Neben dem Minnesang und der Sangspruchdichtung findet sich bei Walther von der Vogelweide ein weiterer Korpus von Liedern, in den Themen mit religiösem Bezug, Kreuzzugs-, Weltabsage- und Altersmotivik einzuordnen sind.
Mit dieser Arbeit soll Stellung genommen werden zu der Problematik der sogenannten Altersdichtung bei Walther. Es soll versucht werden, die Absage an die (höfische) Welt und die damit verbundene Gesellschaftskritik, die bei diesen Liedern angenommen wird, anhand der beiden Lieder Frô welt, ir sult dem wirte sagen (C 70, L 100,24) und Ein meister las, troume unde spiegelglas (C 96, L 122,24) herauszuarbeiten. Des Weiteren soll auf Unterschiede zum Minnesang und der Sangspruchdichtung eingegangen und die damit verbundenen Möglichkeiten und Konsequenzen deutlich gemacht werden. Zu klären ist auch, ob es sich um eine eigenständige Gattung von Altersliedern handeln kann. Auch soll die Leistung Walthers von der Vogelweide deutlich werden, der mit seiner Alterslyrik die gängigen Konzepte von Minnesang und Sangspruch scheinbar durchbrochen hat, wodurch sich für seine Alterslieder wohlmöglich ein neuer Spielraum eröffnet.
In einer Schlussbetrachtung werden alle gewonnenen Erkenntnisse noch einmal zusammengefasst und abschließend bewertet.
Die Anführung der einzelnen Beispielverse erfolgt auf der Grundlage der Bezeichnung nach Lachmann. Nur in bestimmten Fällen wird in kenntlicher Weise auf die Bezeichnung nach Cormeau zurückgegriffen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Altersdichtung
3. Frô welt, ir sult dem wirte sagen
4. Ein meister las, troume unde spiegelglas
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Problematik der sogenannten Altersdichtung bei Walther von der Vogelweide. Das Hauptziel besteht darin, die in diesen Liedern enthaltene Weltabsage und Gesellschaftskritik anhand zweier ausgewählter Beispiele zu analysieren, die Abgrenzung zum Minnesang und zur Sangspruchdichtung zu klären sowie die Leistung Walthers im Hinblick auf die Durchbrechung gängiger Gattungskonzepte zu würdigen.
- Analyse der Altersmotivik in den Liedern "Frô welt, ir sult dem wirte sagen" und "Ein meister las, troume unde spiegelglas"
- Untersuchung der gesellschaftskritischen Dimensionen und der Weltabsage
- Abgrenzung und Differenzierung zu Minnesang und Sangspruchdichtung
- Frage nach dem autobiographischen Bezug versus der Rolle des weisen Sängers
- Diskussion der Gattungsfrage und der Mehrdimensionalität der Alterslyrik
Auszug aus dem Buch
Frô welt, ir sult dem wirte sagen
Das Lied wird in Strophe eins eröffnet mit einer direkten Anrede der Frau Welt (100,24), die aufgefordert wird dem wirte (100,24) die Nachricht zu überbringen, dass das erzählende Ich den Großteil seiner Schuld abbezahlt habe (100,25 – 100,26) und nun freigesprochen werden möchte (daz er mich von dem briefe schabe (100,27)). Über die Person des erzählenden Ichs erfahren wir hier noch keine Einzelheiten und auch der wirte ist noch nicht näher bestimmbar. Mit der Einsetzung der Frau Welt bedient Walther aber schon zu Beginn ein wahrscheinlich von ihm in die deutsche Dichtung eingeführtes Topos der frô welt, in welchem die Klage über die Vergänglichkeit der Welt, die Warnung vor und die Abkehr von ihr verhaftet ist.
Dieses Topos war seinem Publikum mit großer Wahrscheinlichkeit auch bekannt, so dass er es hier bereits vorbereitet auf die Thematik seines Liedes. Auch wenn die Hinweise auf eine Vergänglichkeitsklage und das Abbezahlen der Schuld am Lebensende hier schon eindeutig zu sein scheinen (vergolden (100,25), grœste gülte (100,26), von dem briefe schabe (100,27)), so lässt sich Walther genügend Spielraum für eine weitere Interpretation. Frau Welt könnte zu diesem Zeitpunkt noch ebenso gut eine Minnedame sein und der Gastgeber ein Auftraggeber des erzählenden Ichs. Die grœste gülte wäre demnach der Minnedienst an der hohen Dame, den das erzählende Ich schuldig ist aufgrund des Lohnes, den es erhalten hat. Es könnte hier also noch genauso gut möglich sein, dass das erzählende Ich - hier eindeutig in der Rolle des Sängers zu sehen - darum bittet von seinem Minnedienst befreit zu werden, da es schon genug Minne für die hohe Dame dargebracht hat.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Altersdichtung bei Walther von der Vogelweide ein und definiert das methodische Vorgehen anhand zweier spezifischer Lieder.
2. Zur Altersdichtung: Das Kapitel erläutert die Problematik der Datierung von Altersliedern und diskutiert, inwieweit Walther als erster Dichter das Alter im Minnesang thematisiert.
3. Frô welt, ir sult dem wirte sagen: Die Analyse dieses Liedes untersucht die komplexen Interpretationsmöglichkeiten zwischen weltlicher Minnethematik und christlicher Weltabsage.
4. Ein meister las, troume unde spiegelglas: Dieses Kapitel widmet sich der Altersklage in Verbindung mit heilsthematischen Motiven und diskutiert textkritische Fragen.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass die Altersdichtung bei Walther keinen einheitlichen Liedtypus bildet, aber einen wesentlichen Themenkomplex darstellt.
Schlüsselwörter
Walther von der Vogelweide, Altersdichtung, Minnesang, Sangspruchdichtung, Weltabsage, Frau Welt, Gesellschaftskritik, Vergänglichkeit, Seelenheil, Gottesbezug, Mittelalter, Literaturbetrieb, Altersklage, Mehrdimensionalität, Interpretation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die „Altersdichtung“ bei Walther von der Vogelweide und analysiert, wie der Dichter Abschied von der höfischen Welt nimmt und diese kritisiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Vergänglichkeit der Welt, der Abschied vom Minnesang, die persönliche Lebensbilanz des Sängers und christliche Heilsthematik.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, ob es sich bei den sogenannten Altersliedern um eine eigenständige Gattung handelt und wie Walther traditionelle Gattungskonzepte durchbricht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse von zwei repräsentativen Liedern vorgenommen, wobei insbesondere die Mehrdimensionalität der Texte herausgearbeitet wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Lieder "Frô welt, ir sult dem wirte sagen" und "Ein meister las, troume unde spiegelglas" hinsichtlich ihrer Struktur und Motivik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Altersdichtung, Minnesang, Weltabsage, Gesellschaftskritik und Mehrdimensionalität.
Warum ist die Identifikation des „Ichs“ in den Liedern so schwierig?
Es ist unklar, ob Walther eigene Alterserfahrungen verarbeitet oder lediglich eine rhetorische Rolle einnimmt, um das Publikum zu belehren.
Welche Rolle spielt die christliche Thematik in der Alterslyrik?
Die christliche Thematik dient insbesondere in der Schlussphase der Lieder dazu, die Abkehr von irdischen, materiellen Werten und die Hinwendung zum Seelenheil zu unterstreichen.
- Quote paper
- Kathleen Grünert (Author), 2007, Altersdichtung bei Walther von der Vogelweide, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125779