In seinem Grußwort in der Kölner Synagoge im Rahmen des Weltjugendtages in Köln hat Papst Benedikt XVI. folgendes festgestellt:
„Wir müssen uns noch viel mehr und besser gegenseitig kennenlernen. Deshalb möchte ich ausdrücklich ermutigen zu einem aufrichtigen und vertrauensvollen Dialog zwischen Juden und Christen."
Die Aufforderung des Papstes zu einem „Dialog zwischen Juden und Christen“ birgt in sich einige grundsätzliche Fragen und Probleme.
Wie sehen die Bedingungen für einen Dialog zwischen Juden und Christen aus? Welche Schritte sind bereits getan, und was steht noch aus? Wo liegen die spezifischen Probleme dieses Dialoges?
Um diesen Fragen nachzugehen werden folgende Schritte unternommen:
Als erstes werden die Bedingungen und Grundlagen eines Dialoges zwischen Juden und Christen skizziert. Die bisherigen Beziehungen zwischen Christen und Juden werden beleuchtet. Insbesondere die Schoa und das Konzilsdokument „Nostra Aetate“, das als „Magna Charta des Verhältnisses zwischen Kirche und Judentum“ gilt, werden vorgestellt. Es folgen wichtige lehramtliche Markierungen.
Zweitens wird im Rahmen der dogmatischen Erkenntnis- und Prinzipienlehre die Frage nach der Bedeutung des Judentums als theologischem Ort in Anlehnung an die Locilehre von Cano bearbeitet. Der moderne Neuentwurf von Peter Hünermann wird vorgestellt. Die erkenntnistheologische Studie von Paul Petzel wird als Grundlage verwendet um die bei Hünermann offen gebliebenen Fragen nach der Bedeutung des Judentums an den klassischen theologischen Orten zu beantworten.
Drittens wird das jüdische Dokument Dabru Emet und seine Wirkung kritisch auf Anknüpfungspunkte für einen Dialog aus christlicher Perspektive untersucht. Es werden verschiedene Positionen des Judentums beleuchtet. Hier stellt sich dann die Frage nach dem Judentum in seiner ganzen Andersheit und Pluralität.
Viertens werden die Fragen, die sich aus der Trinitätslehre, besonders der Christologie, im Bezug auf den Monotheismus Israels ergeben, erörtert. Verschiedene christologische Modelle werden auf ihre Zugangsmöglichkeiten für die jüdische Seite hin untersucht und bleibende Differenzen aufgezeigt.
Die verschiedenen Dimensionen von Erfahrungen mit dem offenbarten Wort Gottes, der Alterität der sich daraus ergebenden Traditionen und die Bedeutung dieser Glaubenserfahrungen für den christlich-jüdischen Dialog werden an fünfter Stelle benannt.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Ausgangslage des christlich-jüdischen Dialoges - Eine kurze Bestandsaufnahme
1.1 Ist christlich-jüdischer Dialog überhaupt ein Dialog?
1.2 Von der Verachtung zur Katastrophe
1.3 Nostra Aetate - Ein Neubeginn
1.3.1 Einige Eckpunkte zur Genese von Nostra Aetate
1.3.2 Die Botschaft von Nostra Aetate
1.3.3 Die Wirkungsgeschichte von Nostra Aetate
1.4 Fazit und Ausblick
2. Die Loci Theologici
2.1 Die Loci Theologici nach Cano: eine kurze Hinführung
2.2 Aspekte einer modernen Lehre von den Loci Theologici
2.3 Das Judentum als Locus Theologicus „semi-proprius“ nach Peter Hünermann
2.4 Inwieweit ist das Christentum auf das Judentum verwiesen? Spurensuche anhand ausgewählter Loci nach Cano
2.4.1 Ortsbegehung des Locus Humanae Auctoritas Historiae
2.4.2 Ratio Naturalis und Auctoritas Philosophorum
2.4.3 Schrift und Schriftauslegung in der Tradition
2.4.4 Die Bedeutung der gefundenen Judaica in den Loci Theologici für die Christliche Theologie.
2.5 Auswirkungen der Judaica auf den christlich-jüdischen Dialog
3. Das jüdische Gegenüber, uns ähnlich?
3.1 Vorgeschichte und Genese von Dabru Emet
3.2 Dabru Emet – Aufbau und Thesen
3.2.1 These 1 und These 6: Eine nähere Betrachtung
3.3 Rezeption von Dabru Emet
3.3.1 Jüdische Rezeption
3.3.2 Christliche Rezeption
3.4 Ausblick und Anknüpfungspunkte
4. Gottesfrage – Trinität, eine Problemzone des Dialoges?
4.1 Jüdischer Monotheismus und christlich-trinitarischer Glaube
4.2 Konkrete Ausformungen des jüdischen Monotheismus
4.3 Skizzierung der christlichen Trinitätslehre
4.3.1 Biblische und frühchristliche Grundlegungen
4.3.2 Interpretationen und Weiterführungen
4.4 Zugangsmöglichkeiten und Annäherungen
4.5 Trinität im christlich-jüdischen Dialog: Eine Bilanz
5. Das Wort Gottes und die Konsequenzen für das christlich-jüdische Verhältnis
5.1 Das Wort Gottes
5.1.1 Gottes Wort -Uneindeutigkeit und Beziehung
5.1.2 Ausprägungen und Verbindungen
5.1.3 Verhältnisbestimmungen
5.2 Perspektiven
5.3 Zusammenfassung
6. Fazit
6.1 Rückblick
6.1.1 Geschichte
6.1.2 Lehramtliche Positionen
6.1.3 Erkenntnistheoretisch-systematische Fragen
6.1.4 Das jüdische Gegenüber
6.1.5 Christologie
6.1.6 Wort Gottes und die Konsequenzen für einen Dialog
6.2 Zukunftsperspektiven
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Voraussetzungen, Bedingungen und Problematiken eines aufrichtigen christlich-jüdischen Dialogs nach der Schoa, wobei sie das Judentum nicht nur als historische Wurzel, sondern als eigenständiges, lebendiges Gegenüber begreift, das die christliche Theologie zur Selbstreflexion und Neubestimmung ihrer theologischen Orte zwingt.
- Historische Aufarbeitung des Verhältnisses von Judentum und Christentum
- Dogmatische Neubestimmung des Judentums als "Locus Theologicus"
- Kritische Auseinandersetzung mit dem jüdischen Dokument "Dabru Emet"
- Analyse der Gottesfrage und der Trinitätslehre im Dialog
- Erörterung des Offenbarungsverständnisses und des Wortes Gottes
Auszug aus dem Buch
1.1 Ist christlich-jüdischer Dialog überhaupt ein Dialog?
Nach Levinas ist der Dialog „das Gespräch, das Menschen miteinander von Angesicht zu Angesicht führen; in Rede und Einrede sprechen sie sich an und tauschen Fragen und Antworten, Aussagen und Einwände aus“. Der Dialog ist ein sprachlich verfasstes interpersonales Mitteilungs- und Austauschgeschehen. In ihm kommt der andere, in unserem Fall das jüdische Gegenüber, als er selbst zu Wort. Genauso wie ich selbst, die christliche Position, und die Sache, um die es im Gespräch geht, zu Wort kommen. Ein echter Dialog fordert die Anerkennung des anderen ,als anderen´ und ist von jeder Form von Machtausübung freizuhalten. Für den Dialog ist es notwendig, sich erkenntnis- und wahrheitsoffen auf das Dialoggeschehen einzulassen und sich dieser offenen Zukunft auszusetzen, ohne dabei den eigenen Standort preiszugeben oder ins Beliebige abzudriften.
Inwieweit erfüllt der christlich-jüdischen Dialog, wie er bisher betrieben wird, die oben genannten Kriterien? Was steht dem Dialog im Wege? Wer redet eigentlich mit wem? Über was wird eigentlich geredet? Ist der christlich-jüdische Dialog schon ein Dialog? Diese Fragen werden in Kapitel 6 wieder aufgegriffen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Ausgangslage des christlich-jüdischen Dialoges - Eine kurze Bestandsaufnahme: Dieses Kapitel skizziert die historische und aktuelle Situation des Dialogs, beleuchtet das Dokument "Nostra Aetate" als Wendepunkt und thematisiert die christliche Verantwortung nach Auschwitz.
2. Die Loci Theologici: Hier wird das theologische Instrumentarium nach Melchior Cano im Kontext der modernen Theologie neu interpretiert, um das Judentum als eigenständigen theologischen Ort ("Locus Judaicus") zu verorten.
3. Das jüdische Gegenüber, uns ähnlich?: Dieses Kapitel analysiert das jüdische Dokument "Dabru Emet", dessen Thesen und die vielfältigen Reaktionen darauf als wichtigen Schritt zu einer jüdischen Positionierung im Dialog.
4. Gottesfrage – Trinität, eine Problemzone des Dialoges?: Untersuchung der theologischen Spannungsfelder zwischen jüdischem Monotheismus und christlicher Trinitätslehre mit dem Ziel, Annäherungsmöglichkeiten auszuloten.
5. Das Wort Gottes und die Konsequenzen für das christlich-jüdische Verhältnis: Analyse der unterschiedlichen Offenbarungserfahrungen und des Umgangs mit den Heiligen Schriften, die als Basis für eine zukünftige dialogische Beziehung dienen.
6. Fazit: Zusammenfassende Rekapitulation der Ergebnisse und Reflexion über die zukünftigen Herausforderungen und Perspektiven für einen aufrichtigen christlich-jüdischen Dialog.
Schlüsselwörter
Christlich-jüdischer Dialog, Schoa, Nostra Aetate, Loci Theologici, Dabru Emet, Judentum, Christentum, Trinität, Monotheismus, Wort Gottes, Offenbarung, Gotteserfahrung, Identität, Theologie nach Auschwitz, Alterität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Grundlagen, Perspektiven und Problemen eines authentischen Dialogs zwischen Christen und Juden, besonders vor dem Hintergrund der Shoa.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die dogmatische Neubestimmung des Judentums als theologischer Ort, die kritische Rezeption des jüdischen Dokuments "Dabru Emet" sowie die Herausforderungen durch Trinitätslehre und Christologie im Dialog.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Dialog von einer rein historisch-defensiven Ebene hin zu einer theologisch tragfähigen, intersubjektiven Begegnung auf Augenhöhe weiterzuentwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die dogmatische Erkenntnislehre nach Melchior Cano ("Loci Theologici") und deren moderne Erweiterung durch Peter Hünermann und Paul Petzel, um theologische Zusammenhänge systematisch zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der methodischen Ortsbestimmung des Judentums, der Analyse jüdischer Selbstzeugnisse, dem Spannungsfeld zwischen monotheistischem Glauben und trinitarischer Dogmatik sowie dem Verständnis von Offenbarung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Dialog, Alterität, Locus Theologicus, Trinität, Monotheismus, Offenbarung, Christologie und das jüdische Dokument Dabru Emet.
Welche Bedeutung hat das Dokument "Dabru Emet" für den Autor?
Es wird als erstes bedeutendes jüdisches Dokument gewertet, das eine eigene, aktive Position zum Wandel im christlichen Denken bezieht und somit den Dialog über ein rein akademisches Interesse hinaus in die Praxis führen will.
Wie bewertet die Arbeit die Möglichkeit einer Einigung in der Christologie?
Die Arbeit identifiziert die Christologie als eine "Problemzone" und betont, dass ein Konsens in dieser Frage zwar kaum zu erreichen ist, aber dennoch ein respektvoller Austausch möglich bleibt, wenn der Dialog nicht auf Assimilation, sondern auf die Anerkennung der je eigenen Tradition ausgerichtet ist.
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- Diplomtheologe Hermann Tobias Aigner (Author), 2008, Der Weg zu einem christlich-jüdischen Dialog, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125853