Bereits seit mehreren Jahren wird immer wieder über die kompensatorische Funktion des Kunstunterrichts diskutiert. Hierbei kristallisieren sich zwei Meinungen heraus. Zum einen die, die dem Kunstunterricht fast ausschließlich kompensatorische Funktionen zuschreiben und zum anderen die, die davor warnen, den Kunstunterricht mit kompensatorischen Aspekten zu überladen, so dass der eigentliche Gegenstand „Kunst“ nur noch zur Randerscheinung verkommt.
Im Folgenden soll nun geklärt werden, was Kompensatorik allgemein bedeutet und wie sich kompensatorische Funktionen des Kunstunterrichtes zunächst überhaupt konstatieren lassen. Des Weiteren soll ein Einblick in kompensatorische Bemühungen der Konzepte ästhetischer Erziehung, angefangen bei der musischen Erziehung bis hin zur kritisch ästhetischen Erziehung, gegeben werden. Nach einer Zusammenstellung der Kritikpunkte an kompensatorischem Kunstunterricht werden abschließend die herausgearbeiteten Gesichtspunkte noch einmal zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zum Begriff der Kompensatorik
3. Funktionen eines kompensatorischen Kunstunterrichts
4. Stellenwert der kompensatorischen Bemühungen in den Konzepten zur ästhetischen Erziehung
4.1 Musische Kunsterziehung (bis 1960)
4.2 Wissenschaftlicher Kunstunterricht (1960 bis 1970)
4.3 Kritisch ästhetische Erziehung (ab 1970)
5. Kritik an kompensatorischem Kunstunterricht
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die kompensatorische Funktion des Kunstunterrichts und analysiert, inwieweit dieser als Ausgleich für gesellschaftlich erzeugte Defizite und persönliche Mängel bei Schülern fungieren kann. Das Ziel besteht darin, den Stellenwert kompensatorischer Ansätze in verschiedenen kunstpädagogischen Konzepten kritisch zu hinterfragen und deren Grenzen sowie die Bedeutung einer ausgewogenen Unterrichtsgestaltung aufzuzeigen.
- Begriffsbestimmung und theoretische Verortung von Kompensatorik im pädagogischen Kontext.
- Historische Analyse kompensatorischer Bemühungen in der musischen, wissenschaftlichen und kritisch ästhetischen Erziehung.
- Untersuchung der Funktionen des Kunstunterrichts bei der Verarbeitung von Aggressionen und emotionalen Belastungen.
- Kritische Reflexion über die Gefahr einer einseitigen Überladung des Kunstunterrichts mit kompensatorischen Zielsetzungen.
Auszug aus dem Buch
4 Fallbeispiel „Fred“: „Die Koze“; Darstellung und Verarbeitung von Aggression und Vulgärem
Beim zwölfjährigen Schüler Fred wurden seit früher Kindheit autistische Züge festgestellt. Nach unterschiedlichen Therapieansätzen befindet er sich seit der 5. Klassenstufe in dieser nun 6. integrativen Klasse als Erziehungshilfeschüler. Fred wird lernzielgleich unterrichtet. Eine Integrationshelferin ist an seiner Seite, um ihm die alltäglichen Mechanismen besser bewältigen zu helfen. Sein einziger, auch privater Freund ist Christian (11 Jahre), Regelschüler und seit Beginn der 6. Klasse Klassensprecher.
Freds insgesamt drei Zeichnungen und die Geschichte, die er in der oben beschriebenen Unterrichtseinheit hierzu entwickelte, enthalten viele spontan-emotionale Elemente, die sich innerhalb seiner ästhetischen Praxis Ausdruck verschaffen. In unterschiedlichen Interviewsequenzen wird dies deutlich. Christian ergänzt ab und zu die Aussagen seines Freundes Fred. Fred erzählt seine Geschichte nicht kompakt in einem, sondern spontan in mehreren Abschnitten des Interviews. Zum besseren Verständnis des von Fred Gesagten sei die Gliederung seiner Geschichte anhand der drei zeitlich nacheinander entwickelten Zeichnungen kurz umrissen (Abb. 1, 2, 3): Die erste Zeichnung zeigt einen sich erbrechenden Riesen. Auf seiner zweiten Zeichnung bildet er eine Vogelscheuche im Hagelsturm ab. Die dritte Zeichnung enthält die Darstellung eines Flugzeugs, das durch einen Meteoriten fliegt. Das Erbrochene des Riesen bildet einen thematischen roten Faden durch alle drei Bilder. Es ist auf den drei Zeichnungen dargestellt, es ändert aber jeweils seine materialen Zustände: Es tritt in Form von Erbrochenem, Apfelteilchen, Meteoritenstücken und Hagel auf.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die Diskussion über die kompensatorische Funktion des Kunstunterrichts und stellt die Zielsetzung dar, verschiedene Konzepte sowie Kritikpunkte zu beleuchten.
2. Zum Begriff der Kompensatorik: Dieses Kapitel definiert Kompensatorik als Ausgleich von Mängeln und beleuchtet deren Bedeutung in der Erziehungswissenschaft und Kunsttherapie.
3. Funktionen eines kompensatorischen Kunstunterrichts: Hier werden verschiedene kompensatorische Wirkungsweisen wie sensomotorische Erfahrungen, Selbstwahrnehmung und Materialerfahrung untersucht.
4. Stellenwert der kompensatorischen Bemühungen in den Konzepten zur ästhetischen Erziehung: Das Kapitel analysiert den historischen Wandel kompensatorischer Ansätze von der musischen Kunsterziehung über den wissenschaftlichen Kunstunterricht bis zur kritisch ästhetischen Erziehung.
4.1 Musische Kunsterziehung (bis 1960): Diese Strömung fokussiert auf Ganzheitlichkeit und schöpferische Freiheit, gerät jedoch aufgrund übersteigerter Erwartungen in die Kritik.
4.2 Wissenschaftlicher Kunstunterricht (1960 bis 1970): Dieser Ansatz betont Sachlichkeit und die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst, vernachlässigt dabei aber die individuellen Bedürfnisse des Schülers.
4.3 Kritisch ästhetische Erziehung (ab 1970): Die kritisch ästhetische Erziehung betrachtet den Kunstunterricht als soziales Handlungsfeld und strebt die Emanzipation des Subjekts an.
5. Kritik an kompensatorischem Kunstunterricht: Dieses Kapitel warnt vor einer Überstrapazierung kompensatorischer Funktionen, die den Eigenwert der Kunst gefährden könnte.
6. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung plädiert für ein ausgewogenes Maß an kompensatorischen und nicht-kompensatorischen Ansätzen im Kunstunterricht.
Schlüsselwörter
Kompensatorischer Kunstunterricht, Ästhetische Erziehung, Kompensation, Musische Kunsterziehung, Wissenschaftlicher Kunstunterricht, Kritisch ästhetische Erziehung, Subjektentwicklung, Aggressionsverarbeitung, Identitätsfindung, Kunstpädagogik, Sozialisation, Digitalfotografie, Fallbeispiel, Emanzipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, inwiefern der Kunstunterricht dazu genutzt werden kann, gesellschaftliche Defizite und individuelle psychische Mängel bei Schülern auszugleichen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den zentralen Themen gehören die Definition von Kompensatorik, historische kunstpädagogische Konzepte, die psychologische Funktion von Kunst bei der Aggressionsbewältigung und die Kritik an einer instrumentellen Überlastung des Kunstunterrichts.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, den Nutzen und die Grenzen kompensatorischer Funktionen im Kunstunterricht aufzuzeigen und eine fundierte Reflexion für die zukünftige Unterrichtsgestaltung anzuregen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit kunstpädagogischer Fachliteratur sowie auf ein qualitativ empirisches Fallbeispiel („Fred“), welches mittels phänomenologischer Analyse ausgewertet wurde.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Entwicklung des kompensatorischen Gedankens durch die musische, wissenschaftliche und kritisch ästhetische Erziehung und diskutiert die negativen sowie positiven Aspekte dieses Ansatzes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Kompensatorischer Kunstunterricht, Ästhetische Erziehung, Subjektentwicklung, Aggressionsverarbeitung und Kunstpädagogik.
Warum wird im Fallbeispiel der Begriff „Kotze“ so stark thematisiert?
Der Begriff dient als Ausdruck für die Verarbeitung extrem belastender Gefühle und existenzieller Bedrohungsszenarien, die der Schüler durch sein künstlerisches Tun nach außen kehrt und somit kanalisiert.
Welche Rolle spielt die Digitalkamera im analysierten Unterrichtsprojekt?
Die Digitalkamera dient als Instrument, um durch unkonventionelle Makroaufnahmen die Fantasie der Schüler anzuregen und sie dazu zu befähigen, in ihrem Alltag zuvor unbeachtete Details als Ausgangspunkt für ästhetische Prozesse zu entdecken.
Können Lehrkräfte an Regelschulen als Therapeuten agieren?
Die Arbeit stellt klar, dass kompensatorische Effekte des Unterrichts nicht mit kunsttherapeutischen Absichten verwechselt werden dürfen, da Lehrkräfte hierfür nicht ausgebildet sind und der schulische Rahmen eine therapeutische Arbeit meist nicht zulässt.
- Quote paper
- Kathleen Grünert (Author), 2006, Kompensatorischer Kunstunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125785