Warngeschichten damals und heute. Eine Analyse der Inszenierung moralischer Wertevermittlung am Beispiel der "Geschichte vom bösen Friederich" und der Geschichte "Der böse Heinrich"


Hausarbeit, 2021

20 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Die Geschichte vom bosen Friederich“ von Heinrich Hoffmann
2.1. Das Kind und seine Literatur in der Aufklarung
2.2. Analyse der Geschichte vom bosen Friederich

3. „Der bose Heinrich“ von Wilfried von Bredow
3.1. Das Kind und seine Literatur im21. Jahrhundert
3.2. Analyse Der bose Heinrich

4. Vergleich und Diskussion

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

,,Mein Kleiner, wenn du dich nicht benimmst, holt dich der Kaminfeger.“1 - so der - laut Heinrich Hoffmann - verzweifelte und letzte Versuch vieler Eltern im 19. Jahrhundert, ihr Kind zum Gehorsam und dem „richtigen“ Benehmen zu erziehen. Seit Jahrhunderten sucht der Mensch nach Wegen zur Erziehung der nachsten Generation, geleitet von seinen personlichen padagogischen Konzepten und Vorstellungen moralisch „richtigen“ Verhaltens. In diesem Prozess kommt der Literatur, insbesondere der Kinder- und Jugendliteratur, ein groBer Stellenwert zu. So macht sich der Erziehende die entsprechende Literatur zu Nutze, indem er Geschichten an das Kind herantragt, die seinen Erziehungsabsichten entsprechen und die fur ihn relevanten Inhalte ansprechen. Doch so wie die Gesellschaft als Schopfer der Literatur einem steten Wandel unterliegt, so befmdet sich auch die Kinder- und Jugendliteratur in einem kontinuierlichen Prozess der Umgestaltung, weshalb sich die Forschung seit langer Zeit der Untersuchung fruherer und aktueller Kinder- und Jugendbucher widmet, mit dem Ziel, Einblicke in die unterschiedlichen Tendenzen von Erziehung und ihre Umsetzung in der Literatur zu gewinnen.

Diesem Zweck dient auch die vorliegende Arbeit, welcher zum einen Heinrich Hoffmanns 1845 veroffentlichtes Werk Der Struwwelpeter und zum anderen Wilfried von Bredows 2009 erschienenes Bilderbuch Lola rast und andere schreckliche Geschichten, eine moderne Fassung des .S7/7/)mr//x7i7'-I<lassikers. zugrunde liegt. BekanntermaBen wurde das Werk des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann seit seiner Entstehung bereits einer Vielzahl von Untersuchungen und Deutungsversuchen unterzogen und avancierte dabei fur viele zum „Inbegriff eines erzieherischen Kinderbuches, das mit Angst und Schrecken die burgerlichen Tugenden einzublauen versucht.“2 In den letzten Jahrzehnten hat das Buch jedoch eine tiefgreifende Umwertung erfahren und so betont Doderer, dass das Werk nicht mehr nur ausschlieBlich als Drohinstrument bewertet werden darf, sondern man den Geschichten stets mit dem Wissen um den in Text und Bild verpackten schwarzen Humor begegnen solle.3 Die Auffassung, dass das Erzieherische und Moralische im Struwwelpeter nach und nach dem Vergnugen und der ,,Lust am Anarchischen“4 weicht, vertritt auch Spinner, der Hoffmanns Bilderbuch sogar eine versteckte Erziehungsintention attestiert, namlich die Vermittlung von Durchhaltevermogen in Konfliktsituationen, insbesondere im Fall des Trieb-Sanktions- Dilemmas.5 Doch der Struwwelpeter hat nicht nur positive Aufwertung erfahren. So kritisiert Leuzinger-Bohleber die fur die kleinen Kinder zu drastische Satirik und Ironie der Geschichten und Bilder, welche laut Russ lediglich die radikale Moral der Erzahlungen kaschiert6, und fordert die Verbannung des Struwwelpeter aus den heutigen Kinderzimmem.7

Wahrend also Hoffmanns Werk den Boden fur vielerlei Lob und Kritik bietet, liefert die Forschung bezuglich der modernen 5frawwe/peter-Adaption Lola rast kaum Untersuchungserkenntnisse. Der Klett Kinderbuch-Verlag, der das Bilderbuch 2009 veroffentlicht hat, bewertet das Erzeugnis des Politikwissenschaftlers Wilfried von Bredow wie folgt: ,,Wer Katastrophen liebt - und das tun die meisten Kinder -, wird mit »Lola rast« seine helle Freude haben.“8 und damit verspricht er nicht zu viel. Der Autor greift mit seinen sieben schrecklichen Geschichten gekonnt die kindlichen Alltagsprobleme der Modeme auf und berichtet unter anderem von Lola, der ihr rucksichtsloses Verhalten im StraBenverkehr zum Verhangnis wird, von Lukas, den der Fernseher verschlingt und von Lisa, die sich weigert, ihre Zahne zu putzen.

So sehr sich die 5frawwe/peter-Geschichten inhaltlich auch von denen der modemen Fassung unterscheiden, es fallt auf, dass beide Autoren, sowohl Hoffmann als auch von Bredow, ihr Buch nutzen, um in einer Geschichte ein konstantes Phanomen im Alltag Heranwachsender zu beleuchten, namlich das gewalttatige und aggressive Verhalten von Kindern. Da beide Erzahlungen die ideale Vergleichsgrundlage bieten, sollen in dieser Arbeit Hoffmanns Geschichte vom bosen Friederich und von Bredows Erzahlung Der bose Heinrich hinsichtlich der asthetischen Inszenierung ihrer jeweiligen vermittelten moralischen Grundsatze und der daraus resultierenden Belehrungsintentionen untersucht werden. Den Einzelanalysen geht jeweils eine kurze Abhandlung uber die zur Entstehungszeit der Geschichten vorherrschenden padagogischen sowie die Kinder- und Jugendliteratur betreffenden Stromungen voraus. AnschlieBend werden die Analyseergebnisse zum Vergleich der Geschichten herangezogen, bevor die Arbeit mit dem Fazit schlieBt.

2. „Die Geschichte vom bosen Friederich“ von Heinrich Hoffmann

Dieses Kapitel befasst sich mit der Analyse der Geschichte vom bosen Friederich vor dem Hintergrund der ihr zugrunde liegenden Auffassung von der Erziehung des Kindes zu moralisch wertvollem Verhalten. Obwohl der Struwwelpeter mit seiner Publikation im Jahr 1845 zeitlich nicht der Ara der Aufklarung zuzuordnen ist, so weisen Hoffmanns Geschichten dennoch die moralische Strenge der aufklarerischen Vemunftpadagogik auf9, welche im Folgenden grob beleuchtet werden soil.

2.1. Das Kind und seine Literatur in der Aufklarung

Das Ende des 17. Jahrhunderts in Europa einsetzende Zeitalter der Aufklarung, dessen Anhangerlnnen die Erleuchtung des menschlichen Geistes und seiner Vernunft anstrebten10, manifestierte sich in alien Bereichen des burgerlichen Lebens und beeinflusste die damalige Auffassung von Kindheit und Erziehung mabgeblich. Die deutschen Aufklarerlnnen sahen in dem heranwachsenden Kind einen unmundigen Menschen, der, um seinem wilden Ausgangszustand zu entfliehen, zum menschlichen Verhalten erzogen werden muss.11 Da das Kind, ein „Weniger an Vernunft“12 aufwies, waren die Ausbildung des Verstandes und das damit einhergehende vemunftige Handeln die primaren Erziehungsziele der Aufklarerlnnen.13 Das Zusammenleben in der Familie wies keinerlei liebevollen Umgang zwischen Kindern und Eltern auf, sondern war von Befehlen und dem autoritaren Auftreten der Erwachsenen gepragt.14 Das Kind hatte sich jederzeit der Fuhrung durch die Erwachsenen unterzuordnen und musste ihnen absoluten Gehorsam entgegenbringen.15

Die zu lehrenden Tugenden wurden aufgrund des wachsenden Leseinteresses der Gesellschaft mit Hilfe von Lesestoffen an das Kind herangetragen und so kam der Kinder- und Jugendliteratur im Rahmen der Aufklarung ein hoher Stellenwert zu, da sie nicht der rein theoretischen Unterweisung der Kinder und Jugendlichen diente, sondern vielmehr die zu vermittelnden Werte in ihrer praktischen Umsetzung und Anwendung im Mittelpunkt standen.16 Seitens der Aufklarungspadagoglnnen wurde daher die Forderung nach „kindgemaBen Lesestoffen“17 laut, welche sich nicht nur in Gedichten und Fabeln, sondern vor allem in moralischen Beispielgeschichten manifestierte.18 Der Vorteil dieser Exempelgeschichten gegenuber der theoretischen Unterweisung des Kindes besteht laut Ewers darin, dass intendierte moralische Grundsatze nicht nur auswendig gelernt werden, sondern vielmehr das Gemut des Kindes beruhrt wird, welches „der eigentliche Adressat der sittlichen Erziehung“19 ist.20 Eine Anpassung der Geschichten an das Gemut und an die Welt des Kindes war fur die aufklarerischen Schriftstellerlnnen jedoch nicht von Bedeutung und somit diente die Kinder- und Jugendliteratur der Aufklarung nicht etwa der sentimentalen Annaherung an das Kind, sondern einzig und allein dessen Belehrung, in der Hoffnung, aus dem unwissenden und ungezogenen Kind schnellstmoglich einen vemunftigen Erwachsenen zu formen.21

In diesem Prozess setzten die Autorlnnen der Aufklarung insbesondere auf die Nachahmungswirkung, die sich im kindlichen Rezipienten einstellt, wenn es sich mit den Charakteren der Geschichten identifiziert und das dargestellte Wohlverhalten fortan imitiert.22 Um den gewunschten Wandel des kindlichen Wesens moglichst nachhaltig zu gestalten, konfrontierten die Kinderbuchautorlnnen der Aufklarung ihre junge Leserschaft nicht nur auf der Textebene, sondern vor allem auf der Illustrationsebene mit ihren Vorstellungen angemessenen moralischen Verhaltens und so wurde das Bilderbuch zur Mustergattung aufklarerischer Kinder- und Jugendliteratur erkoren. Diese Entwicklung begrundet sich darin, dass das unvemunftige Kind von den anschaulichen Bildern intensiv emotional angesprochen wird und aufgrund der Leiden der Buchfigur haufig massive Strafangste entwickelt, die dazu fuhren, dass eigene unerwunschte Triebe fortan nicht mehr ausgelebt werden.23 So setzt auch das „wohl popularste Bilderbuch uberhaupt“24, Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter, auf genau dieses Wirkungspotenzial seiner Warngeschichten, von denen Die Geschichte vom bosen Friederich im Folgenden analysiert werden soil.

[...]


1 Hoffmann, Heinrich: Wie der „Struwwelpeter „entstand, in: Die Gartenlaube Heft 46 (1871), S. 768-770, zitiert nachLeuzinger-Bohleber, Marianne: ,,Hei! Da schreit der Konrad sehr!“. Der Struwwelpeter: Eine Fundgrube unbewusster Wunsche und Angste von Kindem 2009, S. 42-47.

2 Spinner, Kaspar H.: Erziehung oder Lust am Ausleben von Fantasien? Beitrage zur Kinder- und Jugendliteratur und ihrer Didaktik, Frankfurt am Main 2013,S. 181.

3 vgl. etwa Doderer, Klaus: Literarische Jugendkultur. Kulturelle und gesellschaftliche Aspekte der Kinder- undJugendliteraturinDeutschland, Weinheim 1992, S. 109f.

4 Spinner2013, S. 181.

5 vgl. etwaebd., S. 181f.

6 vgl. etwa Russ, Jana: ,,Die Bosheit war sein Hauptplasier... . Die Erziehung des ,,bosen Kindcs'' bei Busch undHoffmann“, Wien2013, S. 27.

7 vgl. etwa Leuzinger-Bohleber, Marianne: ,,Hei! Da schreit der Konrad sehr!“. Der Struwwelpeter: Eine Fundgrube unbewusster Wunsche und Angste von Kindem 2009, S. 47.

8 https ://www.klett-kinderbuch.de/buecher/details/lola-rast.html (18.02.2021).

9 vgl. etwa Doderer 1992, S. 70.

10 vgl. etwa Weber, Albrecht: Literatur und Erziehung. Lehrerbilder und Schulmodelle in kulturhistorischer Perspektive. Band II. Zwischen Rousseau und Nietzsche, Frankfurt am Main 1999, S. 16.

11 vgl. etwa Doderer 1992, S. 88.

12 Ewers, Hans-Heino (Hg.): Kinder- und Jugendliteratur der Aufklarung. Eine Textsammlung, Stuttgart 1980, S. 25.

13 vgl. etwa Doderer 1992, S. 88.

14 vgl. etwaRuss2013, S. 11.

15 vgl. etwaDoderer 1992, S. 73.

16 vgl. etwa Ewers 1980, S. 5.

17 ebd., S. 10.

18 vgl. etwa ebd, S.9.

19 ebd., S. 23.

20 vgl. etwa ebd., S.22.

21 vgl. etwa Doderer 1992, S. 90.

22 vgl. etwa Ewers 1980, S. 23.

23 vgl. etwa Leuzinger-Bohleber, Marianne: ,,Hei! Da schreit der Konrad sehr!“. Der Struwwelpeter: Eine Fundgrube unbewusster Wunsche und Angste von Kindem, in: Forschung aktuell 1 (2009), S. 46.

24 Pech, Klaus-Ulrich: Vom Biedermeier zum Realismus. In: Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur, hg.vonReiner Wild, Stuttgart32008, S. 142.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Warngeschichten damals und heute. Eine Analyse der Inszenierung moralischer Wertevermittlung am Beispiel der "Geschichte vom bösen Friederich" und der Geschichte "Der böse Heinrich"
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Jahr
2021
Seiten
20
Katalognummer
V1259021
ISBN (Buch)
9783346699800
Sprache
Deutsch
Schlagworte
warngeschichten, eine, analyse, inszenierung, wertevermittlung, beispiel, geschichte, friederich, heinrich
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Warngeschichten damals und heute. Eine Analyse der Inszenierung moralischer Wertevermittlung am Beispiel der "Geschichte vom bösen Friederich" und der Geschichte "Der böse Heinrich", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1259021

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