Die gemeinsame Wurzel von Musik und Sprache begründet Rühm damit, dass die Momente der Stimmgebung phylogenetisch und ontogenetisch älter sind als die Zeichensprache. Die Lautdichtung etwa lässt sich bis in die Frühgeschichte der Menschheit zurückverfolgen. Der Mitteilungscharakter von Lautgesten ist ein weiterer Aspekt der Gemeinsamkeiten von Musik und Sprache. Auch die Sprache folgt musikalischen Parametern, wie Sprachmelodie, Phrasierung, Rhythmus, Tempo, Dynamik (=Lautstärke) und Klangfarbe, die wiederum abhängig von den Obertönen, genauer gesagt vom Obertonspektrum ist. Diese Parameter aber sagen etwas über die Stimmung der Sprecher aus. Unbegriffliche Lautäußerungen sind Ausdruck einer aufgerührten Seele, ähnlich einer religiösen Ekstase, Gemütsbewegung verpackt sich nicht in Wörter, deshalb wird auf den emotional artikulierten Einzellaut als kleinste sprachliche Einheit zurückgegriffen und mit allen Nuancen der Sprechstimme (Tonlage, Tempo, etc.) gearbeitet. Durch den Einfluss Wittgensteins wollte man zu einer reinen „Urform“ der Sprache, die keinen Sinn und Inhalt hat, aber Assoziationen zulässt, zurückkehren.
Besonders hervorzuheben sind jedoch die Einflüsse des „Sturm“-Expressionismus auf die akustischen Komponenten der Dichtung Gerhard Rühms. Rühms musikalische Kompositionen bewegen sich zwischen seriellen Verfahren und radikaler Reduktion bis hin zu synthetisch produzierten Tonbandstücken. Gerhard Rühms „auditive poesie“ bewegt sich im Grenzbereich zwischen Musik und Sprache. „textmusik“ und „tondichtungen“ sind Auseinandersetzungen mit Grenzbereichen des Ausdrucks, hier vollzieht sich eine Sublimierung der Sprache in Musik, d.h. Sprache geht in Musik über, wodurch sich eine Verwandlung des Definitiven ins Vieldeutige vollzieht, eine Verwandlung des bloß Repräsentierenden in Präsentation. Gegenständliche Titel schaffen allerdings Assoziationsfelder. Bei der Verschmelzung zwischen Musik und Sprache entsteht etwas „metasprachliches“, bzw. etwas „metamusikalisches“. [...]
Im Werk Gerhard Rühms kam es im Laufe der Jahre zu immer zahlreicheren Grenzüberschreitungen zwischen den einzelnen Künsten, wie etwa zwischen Literatur und Musik, aber auch bildender Kunst und Musik. Collagen, bei denen es zu einem Zusammenwirken von Text, Bild und Musik kommt, bezeichnet Rühm als "liederbilder". Diese Werke stellen eine absolute Aufhebung der Grenzen zwischen den drei Künsten dar.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Intermediale Aspekte im Werk Gerhard Rühms
1.2. Zur Muik von Gerhard Rühm: Eintonstück und Zwölftonspiele
2. Von der Lautdichtung zur „radiophonen poesie“
2.1. Die Ursprünge der Lautdichtung
2.2. „auditive poesie“
2.3. „tondichtungen“
2.4. „klangmodelle“ oder „konzeptionelle musik“
2.5. „visuelle musik“
3. Zusammenfassung
4. Literatur- und Quellenangaben
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die akustischen Dimensionen und die vielfältigen Grenzüberschreitungen zwischen Sprache, Musik und bildender Kunst im Werk von Gerhard Rühm, wobei der Fokus auf der intermedialen Verbindung und der transformationstechnischen Aufarbeitung von Lautmaterial liegt.
- Intermediale Verschränkungen von Musik, Literatur und bildender Kunst.
- Die Entwicklung und methodische Anwendung der „Lautdichtung“ und „auditiven Poesie“.
- Analyse der „Transformationsmethode“ und deren Anwendung in den „Tondichtungen“.
- Der Einfluss historischer Avantgarde-Strömungen auf das Schaffen Gerhard Rühms.
- Die ästhetische Funktion von „Klangmodellen“ und „visueller Musik“.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Komponisten haben immer wieder zum Wort gegriffen, wenn sie meinten, dass Töne allein nicht alles sagen können, selbst in Symphonien, die eigentlich Orchesterwerke sind, wie etwa Ludwig van Beethoven in seiner 9. Symphonie und Gustav Mahler in seiner 2. und 8. Symphonie.
Doch wie schon Gertrude Stein meinte: The exciting thing about all this is that as it is new it is old and as it is old it is new …1
Der Durchbruch der avantgardistischen Zugänge zu Sprache, Musik und der bildenden Kunst der letzten 100 Jahre schließlich - Zugänge, welche auch Grenzüberschreitungen beinhalten und die Verknüpfung mit philosophischen und soziopolitischen Ideen, erfolgte nicht plötzlich und zusammenhanglos. Nicht nur in unserer europäischen Kultur gab es zahlreiche Vorläufer, sondern auch in anderen Kulturen, die bislang der Öffentlichkeit nur schwer zugänglich waren. „Puirt-a-beul“, der klassische gälische Sprechgesang etwa besteht aus Texten, die getanzt werden. Die Texte sind jedoch zweitrangig, häufig ergeben sie keinen Sinn. In dieser Hinsicht ähnelt „Puirt-a-beul“ dem improvisierten Scat-singing, welches uns vom Jazz her bekannt ist und welches rhythmisch-melodisch aneinander gereihte Silbenfolgen ohne Wortbedeutung bezeichnet, die lautmalerisch, oft voll der Hingabe und Emotion, instrumentale Phrasen nachahmen. Aber auch bei nordamerikanischen Indianerstämmen konnten Grenzüberschreitungen und zwar zum Beispiel zwischen Musik und Bildern festgestellt werden. Bei den Anishinabek (= Ontario Indianern) waren und sind die so genannten „song pictures“ traditionell eng mit religiösen – und Meditationsriten verbunden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, warum Künstler Musik und Sprache verknüpfen, und umreißt die Untersuchung der akustischen Dimensionen in Rühms Werk.
1.1. Intermediale Aspekte im Werk Gerhard Rühms: Dieses Kapitel erläutert die gemeinsame Wurzel von Musik und Sprache und definiert Rühms Begriffe wie „metasprachlich“ und „metamusikalisch“.
1.2. Zur Muik von Gerhard Rühm: Eintonstück und Zwölftonspiele: Hier werden Rühms frühe Kompositionsansätze, seine radikale Reduktion und die Entwicklung der „Transformationsmethode“ dargestellt.
2. Von der Lautdichtung zur „radiophonen poesie“: Dieses Kapitel spannt den Bogen von historischen Lautgedichten hin zur modernen, technikgestützten „radiophonen poesie“.
2.1. Die Ursprünge der Lautdichtung: Untersuchung der historischen Vorläufer der Lautdichtung und der Idee, die Sprachkrise durch eine Rückkehr zur „Urform“ zu überwinden.
2.2. „auditive poesie“: Erläuterung des Begriffs der „auditiven poesie“ als Gattung, die Informationen durch akustische Realisation jenseits reiner Bedeutung vermittelt.
2.3. „tondichtungen“: Darstellung der „Transformationsmethode“, bei der Buchstaben des Textes in bestimmte Töne transformiert werden.
2.4. „klangmodelle“ oder „konzeptionelle musik“: Analyse der „Klangmodelle“ als minimalistische Reduktion des musikalischen Geschehens, oft mit Zufallscharakter.
2.5. „visuelle musik“: Untersuchung der grafischen Ansätze Rühms, bei denen Zeichnungen musikalische Assoziationen hervorrufen sollen.
3. Zusammenfassung: Resümee über die Entwicklung von Rühms Grenzüberschreitungen zwischen Literatur, Musik und bildender Kunst über die Jahrzehnte.
4. Literatur- und Quellenangaben: Auflistung der verwendeten Sekundärliteratur, Quellen und Tonträger.
Schlüsselwörter
Gerhard Rühm, Wiener Gruppe, Lautdichtung, auditive Poesie, Intermedialität, Transformationsmethode, Tondichtungen, visuelle Musik, klangmodelle, Avantgarde, Zwölftonmusik, Sprechduette, Sprachgrenze, Grenzüberschreitung, Experimentelle Musik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den künstlerischen Grenzüberschreitungen im Werk von Gerhard Rühm, insbesondere an der Schnittstelle von Musik, Sprache und bildender Kunst.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Lautdichtung, die auditive Poesie, die Transformation von Texten in Musik sowie die visuelle Notation.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die akustischen Dimensionen in Rühms Werk zu analysieren und aufzuzeigen, wie er verschiedene künstlerische Medien miteinander verschmilzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Werkanalyse, die theoretische Grundlagen des Sturm-Expressionismus und der Musiktheorie einbezieht, um Rühms spezifische Techniken zu erklären.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen Gattungen in Rühms Schaffen, von den frühen Lautdichtungen über die „Tondichtungen“ bis hin zur „visuellen Musik“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Intermedialität, Lautdichtung, Transformationsmethode, auditive Poesie und Grenzüberschreitung.
Wie unterscheidet Rühm „visuelle Musik“ von „grafischer Musik“?
Rühm versteht seine „visuelle Musik“ primär als Zeichnung, die zum Betrachten und Lesen gedacht ist, während andere Formen der grafischen Musik eher auf eine Ausführung durch Interpreten zielen.
Was ist die „Transformationsmethode“ in Rühms „Tondichtungen“?
Es handelt sich um ein Verfahren, bei dem einzelnen Buchstaben eines Textes bestimmte Tonhöhen auf der Klaviatur zugeordnet werden, wodurch Text in Musik transformiert wird.
Welche Rolle spielt die Zwölftonmusik in Rühms Werk?
Rühm nutzt Techniken der Zwölftonmusik, wie beispielsweise den „Krebsgang“ oder die Intervallreihen, um seine experimentellen Sprechtexte strukturell zu organisieren.
Was genau ist unter dem Begriff „radiophone Poesie“ bei Rühm zu verstehen?
Damit sind Werke gemeint, die auf das natürliche Lautinventar zurückgreifen, dieses aber durch technische Möglichkeiten im Tonstudio (wie Verdichtung, Verzerrung oder Hall) künstlich manipuliert und neu ordnet.
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- Dr. phil. Daria Hagemeister (Author), 2008, "grenzenlos" - Akustische Dimensionen und Grenzüberschreitungen im Werk Gerhard Rühms, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125649