„Die Seele enthält so viele Rätsel wie die Welt mit ihren galaktischen Systemen, vor deren erhabenem Anblick nur ein phantasieloser Geist sein Ungenügen sich nicht zugestehen kann. Bei dieser äußersten Unsicherheit menschlicher Auffassung ist aufklärerisches Getue nicht nur lächerlich, sondern auch betrüblich geistlos“ (Jung 1976: 414). Mit der Veröffentlichung seines Cours de philosophie positive läutet Auguste Comte
zu beginn der 1840er Jahre die Geburtsstunde der akademischen Disziplin Soziologie ein. Das neu erschaffene Fach sollte zugleich Bindeglied und Krone im Reigen der Wissenschaften sein. Wie lässt sich nun dieser hohe Anspruch begründen? Die
Aufgabe der Soziologie sah Comte in der Produktion „empirischen Wissens über Tatsachen im Kontext eines sich naturgesetzlich
durchsetzenden Fortschritts […] Das soziologische Denken will er auf Tatsachen und die Naturgesetzlichkeit sozialer Erscheinungen zurückführen.“ (Rolshausen 2001: 89) Die Soziologie erklärt dieser Auffassung folgend sowohl die „Modernisierung“ und
Industrialisierung des Abendlandes, als auch deren Ausbleiben in weniger entwickelten Gesellschaften. Gesellschaftlicher und kulturgeschichtlicher Entwicklung liegt demnach eine exakte Funktion zugrunde. Sind die Variablen mitsamt mathematischen
Verhältnissen zueinander bekannt, so lässt sich jede soziale Tatsache rekonstruieren. Es sind, so Comte, objektive Kriterien, die Gesellschaften und wichtiger: deren Fortentwicklung determinieren. Die Beschaffenheiten und die Evolution
menschlichen Zusammenlebens werden so auch in der Makroperspektive erklärbar. Und mehr noch: Die Kenntnis der Funktionsgleichung der sozialen Welt impliziert
nicht nur, dass sämtliche ihrer Determinanten bekannt und erfassbar sind, es ist hier sogar möglich sozialem Geschehen einen Punkt in der Funktionskurve zuzuweisen und mit anderen Punkten zu vergleichen. Für Comte und Generationen seiner geistigen Nachfolger ist die Entwicklung der Menschheit vor allem und in erster Linie eine Entwicklung des Denkens. Dies kommt in seinem Dreistadiengesetz in prägnanter Weise zum Ausdruck. So wie das Kind zum Erwachsenen heranreift, so befindet sich auch die Menschheit in einem fortwährenden Reifeprozess1, der freilich im Triumph der Wissenschaft über primitive Affektlastigkeit und mythische Irrationalitäten mündet. Das finale positive Stadium Comtes ist durch die Erforschung von Kausalbeziehungen
objektivierter Tatsachen geprägt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Lévy-Bruhl
Ernst Cassirer
Georg W. Oesterdiekhoff
Max Weber
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion des „magischen Denkens“ als Gegenpol zum wissenschaftlich-rationalen Denken innerhalb der soziologischen Theoriegeschichte. Ziel ist es zu hinterfragen, ob die Einordnung magischen Denkens als „primitiv“ oder „kindlich“ eine sachliche Tatsache darstellt oder ein ideologisches Konstrukt ist, das auf einem spezifischen westlichen Fortschrittsverständnis beruht.
- Kritische Analyse der evolutionistischen Denkmodelle bei Auguste Comte, Lucien Lévy-Bruhl und Georg W. Oesterdiekhoff.
- Untersuchung der Rolle des wissenschaftlichen Objektivierungsprozesses bei Ernst Cassirer.
- Diskussion des Weberschen Entzauberungsbegriffs im Kontext der Dehumanisierung.
- Reflektion über die kulturelle Perspektivität wissenschaftlicher Wahrheitsansprüche.
- Dekonstruktion des Begriffs „magisches Denken“ als Sammelsurium vormoderner Traditionen.
Auszug aus dem Buch
Lévy-Bruhl
Die Hauptwerke Lévy-Bruhls „Die geistige Welt der Primitiven“ und „Die Seele der Primitiven“ bilden eine Art Ausgangspunkt der Klassifizierung des magischen Denkens für die strukturgenetische Soziologie. Der Begriff des Primitiven bezieht sich hier in erster Linie auf Naturvölker die „gesitteten Völkern“ gegenüberstehen. Der besondere Charakter der Ideologie Lévy-Bruhls offenbart sich bereits auf der ersten Seite der Einleitung zu „Die geistige Welt der Primitiven“. Er nutzt vornehmlich die Erfahrungen von Missionaren bei ihren Bekehrungen von Naturvölkern als Quelle. So berichtet ein Jesuit des 17. Jahrhunderts über die Irokesen:
„Die Gründe der Glaubwürdigkeit, deren die Theologie sich gewöhnlich bedient, um selbst die stärksten Köpfe zu überzeugen, hört man hier nicht an, wo man unsere größten Wahrheiten als Lüge bezeichnet […] Die Wahrheit des Evangeliums wäre ihnen nicht annehmbar erschienen, wenn wir sie einfach auf Vernunftgründe und den gesunden Menschenverstand gestützt hätten. Da ihnen Kenntnisse und Gesittungen fehlen, bedurfte es gröberer und handgreiflicherer Mittel, um auf ihren Geist einzuwirken“ (ebenda).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Entstehung der Soziologie bei Auguste Comte ein und erläutert die Annahme eines linearen Fortschrittsmodells des Denkens, das von mythischen Vorstellungen zum wissenschaftlich-positiven Stadium führt.
Lévy-Bruhl: Dieses Kapitel analysiert die Klassifizierung magischen Denkens durch Lévy-Bruhl, der sich auf missionarische Berichte stützt, um eine vermeintliche kognitive Unterlegenheit von Naturvölkern gegenüber westlichen Gesellschaften zu begründen.
Ernst Cassirer: Hier wird Cassirers Philosophie der symbolischen Formen untersucht, wobei insbesondere die Rolle der Wissenschaft als notwendiger „Torwächter der Realität“ und der Prozess der Objektivierung kritisch beleuchtet werden.
Georg W. Oesterdiekhoff: Das Kapitel widmet sich Oesterdiekhoffs strukturgenetischem Ansatz, der Eliass Zivilisationstheorie mit Piagets Entwicklungspsychologie verknüpft, um magisches Denken als präoperationalen Zustand zu definieren.
Max Weber: Abschließend wird Webers Entzauberungsbegriff kritisch hinterfragt, wobei die Arbeit argumentiert, dass dieser als ideologisches Programm zur Abwertung nicht-wissenschaftlicher Weltsichten fungiert.
Schlüsselwörter
Magisches Denken, Soziologie, Auguste Comte, Lévy-Bruhl, Entzauberung, Zivilisationstheorie, Rationalität, Strukturgenese, Ernst Cassirer, Primitivismus, Wissenschaft, Objektivierung, Fortschrittsmodell, Kulturgeschichte, Kausalität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht kritisch die soziologische Einordnung des sogenannten „magischen Denkens“ und hinterfragt, inwiefern diese als objektive Tatsache oder als kulturelles Konstrukt zur Aufwertung moderner Wissenschaft einzustufen ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Feldern gehören die Evolutionstheorien in der Soziologie, der Prozess der Rationalisierung, das Verhältnis zwischen Zivilisation und „Primitivität“ sowie die Macht der wissenschaftlichen Objektivierung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: Ist „magisches Denken“ eine tatsächlich nachweisbare Entwicklungsstufe der Menschheit (Tatsache) oder ein diskursives Konstrukt, das der Rechtfertigung westlicher Überlegenheit dient?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine wissenschaftstheoretische und kulturkritische Literaturanalyse, um die Argumentationsmuster einflussreicher Soziologen wie Comte, Lévy-Bruhl, Cassirer und Oesterdiekhoff zu dekonstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Werke der genannten Autoren und diskutiert deren Paradigmen im Kontext des Entzauberungsbegriffs nach Max Weber und der modernen Zivilisationstheorie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Magisches Denken, Rationalisierung, Objektivierung, Strukturgenese, Zivilisationsprozess und Macht der Wissenschaft charakterisiert.
Warum wird Lévy-Bruhls Argumentation im Text als paradox bezeichnet?
Das Paradoxon liegt darin, dass Lévy-Bruhl vorgibt, die Perspektive der „Wilden“ wertfrei verstehen zu wollen, diese aber letztlich doch nur nutzt, um die Primitiven in einem linearen, am westlichen Standard gemessenen Entwicklungsschema zu verorten.
Wie bewertet der Autor Oesterdiekhoffs moralisches Argument?
Der Autor bewertet Oesterdiekhoffs Standpunkt als ideologisch gefangen, da dieser den wissenschaftlichen Fortschritt der Moderne pauschal zur Verbesserung menschlicher Lebensvollzüge erklärt, ohne alternative Perspektiven oder die negativen Aspekte der Moderne gleichermaßen zu gewichten.
Welche Rolle spielt Wittgensteins Bild des Fadens für die Schlussfolgerung?
Es dient als Gegenmodell zum linearen Fortschrittsdenken; anstelle eines „roten Fadens“ der Entwicklung schlägt es ein multidimensionales System der Wahrheit vor, in dem verschiedene Lebensformen nebeneinander existieren, ohne durch eine hierarchische Kette verbunden zu sein.
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- Sebastian Theodor Schmitz (Author), 2008, Magisches Denken - Konstrukt oder Tatsache, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125627