Als die Römer im 1. Jahrhundert v.Chr. Gallien eroberten, um die Bewohner zu unterwerfen und zu assimilieren, konnte niemand ahnen, welche Auswirkungen dies auf die Entwicklung des Lateinischen auf dem heutigen Gebiet Frankreichs haben würde. Nach
über Jahrhunderte andauernden Sprachkontakt mit den keltischsprachigen Galliern entwickelte sich in den unteren Bevölkerungsschichten eine Form des Vulgärlateins, so wie dies u.a. auch in Italien und Spanien der Fall war. Aus der galloromanischen Form des Vulgärlateins entstand nach und nach das Altfranzösische, welches anfangs als lingua rustica romana bezeichnet wurde. Durch das Konzil von Tours im Jahre 813 wurde
erstmals anerkannt, dass sich das Lateinische in Gallien anders entwickelte hatte, als das Lateinische in Rom. Das Konzil forderte die Kirchenvertreter auf, ihre Predigten nicht mehr im klassischen Latein sondern in der Sprache des Volkes zu halten, um die Predigten für jeden verständlich zu machen.
Der Text der Straßburger Eide aus dem Jahre 842 ist das erste überlieferte Dokument, welches eindeutig altfranzösische Sprachmerkmale der langue d’oïl aufweist. Die Eulaliasequenz folgte dann ca. 880 als erster erhaltener literarischer Text in
altfranzösischer Sprache, basierend auf einer lateinischen Vorlage. Anders als die Straßburger Eide gibt die Eulaliasequenz schon recht gut Auskunft über die Lautverhältnisse des Altfranzösischen zu jener Zeit. Der schon im 2. Jahrhundert n.Chr.
abgeschlossene Quantitätenkollaps der lateinischen Vokale, d.h. die Längen der Vokale hatten im Altfranzösischen keine bedeutungsunterscheidende Funktion mehr, hatte als Grundlage für die Diphthongierungen der Vokale im Altfranzösischen gedient, welche in der Eulaliasequenz erstmals orthographisch umgesetzt wurden.
Die vorliegende Hausarbeit betrachtet die Eulaliasequenz auf
sprachwissenschaftlicher Ebene näher. Im Folgenden werden zunächst der altfranzösische Originaltext und dessen deutsche Übersetzung dargestellt. Zudem wird auf den historischen Hintergrund und auf die Sequenz als literarische Form im Mittelalter eingegangen. Weiterhin wird eine ausführliche sprachwissenschaftliche Studie vorgenommen, um die Bereiche Phonetik und Phonologie, Morphosyntax, Lexik, das Problem des Verses 15 und die Orthographie in der Eulaliasequenz genauer zu
untersuchen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Text der Eulaliasequenz
2.1 Altfranzösischer Originaltext
2.2 Deutsche Übersetzung
3. Historischer Hintergrund
4. Die Sequenz als literarische Form im Mittelalter
5. Sprachwissenschaftliche Studie der Eulaliasequenz
5.1 Phonetik und Phonologie
5.2. Morphosyntax
5.2.1 Wortstellung
5.2.2 Nomen
5.2.3 Verben
5.2.4 Enklitika
5.2.5 Negation
5.2.6 Adjektive
5.3 Lexik
5.4 Das Problem des Verses 15 „Ellent adunet lo suon element“
5.5 Orthographie
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Eulaliasequenz als eines der frühesten literarischen Dokumente in altfranzösischer Sprache unter sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten. Das primäre Ziel ist die Analyse der phonetischen, morphosyntaktischen und lexikalischen Merkmale des Textes sowie die Untersuchung orthographischer Besonderheiten und spezifischer Interpretationsprobleme des Verses 15.
- Historische Einordnung des Textes im Kontext des 9. Jahrhunderts
- Analyse der lautlichen Entwicklung und Diphthongierung
- Untersuchung morphosyntaktischer Strukturen und des Kasussystems
- Dialektale Verortung im pikardisch-wallonischen Sprachraum
- Diskussion von Interpretationsansätzen zum "Problem des Verses 15"
Auszug aus dem Buch
5.2.3 Verben
Besonders interessant ist, dass die normalen Vergangenheitsformen der Verben in der Eulaliasequenz vom lateinischen Plusquamperfekt abgeleitet werden: auret ‚sie hatte’ (V. 2) < lat. habuerat ‚er/ sie hatte gehabt’; pouret ‚sie konnte’ (V. 9) < lat. potuerat ‚er/ sie hatte gekonnt’; furet ‚sie war’ (V. 18) < lat. fuerat ‚er/ sie war gewesen’; voldret ‚er wollte’ (V. 21) < lat. voluerat ‚er/ sie hatte gewollt’ und roveret ‚er befahl’ (V. 22) < lat. rogaverat ‚er/ sie hatte gefragt/ gebeten’ (Ayres-Bennett 1996, S. 37). Diese Formen sind im Französischen nach dem 11. Jahrhundert durch die Konkurrenz des passé simple, der aus dem lateinischen Perfekt hervorgegangen ist, nicht mehr erhalten (Ayres-Bennett 1996, S. 38; cf. auch Rickard 1977, S. 39).
Die Tendenz der Entwicklung des Altfranzösischen zu einer analytischen anstelle einer synthetischen Sprachstruktur wird in der Eulaliasequenz auch schon deutlich: Der neue französische Conditionel, gebildet aus dem Infinitiv eines Verbs und der Imperfektform von lat. habere ‚haben’ verschmilzt im Altfranzösischen zu einem Wort: z.B. lat. sustinere habebat, wörtlich: ‚aushalten er/ sie hatte’, wird zu afrz. sostendreiet ‚sie würde aushalten’ (V. 16) (Ayres-Bennett 1996, S. 38). Außerdem tritt in der Eulaliasequenz schon das analytische Passiv auf: fut presentede ‚sie wurde vorgeführt’ (V. 11). Weiterhin findet man den Subjonctif Imperfekt, welcher von den lateinischen Plusquamperfektformen des Konjunktivs abgeleitet wurde: afrz. amast ‚sie liebte’ (V. 10) < lat. amavisset ‚er/ sie hätte geliebt’; afrz. perdesse ‚sie verliere’ (V. 17) < lat. perdidisset ‚er/ sie hätte verloren; zugrunde gerichtet’ und afrz. auuisset ‚er möge haben’(V. 27) < lat. habuisset ‚er/ sie hätte gehabt’ (Ayres-Bennett 1996, S. 38).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Entstehung des Altfranzösischen aus dem Vulgärlatein ein und ordnet die Eulaliasequenz als einen der ersten literarischen Texte ein.
2. Text der Eulaliasequenz: Dieser Teil präsentiert den altfranzösischen Originaltext sowie eine deutsche Übersetzung, um eine Grundlage für die weitere Analyse zu schaffen.
3. Historischer Hintergrund: Hier wird der Kontext der Überlieferung in der Handschrift von Valenciennes sowie die Einbettung in den liturgischen und klerikalen Rahmen erläutert.
4. Die Sequenz als literarische Form im Mittelalter: Dieses Kapitel definiert die literarische Gattung der Sequenz und diskutiert deren musikalische sowie metrische Struktur.
5. Sprachwissenschaftliche Studie der Eulaliasequenz: Das Herzstück der Arbeit befasst sich detailliert mit phonetischen, morphosyntaktischen, lexikalischen und orthographischen Eigenschaften.
6. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Bedeutung des Textes für die historische Sprachwissenschaft zusammen und verweist auf weiterhin offene Forschungsfragen.
Schlüsselwörter
Eulaliasequenz, Altfranzösisch, Vulgärlatein, Sprachgeschichte, Morphosyntax, Phonologie, Dialektologie, Literatur des Mittelalters, Orthographie, Latinismen, Vers 15, Sprachwandel, Galloromanisch, historische Sprachwissenschaft, Märtyrertod.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einer tiefgehenden sprachwissenschaftlichen Analyse der Eulaliasequenz, einem der frühesten literarischen Dokumente in altfranzösischer Sprache.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die historische Einordnung, die literarische Form sowie insbesondere auf sprachliche Merkmale wie Phonetik, Morphosyntax und Lexik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den Zustand des Altfranzösischen am Ende des 9. Jahrhunderts anhand dieses spezifischen Textes zu untersuchen und sowohl regionale Merkmale als auch den Übergang von synthetischen zu analytischen Sprachstrukturen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine deskriptive, sprachwissenschaftliche Analyse auf Basis der philologischen Untersuchung des Textcorpus und unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur durchgeführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine umfassende Untersuchung der Phonetik/Phonologie, der Morphosyntax (Wortstellung, Nomen, Verben, Negation), der Lexik, der Orthographie sowie der Diskussion strittiger Versinterpretationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Eulaliasequenz, Altfranzösisch, Sprachgeschichte, Morphosyntax, Phonologie und Dialektologie.
Was macht den Vers 15 der Sequenz so problematisch?
Die Interpretation von "Ellent adunet lo suon element" ist aufgrund uneindeutiger handschriftlicher Überlieferung und verschiedener möglicher lateinischer Etymologien für die Begriffe "adunet/aduret" sowie "element" umstritten.
Wie unterscheidet sich die Eulaliasequenz von den Straßburger Eiden?
Die Eulaliasequenz zeigt eine deutlichere Umsetzung der karolingischen Rechtschreibreformen und dokumentiert die Diphthongierung des Altfranzösischen wesentlich präziser als die Eide.
- Arbeit zitieren
- M.A. Kathleen Fritzsche (Autor:in), 2007, Eulaliasequenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125930