Kindererziehung in der Edo-Zeit


Bachelorarbeit, 2009

33 Seiten


Leseprobe

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Zentrum für Ostasienwissenschaften
Institut für Japanologie
Sommersemester 2009
Kindererziehung in der Edo-Zeit
Wissenschaftliche Hausarbeit zur Erlangung des Grades eines Bachelor of Arts
Vorgelegt von: Mika Masuko
BA Ostasienwissenschaften (Hauptfach: Japanologie)
Abgabedatum:27. April 2009

2
Inhaltsverzeichnis
Abstrakt ... 3
1. Einleitung ... 5
2. Die Vorschulzeit ... 6
2.1 Initiationsriten ... 6
2.2 Lernen (manabu
) durch Nachahmung (manebi
) ... 9
2.3 Kindsmord (mabiki
) ... 10
3. Schulbildung ... 11
3.1 Kalligraphie- (tenaraidokoro
) und Tempelschule (terakoya
) . 11
3.1.1 Verbreitung ... 11
3.1.2 Lehrinhalt und Bücher ... 12
3.1.3 Verhältnis zwischen Lehrern (tenarai shishô
/terakoya shishô
) und Schülern (terako
/ fudeko
) ... 13
3.2 Private (shijuku
) und staatliche Schulen für Kriegerfamilien (hankô
/
hangaku
) ... 15
3.2.1 Weiterführenden Schulen ... 15
3.2.2 Das Lernen in der hankô und gôgaku ... 16
4. Die Erziehung der Mädchen ... 16
5. Bewertung des japanischen Bildung- und Erziehungssystems durch Ausländer .. 18
6. Die Kindererziehung außerhalb der Schule ... 20
7. Die Erziehung von den Eltern ... 21
7.1 Der Kindertausch (kaeko kyôiku
) ... 21
7.2 Die drei Laster bei der Erziehung des Kindes ... 22
7.3 Literatur zur Kindererziehung ... 23
7.3.1 Shô gaku
(Xiao-xue) " ... 23
7.3.2 Wazoku dôji kun
[Unterweisung der Kinder in japanischen
Traditionen] ... 24
7.3.3 Der erste Buchband zur Kindeserziehung in Japan, Shôni hitsuyô sodategusa
[Das Buch über die für Kinder notwendige Erziehung] ... 25
8. Fazit ... 27
9. Glossar ... 29
10. Literaturverzeichnis... 33



5
1. Einleitung
In unserer aufgeklärten heutigen Gesellschaft ist es für Eltern selbstverständlich, sich
mit möglichen Erziehungsmethoden für ihre Kinder auseinander zusetzten. Es gibt ein
weit verzweigtes Geäst von Wegen und Theorien seinen Nachwuchs zu erziehen, und
unzählige Bücher wurden zu diesem Thema geschrieben. Diese Vielfältigkeit an
Erziehungsmethoden spiegelt sich auch in den Unterschieden in unserer Gesellschaft
wider. Aber in kaum einem Land beschäftigte man sich bereits vor 400 Jahren so
intensiv mit diesem Thema wie in Japan.
In der Edo-Zeit (Edo-jidai
)
1
betrachtete man Kinder als etwas sehr
wertvolles, denn aus der östlichen Philosophie heraus wurde das Kind als
,,Schatz" angesehen. Schon aus diesem Grund waren die Eltern sehr darauf bedacht,
ihrem Nachwuchs die bestmögliche Erziehung zukommen zu lassen.
Dazu kam, dass die Sterberate in der Edo-Zeit bei Säuglingen und Kleinkindern
durch Krankheiten und mangelnde medizinische Kenntnisse sehr hoch war (in manchen
Familien bis zu 69%), wodurch die durchschnittliche Lebenserwartung sehr niedrig
ausfiel. Diese hohe Kindersterblichkeit bedeutete oft den Stammeshalter oder Erben zu
verlieren und führte nicht selten zum Aussterben eines ganzen Hauses oder Familie.
Eltern und Gesellschaft taten daher gut daran, alle Kraft in das Wohlergehen ihres
Nachwuchses zu investierten.
2
Die Edo-Zeit war eine sehr friedliche Periode in der japanischen Geschichte der
eine kriegerische Epoche vorausgegangen war. Die Herrscher und Gelehrten fanden nun
erstmals Zeit und Kraft sich intensiv mit der Bildung und Erziehung zu beschäftigen.
3
Die Kindeserziehung hatte dabei bald höchste Priorität und so entstanden zahlreiche
verschiedene Bildseinrichtungen für alle Bevölkerungsschichten, es gab einheitliche
Lehrmaterialien und es wurde eine Unmenge an Erziehungsbüchern verfasst. Einige der
damals entstanden Bildungs- und Erziehungsmethoden kommen bis in die heutige Zeit
zur Anwendung.
Dieser Aufsatz erörtert die verschieden Bildungs- und Erziehungsmethoden vor
dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklung in der Edo-Zeit und arbeitet deren
wichtigste Merkmale heraus. Zuerst werden dabei die unterschiedlichen Bräuche und
1
Eine Ära in Japan (1603-1867)
2
Nakae Katsumi (2007): Edo no shitsuke to kosodate
[Zucht und Erziehung in der Edo-Zeit]. Shôdensha
shinsho, 068. Tôkyô: Shôdensha S.4.
3
Eine Ära in Japan (1467-1568)

6
Bildungsmöglichkeiten für die verschiedenen Altersstufen fokussiert, beginnend bei den
vorgeburtlichen Initiationsriten bis zur Einschulung.
Danach werden die privaten und staatlichen Bildungseinrichtungen für
Jugendliche näher betrachtet, wobei vor allem der Lehrplan, die Lehrmaterialen und die
Beziehung zwischen Schülern und Lehren genauer untersucht wird. Obwohl in der Edo-
Zeit, wie in vielen anderen Kulturen auch, die Männer den Mittelpunkt der Gesellschaft
bildeten, wurde überraschenderweise auch für die Frauen in der Bildung einiges getan,
daher werden die Erziehungs- und Bildungsmethoden für Mädchen noch einmal explizit
erörtert.
Auch von den wenigen Ausländern, die zur Edo-Zeit in Japan lebten, werden
Meinungen zum japanischen Erziehungs- und Bildungssystem betrachtet und mit denen
im eigenen Land verglichen.
Wir befinden uns in einer Ära der modernen Gesellschaft, in der immer öfter
Nachrichten von unfassbaren Gewalt- und Mordexzessen jugendlicher Täter die
Schlagzeilen füllen. Es ist meiner Meinung nach der richtige Zeitpunkt einen Blick
zurück in eine Epoche zu werfen, in der - zumindest in Japan - die wichtigsten
Grundsätze der pädagogischen Theorien entstanden und reiften. Nachdem ich mich
intensiv mit diesem Thema beschäftigt habe, bin ich für mich, als Mutter einer
dreimonatigen Tochter, zu der Überzeugung gekommen, dass auf der Suche nach der
richtigen Erziehungmethode ein Blick in die Edo-Zeit in Japan nicht der schlechteste
Ansatz ist.
2. Die Vorschulzeit
2.1 Initiationsriten
In der Edo-Zeit war die Sterberate bei Säuglingen und Kleinkindern in allen
Bevölkerungsschichten sehr hoch. So starben beispielsweise von den 55 Kindern des
elften Shôguns
4
Tokugawa Ienari (
)
5
38 im Alter von unter zwei Jahren, und
nur sieben erreichten das vierzigste Lebensjahr. Die Kinder erlagen hauptsächlich den
typischen Infektions- und Kinderkrankheiten wie Pocken, Masern oder sonstigen
Infektionen.
Aus diesem Grund entwickelten sich für die verschiedenen Altersstufen
unterschiedliche Initiationsriten, von denen einige bis heute existieren. Mit diesen Riten
4
Militärischer General
5
1773-1841. Regierte vom 1787-1837. Hatte insgesamt 55 Kinder von ca. 40 Ehefrauen und Mätressen.

7
feierte und bedankte man sich für das gesunde Heranwachsen des Kindes und bat für
dessen zukünftiges Wohl. Den Eltern in der Edo-Zeit gaben diese Initiationsriten in den
kritischen Lebensphasen ihres Kindes die Hoffnung, dass es diese unbeschadet
überstehen und gesund aufwachsen würde.
Durch die Initiationsriten kamen die Kinder auch nach und nach in Kontakt mit
der Gesellschaft und diese konnte wiederrum das Aufwachsen des Kindes mitverfolgen.
So entstand und festigte sich eine Bindung zu Nachbarn und anderen örtlichen
Organisationen. Da alle Mitglieder einer Gemeinschaft sich an der Erziehung des
Kindes beteiligten, waren die Initiationsriten auch ein wichtiger Schritt zur
gesellschaftlichen Integration.
Viele Gelehrte in der Edo-Zeit waren sogar davon überzeugt, dass eine
vorgeburtliche Erziehung möglich und nötig sei. Der Konfuzianist Nakae Tôju (
)
6
z.B. erklärte in seinem 1647 erschienenen Werk Kagami gusa
7
, einem
erzieherischen Ratgeber für die Frauen jener Zeit, dass die Kindeserziehung schon als
Embryo beginnen müsse. Da der Embryo während der Schwangerschaft stark von der
Mutter beeinflusst würde, müsste sich eine schwangere Frau immer so verhalten, dass
es den Grundsätzen der Barmherzigkeit und Ehrlichkeit entspräche.
8
Nachfolgend sind die wichtigsten Initiationsriten für die verschiedenen
Altersstufen chronologisch aufgelistet:
- Fünfter Schwangerschaftsmonat: Im fünften Monat der Schwangerschaft wurde
ein Ritual durchgeführt, bei dem um den Bauch der schwangeren Frau ein Gürtel
(obi
9
gebunden wurde. Damit wollte man um eine komplikationslose Geburt
zu bitten.
10
- Drei Tage nach der Geburt: Am dritten Tag nach der Geburt gab es eine
Zeremonie, die sich ,,die Feier am dritten Tag nach der Geburt (mikka iwai
" nannte. Bei dieser Zeremonie wurde dem Baby ein Name gegeben und
die Haare geschnitten. Dazu wurden Hebamme, Nachbarn und Familie
eingeladen und man aß zusammen roten Reis (sekihan
)
11
. Durch diese
6
1608-1648. Er ist der Vorfahre des Neokonfuzianismus., Koizumi, Yoshinaga (2007): Edo no kosodate
tokuhon
[Das Lesebuch der Kindererziehung in der Edo-Zeit]. Tôkyô: Shôgakukan, S.18.
7
Koizumi, Yoshinaga (2007), S.18.
8
Nakae, Katsumi (2007), S.16.
9
Ein breiter Gürtel/Band, den man verwendet, um ein japanisches Kleid (kimono) zu tragen
10
Nakae, Katsumi, S.14.
11
Mit roten Bohnen gekochter Reis, den man zu feierlichen Anlässen in Japan isst.

8
Zeremonie wurde die Existenz des Babys in der Welt der Menschen offiziell
anerkannt.
12
- Sieben Tage nach der Geburt: Am siebten Tag nach der Geburt feierte man, dass
das Baby die ersten sieben Tage überlebt hatte. Man nannte diese Zeremonie
,,die Feier am siebter Tag (shichiya no iwai
)". In einigen Gegenden
Japans wurde dem Baby auch erst jetzt ein Name gegeben.
13
- 30 Tage nach der Geburt: Ungefähr einen Monat nach der Geburt wurde das
Baby durch einen Besuch des Schreins von der örtlichen Gemeinschaft
anerkannt. Diese Zeremonie nannte sich Besuch des Schreins (miyamairi
)". Das Baby trat dabei erst der Gemeinschaft des Schreins bei und war
dadurch auch im Ort anerkannt.
14
Durch diese Zeremonie wurde die Verbindung
des Kindes mit der Familie und den Nachbarn gefestigt, wodurch man sich ein
kräftiges und gesundes Wachstums erhoffte.
15
- 100 Tage nach der Geburt: Am hundertsten Tag (in einigen Gegenden auch am
hundertzwanzigsten Tag) nach der Geburt feierte man die
Entwöhnungszeremonie (kuizome
). Dabei gab man dem Baby Reis
zu essen, wodurch man sich erhoffte, dass das Baby zu einem ehrbaren
Menschen heranwachsen und im weiteren Leben immer ausreichend zu Essen
haben würde.
16
- Ein Jahr nach der Geburt: Die Feier am ersten Jahrestag der Geburt nannte man
,,erste Geburt (hatsutanjô
)". Bei dieser Feier aß man Reiskuchen (mochi
), der symbolisch für einen ,,Kraftmenschen (chikaramochi
)" stand.
Man erhoffte sich dadurch, dass das Baby gesund und kräftig aufwachsen
würde.
17
12
Koizumi, Yoshinaga (2007), S.13.
13
Koizumi, Yoshinaga (2007), S.13.
14
Koizumi, Yoshinaga (2007), S.15.
15
Koizumi, Yoshinaga (2007), S.14.
16
Nakae Katsumi (2007), S.38.
17
Nakae Katsumi (2007), S.39.

9
- Drei Jahre nach der Geburt: Im Alter von drei Jahren fand die sogenannte
,,Haare Aufsetzen (kamioki
)" Zeremonie statt. Dabei setze man eine
Perücke auf den Kopf des Kindes und ließ danach bis zum sechsten oder siebten
Lebensjahr die Haare wachsen, was symbolisch für das gesunde Heranwachsen
des Babys zu einem Kind stand.
18
- Drei und fünf bzw. sieben Jahre nach der Geburt: Im Alter von drei und fünf
Jahren bei den Jungen, bzw. drei und sieben Jahren bei den Mädchen, wird in
Japan bis heute das ,,sieben-fünf-drei (sichi-go-san
)" Fest groß gefeiert.
Dabei wünscht man dem Kind für die Zukunft ein gesundes Wachstum. In der
Edo-Zeit wurde dabei mit den Jungen im Alter von fünf Jahren die sogenannte
Hose tragen (hakamagi
)" Zeremonie durchgeführt. Dabei ließ man sie
zum ersten Mal die formelle, zweiteilige Kleidung der Kriegerklasse (kamishimo
tragen. Mit den siebenjährigen Mädchen führte man die Zeremonie
,,Auflösung der Gürtel (obitoki
)" durch, bei der die einfache Schnur zum
Zubinden der Kleidung durch einen Gürtel (obi
) ersetzt wurde. Beide
Zeremonien bedeuteten einen wichtigen Wendepunkt im Leben der Kinder, es
war der erste Schritt zum Eintritt ins Erwachsenenalter.
19
2.2 Lernen (manabu
) durch Nachahmung (manebi
)
Genau wie heutzutage gab es auch in der Edo-Zeit für die älteren Kinder verschiedene
Familienspiele, in denen sie meist die Erwachsenen nachahmten. Die Jungen spielten
dabei gerne einen Helden, die Mädchen gerne eine Mutterrolle. Die Inspiration für ihre
Spiele bekamen sie dabei oft aus dem Theater. Meist ahmten die Kinder Vorkommnisse
und Veranstaltungen aus der Erwachsenenwelt nach, wodurch sie spielerisch die
gesellschaftlichen und familiären Regeln lernen konnten. Das Spielen diente also auch
als Zugang zur Welt der Erwachsenen.
20
Da diese Spiele meist in einer Gruppe gespielt
wurden, konnten die Kinder so auch Gefühle wie Konkurrenz oder Geborgenheit
erfahren und sich soziale Fähigkeiten aneignen.
21
18
Nakae, Katsumi (2007), S.55f.
19
Koizumi, Yoshinaga (2007), S.10., Nakae, Katsumi (2007), S.4.
20
Nakae, Katsumi (2007), S.82f.
21
Nakae, Katsumi (2007), S.4f.
Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Kindererziehung in der Edo-Zeit
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Japanologie)
Veranstaltung
Japanologie
Autor
Jahr
2009
Seiten
33
Katalognummer
V125778
ISBN (eBook)
9783640311767
ISBN (Buch)
9783640310555
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Wissenschaftliche Hausarbeit zur Erlangung des Grades eines Bachelor of Arts. Die Einleitung ist auf Deutsch und Japanisch, der Rest in Deutsch. Abgegeben: 2009-04-27
Schlagworte
Kindererziehung, Edo-Zeit
Arbeit zitieren
Mika Masuko (Autor), 2009, Kindererziehung in der Edo-Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125778

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