Ziel der Hausarbeit ist es, die von Heinrich Rickert 1898 zum ersten Mal vorgestellte und 1926 zum letzten Mal überarbeitete Schrift "Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft" im Zusammenhang mit den Thesen Wilhelm Windelbands darzustellen. Hierzu werden zunächst in Kapitel 2 die Thesen Windelbands zur Einteilung der empirischen Wissenschaften beschrieben. Kapitel 3 beinhaltet zunächst die Gemeinsamkeiten von Windelband und Rickert. Im Anschluss hieran erfolgt eine Beschreibung der von Rickert bei Windelband kritisch betrachteten Punkte. Im letzten Unterabschnitt werden die neuen Thesen Rickerts zur historischen Begriffsbildung behandelt. Nach der Darstellung einiger Kritiken zu Rickerts Thesen in Kapitel 4, wird die Arbeit in Kapitel 5 mit einer Zusammenfassung und einem Fazit geschlossen.
Die Südwestdeutsche Schule des Neukantianismus war um 1890 bis 1930 eine an Werten orientierte Philosophie, die vor allem an den Universitäten in Heidelberg, Freiburg im Breisgau und Straßburg gelehrt wurde. Hauptvertreter waren Wilhelm Windelband (1848–1915) und sein Schüler Heinrich Rickert (1863–1936). Windelband gab den Anstoß mit einem Methodendualismus, indem er die empirischen Wissenschaften aufgrund der Methoden der Urteilsbildung in Naturwissenschaften und Geistes- bzw. Kulturwissenschaften einteilte. Rickert unterschied innerhalb der empirischen Wissenschaften in Naturwissenschaften und Kulturwissenschaften.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Empirische Wissenschaften bei Wilhelm Windelband
2.1 Die Einteilung der empirischen Wissenschaften
2.2 Individualistische Auffassung von Werten
3 Die historische Kulturwissenschaft bei Heinrich Rickert
3.1 Gemeinsamkeiten bei Wilhelm Windelband und Heinrich Rickert
3.2 Kritiken von Heinrich Rickert an Wilhelm Windelband
3.3 Erweiterungen von Heinrich Rickert
3.4 Mittelgebiete
3.5 Wert und Geltung
4 Kritiken an Rickerts Thesen
4.1 Kritik an den Zielen und Methoden
4.2 Kritik an der Wert/Wertung-Dichotomie
4.3 Kritik an der transzendentalen Lösung
4.4 Die Inkommensurabilität von Werten
5 Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, Heinrich Rickerts Thesen zur historischen Kulturwissenschaft, wie sie in seiner Schrift „Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft“ dargelegt sind, im direkten Abgleich mit den methodologischen Ansätzen Wilhelm Windelbands kritisch zu untersuchen und deren wissenschaftstheoretische Implikationen herauszuarbeiten.
- Methodologischer Dualismus und die Unterteilung in Natur- und Kulturwissenschaften.
- Die Bedeutung der Begriffsbildung für die wissenschaftliche Objektivität.
- Untersuchung der Wertbeziehungslehre als Prinzip historischer Forschung.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Objektivitätsproblematik bei Rickert.
Auszug aus dem Buch
3.3 Erweiterungen von Heinrich Rickert
Bei Windelband beruht der Wert eines Objektes auf seiner Einmaligkeit, Rickert dagegen leitet den Begriff des Wertes aus der Unterscheidung von Natur- und Kulturprodukten ab. Naturprodukte sind „frei aus der Natur wachsend“ und Kulturprodukte „bringt das Feld hervor, wenn der Mensch geackert und gesät hat“ (vgl. Rickert 1926, 35). Werte entstehen durch menschliche, auf einen Zweck hin ausgerichtete absichtliche Handlungen, indem etwas Neues entsteht oder gepflegt wird. Naturprodukte sind sinn- und bedeutungsfrei, Kulturprodukte erhalten durch die menschliche Handlung einen Sinn und Bedeutung und haben für uns einen Wert, bzw. durch ihren Wert erhalten die Kulturprodukte für uns einen Sinn und eine Bedeutung, sie sind Kulturwerte (vgl. Rickert 1926, 35).
Diese Kulturwerte sind nicht die durch die Handlung entstandenen Güter, sondern die Kulturwerte werden diesen Gütern beigemessen, sie besitzen also keine eigene Existenz, sondern sie gelten für diese Güter und stehen in einer theoretischen Beziehung zu ihnen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung verortet das Thema im neukantianischen Kontext und skizziert das methodische Vorhaben, Rickerts Thesen mit denen von Windelband zu vergleichen.
2 Empirische Wissenschaften bei Wilhelm Windelband: Dieses Kapitel erläutert Windelbands Unterscheidung zwischen nomothetischen Naturwissenschaften und idiographischen Geisteswissenschaften sowie seine werthafte Sicht auf das Individuelle.
3 Die historische Kulturwissenschaft bei Heinrich Rickert: Hier wird Rickerts Versuch beschrieben, durch das Konzept der Kulturwerte und der Wertbeziehung eine methodisch strengere Abgrenzung zur Naturwissenschaft zu etablieren.
4 Kritiken an Rickerts Thesen: Das Kapitel analysiert methodische Schwachstellen, insbesondere die Problematik der Objektivität und der Unvereinbarkeit (Inkommensurabilität) verschiedener Werte.
5 Zusammenfassung und Fazit: Das Fazit resümiert, dass Rickert eine präzise methodische Grundlegung für die Kulturwissenschaften anstrebte, die finale Lösung des Wertproblems jedoch offen blieb.
Schlüsselwörter
Heinrich Rickert, Wilhelm Windelband, Neukantianismus, Kulturwissenschaft, Naturwissenschaft, Nomothetik, Idiographie, Wertbeziehung, Kulturwerte, Begriffsbildung, Erkenntnistheorie, Objektivität, Werturteil, Wissenschaftsmethodik, Historizität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die wissenschaftstheoretischen Grundlagen des Neukantianismus, insbesondere den Übergang von Windelbands Methodendualismus zu Rickerts systematischer Kulturwissenschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Einteilung der Wissenschaften, das Verhältnis von Wert und Wirklichkeit sowie die methodischen Anforderungen an eine objektive Geschichtsschreibung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die kritische Darstellung und Evaluation von Heinrich Rickerts Thesen zur historischen Begriffsbildung in Abgrenzung zu Wilhelm Windelbands Arbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative und analyseorientierte Methode, um die erkenntnistheoretischen Positionen der beiden Philosophen anhand ihrer Schriften zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Denker, Rickerts Erweiterungen durch den Kulturbegriff und die kritischen Reaktionen auf seine Wertbeziehungslehre.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind Kulturwissenschaft, Wertbeziehung, Idiographie, Nomothetik und wissenschaftliche Objektivität.
Wie definiert Rickert den Unterschied zwischen Natur- und Kulturprodukten?
Rickert unterscheidet sie anhand ihrer Entstehung: Naturprodukte wachsen frei aus der Natur, während Kulturprodukte durch menschliche, zweckgerichtete Handlungen entstehen und somit einen Sinn tragen.
Warum hält Rickert die von Windelband vorgeschlagene Einteilung für unzureichend?
Rickert empfindet die bloße Einteilung nach „Einmaligkeit“ als methodisch zu schwach und führt stattdessen die „Wertbeziehung“ ein, um das Wesentliche historischer Objekte präziser auswählen zu können.
- Quote paper
- Rudolf Schäfer (Author), 2021, Heinrich Rickerts Thesen zur historischen Kulturwissenschaft aus der Schule des Neukantianismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1257813