Gezähmte Erinnerungen und Sprachartistik. Eine Rezension des Werks "Die Letzten" von Katja Lange-Müller


Essay, 2001

2 Seiten


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Manege Frei

Gezähmte Erinnerungen und Sprachartistik / Die Letzten von Katja Lange-Müller

Als Umfeld ihrer Aufführung hat die Berliner Autorin ausgerechnet ihre Geburtsstadt auserkoren, genauer gesagt den Ostteil der heutigen Bundeshauptstadt. Der verweisende Untertitel Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei konkretisiert den Ort der Handlung. „Die Letzten“ geben ihren finalen Auftritt in einer privaten Druckerei der späten Siebziger Jahre. Vier skurrile Gestalten bilden die Belegschaft dieser „kapitalistischen Einrichtung“, die Besitzer und Angestellte durch Herstellung von ideologischen Publikationen wie „Sport Frei“ das Dasein in einem sozialistischen Land ermöglicht. Zu einer Zeit, als der Eiserne Vorhang noch seinen Zweck erfüllte, jeden Hauch von Demokratie und Reformbewusstsein filterte und in braunen Umschlägen verpackt den endlosen Aktenschränken übergab.

Katja Lange-Müller, geboren 1951, hat diese Zeit miterlebt und verließ 1984 die DDR. Der aufmerksame Leser wird während der Lektüre gewiss feststellen, dass einige Ähnlichkeiten zwischen der Erzählerin und der im Klappentext erwähnten Autorin bestehen. Kann dieses Buch deshalb als eine Sektion ihrer Autobiografie gelesen werden? Die Schilderung von Beruf und Milieu ist konkret und detailliert. Es scheint auch so, als ob die schwarzhaarige Erzählerin mit der „hellen, gut durchbluteten Haut“, dem „runden, flachen Gesicht, aus dem traurig eine lange fleischige Nase hängt“ zeitweise mit der abgebildeten Autorin zu einer Person verschmelzen würde.

Doch Katja Lange-Müller spielt mit dem Leser ebenso geschickt wie mit ihren Figuren. In diesem Buch schwankt der Leser zwischen Fiktion und Realität wie ein Trapezkünstler, der sich meist in der Luft aufhält und das scheinbar sichere Netz wegen seines feinen Musters oft nicht erkennen kann. Der Roman scheint wie eine Kombination von Anekdotensammlung und Briefroman – doch es ergibt sich aus der geschickten Konstruktion ein Zusammenhang zwischen den fünf Kapiteln, die nach Pulp-Fiction-Manier zunächst Unterschiedliches zusammenfügen und die Aufmerksamkeit des Lesers fordern. Jedoch wird diese Aufmerksamkeit nicht zur Prüfungsaufgabe, da der Roman durch Umfang, Inhalt und Erzählstruktur kurzweilig und heiter erscheint. Katja Lange-Müller hält sich zudem nicht mit langen Gefühls- und Naturbeschreibungen auf.

Die Handlung ließe sich, wenn es überhaupt eine gibt, in einigen Zeilen schildern. Wer Action, Sex, Gewalt, Ehebruch, uneheliche Kinder oder eine Life-Soap sucht, sollte keinen Blick zwischen diese Buchdeckel werfen. Der Roman lädt unter der Leitung der Zirkusdirektorin Lange-Müller ein zu einem Panoptikum der passiv-revolutionären Versager, die auf der Suche nach etwas sind, was sie vielleicht schon verloren haben. Unfähigkeit mündet oft ins Grotesk-Lächerliche und endet meist mit Schmerzen und Orientierungslosigkeit. Das Glück, wenn es überhaupt als Gut zu erreichen ist, erscheint greifbarer, wenn man seine Ansprüche reduziert und sich einen Weg sucht, in den niemand die besagten Steine legen kann. Wenn das Objekt der Liebe und Zuneigung keine, sondern nur eine subjektive Attraktivität besitzt, so lassen sich Neider und Konkurrenten leicht ausgrenzen.

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Details

Titel
Gezähmte Erinnerungen und Sprachartistik. Eine Rezension des Werks "Die Letzten" von Katja Lange-Müller
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Veranstaltung
Literarische Neuerscheinungen - Rezensionen/Kritiken schreiben [Übung]
Autor
Jahr
2001
Seiten
2
Katalognummer
V125603
Dateigröße
332 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Manege, Frei, Gezähmte, Erinnerungen, Sprachartistik, Eine, Rezension, Werks, Letzten, Katja, Lange-Müller
Arbeit zitieren
Marcel Heuwinkel (Autor), 2001, Gezähmte Erinnerungen und Sprachartistik. Eine Rezension des Werks "Die Letzten" von Katja Lange-Müller, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125603

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