„Der Eisenberger ist es gewohnt, den Namen ,Pianofortefabrik‘ an Betriebsgebäuden zu lesen“ war 1957 in der Monatsschrift für Kultur und Heimat zu lesen und „[u]m die 50 Manufakturen gab es zur Blütezeit allein in der Innenstadt“. Zulieferer im Umland sind hierbei noch gar nicht berücksichtigt.
Wer heute von der Autobahn A9 kommend in das schmucke Städtchen im thüringischen Saale-Holzland-Kreis einfährt, sieht zwar auch, gleich linker Hand nach dem ersten Kreisverkehr mit seinen Hinweisschildern zu Discountern und Industriegebieten, eine Klaviermanufaktur.
Es ist jene der Klavierbaumanufaktur Wilhelm Steinberg, die im Sommer 2008 durch Parsons Music Group übernommen wurde, aber als Thüringer Pianoforte GmbH weitergeführt wird. Alle anderen aber scheinen verschwunden zu sein, hinweggerafft von Weltkrieg, Planwirtschaft und Treuhand.
Gemäß dem berühmten Spruch aus den bekannten Asterix-Heften lässt sich aber sagen: „Alle? Nein, nicht alle!“ Im Folgenden wird daher die Geschichte des einzigen anderen Betriebes, der bis heute in Eisenberg besteht – Pianohaus Hutzelmann, Inh. Thomas Hanf, Ludwig-Jahn-Straße 33, 07607 Eisenberg – in groben Zügen umrissen, gefolgt von einer Beschreibung einzelner instrumentenbaulicher Erfindungen, die der Firmengründer Kurt Hutzelmann sich hatte patentieren lassen.
Inhaltsverzeichnis
1. EISENBERG ALS ZENTRUM DES KLAVIERBAUS
2. GESCHICHTE DER KLAVIERBAUFIRMA HUTZELMANN
2.1 GRÜNDUNG, AUFSTIEG UND WELTWIRTSCHAFTSKRISE
2.2 INNOVATIONEN, WELTKRIEG UND STUNDE NULL
2.3 SOZIALISMUS, WENDE UND 100JÄHRIGES BESTEHEN
3. AUSGEWÄHLTE ERFINDUNGEN KURT HUTZELMANNS
3.1 DER ZITHER-KONZERTFLÜGEL „KLAVIEZI“
3.2 DAS „CEMBALO DES 20. JAHRHUNDERTS“: MODELL C 54
4. ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die über hundertjährige Geschichte der Klavierbaufirma Hutzelmann in Eisenberg unter Berücksichtigung historischer, politischer und technologischer Rahmenbedingungen, um das Überleben des Familienbetriebs trotz Weltkriegen, Planwirtschaft und Marktwandel zu verstehen und einzelne technische Innovationen des Gründers Kurt Hutzelmann zu dokumentieren.
- Regionale Bedeutung von Eisenberg als Zentrum des deutschen Klavierbaus
- Unternehmenshistorie des Pianohaus Hutzelmann in drei Generationen
- Einfluss politischer Systeme (Weimarer Republik, Nationalsozialismus, DDR) auf den Handwerksbetrieb
- Technische Analyse der Instrumenten-Entwicklungen („Klaviezi“ und Cembalo-Modell C 54)
- Strategien zur Existenzsicherung in Krisenzeiten, wie der Tauschhandel und Diversifizierung (z.B. „Humaphon“)
Auszug aus dem Buch
Das „Cembalo des 20. Jahrhunderts“: Modell C 54
Größerer Erfolg als dem Klaviezi war dem etwas weniger exotisch anmutenden C 54 beschieden. Von dem Cembalo in Form eines Stutzflügels wurden laut Thomas Hanf etwa 1000 Exemplare hergestellt. Die letzte vergebene Seriennummer liegt um die 1750, wobei sich die Diskrepanz der Nummern folgendermaßen erklärt: „Die Vorkriegsproduktion endete im kleinen fünfstelligen Bereich. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde mit "1" angefangen. Hutzelmann baute auch (Klein-)Klaviere, die das Gros der gebauten Instrumente darstellten. Die Cembali wurden bei der Vergabe der Seriennummer fortlaufend in die Gesamtzählung aufgenommen.“
Bei diesem 1927 erstmals vorgestellten Instrument wurden „die Saiten beim Zurückgehen der Tasten in Ruhestellung vom Kiel nicht wieder berührt“ und durch den gusseisernen Metallrahmen konnte eine „vorzügliche Stimmhaltung“ gewährleistet werden. Die patentierte Anreiß-Repetitions-Mechanik war mit leicht auswechselbaren Messing-, Kunststoff- oder auch Gänsekielen bestückt, abhängig unter anderem von der jeweiligen Materialverfügbarkeit.
Durch einzelne garnierte Docken-Führungen wurde ein geräuschloses Spiel ermöglicht, jede Taste verfügte über einen eigenen Dämpfer und zusätzlich konnte durch Betätigung des rechten Pedals eine komplette Dämpfungsaufhebung erzielt werden. Der Korpus war nach Herstellerangaben 130 cm lang und 102 cm breit wurde aus mattiertem Holz von Eiche oder Rüster (i.e. Ulme), und innen aus poliertem Ahorn gefertigt. Je nach verwendeter Holzart wog das Instrument somit um die 103 kg. Sowohl Mensur und als auch Optik der Tasten waren denen des Klaviers angeglichen, der Tastaturbelag aus Kunststoff oder Elfenit gefertigt, eine Besonderheit stellen die abgerundeten Untertastenvorder-kanten dar.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EISENBERG ALS ZENTRUM DES KLAVIERBAUS: Dieses Kapitel verortet das Klavierhaus Hutzelmann in der industriellen Tradition Eisenbergs und beleuchtet dessen außergewöhnliches Bestehen trotz des allgemeinen Niedergangs der Branche.
2. GESCHICHTE DER KLAVIERBAUFIRMA HUTZELMANN: Die Entwicklung des Familienbetriebs wird von der Gründung durch Kurt Hutzelmann über die wirtschaftlichen Krisen, die DDR-Zeit bis hin zur Übergabe an die heutigen Inhaber chronologisch nachgezeichnet.
3. AUSGEWÄHLTE ERFINDUNGEN KURT HUTZELMANNS: Hier werden die innovativen Instrumentenmodelle „Klaviezi“ und das Cembalo „Modell C 54“ hinsichtlich ihrer technischen Besonderheiten und Marktakzeptanz analysiert.
4. ZUSAMMENFASSUNG: Das Kapitel reflektiert das harmonische Zusammenspiel aus moderner Dienstleistung und gelebter Tradition und betont die Bedeutung des betriebseigenen Museums für die Klavierbauhistorie.
Schlüsselwörter
Klavierbau, Eisenberg, Kurt Hutzelmann, Familienbetrieb, Instrumentenkunde, Klaviezi, Cembalo, Modell C 54, Industriegeschichte, DDR-Wirtschaft, Reparaturhandwerk, Tasteninstrumente, Tradition, Handwerkskunst, Patente.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit widmet sich der über hundertjährigen Geschichte und Entwicklung des Klavierbaubetriebs Hutzelmann in Eisenberg unter besonderer Berücksichtigung seiner Anpassungsfähigkeit an politische und wirtschaftliche Umbrüche.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Untersuchung ab?
Die Themenfelder umfassen die Geschichte des Klavierbaus in der Region Eisenberg, die Biografie des Gründers Kurt Hutzelmann, die instrumentenbaulichen Innovationen sowie die betriebliche Überlebensstrategie durch verschiedene deutsche Staatsformen hinweg.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Entwicklungsschritte des Familienunternehmens aufzuzeigen und zu analysieren, wie das Unternehmen trotz extremer historischer und politischer Widrigkeiten als einziger Betrieb seiner Art am Standort überdauern konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für die Arbeit verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Kombination aus Archivforschung, Auswertung historischer Quellen (wie Urkunden, Typoskripte und Fachzeitschriften) sowie Zeitzeugengespräche mit dem heutigen Inhaber Thomas Hanf.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse der Firmenchronik, die detaillierte Beschreibung der Fertigungsmethoden und die Vorstellung spezifischer Erfindungen wie des Zither-Konzertflügels „Klaviezi“ und des Cembalos „Modell C 54“.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit am besten?
Typische Schlagworte sind Klavierbau, Eisenberg, Kurt Hutzelmann, Industriegeschichte, Instrumententektonik und die Resilienz von Handwerksbetrieben im 20. Jahrhundert.
Warum musste das Unternehmen während der DDR-Zeit seinen Fokus stark verlagern?
Aufgrund der zentralistischen Planwirtschaft und der Schwierigkeit, Rohstoffe für Neubauten zu erhalten, wurde der Betrieb zur Ausführung von Reparaturen für öffentliche Institutionen verpflichtet und griff in Krisenzeiten sogar auf das Prinzip des Tauschhandels zurück.
Welche Bedeutung kommt dem „Modell C 54“ in dieser Arbeit zu?
Das C 54 wird als ein technisch fortschrittliches Cembalo für das 20. Jahrhundert vorgestellt, dessen Konstruktion durch einen Gussrahmen und eine spezialisierte Repetitionsmechanik eine für die damalige Zeit exzellente Stimmhaltung ermöglichte.
- Arbeit zitieren
- Jörg Holzmann (Autor:in), 2020, Klaviezi, Humaphon und ein Cembalo mit Metallrahmen. 100 Jahre Klavierbau Hutzelmann in Eisenberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1257240