Carlos Fuentes' La muerte de Artemio Cruz

Ein Exempel für einen historischen Roman?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
26 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Der Historische Roman
2.1. Charakteristika
2.1.1. Umfang und Aufbau
2.1.2. Erzählerische Konstruktion
2.1.3. Handlung und Protagonisten
2.1.4. Wirklichkeit und Fiktion

3. Carlos Fuentes La muerte de Artemio Cruz
3.1. Erzähltechnik
3.2. Mexikanische Geschichte und ihre Darstellung im Roman
3.2.1. Reformpolitik unter Präsident Benito Juárez (1858 - 1861)
3.2.2. Mexikanische Revolution (1911 - 1920)

4. Analyse: Ist La muerte de Artemio Cruz ein historischer Roman?
4.1. Vergleich
4.1.1. Gemeinsamkeiten
4.1.2. Unterschiede
4.2. Ergebnis

5. Zusammenfassung und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang
7.1. Die Darstellung der mexikanischen Geschichte im Roman
7.2. Geschichtssignale in La muerte de Artemio Cruz

1. Einführung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob es sich bei dem Roman La muerte de Artemio Cruz von Carlos Fuentes, aufgrund seiner Darstellung der Mexikanischen Geschichte, um einen historischen Roman handelt.

Der Roman La muerte de Artemio Cruz wurde 1962 vom mexikanischen Schriftsteller Carlos Fuentes veröffentlicht. Der Roman schaffte einen internationalen Durchbruch und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Carlos Fuentes gehört zu den wichtigsten und populärsten Autoren Lateinamerikas. Besonders durch seine innovativen Erzähltechniken, zählen seine Werke zu den erfolgreichsten des Landes und legten den Grundstein für die nuevas novelas hispanoamericas.

Der Roman La muerte de Artemio Cruz erzählt die persönliche Lebensgeschichte von Artemio Cruz. Auf dem Sterbebett erinnert sich Artemio an verschiedene Ereignisse seiner Vergangenheit. In frei assoziierten Episoden erzählt Artemio von seiner illegitimen Geburt, Armut und seinem Kampf für soziale Gerechtigkeit in der Revolution. Nachdem Artemios große Liebe stirbt und er in Gefangenschaft gerät, verliert er nach und nach seine Ideale. Artemio sucht Trost in verschiedenen Liebschaften, bleibt aber vereinsamt. Er verrät seine Kameraden, erschleicht sich das Vermögen einer reichen Familie, wird Großgrundbesitzer, Geschäftsmann und Diplomat. Artemios Lebensgeschichte wird reflektiert an vielen Ereignissen der Mexikanischen Geschichte.

Um die Frage zu klären, ob des sich um einen historischen Roman handelt, wird zunächst erläutert, was einen historischen Roman auszeichnet. In diesem Zusammenhang werden typische Charakteristika im Hinblick auf Umfang, Aufbau, erzählerische Konstruktion, Handlung, Protagonisten und die Darstellung von Wirklichkeit und Fiktion, aufgezeigt. Im weiteren Verlauf wird der Roman La muerte de Artemio Cruz bezüglich seiner Erzähltechnik und seiner Darstellung von historischen Inhalten untersucht. Zur Anschaulichkeit wird in diesem Kontext nur auf zwei wichtige historische Ereignisse in Mexiko besonderes Augenmerk gelegt. Darauf folgt die Analyse der beiden Gegenstände, indem Gemeinsamkeiten, wie auch Unterschiede aufgeführt werden. Zuletzt werden die erarbeiteten Ergebnisse zusammengefasst und ausgewertet.

2. Der Historische Roman

2.1. Charakteristika

Was zeichnet einen historischen Roman aus? „Das ‚Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte’ nennt ihn ‚eine umfangreiche erzählende Dichtung, die beglaubigte geschichtliche Persönlichkeiten oder Tatsachen zum Gegenstand hat’.“[1] Im Allgemeinen zielt der historische Roman nicht darauf, Geschichte zu erzählen, sondern sie „nacherlebbar zu machen“[2] Der Rezipient soll nicht nur die historischen Fakten kennen lernen, sondern auch wie es zu diesen gekommen ist. Der historische Roman ist ein Romantypus, der sehr schwer einzugrenzen ist. Selten stellt er eine isolierte Romangattung dar, sondern überschneidet sich meistens mit anderen Romantypen. „Er überschneidet sich mit der histor. Erzählung und Novelle, mit Zeitroman, Tendenzroman, Gesellschafts- oder Familienroman, Heimat- oder Künstlerroman, v. a. mit dem biograph. Roman […]“[3] Dementsprechend ist es äußerst schwierig, allgemein gültige Charakteristika anzuführen, die bei jedem historischen Roman zutreffen. Die angeführten Charakteristika dienen lediglich für einen Überblick und zur Orientierung und beziehen sich auf die klassische Variante des historischen Romans nach Walter Scott.

2.1.1. Umfang und Aufbau

Ein Merkmal des historischen Romans ist sein relativ breiter Umfang. Seine Darstellungen sind meist sehr genau und zielen darauf, die Umstände der erzählten Zeit wiederzugeben, um sich in das Geschehen besser hineinzudenken. „Der historische Roman strebt nach epischer Breite und Totalität in der Darstellung.“[4] Neue künstlerische Züge, die vor allem Walter Scott im Bezug auf den historischen Roman eingeführt hat, sind „die breite Schilderung der Sitten und der Umstände des Geschehens, den dramatischen Charakter der Handlung und […] die neue bedeutende Rolle des Dialogs im Roman“[5]. Viele historische Romane zeichnen sich durch einen bestimmten Aufbau aus. Hierzu kann im Besonderen das Vorwort gehören. Das Vorwort soll den Leser in den Stoff einführen und schon im Voraus relevante geschichtliche Kenntnisse erweitern. Das Vorwort erfüllt demnach eine didaktische Aufgabe. Es bereitet dem Leser auf den Stoff vor und schafft damit die Voraussetzung Geschichte zu verstehen und zu reflektieren. Das Vorwort ist nicht obligatorisch. Es kann, muss aber nicht den historischen Roman einführen.

Wo sie dennoch begegnen, zeugen sie von didaktischen Eifer, die geschichtlichen

Voraussetzungen leserfreundlich zu exponieren, von der Seriosität des wissenschaftlichen

Studiums […] [und] der poetischen Verantwortung für die ›ideale Einschmelzungsarbeit‹ […].[6]

Weitere Merkmale, die das Bild des historischen Romans oft prägen, sind Fußnoten, Erklärungen und Anmerkungen. Sie stellen einen wichtigen Bestandteil des Textes dar und haben ebenfalls eine didaktische Funktion. Der Autor möchte sicherstellen, dass der Leser den Stoff richtig rezipiert und führt ihn durch den Text. Erklärungen und Anmerkungen in Bezug auf den geschichtlichen Stoff, aber auch zum Wortverständnis einzelner Begriffe oder Aussagen sind nicht selten. „Anachronismen werden verteidigt, historische Unwahrscheinlichkeiten dem Manuskript-Autor in die Schuhe geschoben, Anspielungen entschlüsselt und der Leser fürsorglich gelenkt.“[7]

2.1.2. Erzählerische Konstruktion

Durch seine sehr vielseitigen Erscheinungsformen besitzt der historische Roman keine Gattungstypische Erzählinstanz. Dem historischen Roman wird oft eine recht einfache Erzählweise vorgeworfen. Dieses einfältige oder auch süffige Erzählen ist gekennzeichnet durch die Wahrung einer chronologischen Grundstruktur, die Konzentration auf die Darstellung von beschreibbaren und verstehbaren Ereignissen, die Geringschätzung von analysierbaren Strukturen und die Fixierung auf Anschaulichkeit statt Begrifflichkeit.[8] Diese Einfachheit besitzt einen didaktischen Charakter, indem der Leser vom Autor gelenkt wird. Der Stoff und seine Aussage sollen für jeden Rezipienten klar und verständlich sein. Innerhalb des Textes kann es zu einer „temporalen Individualisierung von Sprache“[9] kommen. Der Autor lässt seine Protagonisten in einer Sprache mit zeittypischen Merkmalen sprechen. Hier spielen regionale Dialekte, wie auch historische Sprachformen eine große Rolle. Durch diese implizierte „historische Redetreue“[10], soll der Rezipient einen realeren Einblick in die dargestellten zeitgenössischen Umstände und Sitten bekommen.

2.1.3. Handlung und Protagonisten

Der historische Roman beinhaltet sowohl reale Figuren und Ereignisse, wie auch fiktive. Im historischen Roman ist die Haupthandlung erfunden, sowie auch die wichtigsten Protagonisten. Die Dichtung des Autors steht im Mittelpunkt, womit der Text sich von der Historie abgrenzt. Historische Vorfälle bilden weitgehend die Rahmenhandlung, in der der fiktive Text eingebettet wird. Auch die historisch authentischen Figuren spielen nur eine Nebenrolle und agieren eher im Hintergrund.[11] Die Handlung ist dadurch gekennzeichnet, dass sie Geschichtssignale beinhaltet. Unter diesen Signalen versteht man die Angabe von Jahreszahlen, Zeitangaben, Namen, die Nennung von historischen Ereignissen oder auch kultur- und sittengeschichtliche Einzelheiten. „Solche Zeit-Zeichen sind im Text an beliebiger Stelle verstreut; aber sie begegnen typischerweise oft schon im Titel, im Untertitel […], in der Buchausstattung […], im Vorwort und am Romananfang.“[12] Inhaltlich zeugen die Handlungen von den Lebensverhältnissen einer gewissen historisch bedeutenden Zeit, oft gepaart mit „einer frei gestalteten Liebeshandlung zusätzl. zum polit. Geschehen u. gelegentl. Auflockerung durch kom. od. lyr. Einlagen“[13]. Hauptfiguren der historischen Romane von Walter Scott sind die mittleren Helden. Der mittlere Held ist ein fiktional erdachter national typischer Charakter, der den durchschnittlichen tüchtigen Bürger widerspiegeln soll und sich damit zum klassischen poetischen Helden unterscheidet.[14]

Das ›Mittlere‹ dieses Helden besteht darin, daß er als durchschnittlicher Mensch antiheroisch

[…] konzipiert ist und somit lesernah erscheint, daß er weiterhin die politischen Fronten,

zwischen die er gerät, im Horizont seiner Erfahrungen und nach Maßgabe seiner Bedürfnisse

vermittelt […] und daß er schließlich eine personifizierte Wahrnehmungsperspektive darstellt

[…], die dem Leser die wechselnden Stadien der Geschichtsbegegnung präfiguriert.[15]

Dieser Held wird realistisch in seinem Alltagsleben dargestellt. Durch ihn werden keine Ereignisse ausgelöst, sondern er ist in seinem Alltag mit geschichtlichen Vorfällen verbunden. Er vermittelt zwischen der Gegenwart und der erzählten Vergangenheit und wird leserfreundlich und menschlich dargestellt. Der Leser soll sich in einem gewissen Grad mit dem mittleren Helden identifizieren können. Eine markante Charaktereigenschaft dieser Helden ist, dass sie „infolge ihres Charakters und ihres Schicksals mit beiden Lagern in eine menschliche Verbindung geraten“[16]. Der mittlere Held wird zu einer Figur, die auch unentschlossen sein kann oder auch gegebenenfalls die Seiten wechselt.

2.1.4. Wirklichkeit und Fiktion

Der historische Roman vermittelt zwischen authentisch Realem und Fiktionalem. Durch die Vermischung dieser zwei Gegensätze entsteht ein Paradoxon, das den historischen Roman besonders kennzeichnet.

›Nicht das polare Nebeneinander von Historie und Dichtung, […] sondern die wie immer

problematische Absicht ihrer Verschränkung […] können als die signifikanten Besonderheiten

des historischen Erzählens bezeichnet werden.‹[17]

In erster Linie ist der historische Roman ein literarischer Text, dessen Haupthandlung frei erfunden ist. Historische Ereignisse bilden nur den Rahmen, in der die fiktive Handlung verläuft. Demnach unterscheidet er sich in den Grundsätzen von der Historie. „Der historische Roman ist kein Geschichtsbuch, nicht Historiographie mit einem Anflug von Phantasie und künstlerischer Schönheit.“[18] Der Autor entscheidet, inwiefern er vorhandenen Stoff gebraucht oder selbst Stoff erfindet. Der geschichtliche Stoff kann insofern verändert werden, dass er weitestgehend dem fiktiven Teil angepasst wird. Manchmal sind Veränderungen unumgänglich, wenn der historische Stoff nur bruchstückhaft vorhanden ist und der Autor gezwungermaßen als Lückenfüller agiert. Jedoch sind dem Autor in seiner Kreativität gewisse Grenzen gesetzt damit es nicht zur Geschichtsverfälschung kommt oder der Stoff an Glaubhaftigkeit verliert. „[‚]Die Aufgabe des historischen Romans ist doch, die von der Überlieferung ausgesparten Stellen zu füllen […] nicht aber die Geschichte, die unantastbar und sakrosankt bleiben sollte, neu zu schreiben.’“[19] Es wird deutlich, dass der historische Roman kein getreues Abbild der Vergangenheit wiedergeben kann.

Obwohl der historische Roman Erscheinungen der realen Welt entlehnt […] werden diese

ihrem Ursprungsort entfremdet. Losgelöst aus dem Bedeutungszusammenhang der

geschichtlichen Vergangenheit, werden sie sinntragende Elemente einer neuen Wirklichkeit

[…].[20]

[...]


[1] Hanimann (1981: 15).

[2] Lukács (1965: 51).

[3] Schweikle (1990: 201).

[4] Hanimann (1981: 29).

[5] Lukács (1965: 37).

[6] Aust (1994: 27).

[7] Aust (1994: 29).

[8] Vgl. Aust (1994: 13).

[9] Aust (1994: 24).

[10] Aust (1994: 24).

[11] Vgl. Rötzer ( 1995: 82).

[12] Aust (1994: 23).

[13] Schweikle (1990: 202).

[14] Vgl. Lukács (1965: 43).

[15] Aust (1994: 65-66).

[16] Vgl. Lukács (1965: 44).

[17] Aust (1994: 46).

[18] Hanimann (1981: 13).

[19] Wickert (1993: 4).

[20] Hanimann (1981: 14).

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Carlos Fuentes' La muerte de Artemio Cruz
Untertitel
Ein Exempel für einen historischen Roman?
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Spanische Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Der Mexikanische Roman
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
26
Katalognummer
V125641
ISBN (eBook)
9783640311521
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Carlos Fuentes, La muerte de Artemio Cruz, Artemio Cruz, historischer Roman, Mexiko, Mexikanische Revolution, mexikanischer Roman, Fuentes
Arbeit zitieren
Katrin Appenzeller (Autor), 2007, Carlos Fuentes' La muerte de Artemio Cruz , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125641

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