Wo warst du Gott in Auschwitz? Eine Auseinandersetzung mit der Theodizee-Frage anhand der Position von Hans Jonas


Facharbeit (Schule), 2022

36 Seiten, Note: 15 Punkte

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkurzungsverzeichnis

Personenregister

Fachwortverzeichnis

I. 0 Einleitung
„Wo warst du Gott in Stalingrad lieb, lieber Gott“ - Wolfgang Borchert

2.0 Etymologie und Begriffsdefinition : Leid, Allmacht, Theodizee

3.0 Die Charakteristik der Theodizee-Frage

4.0 Die Theodizee nach Gottfried Wilhelm Leibniz

5.0 Die Theodizee-Frage im Kontext der Bibel
5.1 Der Inhalt des Hiobbuches
5.2 Die Bedeutung des Hiobbuches

6.0 Heranfuhrung: „Der Gottesbegriff nach Auschwitz“ Hans Jonas
6.1 Historischer Hintergrund
6.2 Der Holocaust als Stutze des Atheismus?
6.3 Theologie nach Auschwitz
6.4 Biographischer Abriss Hans Jonas

7.0 Seine Rede und Positionierung zur Theodizee-Frage
7.1 Gru ndlagen
7.2 Der selbsterdachte Mythos
7.3 Die Arbeit am Gottesbild
7.3.1 Der leidende Gott
7.3.2 Der werdende Gott 2
7.3.3 Der sich sorgende Gott
7.4 Die Konsequenz nach Hans Jonas

8.0 Beurteilung der Position von Hans Jonas
8.1 Kritische Wurdigung von Eberhard Jungels
8.2 personliche Stellungnahme

9.0 Fazit /Nachwort

11. Quellenverzeichnis
11.1 Literaturverzeichnis
11.2 Internetquellen

12.0 Erklarung uber die selbststandige Anfertigung der Arbeit

Kurzfassung

Der Holocaust mag eines der grausamsten und menschenverachtendsten Ereignisse der Geschichte sein und lasst zahlreiche Menschen an der Existenz eines Gottes zweifeln. Die Erfahrungen unermesslichen Leids lasst auch Christen*innen den Glauben hinterfragen und nach Antworten auf die Frage, wieso Gott das Ubel der Welt zulasst, suchen. Mit ebendieser Frage, der sogenannten Theodizee-Frage, beschaftigt sich die vorliegende Arbeit und legt dabei besonderen Fokus auf die Geschehnisse von Auschwitz. In diesem Zusammenhang wird die Position des judischen Philosophen Hans Jonas in seiner Rede „Der Gottesbegriff nach Auschwitz" dargelegt und erortert. Das Ziel dieser Arbeit ist es daher zu ergrunden, ob es eine Antwort auf die Frage nach der Existenz Gottes im Angesicht des Leids geben kann.

Zu Beginn erfolgt eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Etymologie und der grundsatzlichen Charakteristik der Theodizee-Frage. Daraufhin wird der bekannteste Antwortversuch, namlich die Theorie nach Gottfried Wilhelm Leibniz dargestellt. Weiterfuhrend wird der Inhalt und die Bedeutung des Buches Hiobs geklart, welches einen biblischen Antwortversuch darstellt. Darauf folgt eine Einfuhrung in die grausamen Ereignisse des Holocausts, an welche sich eine Betrachtung der Rede von Hans Jonas anschlieRt. Sein selbsterdachter Mythos und die daraus resultierende Konsequenz werden dargestellt und es erfolgt eine Beurteilung der Position von Hans Jonas unter Einbezug einer Wurdigung von Eberhard Jungels. In einer abschlieRenden Stellungnahme und einem generellen Fazit wird verdeutlicht, dass es keine allgemein-gultige Antwort auf die Theodizee-Frage geben kann. Die vorliegende Arbeit dient als Appell und Anregung zu einer personlichen Auseinandersetzung mit der Thematik.

Darstellung des Arbeitsprozesses

Die Idee, mich mit der Theodizee-Frage zu beschaftigen, erhielt ich durch meinen Firm-Unterricht im Jahr 2021, da ich mich dort intensiv mit den Themen Tod, Leid und Sterben auseinandergesetzt habe. Vor dem eigentlichen Beginn dieser Arbeit informierte ich mich allgemein uber die Theodizee-Frage. Bei meinem ersten Begleitgesprach am 10. September 2021 mit meiner Betreuerin und Lehrerin konnte ich Fragen klaren und habe ich mich dann im Rahmen einer Spezifikation fur eine Auseinandersetzung mit der Position des judischen Philosophen Hans Jonas entschieden. In den ersten Wochen und Monaten habe ich in diversen Online Plattformen nach passender Primar - und Sekundarliteratur gesucht und diese erworben. Bei Sichtung der Literatur entschied ich mich dazu, verschiedene Theorien in meine Arbeit miteinzubeziehen. Insbesondere sollte dem Vergleich der unterschiedlichen Positionen von Hans Jonas und Eberhard Jungels ein besonderer Stellenwert zukommen. Daraufhin begann ich mit der Gliederung meiner Arbeit.

In der zweiten Phase (Herbst und Winter 2021) bin ich beim Verfassen meiner Texte chronologisch vorgegangen und begann bei der Etymologie und Charakteristik der Theodizee-Frage. Dabei habe ich mich mit dem Antwortversuch von Leibniz und der biblischen Darlegung im Hiob-Buch beschaftigt. Im Rahmen dieser Phase machte ich erste Erfahrungen mit der Fernleihe unserer stadtischen Bibliothek. Nachfolgend konzentrierte ich mich auf die Abhandlungen von Hans Jonas und Eberhard Jungels und begann im Januar 2022 mit der Verschriftlichung. Diese Bearbeitungszeit war besonders intensiv, da die beiden Werke aufgrund philosophischer Ausfuhrungen auRerst komplex und tiefgrundig sind.

In der dritten Phase (Fruhling 2022) verfasste ich dann schlussendlich meine personliche Stellungnahme und beschaftigte mich auch hierbei erneut mit verschiedensten Theorien. Das Verfassen der eigenen Stellungnahme fiel mir nicht schwer, da ich hierbei meine eigenen Gedanken darlegen und mein Interesse an dem Thema erneut verdeutlichen konnte.

Bis zu meiner Abgabe am 07. Juni 2022 beschaftigte ich mich mit Formalitaten und der Korrektur meines Rohentwurfes bis die Arbeit in meinen Augen gelungen war.

Abkurzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Personenregister

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten1234567891011121314

1.0 Einleitung

„Wo warst du Gott in Stalingrad lieb, lieber Gott“15 - Wolfgang Borchert „Der Gott aller Gnade aber, der Euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus, der wird Euch, die Ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, starken, kraftigen, grunden.“16. Mit diesen Worten endet der erste Brief des Apostels Petrus an die Auserwahlten. Petrus selbst wusste was Leiden bedeutete. In seinem Leben bekam er Einsamkeit und Trostlosigkeit zu spuren und musste den Berichten der Apostelgeschichte zu Folge, aufgrund seiner engen Bindung zu Jesus und dem Christentum mehrmals in ein Gefangnis.17 Petrus starb fur seinen Glauben und wurde gemaR den Uberlieferungen der Petrus-Akten durch Kaiser Nero kopfuber gekreuzigt. Doch ob diese derartig feste Entschlossenheit, Gott zu lieben im Angesicht des Leids, auch auf die heutige Zeit ubertragbar ist, stellen viele Menschen in Frage.

Personliche Leiderfahrungen konnen groRe Auswirkungen auf die Lebensweise einzelner Personen haben. Der Verlust eines geliebten Menschen, ein Schicksalsschlag durch eine schwere Krankheit, aber auch die Angst um die eigene Existenz durch plotzliche Arbeitslosigkeit kann den Menschen in eine Lebenskrise versetzen, in der er seine eigenen Handlungen und seinen Glauben hinterfragt.

Unsere Weltgeschichte zeigt, dass ubermaRiges Leid ganze Volker treffen kann. Verfolgungen, Genozide, Sklavereien, Krankheiten und Kriege mogen wohl zu den schlimmsten Geschehnissen der Vergangenheit gehoren und haben die Menschen in ihrem Denken und ihrer Lebensweise gepragt. Der Zweite Weltkrieg erhielt einen Singularitatscharakter, da er in seiner Harte und Grausamkeit schatzungsweise 60 Millionen Opfer forderte. Sie starben durch kaltblutige Ermordung, Hunger oder Verarmung. Die Vergangenheit, insbesondere die Nachkriegszeit lehrte die Menschheit, dass Leiderfahrungen niemals verschwiegen werden sollten, sondern dass man daruber berichten muss, um eine Wiederholung der Umstande zu verhindern.

Durch die verstarke Auseinandersetzung mit dem Leid der Welt drangen sich Fragen nach dem Ursprung des Ubels vermehrt auf. Sowohl glaubige als auch nicht-glaubige Menschen stellen sich die Frage: Kann es einen Gott im Angesicht des Leids uberhaupt geben? In den letzten Jahrhunderten wurden zahlreiche Gedichte und auch Romane verfasst, welche die Brisanz der Frage nach Gott im Leid darstellen. Beispielhaft seien hier „Kritik an der Weltschopfung“ von Maximilian Bern18 und „Gott im Leid begegnen“ von Timothy Keller19 erwahnt. Auch einige Philosophen und Theologen wie beispielsweise Dorothee Solle20 oder auch Hans Jonas21 setzten sich, insbesondere nach den Ereignissen des Holocausts, erneut mit der Thematik auseinander.

Der christliche Glaube vermittelt uns durch die Bibel das Bild eines liebenden, gutigen und allmachtigen Gottes. Doch wie kann ein unendlich liebender Gott diese Welt voller Schmerz und Leid verantworten? Die Widerspruchlichkeit des vollkommenen Gottes, der Leid zulasst oder sogar zu verantworten hat, lasst uns am Glauben an einen Gott als allmachtige Instanz zweifeln.

Das Leid hat demnach eine groRe Relevanz fur den Glauben, da die personliche Antwort der Frage nach der Existenz Gottes im Angesicht des Ubels der maRgebende Faktor fur eine Lebensfuhrung mit oder ohne Gott ist.

„Die Frage nach Gott im Leid stellt [...] die groRte Anfechtung gegen jeden Gottesglauben dar“22 Der Autor Herbert Rommel23 verdeutlicht mit dieser Aussage, welch groRe Relevanz das Leid fur den Glauben hat, beziehungsweise, dass das Ubel im Gegenzug sogar als Triebfeder des Atheismus24 fungieren kann.

Die vorliegende Arbeit soll sich somit mit der Frage beschaftigen, wie sich das Leid auf den Glauben auswirkt und legt dabei einen besonderen Fokus auf die Ereignisse des Holocausts. Die Begrifflichkeit der „Theodizee-Problematik“ wird geklart und verschiedene Theorien werden erlautert. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Positionierung des Philosophen Hans Jonas, welcher als Jude selbst vom Holocaust betroffen war. Seinem Standpunkt wird eine Kritik des Theologen Eberhard Jungels25 gegenubergestellt. AbschlieRend erfolgt eine Auseinandersetzung mit dem Problem, wie man angesichts all dieser Anklagen trotzdem an einen liebenden und gutigen Gott glauben kann, und wie man als Christ mit dem Leid umgehen konnte.

2.0 Etymologie und Begriffsdefinition : Leid, Allmacht, Theodizee

Das Wort „Leid“ ist ein Sammelbegriff fur alle korperlichen und seelischen Beanspruchungen, die in einem Menschen Schmerzen hervorbringen konnen. Der Ursprung, beziehungsweise der Zweck des Leids ist in den Religionen sehr unterschiedlich beantwortet. Im Christentum ist Jesus durch die Kreuzigung der exemplarische Stellvertreter fur das Leid der Menschheit. „Der selbst unsere Sunden an seinem Leib auf dem Holz getragen hat"26, heiRt es in der Bibel, wodurch deutlich wird, welch zentrale Funktion Jesus im Zusammenhang mit dem Leid der Welt einnimmt. Hierbei stellt sich jedoch der Widerspruch der postulierten Allmacht Gottes zur leidvollen Realitat heraus, da selbst sein Sohn leiden musste.

Mit den Worten „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmachtigen“ beginnt das apostolische27 Glaubensbekenntnis, welches im Mittelpunkt des christlichen Glaubens steht. Das Wort „Allmacht“ (lat. omnipotent) bezeichnet die umfassende und uneingeschrankte Macht Gottes. Dies wird auch zu Beginn des Buches Genesis durch die Darstellung Gottes als Schopfer von „Himmel und Erde“28 hervorgehoben. Gott habe demnach Einfluss auf alle Zustande der Menschheit und des Universums und sei allwissend.29 Die Allmacht Gottes ist somit eine grundlegende Voraussetzung fur den christlichen Glauben, wodurch jedoch die Frage aufgeworfen wird, wieso uns dieser Schopfer leiden lasst. Oder entspricht Gott gar nicht unserem Empfinden von Allmachtigkeit? Ist er womoglich gar nicht so allwissend wie wir uns erhoffen, oder ist er sogar das direkte Gegenteil eines guten und beschutzenden Gottes?

Diese Fragen versucht die theologische Lehre der „Theodizee" [teodi'tee:] (von altgriechisch 9eoq theos = „Gott" und 8^n d^ke „Gerechtigkeit") zu klaren und sucht dabei nach der Vereinbarkeit der Gottesattribute mit der Existenz von Leid, physischem Ubel und moralischem Bosen. Gepragt wurde der Begriff der Theodizee von dem deutschen Philosophen, Mathematiker und Universalgelehrten Gottfried Wilhelm von Leibniz30. In seinem 1710 verfassten Werk „Abhandlungen zur Rechtfertigung Gottes, uber die Gute Gottes, die Freiheit des Menschen und den Ursprung des Ubels" geht Leibniz auf verschiedene Losungsansatze der Theodizee-Frage ein.

3.0 Die Charakteristik der Theodizee-Frage

Um die Pramisse der Theodizee-Frage erlautern zu konnen, mussen verschiedene logische Voraussetzungen aufgestellt werden. Zum Einen muss die, durch Leid gepragte, Realitat als Faktum gelten, da sie unserer Wahrnehmung und Empfindung entspricht. Dieses Ubel ist sowohl durch physisches als auch moralisches Leid gepragt. Weitere Voraussetzungen beziehen sich auf den Gottesbegriff. Demnach dient die Existenz eines Gottes als Grundlage fur die Auseinandersetzung mit der Theodizee-Frage, wodurch auch ein Gottesglaube vorausgesetzt ist. Des Weiteren bestehen die Gottesattribute der Allmachtigkeit und Gute. Mit dem Pradikat der „Allmacht“ wird die Allwissenheit und die Handlungsmoglichkeit Gottes dargestellt.31 Die Gute Gottes ist eine „unverzichtbare Voraussetzung“32 um das Theodizee-Problem zu behandeln, da sich die Frage nach dem Ursprung des Leids nicht stellen wurde, wenn Gott von Grund auf bose ware. „Schmecke und sieh, dass der Herr gut ist. Freuen darf sich, wer auf ihn vertraut!“.33 Die Eigenschaft Gottes als barmherziger, liebender Vater offenbart sich in der gesamten Schopfung und steht im Mittelpunkt des christlichen Glaubens. Glaubige streben danach, die allumfassende Gute Gottes spuren zu konnen, wodurch dieses Attribut als Unabdingbarkeit im Zusammenhang mit dem Glauben an einen Gott steht.34 Der christliche Glaube lasst sich somit nur durch eine Einschrankung eines der Gottesattribute verteidigen, da diese drei Aussagen mit der Existenz des Leids unvereinbar sind.

Herbert Rommel stellt in diesem Zusammenhang zwei unterschiedliche Problemformulierungen dar.35 Sie unterscheiden sich in ihrer Intensitat und Charakteristik:

I. Starke Formulierung: Kann es angesichts des Ubels in der Welt (uberhaupt) einen guten Gott geben?
II. Schwache Formulierung: Wie lasst sich der gute Gott angesichts des Ubels in der Welt rechtfertigen?

Die erste Formulierung stellt die Existenz Gottes grundsatzlich in Frage und schlieRt dabei den Atheismus nicht aus, wahrend sich die zweite Fragestellung auf die konkrete Rechtfertigung Gottes bezieht und die Existenz eines Gottes voraussetzt.

4.0 Die Theodizee nach Gottfried Wilhelm Leibniz

Mit seinem 1710 verfassten Werk „Abhandlungen zur Rechtfertigung Gottes, uber die Gute Gottes, die Freiheit des Menschen und den Ursprung des Ubels" pragte der Fruhaufklarer Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) den Terminus der Theodizee. Leibniz kommt in seinen Uberlegungen zu dem Schluss, dass Gott die „beste aller moglichen Welten“ geschaffen habe, da Gott vollkommen und im hochsten MaRe vernunftig sei. Ebendiese Welt musse daher auch zwangslaufig die Bestmoglichste sein, da Gott sonst nicht als „allwissend“ bezeichnet werden durfe. 36Leibniz unterscheidet das Leid in drei Kategorien: Das malum metaphysicum (Das metaphysische Ubel in der einfachen Unvollkommenheit), das malum physicum (das physische Ubel) und das malum morale (Das Ubel in der Sunde).37

Das metaphysische Ubel beschreibt die Diskrepanz zwischen Mensch und Gott. Gott allein sei vollkommen, wahrend die Menschen unvollkommen seien. Leibniz verwendet hierbei den Ausdruck „ monas monadum “ (bei Leibniz: Die letzte unauflosbare Ureinheit), da Gott uber allen Einheiten stehe und den Ursprung aller Existenz bilde. Leibniz konkludiert daraus, dass der Schopfer die Welt mit Absicht unvollkommen erschaffen habe. Seine Geschopfe seien in ihren Fahigkeiten beschrankt, konnten aber nach der Vollkommenheit, welche durch Gott prasentiert wird, streben.

Das physische Ubel geht aus dem metaphysischem Ubel hervor, da die Welt unvollkommen erschaffen worden sei und in Folge dessen Krankheiten, Schmerz und Leid entstehen konnten. Es bezieht sich jedoch auch auf die Unvollkommenheit der menschlichen Physis, da der Mensch aufgrund seiner Eingeschranktheit Organ des korperlichen und seelischen Leids sei.

Die Ursache des moralischen Ubels sei die menschliche Sundhaftigkeit. Leibniz argumentiert hierbei mit der Willensfreiheit, welche den Menschen die Autonomie gab, Entscheidungen zu treffen, welche sie zu Liebe und Freude befahigten, jedoch auch als Triebfeder der Entstehung von Ubel fungierten. Gott nahme somit das Leid in Kauf, um dem Menschen das hohe Attribut der Freiheit gewahrleisten zu konnen. Daher sei der Mensch „als handelndes und willensbegabtes Wesen“38 fahig zu sundigen.

Viele Menschen bezweifeln jedoch die, durch Leibniz entwickelte Theorie, da in ihr die Existenz des naturgebundenen und somit vom Menschen unabhangigen Leid nicht begrundet sei. Daraus folgt der Schluss, dass diese Welt nicht die Beste und Vernunftigste sein konne.

Auch der franzosische Philosoph Voltaire39 kritisiert Leibniz und sieht in unserer Welt keinen gottlichen Plan erkennbar, wahrend Leibniz selbst das Ubel als gerechtfertigt betrachtet.

5.0 Die Theodizee-Frage im Kontext der Bibel

5.1 Der Inhalt des Hiobbuches

Das Buch Hiob, welches nach seinem Protagonisten benannt wurde und in den Buchern der Lehrweisheiten des Alten Testaments zu finden ist, hat im Bezug auf die Theodizee-Frage eine ganz besondere Stellung. Hiob wurde durch seine Leiderfahrung zum Symbol und Urbild aller leidenden Menschen auf der Welt. Entstanden ist die Geschichte im 5. bis 3. Jahrhundert vor Christus und wurde vermutlich von mehreren Verfassern geschrieben. Sie setzt sich mit der Sehnsucht nach Gott im Leid auseinander. Jedoch kommt es in der Geschichte in erster Linie nicht darauf an, welche Position Gott im Leid hat. Vielmehr beschaftigt sich Hiob mit der konkreten Frage, wie der Mensch sich im Leiden verhalten soll.40

Der Prolog fuhrt zunachst den Protagonisten Hiob ein, welcher sein Lebensgluck schildert. Der Nomade lebt mit seiner Frau und seinen drei Tochtern, sowie sieben Sohnen in Uz41. AuRerdem besitzt er „7 000 Schafe, 3 000 Kamele, 500 Joch Rinder und 500 Eselinnen; und seine Dienerschaft [ist] sehr groR"42. Hiob wird grundsatzlich als ehrlicher, wohlhabender und gottesfurchtiger Mann beschrieben, der von Gott gesegnet ist. Dies veranlasst den Satan zu der Frage, ob Hiob nur deshalb gottesfurchtig sei, weil Gott ihn schutze. Er fordert Gott zu einer Wette auf: „Ist Hiob umsonst gottesfurchtig? Hast du nicht ihn und sein Haus und alles, was er hat, ringsum eingehegt? Das Werk seiner Hande hast du gesegnet, und seine Herden breiten sich im Land aus. Aber strecke doch einmal deine Hand aus und taste alles an, was er hat; laR sehen, ob er dir dann nicht ins Angesicht absagen wird."43 Gott vertraut auf Hiob, weshalb er sich auf die Probe einlasst und es nun zu den Leiden Hiobs kommt: Hiob verliert innerhalb eines einzigen Tages seinen gesamten materiellen Reichtum, seine Tochter und Sohne. Doch auch in dieser Situation bleibt Hiob gottesfurchtig und erkennt, dass er sein Leben Gott zu verdanken habe und es daher gerechtfertigt sei, dass dieser ihm auch alles wieder nehmen konne. Seine Antwort lautet: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen; der Name des Herrn sei gelobt!"44 Somit hat Hiob die Glaubensprobe bestanden, doch der Satan zweifelt immer noch an ihm und will ihm seine Gesundheit nehmen. Gott lasst sich auch hierauf erneut ein, wodurch Hiob nun nur noch sein qualvolles und leidinharentes Leben bleibt. Doch auch wahrend seine Frau ihn dazu auffordert, sich von seinem Glauben abzuwenden und Gott zu verfluchen, bleibt Hiob Gott treu und sundigt nicht. In dieser Situation besuchen ihn seine Freunde und versuchen ihn davon zu uberzeugen, dass er gesundigt habe und er seine Schuld eingestehen solle. Doch Hiob ist sich sicher, dass er keine Schuld auf sich geladen hat und will im Gegenteil wissen, warum ihn das Leid treffe. Er beginnt seinen Glauben zu hinterfragen und zweifelt an Gottes Gute und Gerechtigkeit, da dieser willkurlich handle. Hiob zweifelt und leidet somit am meisten an Gott, da er nach einer Antwort auf seine Frage nach dem Ursprung des Leids sucht: „Der Allmachtige gebe mir eine Antwort“45. Daraufhin kommt es zu einer Begegnung zwischen Gott und Hiob, bei welcher Hiob zu der Einsicht gelangt, dass man das Weltgeschehen mit all seinen Leiderfahrungen in seiner Ganze nicht verstehen kann: „ Ich erkenne, daR du alles vermagst, und daR kein Vorhaben dir verwehrt werden kann. [...]. Furwahr, ich habe geredet, was ich nicht verstehe, Dinge, die mir zu wunderbar sind und die ich nicht begreifen kann!“46 Das Hiobbuch schlieRt daraufhin mit der Verurteilung der Freunde Hiobs, da sie Gott nicht recht dargestellt haben. AuRerdem erhalt er seinen Wohlstand, seine Familie und seine Gesundheit zuruck.47

5.2 Die Bedeutung des Hiobbuches

Dem Hiobbuch kommt eine ganz besondere Stellung in Anbetracht der Theodizee zu, da es die alttestamentarische, theologisch Standart-Antwort auf die Frage nach dem Ursprung des Leids verwirft. Diese Sicht des Zusammenhangs von Tat und Folge, dem herkommlichen Vergeltungsdogma (Tun-Ergehen-Zusammenhang)48, vertreten in diesem Fall die Freunde Hiobs. Elihu, Bildad und Zofar sind der Meinung, dass Gott die Guten belohnt und die Sunder bestraft und Hiob somit Schuld auf sich geladen haben musse. Armin Kreiner49 beschreibt diesen, im Alten Testament dargelegten Zusammenhang folgendermaRen: „Leid und Ubel sind entweder direkte Auswirkungen boser Taten des Menschen, oder aber die Folge dieser Taten, die gleichsam auf den Ubeltater zuruckfallen.“50 Den Ursprung dieser Denkweise sieht der evangelische Theologe Heinz Zahrnt51 in dem Empfinden einer Distanz zwischen Gott und Mensch, was auf die Kreaturlichkeit des Menschen als unvollkommenes und endliches Wesen zuruckzufuhren ist.52 Schon zu Beginn der Bibel lasst sich diese Denkweise wiederfinden, da das Paradies eine Welt ohne Sunde und Leid darstellt, die man sich von einem gerechten und gutigen Gott vorstellt.

[...]


1 [www] Armin Kreiner, (o. D.)

2 [www] Plasse, 2021

3 [www] Zum Gedenken an Dorothee Solle, (o. D.)

4 [www] Prof. Dr. Eberhard Jungel | Universitat Tubingen, (2021)

5 [www] Weiser, (o. D.)

6 Rommel 2011, 1

7 [www] Johannes Brantschen, (o. D.)

8 [www] Jurgen Moltmann, (o.D.)

9 [www] Maximilian Bern, (o. D.)

10 [www] Voltaire - Biography, Works, Philosophy, Ideas, Beliefs & Facts, 2022

11 [www] Biography, (o. D.)

12 [www] Atheismus, 2021

13 Jungel, 1990, 151

14 [www] Tun-Ergehen-Zusammenhang, 2008

15 [www] Wolfgang Borchert uber das Leid, 2008

16 Die Bibel, 2012, 1. Petr 5,10

17 Vgl. Die Bibel, 2012, Apg 12, 1-7

18 Seihe Personenregister

19 Siehe Personenregister

20 Siehe Personenregister

21 Siehe S. 20 dieser Arbeit

22 Rommel, 2011, 15

23 Siehe Personenregister

24 Siehe Fachwortverzeichnis

25 Siehe Personenregister

26 Die Bibel 2012, 1.Petrus 2,24

27 In der Tradition der Apostel stehend

28 Die Bibel 2012, Gen 1,1

29vgl. Rommel, 2011, S. 17

30 Siehe Personenregister

31 Vgl. Streminger, 1992, 5

32 Rommel, 2011, 18

33 Die Bibel, 2012, Psalm 34,8

34 Vgl. [www] Die Gute Gottes (o.D.)

35 Rommel, 2011, 18 f.

36 Vgl. [www] Leibniz: Philosoph, Erfinder, Universalgenie, 2019

37 Holzinger 2017, 106

38 Schilling 2009, 44

39 Siehe Personenregister

40 Vgl. Zahrnt 1985, 19

41 Der genaue Standort dieses Landes ist unbekannt, Forscher gehen jedoch davon aus, dass es im Grenzgebiet des heutigen Jordanien zu Saudi-Arabien zu verorten ist.

42 Die Bibel 2012, Hiob 1,3

43 Die Bibel 2012, Hiob 1, 9-11

44 Die Bibel 2012, Hiob 1, 21

45 Die Bibel, 2012, Hiob 31, 35

46 Die Bibel, 2012, Hiob 42,2 ff.

47 Die Bibel, 2012, Hiob, 42, 10-17

48 Siehe Fachwortverzeichnis

49 Siehe Personenregister

50 Kreiner, 1995, 23

51 Siehe Personenregister

52 Zahrnt, 1985, 30

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Wo warst du Gott in Auschwitz? Eine Auseinandersetzung mit der Theodizee-Frage anhand der Position von Hans Jonas
Note
15 Punkte
Jahr
2022
Seiten
36
Katalognummer
V1258999
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die vorliegende Arbeit wurde mit der Bestnote ausgezeichnet.
Schlagworte
Theodizee, Hans Jonas, Theodizee-Frage, Leibniz, Hiob, Eberhard Jüngels, Shoa, Auschwitz
Arbeit zitieren
Anonym, 2022, Wo warst du Gott in Auschwitz? Eine Auseinandersetzung mit der Theodizee-Frage anhand der Position von Hans Jonas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1258999

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