5.2 Operationalisierung der Forschungsvariablen
5.2.1 Operationalisierung der abhängigen Variablen: Politische Unterstützung und Performanz der Regierung
5.2.2 Operationalisierung der unabhängigen Variablen
5.2.2.1 Performanz
5.2.2.2 Ethnizität
5.2.2.3 Sonstige Variablen
5.3 Ergebnisse
5.3.1 Deskriptive Analyse
5.3.1.1 Ausprägung politischer Unterstützung
5.3.1.2 Leistungsbewertung der Regierung
5.3.1.3 Unterstützung der politischen Gemeinschaft
5.3.1.4 Ethnizität
5.3.2 Multivariate Regressionsanalyse
5.4 Implikation der Befunde für die Konsolidierung von Demokratie in Südafrika

6. Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„We, the people of South Africa, (...) believe that South Africa belongs to all who live in it, united in our diversity. “

Präambel der Verfassung der Republik Südafrika

„We enter into a covenant that we shall build a society in which all South Africans, both black and white, will be able to walk tall, without fear in their hearts, assured of their inalienable right to human dignity – a rainbow nation at peace with itself and the world. “Nelson Mandela, Inaugural Address, 09. Mai 1994

Der Zusammenbruch des rassistischen Apartheidsystems und die Errichtung einer Demo-kratie in Südafrika im Jahr 1994 markierten auf dem afrikanischen Kontinent einen nach-haltigen Umbruch, der als die zweite große afrikanische Demokratisierungswelle – nach der Phase der Dekolonialisierung in den 50er und 60er Jahren – bezeichnet werden kann und die politische Landschaft des Kontinents nachhaltig veränderte. Doch nach dem Abklingen dieser Demokratisierungs- und Liberalisierungswelle gegen Ende der 90er Jahre stellen demokratische Systeme in Afrika heute eher die Ausnahme denn die Regel dar. Südafrika gehört zu der überschaubaren Gruppe an afrikanischen Ländern, in denen sich eine Demokratie entwickeln konnte, die sich durch die Verwirklichung von Rechts-staatlichkeit, die Garantie von Menschenrechten und durch regelmäßige, allgemeine und freie Wahlen auszeichnet.

Die Entwicklung Südafrikas von einem autoritären, rassistischen Minderheitsregime hin zu einer stabilen Demokratie ist von politischen Beobachtern als außergewöhnlicher Er-folg bewertet worden, vor allem angesichts des riesigen Gewaltpotentials, das zu Beginn der Demokratisierung als Ergebnis eines über Jahrzehnte angewachsenen Misstrauens zwischen den ethnischen Gruppen des Landes vorhanden war. Dass der Weg zur Demo-kratie weitestgehend friedlich verlief, ist nicht zuletzt auch dem Einsatz charismatischer Persönlichkeiten wie dem ersten demokratisch gewählten Präsidenten Nelson Mandela oder dem Erzbischof Desmond Tutu zuzuschreiben, die sich konsequent für eine Versöhnung der Bevölkerungsgruppen eingesetzt haben und mit ihrer Vision von einer Rainbow-Nation – einer Gesellschaft, in der Menschen aller Bevölkerungsgruppen des Landes friedlich miteinander leben – für ein multi-ethnisches, demokratisches Südafrika werben. Heute nimmt Südafrika aufgrund seiner politischen Stabilität und seiner öko-nomischen Vormacht eine Schlüsselrolle auf dem Kontinent ein und hat wiederholt den Anspruch erkennen lassen, eine führende Rolle bei der Herstellung von regionaler Ko-operation und Stabilität sowie bei der Verbreitung von Demokratie in Afrika übernehmen zu wollen. Die Bedeutung des Landes spiegelt sich in den entwicklungspolitischen Leit-linien der Bundesrepublik Deutschland wider, die Südafrika (zusammen mit Nigeria) jüngst als strategisch wichtiges ‚Ankerland’ auf dem Kontinent identifiziert hat und sich von einer Unterstützung des Landes wichtige Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung, politische Stabilität und Demokratisierung der Region des südlichen Afrikas erhofft (vgl. Golaszinski 2007: 7).

Ausgehend von dieser strategischen Bedeutung des Landes als regionales ‚Ankerland’ gewinnt die Frage nach der langfristigen Stabilität von Demokratie in Südafrika eine Relevanz für die komplette Region des südlichen Afrikas. Denn Impulse für die Verbrei-tung von Demokratie und regionaler Stabilität auf dem Kontinent kann das Land nur dann geben, wenn es selbst vollständig demokratisch konsolidiert ist und die langfristige Stabi-lität seines demokratischen Systems damit gesichert ist.

Im Rahmen der empirischen Politikwissenschaft hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Stabilität junger Demokratien nicht nur von einem adäquaten Institutionengefüge abhängt, sondern dass, je nach Forschungsperspektive, weitere Determinanten zu berück-sichtigen sind. Basierend auf den frühen Studien von Almond und Verba, die nach Erklär-ungen für den Zusammenbruch von Demokratie und für das Aufkommen des Faschismus im Europa der Zwischenkriegszeit suchten, sieht die moderne Konsolidierungsforschung in der Kongruenz von politischen Strukturen einerseits und den auf politische Objekte fokussierten Einstellungen der Bevölkerung andererseits – gemeinhin als ‚politische Kultur’ bezeichnet – eine zentrale Bedingung für die Konsolidierung und damit für die langfristige Stabilität demokratischer Systeme (vgl. Fuchs/Roller/Wessels 2002: 9-10). Um die für die Stabilität von Demokratie relevanten Einstellungen der Bevölkerung zu modellieren, greifen zahlreiche Arbeiten auf dem Gebiet der Konsolidierungsforschung auf das Konzept der ‚politischen Unterstützung’ von David Easton zurück, das – in einer durch Fuchs modifizierten Form – auch dieser Arbeit zu Grunde liegt.

Das zentrale Vorhaben dieser Arbeit besteht darin, mittels einer empirischen Analyse politischer Einstellungen der Bevölkerung den Stand der demokratischen Konsolidierung in Südafrika zu beleuchten. Dabei sollen im Wesentlichen zwei Fragen beantwortet werden:

Neben einer Analyse der Ausprägung politischer Unterstützung sollte eine Bewertung der Konsolidierung eines Landes außerdem auch mögliche Determinanten politischer Unter-stützung identifizieren und die theoretisch postulierte Wirkung dieser Variablen empirisch überprüfen. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf Performanzbewertungen als Determinanten politischer Unterstützung und testet deren Wirkung mittels multivariater Analyseverfahren.

Zweitens sollte eine Analyse politischer Einstellungen in Südafrika die ethnische Spal-tung des Landes in besonderem Maße berücksichtigen. Im Rahmen der Politikwissen-schaft wird ethnische Heterogenität generell als ungünstige Voraussetzung für langfristige demokratische Stabilität erachtet: „That it is difficult to achieve and maintain stable democratic government in a plural society is a well-established proposition in political science – with a history reaching back to Aristotle’s adage that ‚a state aims at being, as far as it can be, a society composed of equals and peers.’ Social homogeneity and politi­cal consensus are regarded as prerequisites for, or factors strongly conducive to, stable democracy” (Lijphart 1977: 1). Ein zentrales Anliegen dieser Arbeit ist es daher auch, die Variable ‘Ethnizität’ theoretisch in das Konzept der politischen Unterstützung einzubetten und für eine empirische Analyse fruchtbar zu machen.

Grundlage der Analyse sind Daten des Afrobarometer, einer seit 1999 in bisher drei Wellen durchgeführten repräsentativen Befragung von mittlerweile ca. 23.000 Personen in fünfzehn afrikanischen Ländern. Diese Arbeit verwendet Daten aus 2004, die auf der Befragung von 2.400 Südafrikanern basieren.

Das Vorgehen dieser Studie ist dabei wie folgt angelegt: Im Rahmen der theoretischen Grundlagen wird zunächst (Kapitel 2.1) das Modell demokratischer Konsolidierung nach Diamond vorgestellt, das es ermöglicht, politische Einstellungen der Bevölkerung in einen Zusammenhang mit der Konsolidierung demokratischer Systeme zu setzen. In einem weiteren Schritt wird in Kapitel 2.2 das Konzept politischer Unterstützung erläutert, das für die Stabilität von Demokratie relevante Einstellungen identifiziert und in seiner modifizierten Version von Fuchs dieser Analyse zu Grunde liegt. Kapitel 2.3 widmet sich dem Zusammenhang von Ethnizität und Demokratie und hat das Ziel, das Konzept der Ethnizität definitorisch einzugrenzen und es in die Konsolidierungsforschung im Allge-meinen sowie in das Konzept der politischen Unterstützung im Speziellen zu integrieren. Zum Abschluss des theoretischen Teils wird ein Kausalmodell konzipiert (Kapitel 2.4), das auf Fuchs’ Modell politischer Unterstützung basiert, darüber hinaus jedoch die zuvor erläuterte Variable Ethnizität sowie weitere kontextspezifische Besonderheiten des Unter-suchungslandes berücksichtigt.

In Kapitel 3 wird das Untersuchungsland, die Republik Südafrika, vorgestellt. Der Blick liegt dabei auf einer Beschreibung von Demokratisierung und Konsolidierung von Demo-kratie in Afrika (Kapitel 3.1), um das Untersuchungsland in den regionalen Kontext ein-zubetten. Der Weg Südafrikas von der Apartheid bis zur Demokratisierung 1994 wird in Kapitel 3.2 beschrieben. Beschlossen wird das Kapitel durch einen Überblick über den Stand der institutionellen Konsolidierung Südafrikas und mögliche Hemmnisse des wei-teren Konsolidierungsprozesses, die sich aus den gegenwärtigen sozialen oder ökono-mischen Problemen des Landes ergeben. Wichtig ist hierbei, dass Kapitel 3.2 nicht nur dazu dient, das Fallbeispiel dieser Arbeit vorzustellen, sondern dass es spezifische sozio-kulturelle Merkmale des Landes identifizieren soll, die im Rahmen einer Analyse politi-scher Unterstützung von Relevanz sind. Diese Merkmale, die im Wesentlichen auf der Präsenz ethnischer Spannungen als Resultat des Apartheidsystems basieren, werden in Kapitel 4 aufgegriffen und fließen in die Formulierung der zu Grunde liegenden For-schungshypothesen ein.

In Kapitel 5 erfolgt die empirische Überprüfung der zuvor formulierten Forschungs-hypothesen. Nach einem Überblick über die Untersuchungsanlage (Kapitel 5.1) und der Operationalisierung der Forschungsvariablen (Kapitel 5.2) werden in Kapitel 5.3 die Ergebnisse dieser Studie vorgestellt. Die Auswertung der Befunde erfolgt dabei in zwei Schritten: Zunächst untersucht eine deskriptive Auswertung die Ausprägung politischer Unterstützung in Südafrika, wobei ein Augenmerk auf möglichen Unterschieden zwischen den ethnischen Gruppen liegen wird (Kapitel 5.3.1.1). Die Einstellungen bzgl. der politischen Gemeinschaft und der Regierungsperformanz werden nicht der politischen Unterstützung zugerechnet und werden daher separat ausgewertet (Kapitel 5.3.1.2 und 5.3.1.3). Aufgrund der postulierten Relevanz ethnischer Trennlinien in Südafrika werden zum Abschluss der deskriptiven Analyse Einstellungen untersucht, welche die wahrge-nommene Situation der ethnischen Gruppen in Staat und Gesellschaft erfassen und damit einen genaueren Blick auf die Auswirkungen von Ethnizität in Südafrika offenbaren (Kapitel 5.3.1.4). Schließlich wird eine multivariate Analyse durchgeführt, mittels derer die Erklärungskraft von Performanzbewertungen für politische Unterstützung getestet wird (Kapitel 5.3.2). Die Befunde dieser Studie werden in Kapitel 5.4 hinsichtlich ihrer Aussagekraft für die weitere Konsolidierung von Demokratie im land diskutiert.

Kapitel 6 zieht abschließend ein Fazit hinsichtlich dieser Arbeit und gibt einen Ausblick auf mögliche Tendenzen in der demokratischen Konsolidierung Südafrikas.

2. Theoretische Grundlagen der Arbeit

2.1 Modell demokratischer Konsolidierung nach Diamond

Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus und der dadurch ausgelösten Welle demo-kratischer Regimewechsel in den Jahren 1989-1991 avancierte die Analyse von Ursachen, Abläufen und Ergebnissen politischer Transformationsprozesse zu einem Schwerpunkt der Vergleichenden Politikwissenschaft, der auch heute noch von großem Interesse auf diesem politikwissenschaftlichen Teilgebiet ist (vgl. Merkel/Thiery 2002: 181-182). Während das Erkenntnisziel der Transformationsforschung lange Zeit in der Analyse von Verlaufsmustern politischer Regimewechsel bestand, konzentriert sich die Forschung seit Mitte der 90er Jahre zunehmend auf die Bedingungen für die langfristige Stabilität und Festigung von Demokratie, also auf den Prozess der demokratischen Konsolidierung (vgl. Diamond 1999a; Gunther/Diamandouros/Puhle 1995; Linz/Stepan 1996). Mit der Genese politischer Systeme, in denen es zu keiner tieferen Konsolidierung und zur Herausbildung demokratischer Defekte kam, hat sich innerhalb der Transformationsforschung ein eigen-ständiger Zweig etabliert, der sein Hauptaugenmerk auf Analyse von Ursachen und Aus-prägungen ‚blockierter’ bzw. ‚defekter’ Demokratien richtet (z.B. Schubert/Tetzlaff 1998; Bendel/Croissant/Rüb 2001; Merkel 2003 und 2006).

Als Rahmen zur Analyse und Beschreibung politischer Transformationsprozesse hat sich das von O’Donnell und Schmitter entwickelte Schema demokratischer Transition in der Vergleichenden Politikwissenschaft etabliert (O’Donnell/Schmitter 1986). Die Autoren untergliedern den Übergang von einem autoritären System zu einer Demokratie in die drei Phasen Liberalisierung, Demokratisierung und Konsolidierung. Während es in der Liberalisierungsphase zu einer schrittweisen Öffnung des autoritären Regimes durch die Gewährung rudimentärer politischer Freiheiten kommt, ist die Demokratisierung durch die Einführung demokratischer Institutionen gekennzeichnet. Doch mit der Errichtung demokratischer Strukturen und Institutionen ist der Übergang zur Demokratie noch nicht vollständig abgeschlossen. In der abschließenden Phase demokratischer Konsolidierung müssen die neu etablierten Strukturen, Prozesse und Normen an Stabilität und Akzeptanz durch die relevanten Akteure gewinnen (vgl. Fuchs/Roller 2006: 72).

Über den substantiellen Gehalt des Konsolidierungsbegriffs herrscht in der Literatur große Uneinigkeit. Hier konkurrieren minimalistische Konzepte von Konsolidierung (Di Palma 1990; Przeworski 1991; O’Donnell 1996), welche die Konsolidierung von Demo-kratie im Wesentlichen mit der Etablierung eines demokratischen Institutionengefüges gleichsetzen, mit anspruchsvolleren Ansätzen (Pridham 1995; Linz/Stepan 1996; Diamond 1999a). Diese begreifen demokratische Konsolidierung als einen komplexen Mehr-Ebenen-Prozess und haben sich in der aktuellen Forschung klar gegenüber minima-listischen Konzepten durchgesetzt (vgl. Nord 2004: 33; Fuchs/Roller 2006: 72). Auch die vorliegende Arbeit basiert mit dem Konsolidierungskonzept von Diamond auf einem mehrdimensionalen Konsolidierungsbegriff, der im Folgenden vorgestellt werden soll.

Diamond begreift Konsolidierung als einen komplexen, mehrdimensionalen Prozess, der nicht durch die Festigung demokratischer Institutionen und Strukturen abgeschlossen ist, sondern sich darüber hinaus auf Einstellungen und Verhalten der relevanten politischen Akteure erstreckt, die das in ihrem Land etablierte demokratische Regime und dessen Spielregeln vorbehaltlos als „the only game in town“ (Linz/Stepan 1996: 5) akzeptieren müssen. Der zentrale Begriff, anhand dessen Diamond die Akzeptanz demokratischer Spielregeln durch die Akteure beschreibt, ist ‚Legitimität’. Konsolidierung kann demnach verstanden werden als „the process of achieving broad and deep legitimation, such that all significant political actors (...) believe that the democratic regime is the most right and appropriate for their society, better than any other realistic alternative they can imagine” (Diamond 1999a: 65). Diese Legitimität kann nach Diamond in eine Ein-stellungs- und Verhaltensdimension unterteilt werden: Auf Einstellungsebene erfordert die Konsolidierung von Demokratie eine weit verbreitete Akzeptanz demokratischer Normen und das Bekenntnis der relevanten Akteure zur Demokratie als der einzigen legitimen Herrschaftsform im Land. Die Legitimität von Demokratie muss sich jedoch nicht nur in Form dieses ‚normative commitment’ ausdrücken, sondern muss auch ganz konkret Niederschlag in Handlungen und Verhaltensweisen der Akteure finden. Hierbei handelt es sich um ein so genanntes ‚procedural commitment’, also um die Bereitschaft der Akteure, die institutionalisierten demokratischen Verfahrenswege und Prozeduren als einen verbindlichen Rahmen zu akzeptieren, innerhalb dessen sie politischen Wettbewerb bestreiten und Interessenkonflikte austragen (vgl. Diamond 1999a: 64-65).

Diese beiden Dimensionen von Legitimität sind nach Diamond auf drei unterschiedlichen Akteursebenen von Bedeutung für die Konsolidierung von Demokratie, die sich auch in anderen Konzepten der Konsolidierungsforschung wieder finden. Politische Eliten (hoch-rangige Funktionäre, Parteiführer, Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Gesell-schaft) spielen aufgrund ihres Machtpotentials eine zentrale Rolle bei der Konsolidierung von Demokratie. Sie beeinflussen den Konsolidierungsprozess nicht nur durch ihr un-mittelbares Handeln, sondern auch mittelbar durch ihre Vorbildfunktion für das Verhalten andere Akteure bzw. durch den Einfluss, der ihrem Handeln auf die Politische Kultur eines Landes unterstellt werden kann (vgl. Diamond 1999a: 66). Organisationen bzw. kollektive Akteure bilden die zweite Akteursebene. Hier sind Parteien, Gewerkschaften, ehemalige Widerstandsbewegungen, NGOs, soziale oder religiöse Gruppierungen anzu-siedeln, die in ihren Ansichten und Positionen zu Demokratie stark variieren können. Vor allem organisierte Interessengruppen des alten Regimes oder separatistische Gruppier-ungen, die sich z.B. für die Autonomie bestimmter Ethnien einsetzen, können ein beträchtliches (und je nach Kontext der Transition auch gewaltsames) Reservoir politisch-en Widerstands gegen das neue demokratische System bilden (vgl. Diamond 1999a: 67).

Die dritte Ebene schließlich bildet die Bevölkerung eines Landes. Eine Demokratie ist auf dieser Ebene hinsichtlich der Einstellungsdimension als konsolidiert anzusehen, wenn sie von der überwiegenden Mehrzahl der Bevölkerung über längere Zeit konstant als die beste und für das Land am meisten geeignete Staatsform angesehen wird, während autoritäre Alternativen nur von einem geringen Teil der Bevölkerung unterstützt werden. Die Verhaltensdimension auf dieser Akteursebene gilt dann als konsolidiert, sobald die Bürger gewaltsame oder illegale Methoden der politischen Interessenartikulation ab-lehnen und anti-demokratischen Parteien nur noch marginale Unterstützung zukommen lassen (vgl. Diamond 1999a: 68). Die Akteursebene der Bevölkerung ist aus Sicht der vorliegenden Arbeit von zentraler Bedeutung, da sie die Relevanz politischer Einstellung-en der Bürger eines Landes für demokratische Konsolidierung betont und damit einen Anknüpfungspunkt für die politische Kulturforschung bzw. für das Konzept der politisch-en Unterstützung bildet. Wie an späterer Stelle zu zeigen sein wird (vgl. Kapitel 2.2), nimmt das Konzept der politischen Unterstützung den Gedanken auf, dass demokratische Systeme nur dann eine Chance auf langfristige Stabilität besitzen, wenn sie von weiten Teilen der Bevölkerung vorbehaltlos unterstützt werden.

Fasst man die beiden Dimensionen demokratischer Legitimität sowie die drei Akteurs-ebenen zusammen, so ergibt sich folgende Matrix, anhand deren sechs Felder der Konso-lidierungsprozess eines Landes gemäß dem Konzept von Diamond nachgezeichnet werden kann (Abbildung 1). Eine Demokratie gilt nach Diamond dann als konsolidiert, wenn Demokratie über alle sechs Bereiche hinweg auf Einstellungs- sowie auf Ver-haltensebene Legitimität genießt und demokratische Normen, Institutionen und Verfahren von politischen Eliten, Organisationen und der Bevölkerung gleichermaßen als allgemein verbindlich anerkannt werden (vgl. Diamond 1999a: 66-70).

Abbildung 1: Indikatoren politischer Konsolidierung nach Diamond (Quelle: Diamond 1999a: 69, Übersetzung durch den Autor. Rot eingefärbt ist die im Rahmen der vorliegenden Arbeit relevante Dimension demokratischer Konsolidierung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Elemente dieses Konzepts finden sich in ähnlicher Form auch in anderen anspruchs-vollen Ansätzen demokratischer Konsolidierung wieder (siehe auch Linz/Stepan 1996; Merkel 1999). Auch wenn Diamonds Schema in zahlreichen Studien der Transforma-tionsforschung als analytischer Rahmen Verwendung findet, wirft es im Wesentlichen zwei Fragen auf, die sich theoretisch nicht befriedigend beantworten lassen: Zum einen lässt sich keine begründete Aussage darüber treffen, welcher Akteursebene im Rahmen demokratischer Konsolidierung die größte Bedeutung zukommt. Studien auf dem Gebiet der Konsolidierungsforschung variieren folglich hinsichtlich der Akzentuierung unter-schiedlicher Akteursebenen und setzen den Fokus dementsprechend stärker auf Eliten (Przeworski 1991), auf die Rolle kollektiver Akteure (Bos 1994) oder auf die Unter-stützung der breiten Bevölkerung (Evans/Whitefield 1995; Rose/Mishler/Haerpfer 1998; Rohrschneider 1999; Fuchs/Roller 2006).

Darüber hinaus ist unklar, wann genau eine Demokratie letztlich als konsolidiert gelten kann. Diamond schlägt hinsichtlich der Einstellungsebene der Bevölkerung eine konkrete Schwelle vor, die Zustimmungswerte zur Demokratie überschreiten bzw. die im Gegen-zug Unterstützung für anti-demokratische Parteien nicht überschreiten sollten1. Da derar-tige Schwellenwerte erstens willkürlich gesetzt sind und sich zweitens für die anderen Akteursebenen nur schwer quantifizieren lassen, ist es plausibel, dem Vorschlag von Fuchs und Roller zu folgen, die in diesem Zusammenhang lediglich für eine graduelle Formulierung plädieren: Sie schlagen vor, eine Demokratie als umso konsolidierter zu betrachten, je stärker Einstellungen und Verhalten von Eliten, Organisationen und Bür-gern sich mit den normativen Erwartungen der Demokratie decken (vgl. Fuchs/Roller 2006: 73).

Wie dieses Kapitel gezeigt hat, lässt sich Konsolidierung nach Diamond als ein komplexer Prozess verstehen, der hinsichtlich drei Akteursebenen untergliedert werden kann. Der Genese von Legitimität in den Augen der Bevölkerung kommt im Rahmen dieses Konzeptes eine zentrale Bedeutung für die Konsolidierung von Demokratie zu. Diese Annahme, die einen zentralen Gedanken der politischen Kulturforschung wider spiegelt, kann mit Hilfe des Konzepts der politischen Unterstützung theoretisch differen-ziert und für eine empirische Überprüfung operationalisierbar gemacht werden.

2.2 Das Konzept der politischen Unterstützung

Im Folgenden wird zunächst das ursprüngliche Konzept politischer Unterstützung von David Easton vorgestellt und in die politische Kulturforschung eingebettet (Kapitel 2.2.1). In einem nächsten Schritt soll das Konzept politischer Unterstützung nach Fuchs skizziert werden, das Eastons Theorie aufgreift und modifiziert und das als theoretischer Bezugs-rahmen für die empirische Analyse dieser Arbeit dienen wird (Kapitel 2.2.2). Schließlich werden mit den Performanzbewertungen die im Rahmen von Fuchs’ Kausalmodell rele-vanten Determinanten politischer Unterstützung erläutert (Kapitel 2.2.3).

2.2.1 David Eastons Konzept politischer Unterstützung

Das Konzept der politischen Unterstützung nach Easton hat seine Wurzeln in der poli-tischen Kulturforschung, die maßgeblich durch die frühen Arbeiten von Almond und Verba geprägt wurde. Das zentrale Argument von Almond und Verba besagt, dass die Stabilität politischer Systeme zu einem wesentlichen Teil davon abhängt, ob die Einstell-ungen der Bevölkerung mit den Strukturen des Systems übereinstimmen (vgl. Almond/Verba 1963: 21-34). Die ursprüngliche Arbeit von Almond und Verba unter-scheidet zwischen drei Orientierungsmodi (affektive, evaluative und kognitive Orientier-ungen) und ordnet diese vier verschiedenen Objektgruppen (System, Inputs, Outputs, Individuum als Objekt) zu, so dass in der Konsequenz eine komplexe Matrix aus insge-samt zwölf Feldern entsteht, die politische Einstellungen identifiziert, denen eine Rele-vanz für die Stabilität politischer Systeme unterstellt werden kann (vgl. Almond/Verba 1963: 16-17). In späteren Arbeiten wurde dieses aufgrund seines Umfangs in analytischer Hinsicht etwas sperrige Konzept eingegrenzt. Dies geschah im Wesentlichen dadurch, dass man zwischen „system culture“, „process culture“ und „polity culture“ (Almond 1980: 27-28) unterschied und lediglich den Einstellungen auf der Ebene der ‚system culture’ Relevanz für die Stabilität demokratischer Systeme zuschrieb (vgl. Fuchs 2002: 30).

Easton greift mit seinem Konzept politischer Unterstützung dieses zentrale Postulat der Kongruenz von Struktur (demokratische Institutionen) und Kultur (politische Einstellung-en der Bevölkerung) als wesentliche Determinante der Stabilität politischer Systeme auf (vgl. Fuchs 2002: 31). Easton verdeutlicht diesen Zusammenhang zwischen den Einstell-ungen der Bevölkerung und der Stabilität des politischen Systems, indem er sein Konzept in eine funktionale Systemtheorie einbettet (vgl. Fuchs 1989: 13; Westle 1989: 28-29). Politische Unterstützung wird in theoretischer Hinsicht als eine Variable behandelt, mit Hilfe derer die Stabilität politischer Systeme auf der Makro-Ebene erklärt wird. Da sich politische Unterstützung auf dieser Ebene jedoch nicht sinnvoll erfassen und messbar machen lässt und im Kern durch Einstellungen der Bevölkerung konstituiert wird, erfolgt die empirische Messung des Konzepts durch Aggregation von Einstellungen, die auf der Mikro-Ebene erfasst wurden (vgl. Fuchs 1989: 5).

Um die Konsequenzen von Eastons Konzept für die Stabilität – bzw. in der Terminologie Eastons ‚Persistenz’2 – politischer Systeme nachvollziehbar zu machen, ist es zunächst erforderlich, einige Grundgedanken seiner funktionalistischen Systemtheorie zu skizzier-en.

Easton sieht in der verbindlichen Zuweisung von Werten (sowohl ethischen als auch materiellen Werte) an die Gesellschaft die zentrale Aufgabe des politischen Systems (vgl. Easton 1976: 435). Das politische System stellt hierfür Verfahren und Strukturen zur Verfügung, im Rahmen derer Forderungen aus der Gesellschaft (demands) aufgenommen und in bindende politische Entscheidungen (outputs) umgewandelt werden. Damit ein politisches System diese Funktion erfüllen kann, müssen seine Entscheidungen von der Gesellschaft als bindend und verpflichtend anerkannt werden (vgl. Easton 1976: 432-433). Dies ist dann der Fall, wenn das politische System – auf diversen Ebenen – Legitimität3 bzw. politische Unterstützung seiner Bürger genießt. Politische Unterstützung ist in dieser Perspektive also eine entscheidende Voraussetzung für die Persistenz eines politischen Systems, da es nur bei einem ausreichendem Maß an politischer Unterstützung seine Funktion der autoritativen Allokation von Werten an die Gesellschaft erfüllen kann (vgl. Fuchs 1989: 13). Dies gilt in besonderer Weise für demokratische Systeme: Während autoritäre Systeme auf Zwang und Gewalt zurückgreifen, um ihren Entscheidungen in den Augen der Bürger einen verbindlichen Charakter zu verleihen, können demokratische Systeme dies nur durch eine Minimalisierung an Zwangsmaßnahmen erreichen. Sie sind folglich umso mehr auf Legitimität bzw. politische Unterstützung durch die Bevölkerung angewiesen (vgl. Westle 1989: 51).

Politische Unterstützung wird nach Easton als eine bewertende Einstellung definiert, anhand derer eine Person eine wertende Haltung gegenüber politischen Objekten ein-nimmt (vgl. Easton 1975: 436). Diese Bewertung kann auf drei unterschiedliche Kategor-ien von politischen Objekten gerichtet sein, nämlich auf die politische Gemeinschaft, auf das Regime und auf die politischen Autoritäten.

Easton definiert die politische Gemeinschaft als „a group of persons bound together by a political division of labor“ (Easton 1965: 177). Es handelt sich bei diesem Objekt um eine Gruppe von Personen, die an derselben politischen Einheit teilhaben und in diesem Sinne durch ein „gemeinsame[s] politische[s] Unternehmen“ (Westle 1989: 52) verbunden sind. Fuchs, der die mangelnde analytische Schärfe von Eastons Definition kritisiert, referiert bei der analytischen Klärung des Begriffs zunächst auf die Gesamtheit aller Mitglieder eines Systems, die durch die formal in der Verfassung festgeschriebene Staatsbürger-schaft bestimmt wird. Auf der Grundlage der Systemmitgliedschaft wird die Unterstütz-ung der politischen Gemeinschaft durch die Ausprägung eines Gemeinschaftsgefühls affektiv bewertet und damit zugleich auch konstituiert (vgl. Fuchs 1989: 118-119). Bei der Unterstützung der politischen Gemeinschaft handelt es sich demnach um eine affektive Bewertung der Zugehörigkeit zu einer politischen Einheit. Mit Blick auf die Persistenz politischer Systeme ist die Unterstützung der politischen Gemeinschaft erforderlich, da sie nach Easton die grundsätzliche Bereitschaft der Mitglieder ausdrückt, innerhalb eines bestimmten institutionellen Settings zu kooperieren, um Konflikte zu lösen und eigene Interessen zu verfolgen und durchzusetzen. Diese Bereitschaft bezieht sich jedoch nicht auf die konkrete Ausgestaltung dieser Institutionen (das ist auf der Regime-Ebene der Fall), sondern alleine auf die Tatsache, dass eine Bereitschaft zu Ko-operation besteht (vgl. Fuchs 1989: 120).

Unter Regime versteht Easton Verfahren und Strukturen, welche die Umwandlung gesell-schaftlicher Forderungen (‚Demands’) in für alle Systemmitglieder verbindliche Entschei-dungen reglementieren und überwachen. Es handelt sich dabei um „some basic procedures and rules relating to the means through which controversy over demands [is] to be regulated” (Easton 1965: 191). Aus Sicht der Mitglieder eines politischen Systems ermöglicht das Regime relativ stabile Verhaltenserwartungen bezüglich der Verfahren und Möglichkeiten, die allgemein akzeptiert sind, um demands in Outputs umzuwandeln. Das Regime legt dabei nicht nur fest, welche demands als legitim erachtet werden, sondern regelt zudem die Verfahren und Prozesse der gesellschaftlichen Artikulation von demands sowie die Struktur des politischen Systems, um diese aufzunehmen und in allgemein verbindliche Entscheidungen umzuwandeln. Konkret geschieht dies durch die Formulierung von Handlungsrestriktionen (‚constraints’), welche für alle politischen Akteure und Institutionen auf allen Systemebenen Gültigkeit besitzen (vgl. Easton 1965: 192-193). Besteht innerhalb eines politischen Systems keine Einigkeit über diese grund-legenden Verfahren, also über das Regime, so würde politische Entscheidungsfindung folglich ernsthaft behindert: Die Akteure wären sich in einer solchen Situation nicht nur hinsichtlich sachlicher Streitfragen, sondern auch hinsichtlich der grundlegenden Ver-fahren und Wege zur Klärung dieser Fragen bzw. zur Umwandlung bereits artikulierter Interessen in politische Entscheidungen uneinig. Da politische Entscheidungsfindung in einer derartigen Situation äußerst langwierig wäre, ist politische Unterstützung auf dieser Objektebene von zentraler Bedeutung für die Persistenz politischer Systeme. Als Kompo-nenten des Regimes unterscheidet Easton zwischen zu Grunde liegenden Werten und Normen sowie der institutionellen Struktur des Systems (vgl. Easton 1965: 193).

Als dritte Objektebene nennt Easton schließlich die politischen Autoritäten, also dieje-nigen Personen, die innerhalb eines politischen Systems als Amts- oder Mandatsträger fungieren. Wichtig ist an dieser Stelle, dass sich Easton im Rahmen dieser Objektebene nicht auf durch die institutionelle Struktur vorgegebene Rollen politischer Autoritäten bezieht, die er der strukturellen Komponente des Regimes zuordnet (vgl. Easton 1965: 212-213). Vielmehr geht es hier um die Inhaber von Autoritätsrollen und deren Verhalten, also um die Personen, die im Rahmen eines bestimmten Amtes oder durch ein Mandat eine bestimmte Zeit lang für die Umsetzung verbindlicher Entscheidungen im Rahmen ihrer Rollenbefugnisse verantwortlich sind. Aus dieser Eigenschaft heraus lässt sich auch die Bedeutung von Unterstützung auf dieser Objektebene für die Persistenz des Gesamt-systems ableiten: Damit ein politisches System allgemein verbindliche Entscheidungen zur Regelung gesellschaftlicher Konflikte herbeiführen kann, ist es erforderlich, dass die für die konkrete Durchführung der Entscheidungen verantwortlichen Autoritäten in den Augen der Bürger ein Mindestmaß an Akzeptanz finden (vgl. Fuchs 1989: 108-109).

Die auf die drei genannten Objekte eines politischen Systems gerichteten Bewertungen unterteilt Easton in zwei Unterstützungsarten, nämlich in spezifische und diffuse Unter-stützung, die aus verschiedenen Quellen resultieren und deren Ausprägung auf Makro-Ebene von unterschiedlicher Relevanz für die Persistenz demokratischer Systeme ist. Spezifische Unterstützung resultiert aus Leistungsbewertungen der politischen Autoritäten und spiegelt somit die Zufriedenheit eines Individuums mit Outputs und Performanz dieser Autoritäten wider (vgl. Easton 1975: 437). Eastons Idee von spezifischer Unter-stützung basiert auf verschiedenen Prämissen: Individuen müssen demnach in der Lage sein, erstens, nicht nur politische Autoritäten, sondern auch deren relevante Outputs oder Verhaltensweisen zu identifizieren und, zweitens, eine Verbindung zwischen der Perfor-manz dieser Autoritäten und den eigenen Wünschen und Präferenzen herzustellen (vgl. Easton 1975: 437-438). Gegen diese Annahmen ist wiederholt Kritik vorgebracht worden, hauptsächlich mit dem Argument, dass ein großer Teil von Bürgern nicht über die ent-sprechenden kognitiven Fähigkeiten verfügen dürfte, um eine differenzierte Präferenzord-nung zu artikulieren, politische Eliten zu identifizieren und eine Verbindung zwischen Präferenzordnung und Performanz der Autoritäten herzustellen (vgl. Easton 1975: 439­443).

Wesentlich wichtiger für die Stabilität eines politischen Systems ist hingegen die diffuse Unterstützung, im Rahmen derer ein Objekt nicht aufgrund erbrachter Leistung oder Performanz unterstützt wird, sondern um seiner selbst willen bzw. „um das, was es ist oder repräsentiert und nicht um das, was es tut“ (Fuchs 1989: 14). In dieser Eigenschaft ist diffuse Unterstützung als eine affektive Einstellung zu verstehen, wo hingegen spe-zifische Unterstützung einen evaluativen Charakter hat. Diffuse Unterstützung wird nach Easton in frühen Jugendjahren durch die Sozialisation in einem bestimmten politischen System generiert, kann jedoch auch zu einem späteren Zeitpunkt z.B. durch direkte Erfahrungen im Erwachsenenalter erworben werden (vgl. Easton 1975: 445-446). Nach Easton handelt es sich bei diffuser Unterstützung um eine langfristige, stabile Bindung an politische Objekte, die zumindest kurz- und mittelfristig nicht durch positive oder negative Leistungsbewertungen beeinflusst wird. Dies macht diffuse Unterstützung im Gegensatz zur spezifischen Unterstützungsart zu einer überlebenswichtigen ‚Ressource’ für politische Systeme, da ein System – solange es ein hohes Maß an diffuser Unterstütz-ung genießt – trotz in den Augen der Bürger unbefriedigender Outputs über eine be-stimmte Zeit hinweg über ein „reservoir of favorable attitudes or good will“ (Easton 1965: 273) verfügt und demnach nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird. Doch die Charakterisierung dieser Unterstützungsart als eine dauerhafte affektive Bindung an ein Objekt schließt eine Wechselwirkung zwischen spezifischer und diffuser Unterstützung nicht gänzlich aus: So ist es durchaus möglich, dass in jungen politischen Regimen, die gerade aus einem Transformationsprozess hervorgegangen sind, die Outputzufriedenheit der Bürger (spezifische Unterstützung) langfristig zur Herausbildung von diffuser Unter-stützung führt. Aber auch im umgekehrten Sinne ist es möglich, dass eine länger an-dauernde Unzufriedenheit mit Outputs zur Erosion diffuser Unterstützung für das Regime führen kann (vgl. Westle 1989: 63).

In einem weiterführenden Schritt unterscheidet Easton zwei Arten diffuser Unterstützung, die er lediglich den Objekten ‚Regime’ und ‚Autoritäten’ zuordnet. Die beiden Subkate-gorien diffuser Unterstützung werden im Wesentlichen durch ihre unterschiedlichen Quellen definiert: Die erste Kategorie, ‚Vertrauen’, hat ihren Ursprung – ähnlich wie spezifische Unterstützung – in Leistungsbewertungen politischer Autoritäten. Während spezifische Unterstützung eher als eine kurzfristig orientierte Zufriedenheit mit Outputs konzipiert ist, basiert Vertrauen auf einer Serie an Performanzbewertungen und kann somit als eine generalisierte, längerfristige Zufriedenheit mit den politischen Autoritäten verstanden werden (vgl. Easton 1975: 448-449). Legitimität hingegen „reflects the fact that in some vague or explicit way a person sees (...) objects as conforming to his own moral principles, his own sense of what is right and proper in the political sphere” (Easton 1975: 451). Im Gegensatz zu Vertrauen modelliert Easton Legitimität somit als eine Unterstützungsart, die weniger auf instrumentellen als auf moralischen Kriterien beruht. In einem weiteren Schritt unterscheidet Easton drei Formen von Legitimität, die sich auf das Regime und auf die politischen Autoritäten beziehen können (ideologische, strukturelle und personelle Legitimität) (vgl. Easton 1975: 451-452). Diese Differenzier-ung ist für das Vorhaben dieser Arbeit nicht von Relevanz und wird daher nicht weiter verfolgt.

Die zuvor erläuterten Grundlagen von Eastons Konzept politischer Unterstützung werden in Abbildung 2 zusammengefasst. Wie die Zusammenstellung erkennen lässt, zeichnet sich Eastons Modell durch eine asymmetrische Zuordnung der Unterstützungsarten zu den insgesamt drei Objekt-Ebenen aus: Während spezifische Unterstützung lediglich den politischen Autoritäten zugeordnet wird, kann sich diffuse Unterstützung auf sämtliche Objekte eines politischen Systems beziehen.

Abbildung 2: Eastons Konzept politischer Unterstützung (nach Fuchs 1989: 18)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auch wenn Eastons Modell die politische Kulturforschung nachhaltig geprägt hat und bis heute als Grundlage zahlreicher empirischer Studien auf Einstellungsebene fungiert, lassen sich durchaus einige Unklarheiten an seinem Konzept identifizieren (vgl. hierzu: Fuchs 1989: 19-20; Westle 1989: 73-90). Ein erster Kritikpunkt betrifft die genaue Ab-grenzung der beiden Unterstützungsarten. Easton führt zunächst den Outputbezug als Abgrenzungskriterium ein, indem er diffuse Unterstützung als eine Einstellung modelliert, die als unabhängig von Outputs und Performanzbewertung zu verstehen ist. Im Rahmen seiner Differenzierung diffuser Unterstützung in die beiden Kategorien ‚Vertrauen’ und ‚Legitimität’ führt er jedoch den Outputbezug wieder als Kriterium ein, auch wenn er die Trennschärfe dieses Kriteriums durch den Begriff der ‚Generalisierung’ abzuschwächen versucht (vgl. Easton 1965: 448). Wie Fuchs treffend bemerkt, ist auch das zweite Unter-scheidungskriterium der beiden Unterstützungstypen, der Objektbezug, nur bedingt ge-eignet, um spezifische und diffuse Unterstützung klar voneinander abzugrenzen: Hier er- schwert die asymmetrische Zuordnung eine genaue Unterscheidung, da die Ebene der Autoritäten als einzige der drei Objektgruppen beiden Unterstützungsarten zugeordnet werden kann (vgl. Fuchs 1989: 19-20).

Ein zweiter Kritikpunkt ist zu formulieren: So gelingt es Easton nicht, trotz der entschei-denden Bedeutung dieser Einstellung für die Persistenz eines politischen Systems, diffuse Unterstützung letztlich genau und damit überzeugend zu bestimmen. Fuchs merkt diesbezüglich an, dass diffuse Unterstützung bei Easton zunächst als eine „’irrationale’ Einstellung mit primär affektivem Charakter erscheint“ (Fuchs 1989: 20), gegenüber der sich spezifische Unterstützung durch seinen instrumentellen, evaluativen Charakter abhebt. Indem er bei der Abgrenzung von Vertrauen und Legitimität jedoch wieder Be-wertungsstandards einführt (Vertrauen - instrumentell; Legitimität - moralisch), ver-liert diffuse Unterstützung diese irrationale Färbung und erscheint wiederum als eine eher rationale, evaluative Einstellung (vgl. Fuchs 1989: 20).

Trotz dieser theoretischen Unklarheiten stellt Eastons Modell der politischen Unter-stützung heute innerhalb der politischen Kulturforschung ein wichtiges Analyseraster dar, auf das die meisten empirischen Studien zur Zufriedenheit der Bürger mit politischem System oder Autoritäten Bezug nehmen. Das Konzept der politischen Unterstützung verdankt seinen Stellenwert v.a. seiner Einbettung in die Systemtheorie Eastons, wodurch das Konzept zu einem wertvollen Erklärungsansatz für die Persistenz politischer Systeme wird. Darüber hinaus lassen sich die einzelnen Variablen relativ leicht operationalisieren und für eine empirische Überprüfung nutzbar machen. Die vorliegende Arbeit beruht auf einem Modell politischer Unterstützung nach Fuchs, das einige der vorgebrachten Kritikpunkte aufgreift und das Konstrukt mit Hilfe eines Kausalmodells in die politische Kulturforschung einbettet.

2.2.2 Modell politischer Unterstützung nach Fuchs

Eine Weiterentwicklung der Arbeiten von Easton erfolgte durch Fuchs, dessen Konzep-tion von politischer Unterstützung diversen empirischen Forschungsarbeiten zu politisch-er Unterstützung zu Grunde liegt (Fuchs 1995 und 1999; Gaber 2006; Fuchs/Roller 2006). Ausgangspunkt der Überlegungen von Fuchs ist das Kongruenzpostulat der politischen Kulturforschung, wonach die Persistenz politischer Systeme die Übereinstimmung von Einstellungen (Kultur) und Institutionen (Struktur) voraussetzt (vgl. Kapitel 2.2.1).

Fuchs entwirft in einem ersten Schritt ein Kausalmodell politischer Kultur, im Rahmen dessen er die impliziten Kausalannahmen der Arbeiten von Almond und Verba zu-sammenfasst und den Zusammenhang zwischen politischer Kultur und Persistenz demo-kratischer Regime modellhaft herausarbeitet (vgl. Fuchs 2002: 33-36). Fuchs unterschei-det demnach drei hierarchisch angeordnete Ebenen eines demokratischen Systems: Kultur (politische Orientierung bezüglich des wünschenswerten Regimetyps), Struktur (die tatsächliche institutionelle Struktur des Regimes im Land) und Prozess (Handeln der poli-tischen Akteure). Wechselwirkungen zwischen den Ebenen werden anhand von Kausal-beziehungen dargestellt, die ihren Ausgang in der hierarchisch übergeordneten Ebene der Kultur nehmen: Die grundlegenden Werte eines Regimes beeinflussen nicht nur das Verhalten der Akteure, sondern finden auch als regulative Ideen Eingang in die Ver-fassung und fließen somit in die institutionelle Gestaltung des Landes mit ein. Die durch Verfassung und Institutionen konstituierte Ebene der Struktur wiederum enthält verbind-liche Normen, die das Verhalten der Akteure im Rahmen des politischen Prozesses regu-lieren (vgl. Fuchs 2002: 36).

In einem weiterführenden Schritt wird dieses Mehrebenenmodell demokratischer Systeme als ein Einstellungsmodell dargestellt, um an das Konzept politischer Unterstützung nach Easton anzuknüpfen. Fuchs bezieht sich auf die drei Objektebenen, die nach Almond der „’ system’ culture“ (Almond 1980: 28) zuzurechnen sind nämlich die Bindung an grund-legende demokratische Werte und Normen (Werte), die Unterstützung des demokra-tischen Regimes eines Landes (Struktur) sowie die Zufriedenheit mit dem Funktionieren von Demokratie im eigenen Land bzw. mit der Performanz der Demokratie (Prozess) (vgl. Fuchs 1999: 124). Als viertes Objekt wird die nationale Regierung als der zentrale politische Akteur eines politischen Systems mit berücksichtigt.

Ein entscheidender Vorteil des Modells von Fuchs gegenüber Eastons ursprünglichen Überlegungen besteht darin, dass es Kausalbeziehungen zwischen den unterschiedlichen Objektebenen postuliert, die Easton nur vage andeutet, indem er von verschiedenen Quellen (‚sources’) der Unterstützung des demokratischen Regimes spricht: Nach Easton wird Legitimität dadurch gebildet, dass eine Übereinstimmung zwischen den Einstell-ungen der Bevölkerung und den Werten und Normen besteht, die durch das Regime des Landes verkörpert werden. Vertrauen entspringe hingegen generalisierten Performanz-bewertungen der Bürger (vgl. Easton 1975: 447-453). Fuchs interpretiert die beiden Quellen diffuser Regimeunterstützung bei Easton als Kausalzusammenhänge und führt diese in sein Modell politischer Unterstützung ein (Abbildung 3): Wie das Schaubild zeigt, kommt der Unterstützung des demokratischen Regimes eines Landes eine zentrale Bedeu-tung für die Persistenz und damit für die Konsolidierung von Demokratie zu. Diese Ein-stellung wird im Modell einerseits durch die Zufriedenheit mit dem Funktionieren von Demokratie (Demokratische Performanz), andererseits durch die Bindung an demokra-tische Werte und Normen beeinflusst. Die Unterstützung der politischen Gemeinschaft, die in Eastons Konzept von wesentlich größerer Bedeutung für die Persistenz von Demo-kratie ist, hat in diesem Modell keine unmittelbaren systemischen Konsequenzen und wird hier als zusätzliche Determinante der Unterstützung des Regimes im Land gesehen (vgl. Fuchs 2002: 43-44). Doch neben den Kausalbeziehungen zwischen den einzelnen Ebenen politischer Unterstützung skizziert Fuchs mit den Performanzbewertungen auch ein Faktorenbündel, das auf zwei Ebenen auf politische Unterstützung einwirkt. Eine detaillierte Vorstellung von Performanzbewertungen als Determinante politischer Unter-stützung erfolgt in Kapitel 2.2.3.

Abbildung 3: Modell politischer Unterstützung nach Fuchs (Quelle: Fuchs 1999, Ergänzungen durch den Autor)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Konzeption politischer Unterstützung bei Fuchs weicht damit in einigen Punkten von dem ursprünglichen Modell Eastons ab: Versteht Easton die Identifikation der Bürger mit der politischen Gemeinschaft als zentrale Bedingung für die Persistenz aller demokra-tischer Systeme, so weist Fuchs auf die explizite Fokussierung politischer Kultur und damit auch des Konzepts politischer Unterstützung auf die Bindung an demokratische Werte hin. In der Konsequenz schließt er die Identifikation mit der politischen Gemein-schaft aus den Konzepten der politischen Kultur und der politischen Unterstützung aus und setzt sie als eigenständiges Konzept in einen theoretischen Zusammenhang mit politischer Unterstützung (vgl. Fuchs 1999: 124; Fuchs 2002: 43-44).

Fuchs stellt darüber hinaus die Unterstützung des demokratischen Regimes in einem Land als zentrale Determinante der Systempersistenz in den Mittelpunkt seines Modells. Das Regime eines Landes wird nach Fuchs lediglich durch die institutionelle Struktur definiert, während er Werte und Normen, die Easton als Bestandteil des Regimes bezeichnet, als eigene Objektebene behandelt (vgl. Fuchs 2002: 37). Indem die Ebene der demokratisch-en Werte aus dem Konstrukt des Regimes herausgelöst wird, eröffnet Fuchs eine weitere, für die Persistenz politischer Systeme relevante Fragestellung: So ist demnach eine Konstellation denkbar, in der die Bürger eines Landes demokratische Werte mehrheitlich zwar unterstützen und Demokratie grundsätzlich als die beste Staatsform akzeptieren, aber gleichzeitig mit der konkreten Implementierung von Demokratie in ihrem Land unzufrieden sind. Dies eröffnet die Möglichkeit, die Bürger hinsichtlich der von ihnen unterstützten normativen Demokratiemodelle zu befragen und diese Präferenzen mit der herrschenden Form von Demokratie in einem Land zu vergleichen (z.B. Fuchs 1999 für Ostdeutschland).

Ein weiterer Unterschied zu Eastons Konzept politischer Unterstützung ist in der Rolle der politischen Autoritäten zu verorten. Während Easton die Unterstützung politischer Entscheidungsträger als eine notwendige Bedingung dafür erachtet, dass ein politisches System seine Funktion der Umwandlung gesellschaftlicher Forderungen in verbindliche Entscheidungen erfüllen kann, spricht Fuchs den Einstellungen zu politischen Autoritäten unmittelbare Konsequenzen für die Persistenz des Systems ab. Er begründet dies im Kern damit, dass es sich bei den Leistungsbewertungen politischer Entscheidungsträger um äußerst kurzfristig wirksame Einstellungen handelt, die auf der tagesaktuellen Politik und damit auf häufig wechselnden Akteuren und Policies basieren, während politische Kultur (und damit auch das Konzept der politischen Unterstützung) durch „grundlegende und dauerhafte Einstellungen“ konstituiert werde (Fuchs 2002: 39). Diese Annahme hat bedeutsame theoretische Konsequenzen: Indem Performanzbewertungen politischer Autoritäten lediglich mittelbare Effekte auf die Unterstützung des Regimes zugeschrieben werden (vermittelt über die Zufriedenheit mit der Performanz von Demokratie), wird unterstellt, dass sich Unzufriedenheit mit den Outputs politischer Autoritäten nicht direkt auf die Unterstützung des Regimes in einem Land auswirken. Bei Unzufriedenheit mit den Leistungen politischer Entscheidungsträger können diese aus dem Amt gewählt werden (Regierungs-Oppositions-Mechanismus), wodurch Frustration über die alltägliche Politik von der Regime-Ebene ferngehalten wird (vgl. Fuchs 2002: 38).

Das Modell politischer Unterstützung nach Fuchs zeichnet sich dadurch aus, dass es die Überlegungen von Easton zur Persistenz politischer Systeme in ein Kausalmodell poli-tischer Kultur einbettet und daraus kausale Beziehungen zwischen den diversen Ebenen politischer Unterstützung ableitet. Die einzelnen Objekte politischer Unterstützung sind im Gegensatz zu Easton außerdem theoretisch klarer differenziert und lassen sich dem-nach leichter operationalisieren und messen. Auch die vorliegende Arbeit stützt sich bei der Konzipierung und Messung politischer Unterstützung in Südafrika auf das Modell von Fuchs. Trotz seiner theoretischen Plausibilität ist im weiteren Verlauf die Frage zu stellen, ob dieses im europäischen Kontext konzipierte und empirisch überprüfte Modell im Rahmen seiner Anwendung auf ein afrikanisches Land, das sich hinsichtlich der Lebenswirklichkeit seiner Menschen stark von europäischen Ländern unterscheidet, modifiziert werden muss. Dies kann z.B. durch die Berücksichtigung der Variable ‚Ethni-zität’ sowie durch eine kontextgerechte Operationalisierung diverser Variablen aus Fuchs’ Kausalmodell geschehen.

Während in diesem Kapitel zunächst die Elemente des Unterstützungskonzepts von Fuchs erläutert und Wirkungszusammenhänge zwischen den einzelnen Ebenen skizziert wurden, lenkt das folgende Kapitel den Fokus auf Performanzbewertungen als Determinanten politischer Unterstützung.

2.2.3 Determinanten politischer Unterstützung

Im bisherigen Verlauf der Arbeit wurde politische Unterstützung als ein Konzept vorge-stellt, mit Hilfe dessen die Relevanz von Einstellungen der Bevölkerung für die Persistenz politischer Systeme theoretisch begründet werden kann. Nachdem mit dem Ansatz von Fuchs das hier zu Grunde gelegte Modell politischer Unterstützung beschrieben wurde, sollen schließlich in diesem Kapitel mögliche Determinanten politischer Unterstützung beschrieben werden. Wenn diese identifiziert und empirisch überprüft werden, kann eine Einschätzung darüber abgegeben werden, wovon die Legitimitätsüberzeugungen der Bür-ger eines Landes abhängen und was dies für die Chancen auf demokratische Konsolidier-ung eines Landes bedeutet.

In der Literatur findet sich eine Vielzahl möglicher Erklärungsvariablen für die Ausprä-gung von politischer Unterstützung bzw. von Legitimität, die hier nicht detailliert wieder-gegeben werden können. Im Kern sehen die meisten politikwissenschaftlichen Arbeiten politische Einstellungen und Unterstützung als das Produkt von Performanzbewertungen der Bürger oder als Ergebnis von Sozialisationsprozessen.

Gemäß der Sozialisationshypothese werden politische Einstellungen durch Sozialisation in den Kindheitsjahren erworben, womit sie maßgeblich durch die politischen Institutio-nen beeinflusst werden, denen ein Individuum in dieser Zeit ausgesetzt ist (vgl. Rose/Mishler/Haerpfer 1998: 116; Mishler/Rose 2002: 7). Für ehemals autoritäre Syste-me, die einen Regimewechsel hin zur Demokratie durchlaufen haben, würde eine solche Perspektive durchaus problematische Folgen für die Konsolidierung bedeuten, da sich gemäß der Logik dieses Ansatzes demokratische Werte und Einstellungen nur bedingt in autoritären Systemen herausbilden können (vgl. Fuchs 1999: 128-130). Auch nachdem das neue, demokratische System etabliert wäre, würde die Genese politischer Unterstütz-ung sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, da es sich bei Sozialisation um einen langwier-igen Prozess handelt.

Ein größerer Teil an politikwissenschaftlichen Arbeiten zu politischer Unterstützung bezieht sich stärker auf Performanzbewertungen als Determinante politischer Unterstütz-ung (Evans/Whitefield 1995; Przeworski 1995; Rose/Mishler/Haerpfer 1998; Mishler/Rose 2002; Fuchs/Roller 2006). Im Gegensatz zur Sozialisationshypothese legen performanzzentrierte Ansätze den Fokus nicht auf vergangene Sozialisationsprozesse, sondern auf die aktuellen Erfahrungen, die ein Individuum zum gegenwärtigen Zeitpunkt mit den Leistungen eines Regimes bzw. seiner zentralen Akteure macht: „Citizens learn to evaluate regimes from the feedback of government performance rather than from pre­adult socialization (...). Citizens are expected to ask of governors ‚What have you done for me lately?’ or ‘What can you deliver tomorrow?’“ (Mishler/Rose 2002: 6). Die Herausbildung von politischer Unterstützung geschieht folglich nur dann, wenn die Outputs oder Performanz eines Regimes den Erwartungen der Bürger an das Regime entsprechen (vgl. Rohrschneider 1999: 26).

Die Existenz politischer Unterstützung und pro-demokratischer Einstellungen ist v.a. für junge Demokratien, die aus einem vormals autoritären Regime hervorgegangen sind, von existentieller Bedeutung. Die Frage nach den Determinanten politischer Unterstützung ist daher im Falle junger Demokratien äußerst brisant: Mishler und Rose, die Sozialisation und Performanzbewertungen als Quellen politischer Unterstützung definieren, charakteri-sieren den Augenblick nach einem Regimewechsel folglich als totalen Neustart hinsicht-lich der Genese politischer Unterstützung. Die Bürger dieser Staaten hätten den überwie-genden Teil ihres Lebens unter einem autoritären System verbracht und müssten pro-demokratische Normen und Einstellungen demnach von Grund auf neu erlernen, wobei Performanzbewertungen eine wichtige Rolle einnehmen (vgl. Mishler/Rose 2002: 5-6). In einer solchen Situation, die auch auf das Fallbeispiel Südafrika zutrifft, spielt im Rahmen der Zuschreibung von Performanz der Vergleich zwischen dem aktuellen demokratischen und dem autoritären Vorgängerregime eine wichtige Rolle. Manche Autoren plädieren jedoch dafür, diesen dyadischen Vergleich als Grundlage für die Herausbildung politischer Unterstützung zu einer triadischen Perspektive zu erweitern und neben Sozialisation und Performanz zusätzliche Quellen für die Genese politischer Einstellungen zu berücksichtigen: So ist beispielsweise anzunehmen, dass die Bürger der ehemaligen sozialistischen Staaten Osteuropas zum Zeitpunkt des Regimewechsels nicht nur zwischen dem neuen (demokratischen) und dem vorherigen (sozialistischen) System unterschieden, sondern aufgrund der Diffusion von Informationen – Roller spricht hier von „system-externem Lernen“ (Roller 1994: 107) – auch über die westlichen Demokra-tien informiert waren, deren offensichtlich überlegene Performanz schließlich wesentlich zum Zusammenbruch des Sozialismus in Europa beitrug (vgl. Fuchs/Roller 2006: 76-77).

Auch wenn performanzbasierte Theorien und die Sozialisationshypothese theoretisch oftmals als kontroverse Positionen charakterisiert werden, lassen sich beide Ansätze durchaus kombinieren. Gemeinsam ist beiden Erklärungsansätzen, dass sie gleichermaßen politische Unterstützung als das Ergebnis eines Lernprozesses betrachten. Jedoch unter-scheiden sich beide Ansätze hinsichtlich der zentralen Agenten bzw. des Zeitpunktes der Lernprozesse: Während die Sozialisationshypothese frühe Lebensphasen und den Einfluss von Eltern und anderer nicht-politischer Sozialisationsagenten betont, heben Performanz basierte Ansätze die Bedeutung von Erfahrungen im Erwachsenenalter mit Performanz für die Herausbildung politischer Unterstützung hervor (vgl. Rose/Mishler 2002: 8). Als explizites Beispiel für die Vereinbarkeit beider Ansätze kann das von Mishler und Rose formulierte ‚Lifetime Learning-Modell’ gesehen werden, wonach politische Einstellungen und Werte zunächst durch primäre Sozialisationsagenten (Eltern) und Erfahrungen in frühen Lebensjahren erworben und durch spätere (performanzbasierte) Erfahrungen im Erwachsenenalter regelmäßig – verstärkend oder abschwächend – modifiziert werden (vgl. Mishler/Rose 2001: 309).

Kommen wir auf das Kausalmodell von Fuchs zurück, so nehmen Performanzbewertung-en auch hier einen zentralen Stellenwert als Determinanten politischer Unterstützung ein. In dem Modell haben Performanzbewertungen einen Einfluss auf die Unterstützung der Regierung sowie auf die Unterstützung hinsichtlich des Funktionierens von Demokratie (vgl. Fuchs 1999: 124). Auch wenn die Wirkung von Performanzbewertungen somit auf den beiden hierarchisch niedrigsten Ebenen politischer Unterstützung verortet wird, haben negative Leistungsbewertungen aufgrund von Generalisierungseffekten zwischen den einzelnen Objektebenen politischer Unterstützung de facto Konsequenzen für die Unterstützung des demokratischen Regimes eines Landes und damit für die Persistenz von Demokratie.

Fuchs unterscheidet zwischen systemischer und demokratischer Performanz: Bei syste-mischer Performanz handelt es sich um Leistungen, welche die Bürger eines jeden Staates von dem politischen System erwarten unabhängig von dessen Gestaltung oder Charakter (Wirtschaftsentwicklung, Sicherheit, Infrastruktur). Demokratische Performanz hingegen umfasst Leistungen, die Bürger speziell von demokratischen Regimen erwarten wie z.B. transparente Regierungsführung, die Gewährung grundlegender individueller Freiheiten oder die Einhaltung von Menschenrechten (vgl. Fuchs 1998: 151-152). Fuchs ordnet systemische Performanz als Determinante der Unterstützung der Regierung in sein Kausalmodell ein. Dies ist plausibel, da Bürger die nationale Regierung in der Regel als den zentralen Gestalter der Politik ihres Landes wahrnehmen und dementsprechend der Regierung Verantwortung für die Generierung von Outputs auf zahlreichen Politikfeldern zuschreiben (vgl. Lawrence 1997: 130). Die Wahrnehmung demokratischer Performanz wirkt sich hingegen nach Fuchs nicht auf die Unterstützung der Regierung, sondern vielmehr auf die Wahrnehmung des Funktionierens von Demokratie im Land aus.

An dieser Stelle ist jedoch darauf zu verweisen, dass die theoretische Unterscheidung zwischen systemischer Performanz einerseits, also der Leistung eines politischen Systems, und der Performanz der Regierung andererseits durchaus problematisch ist. Beide Kon-strukte liegen theoretisch sehr eng beieinander und so ist es erforderlich, empirisch zu testen, ob die Befragten tatsächlich die theoretisch postulierte Trennung zwischen syste-mischer Performanz und der Performanz der nationalen Regierung vornehmen. Diese Überprüfung soll an späterer Stelle im Rahmen der Operationalisierung der Forschungs-variablen in Kapitel 5.2 vorgenommen werden.

2.2.4 Überblick über den Forschungsstand

Die politische Kulturforschung kann mittlerweile auf eine Vielzahl an empirischen Studien zu Ausprägung und zu Determinanten politischer Unterstützung in vergleichender Perspektive blicken. Bis in die 90er Jahre hinein konzentrierte sich dieser For-schungszweig primär auf eine systematische Untersuchung der Ausprägung politischer Unterstützung in den westlichen Industrienationen (vgl. u.a. Clarke/Dutt/Kornberg 1993; Fuchs/Klingemann 1995; Dalton 1999; Klingemann 1999; Fuchs/Guiderossi/Svensson 1995; Kaase 2004). Hintergrund dieser Arbeiten war eine Debatte um rückläufige poli-tische Unterstützung in diesen Ländern, die vor dem Hintergrund eines starken Anstiegs bürgerlichen Engagements und des Aufkommens neuer Arten politischer Partizipation in den 70er und 80er Jahren geführt wurde (vgl. Crozier/Huntington/Watanuki 1975). Während ein derartiger Rückgang politischer Unterstützung bis zu Beginn der 90er Jahre empirisch nicht bestätigt werden konnte, lassen sich jedoch seit Beginn der 90er Jahre in zahlreichen Staaten der EU sinkende Zufriedenheitswerte der Bürger mit Demokratie sowie ein Rückgang an Vertrauen in politische Institutionen und Akteure beobachten (vgl. Fuchs/Guiderossi/Svensson 1995; Kaase 1999; Dalton 2004). Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus und der Demokratisierung der ehemals sozialistischen Staaten Ost-europas griffen zahlreiche Arbeiten der Konsolidierungsforschung das Konzept der politischen Unterstützung auf, um den Stand der demokratischen Konsolidierung in diesen Ländern zu analysieren (vgl. Barnes/Simon 1998; Fuchs 1999; Fuchs/Roller 2006). In diesem Kontext rückte die Frage nach den Bedingungen demokratischer Persistenz und damit nach den Determinanten politischer Unterstützung in den Mittelpunkt politik-wissenschaftlicher Arbeiten (vgl. Evans/Whitefield 1995; Rose/Mishler/Haerpfer 1998; Hofferbert/Klingemann 1999; Mishler/Rose 2001 und 2002). Performanzbasierte Ansätze finden dabei breite Anwendung, um die Herausbildung politischer Unterstützung zu erklären. Auch wenn die Arbeiten auf diesem Gebiet hinsichtlich der theoretischen Akzentuierung unterschiedlicher Performanzarten variieren und die Operationalisierung von politischer Unterstützung keineswegs einheitlich gehandhabt wird, lassen zahlreiche, gut gesicherte Befunde darauf schließen, dass sowohl ökonomische als auch demokra-tische Performanzbewertungen der Bürger einen nachweisbaren Einfluss auf die Ausprä-gung politischer Unterstützung haben (vgl. u.a. Evans/Whitefield 1995; Mishler/Rose 1999 und 2001).

[...]


1 Nach Diamond sollten mindestens 2/3 der Bevölkerung als Minimum bzw. 70-75% als Optimum Demokratie als die beste Staatsform ansehen. Im Gegenzug schlägt er vor, dass weniger als 15% der Bevölkerung nicht-demokratische Parteien unterstützen sollten (vgl. Diamond 1999: 68).

2 Gegen die Verwendung des Begriffs der ‚Stabilität’ politischer Systeme im Rahmen der politischen Kulturforschung ist wiederholt Kritik formuliert worden. Demnach impliziere der Begriff ‚Stabilität’ ein statisches Verharren politischer Systeme in einem Stadium der Unveränderlichkeit bzw. des Status quo. Da politische Systeme jedoch in der Lage sein müssen, durch Rückkopplungsprozesse auf Veränderung der systemischen Umwelt zu reagieren, wird häufig der ‚dynamischere’ Begriff der ‚Durabilität’ verwendet (Eckstein/Gurr 1975) als Synonym verwendet, während Easton auch von „Persistenz“ spricht (vgl. Westle 1989: 29-30).

3 Während ‚Legitimität’ an dieser Stelle noch allgemein im Sinne von ‚Akzeptanz’ verwendet wird, bezeichnet der Begriff an späterer Stelle eine Form diffuser Unterstützung bei Easton.

Ende der Leseprobe aus 129 Seiten

Details

Titel
Auf dem Weg zur Rainbow Nation?
Untertitel
Politische Unterstützung in Südafrika
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
129
Katalognummer
V125602
ISBN (eBook)
9783640309450
ISBN (Buch)
9783640307395
Dateigröße
1381 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rainbow, Nation
Arbeit zitieren
Gunnar Will (Autor), 2007, Auf dem Weg zur Rainbow Nation? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125602

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