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Erziehung als Bewußtmachungsprozeß - Menschenbild und Volksbildung bei Paulo Freire

Title: Erziehung als Bewußtmachungsprozeß - Menschenbild und Volksbildung bei Paulo Freire

Intermediate Diploma Thesis , 1996 , 40 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: Markus Raschke (Author)

Pedagogy - General
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Erziehung soll Menschen zu Mündigkeit und Selbstbestimmung befähigen. Dies ist von zentralem Stellenwert für eine Pädagogik, die sich als „kritisch“ begreift und dies entsprechend auch zum Ziel von Erziehung und Bildung erklärt. Nicht nur für eine fortschrittliche Pädagogik sind diese Grundsätze ausschlaggebend, sie erhalten im Kontext der volksnahen Bildungsanstrengungen in den Entwicklungsgesellschaften der südlichen Hemisphäre eine noch größere Bedeutung.
Neben einer Reihe von deutschsprachigen Vertretern dieses Ansatzes einer „Kritischen Erziehungswissenschaft“ hat sich insbesondere der Brasilianer Paulo Freire diesen Gedankenansatz zu eigen gemacht und auf seine ganz eigene Weise ausgearbeitet. Zwar ist bei Paulo Freire kaum von „Mündigkeit“ oder „Emanzipation“ die Rede, jedoch verfolgt sein Konzept der „problemformulierenden Bildung“ und der ,,Bewusstmachung“ eben diese Ziele im Sozialraum bildungsbenachteiligter und armer sozialer Schichten. Mündigkeit ist für den Volkspädagogen Freire dabei ein Zwischenziel, auf dem der emanzipatorische Prozess der Befreiung aufgebaut werden kann.
Beachtenswert ist bei Paulo Freire die Radikalität, mit der er seine Methodologie vertritt und mit der er sich bis ins Detail seiner Überzeugung hingibt. Dafür leitend ist ein Grundpostulat der Freireschen Pädagogik, nämlich dass seine Erziehungstheorie aus der konkreten Bildungs- und Erziehungsarbeit heraus erwächst und auf diese hin zurückorientiert ist.
Das so beschriebene Bildungsverständnis fußt nicht nur auf einer bestimmten gesellschaftlichen Analyse, sondern mehr noch auf Freires Menschenbild, das der Autor im Überblick herausarbeitet. In der Folge legt der Autor die von Freire entwickelte und praktizierte Bildungsmethode dar, die er in der Verflochtenheit von theoretischen Implikationen und praktischen Vollzügen diskutiert. Abschließend wird das Impulspotential für eine europäische Pädagogik skizziert.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fragestellung und Vorgehensweise

3. Analyse der lateinamerikanischen Lebenswirklichkeit: die „Kultur des Schweigens“

3.1. Die Entdeckung der „Kultur des Schweigens“

3.2. Die Rolle der Kolonialsprache und die „kulturelle Invasion“

Exkurs: Die „Zentrum-Peripherie-Theorie“

3.3. „Themen einer Epoche“

3.4. Die psychologischen Grundlagen des Unterdrückungsmechanismus: „Mythen und Manipulation“

3.5. Das koloniale Bildungssystem: depositäre „Bankiers-Erziehung“

3.5.1. Depositäre „Bankiers-Erziehung“

3.5.2. Der Lehrer-Schüler-Widerspruch

4. Das Menschenbild und das Bildungsverständnis von P. Freire

4.1. Der Mensch ist Subjekt …

4.1.1. … als Wesen der Grenzüberschreitung

4.1.2. … als kulturelles und geschichtliches Wesen

4.1.3. … als verwandelndes und schöpferisches Wesen

4.1.4. … als Wesen des Dialogs

Exkurs: „Das Wort“

4.1.5. … als Wesen der Praxis

4.2. Die problemformulierende Bildungsmethode

4.2.1. „Enthüllung der Wirklichkeit“

4.2.2. Der „Lehrer-Schüler“ und der „Schüler-Lehrer“ - die Aufhebung des Widerspruchs

5. Die Realisierung der „problemformulierenden Bildung“ im Alphabetisierungsprozeß

5.1. Untersuchung des Sprach- und Themenuniversums (generative Wörter / Themen)

5.2. Kodierung

5.3. Dekodierung

5.3.1. Der „Kulturzirkel“

5.3.2. Dekodierung während der Alphabetisierung

5.3.3. Dekodierung in der postalphabethischen Phase

5.4. Wiederkodierung

Exkurs: Das „anthropologische Konzept der Kultur“

6. Zur Bedeutung Paulo Freires für die Pädagogik in der ‘Ersten Welt’

Darf die Methode Freires auf die ‘Erste Welt’ (Europa) übertragen werden?

Was können wir methodologisch von Paulo Freire lernen?

Welche gesellschaftsanalytischen Kriterien fordern uns heraus?

Welche Impulse liefert uns seine Anthropologie?

Welche ‘pädagogischen’ Grundhaltungen regen uns an?

7. Schluß

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht das pädagogische Konzept Paulo Freires, insbesondere seine „problemformulierende Bildung“ (educaça problematizadora), mit dem Ziel, die theoretischen Grundlagen und praktischen Anwendungsmöglichkeiten zur Bewusstseinsbildung und Befreiung unterdrückter Bevölkerungsgruppen zu erarbeiten und deren Übertragbarkeit auf den europäischen Kontext kritisch zu reflektieren.

  • Analyse der soziopolitischen „Kultur des Schweigens“ in Lateinamerika.
  • Darstellung des Menschenbildes als Subjekt der Geschichte, Kultur und Praxis.
  • Untersuchung der Alphabetisierungsmethode durch Kodierung und Dekodierung.
  • Diskussion der Relevanz Freires für die Pädagogik in der „Ersten Welt“.

Auszug aus dem Buch

3.5.1. Depositäre „Bankiers-Erziehung“

Wenn sich also die so (s.o.) analysierte gesellschaftliche Wirklichkeit im Bildungssystem niederschlägt, dann muß das Bildungssystem in einer „Gesellschaft des Schweigens“ dazu dienen, das unterdrückerische System entsprechend zu reproduzieren.

Dies geschieht nach der Vorstellung Freires durch einen Ansatz, dessen Grundlage folgende ist: der Lehrer verteilt von seinem Wissen und seiner Erkenntnis an die Schüler und füllt den an Wissen quasi ‘leeren’ Schüler wie einen Behälter damit auf, was vornehmlich mithilfe der Methode des Auswendiglernens geschieht. Nicht gewollt ist dabei, daß der Schüler selbst zum erkennenden Subjekt wird; er ist das Objekt, das das Wissen entgegennehmen darf, der Container, in dem die Erkenntnis deponiert wird (daher der Begriff „depositäre Erziehung“), das „Bankkonto“ in das der Anleger „Lehrer“ eine Einlage macht, ein „Bankiers-Konzept“ also. Bildung stellt in diesem Konzept quasi einen „Fütterungsvorgang“ dar und keinen Erkenntnisprozeß, wie ihn Freire eigentlich postuliert.

Dabei ist die passive Rolle des Schülers geradezu konzeptionell, da es der unterdrückerisch ausgerichteten Pädagogik auf die Anpassung des Individuums ankommt und nicht auf sein gestalterisches Potential. Vielmehr wird bewußt seine Kreativität vernichtet, um einem Erkennen der Wirklichkeit und einem daraus resultierenden Veränderungswillen entgegenzuwirken und seinen Widerstand zu minimieren. Ziel ist ein angepaßter Mensch, der möglichst ‘pflegeleicht’ ist und beherrscht werden kann.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung verortet Freires Ansatz innerhalb der kritischen Erziehungswissenschaft und betont die Radikalität seiner Pädagogik als Instrument der Bewusstseinsbildung zur Befreiung.

2. Fragestellung und Vorgehensweise: Das Kapitel entwickelt die Forschungsfrage nach der Übertragbarkeit lateinamerikanischer Ansätze auf Europa und stellt die methodische Matrix „Sehen-Urteilen-Handeln“ vor.

3. Analyse der lateinamerikanischen Lebenswirklichkeit: die „Kultur des Schweigens“: Hier wird die sozioökonomische und politische Unterdrückungssituation in Lateinamerika analysiert, die durch ein koloniales Bildungssystem („Bankiers-Erziehung“) zementiert wird.

4. Das Menschenbild und das Bildungsverständnis von P. Freire: Das Kapitel definiert den Menschen als handelndes Subjekt, das durch Grenzüberschreitung, Dialog und Praxis zur Humanisierung fähig ist.

5. Die Realisierung der „problemformulierenden Bildung“ im Alphabetisierungsprozeß: Die praktische Anwendung wird anhand der methodischen Schritte Kodierung und Dekodierung in sogenannten Kulturzirkeln illustriert.

6. Zur Bedeutung Paulo Freires für die Pädagogik in der ‘Ersten Welt’: Der Autor prüft, welche methodologischen und anthropologischen Impulse der Freire-Ansatz für die pädagogische Arbeit im europäischen Raum bieten kann.

7. Schluß: Das Fazit fasst zusammen, dass Freires Pädagogik eng mit seiner Anthropologie verknüpft ist und eine wertvolle Anregung für eine befreiende, kritische Pädagogik in Europa darstellt.

Schlüsselwörter

Paulo Freire, Erziehung, Bildung, Bewusstseinsbildung, Conscientização, Unterdrückung, Bankiers-Erziehung, Kultur des Schweigens, Humanisierung, Pädagogik, Alphabetisierung, Kulturzirkel, Befreiung, Didaktik, Praxis.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert das pädagogische Denken des Brasilianers Paulo Freire, mit einem Fokus auf seinen Befreiungsansatz und dessen Verankerung in seiner Gesellschaftsanalyse und Anthropologie.

Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?

Zu den Kernbereichen gehören die „Kultur des Schweigens“, das Menschenbild als dialogisches Subjekt, die problemformulierende Bildungsmethode und die Bedeutung des Lernens als Praxis.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Die Hauptfrage ist, ob und wie der lateinamerikanische Befreiungsansatz von Freire kritisch auf europäische pädagogische Kontexte übertragen werden kann.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Der Autor nutzt die für lateinamerikanische Basisgruppen typische Matrix „Sehen-Urteilen-Handeln“, um Freires Werk systematisch zu durchdringen.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der unterdrückerischen Strukturen, die Anthropologie Freires sowie die praktische Umsetzung seines Alphabetisierungskonzepts.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind Conscientização, Bankiers-Erziehung, Kulturzirkel, Humanisierung, Praxis, Subjektwerdung und die kritische Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse.

Wie genau funktioniert die „Bankiers-Erziehung“ nach Freire?

Sie beschreibt ein System, in dem der Lehrer als Wissensbesitzer den „leeren“ Schüler wie einen Behälter mit Fakten füllt, was den Schüler zum passiven Objekt macht und seine Kreativität hemmt.

Was bedeutet die „Dekodierung“ in Freires Alphabetisierungskonzept?

Dekodierung bedeutet, dass die Teilnehmer ihre eigene Lebenswirklichkeit, die zuvor abstrahiert oder bildhaft dargestellt wurde, kritisch analysieren, um das gesellschaftliche „Warum“ ihrer Situation zu verstehen.

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Details

Title
Erziehung als Bewußtmachungsprozeß - Menschenbild und Volksbildung bei Paulo Freire
College
University of Tubingen  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Grade
1,3
Author
Markus Raschke (Author)
Publication Year
1996
Pages
40
Catalog Number
V12566
ISBN (eBook)
9783638184205
ISBN (Book)
9783638732932
Language
German
Tags
Zusammenfassung der Pädagogik Freires problemformulierende Methode udn Alphabetisierung Konsequenzen für Erziehung in Europa
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Markus Raschke (Author), 1996, Erziehung als Bewußtmachungsprozeß - Menschenbild und Volksbildung bei Paulo Freire, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12566
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