Konkurrierende Gesellschaftsbilder in modernen Demokratietheorien. Die Staatsbürgerrolle im Vergleich zwischen Chantal Mouffe und John Rawls


Bachelorarbeit, 2022

50 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitionen: Demokratie und Staatsbürgerschaft

3 Die Staatsbürgerrolle bei John Rawls
3.1 Der Urzustand und Gerechtigkeit als Fairness
3.2 Pluralismus und übergreifender Konsens
3.3 Der öffentliche Vernunftgebrauch
3.4 Das liberale Legitimitätsprinzip
3.5 Die politische Konzeption der Person
3.6 Zwischenfazit

4 Die Staatsbürgerrolle bei Chantal Mouffe
4.1 Die Logik der Äquivalenz und der Differenz
4.2 A(nta)gonistik, das Politische und der Diskurs
4.3 Die Hegemonietheorie
4.4 Agonistischer Pluralismus
4.5 Radikaldemokratische Staatsbürgerschaft
4.6 Zwischenfazit

5 Rawls und Mouffe im Vergleich

6 Kritische Betrachtung

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der Politischen Theorie wird zunehmend ein Dilemma staatsbürgerlicher Identität vor dem Hintergrund von Globalisierungsprozessen artikuliert. So führe der Prozess der Globalisierung zu zwei unterschiedlichen Konsequenzen. Auf der einen Seite wird die Bedeutung von Nationalstaaten und somit von Staatsbürgerschaft zunehmend in Frage gestellt. „Gegenwärtig werden diese Bedingungen, die ‒ historisch ‒ den Rahmen für die Verwirklichung demokratischer Bürgerschaft dargestellt haben, durch Prozesse der De-Nationalisierung herausgefordert“ (Seubert 2013, S. 20). Auf der anderen Seite führen zahlreiche Gegenbewegungen zu einer Intensivierung nationalstaatlicher Identitäten, welche im Globalisierungsprozess eine ungerechtfertigte ökonomische Exklusion sehen und ihre Ansprüche auf Freiheit und Gleichheit auch außerhalb des Nationalstaates verorten und geschützt wissen wollen. Staatsbürgerschaft sei zunehmend an soziale Fragen geknüpft und entwickle eine Konkurrenzsituation zwischen ökonomisch starken und schwachen Staaten, wobei selbst in ökonomisch starken Staaten soziale Spannungen festzustellen seien (vgl. Seubert 2013, S. 27).

Doch trotz Globalisierung, das Prinzip von Nationalstaaten wurde längst nicht aufgegeben und Staatsbürgerschaft im nationalstaatlichen Sinn existiert weiterhin. Vielmehr werden beide Konzepte weiterhin als wichtige Bestandteile des internationalen, kapitalistischen Systems angesehen (vgl. Hirsch und Kannankulam 2009, S. 206). Wie aktuell diese Sichtweise ist, wird deutlich, betrachtet man die politische Forderung nach nationalstaatlicher Unabhängigkeit von fossilen Energien durch eine Energiewende in Deutschland, welche vor dem Hintergrund des Klimawandels durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine nochmals verstärkt wurde (vgl. Wenzel 2022). Was davon unabhängig jedoch festzustellen ist, sind Prozesse der Pluralisierung und Partikularisierung politischer Interessen. Demokratische Gesellschaften sind zunehmend multikulturell strukturiert und erfahren eine „[…] Entwicklung neuer ethnisch-kultureller, nationaler und religiöser Bewegungen […]“ (Yildiz 2008, S. 34). Dabei können diese durchaus widersprüchlich sein und miteinander in Konflikt geraten. Doch was bedeutet diese Pluralisierung von Interessen und wie können sich Staatsbürger*innen in einem solchen Umfeld positionieren? Welche Sichtweisen auf staatsbürgerliche Identität sind denkbar?

Aus der Sicht der politischen Theorie ist es möglich, sich einer Definition der Staatsbürgerrolle aus verschiedenen Perspektiven zu nähern. Da westliche Demokratien jedoch stark durch liberale Denkansätze geprägt sind, soll die Position von John Rawls in dieser Arbeit Berücksichtigung finden. Rawls wurde für diese Arbeit aber auch insbesondere deshalb ausgewählt, da er mit seinem Werk „Politischer Liberalismus“ auf die Gegensätzlichkeit von liberalen Demokratien und pluralistischen Positionen eingeht und gleichzeitig darum bemüht ist, diese entlang liberaler Grundsätze aufzulösen. Im Mittelpunkt von Rawls Werk steht dabei ein harmonischer Konsens, der eine gerechte, wohlgeordnete und demokratische Gesellschaft auf Dauer stabilisieren soll. Liberale Konsenspolitik galt lange Zeit als unumstößliches Diktum, blieb jedoch auf Dauer nicht von Kritik verschont. “Not long ago we were being told, to the accompaniment of much fanfare, that liberal democracy had won and that history had ended” (Mouffe 1993, S. 7). Es stellte sich die Frage, ob die liberale Sichtweise auf Demokratien als alternativlos akzeptiert werden müsse und es entfachte sich eine Debatte darum, wie, trotz eines solchen Konsenses, gegensätzliche Meinungen artikuliert und verfestigte Machtverhältnisse vermieden werden können. Mit dieser Fragestellung beschäftigte sich unter anderem Chantal Mouffe und widmete der rawlsschen Sichtweise in ihren Werken ganze Kapitel, weshalb sie in dieser Arbeit als geeignete Gegenposition verstanden wird, die Rawls Politischem Liberalismus gegenübersteht. Darüber hinaus ist Mouffe auch deshalb eine interessante Gegenposition, da sie eine Radikalisierung von Demokratie fordert, während sich der Begriff der Demokratie in einem Spannungsfeld zum Liberalismus befindet, da er die Begrenzung einer absoluten Freiheit voraussetzt. Im Zentrum dieser Bachelorarbeit soll deshalb ein Vergleich der politischen Theorien von Chantal Mouffe und John Rawls stehen, die über eine unterschiedliche Verwendung von Sprache, Begriffen und Logiken zu einer jeweils eigenen Sichtweise auf die Staatsbürgerrolle in liberalen Demokratien gelangen.

Die Fragestellung dieser Bachelorarbeit soll deshalb lauten, welches Bild einer Staatsbürgerrolle Chantal Mouffe und John Rawls im Hinblick auf liberale Demokratien zeichnen. Konkret soll danach gefragt werden, welche staatsbürgerliche Rahmung einer demokratischen Gesellschaft jeweils durch ihre politischen Theorien beschrieben wird und welche Konsequenzen sich daraus für die Rolle von Staatsbürger*innen ergeben. Außerdem sollen die beiden Positionen miteinander verglichen werden, um Parallelen und Unterschiede bezüglich einer Staatsbürgerrolle feststellen zu können.

Zu Beginn dieser Arbeit sollen zunächst die beiden Begriffe der Demokratie und der Staatsbürgerschaft erläutert und so definiert werden, wie sie in dieser Arbeit verstanden werden. In einem deskriptiven Teil soll anschließend die Kernfrage sein, welche Antwort die beiden demokratietheoretischen Ansätze auf die Frage geben, was die Rahmenbedingungen für die Ausübung der Staatsbürgerrolle in modernen Demokratien sind und wie diese Rolle ausgefüllt werden sollte. Lassen sich konkrete Eigenschaften festmachen, entlang derer sich bei Mouffe und Rawls Staatsbürgertum charakterisieren lässt? Lassen sich konkrete Aufgaben, Rechte oder Pflichten innerhalb ihrer Theorien bestimmen? Welche Legitimitätsprinzipien bestimmen staatsbürgerliches Handeln? Welcher Spielraum wird Staatsbürger*innen innerhalb der Theorien beigemessen, um politische Forderungen stellen zu können? Es soll also konkret danach gefragt werden, welche theoretischen Überlegungen die Staatsbürgerrolle beeinflussen und welche konkreten Ansichten zur Staatsbürgerrolle bei den beiden Autoren vorliegen.

Methodisch soll also zunächst eine Darstellung der Theorien stattfinden, um im Anschluss Schlussfolgerungen bezüglich der Fragestellung ableiten zu können. Die Konzeptionen der beiden Autoren sollen dabei sinnvoll auf wesentliche Aspekte eingegrenzt werden, sodass sie eine Beantwortung der Fragestellung zulassen und gleichzeitig in ihrer logischen Konsistenz erhalten bleiben. Die Ergebnisse sollen jeweils in einem Zwischenfazit festgehalten werden.

Hierbei soll zunächst das Konzept von John Rawls dargestellt werden, indem seine Idee des „Urzustandes“ und die damit eng verknüpfte Konzeption der „Gerechtigkeit als Fairness“ vorgestellt werden. Dies soll vor allem dazu dienen, um seine spätere Argumentation nachvollziehen zu können und den gesellschaftlichen Rahmen beschreiben zu können, den Rawls demokratischen Ordnungen und staatsbürgerlicher Autonomie zugrunde legt. Im Anschluss soll dargestellt werden, wie Rawls auf das Phänomen des Pluralismus eingeht und wie er seine Idee eines übergreifenden Konsenses etabliert. Dieser Abschnitt ist deshalb von Bedeutung, da er zum einen staatsbürgerliche Verhältnisse so beschreibt, wie Rawls sie sich vorstellt, und zum anderen das Ziel hat, eine normative Verbindlichkeit für seine im Vorfeld ausgeführten theoretischen Überlegungen herzustellen. Der nachfolgende Abschnitt konzentriert sich auf Rawls Idee eines öffentlichen Vernunftgebrauchs, der die Sphäre des Politischen in die liberale Theorie Rawls integriert und beschreibt, welche Praktiken politischer Artikulation für Staatsbürger*innen Rawls zufolge zulässig sind. Außerdem wird hier ein paradoxes Verhältnis von Staatsbürger*innen zwischen privaten Interessen und öffentlicher Vernunft offengelegt. Im Anschluss soll das liberale Legitimitätsprinzip vorgestellt werden, welches eine Antwort auf das zuvor aufgeworfene Paradox geben soll. Schließlich soll die politische Konzeption der Person vorgestellt werden, welche den Status moralischer Personen um die Ebene des Politischen erweitert und somit maßgeblich für Rawls Bild von Staatsbürger*innen im Kontext eines politischen Liberalismus ist. In einem Zwischenfazit soll herausgearbeitet werden, welche Schlussfolgerungen sich für das Bild einer Staatsbürgerrolle aus der Perspektive von Rawls ergeben.

Im zweiten Abschnitt des deskriptiven Teils soll die politische Theorie von Chantal Mouffe dargestellt werden. Hier soll in einem ersten Schritt die Logik der Äquivalenz und der Differenz erläutert werden, da sie in Mouffes weiterer Argumentation eine entscheidende Rolle einnimmt. Daran anknüpfend sollen elementare Begrifflichkeiten erläutert und erste Zusammenhänge dargestellt werden, die für die Rahmenbedingungen einer Staatsbürgerrolle bei Mouffe relevant sind. Hierzu gehören insbesondere die Begriffe Agonistik und Antagonismus, das Politische, sowie der Diskurs. Anschließend soll Mouffes Konzeption eines agonistischen Pluralismus vorgestellt werden, welche die Idee eines neuen politischen Modus vorschlägt, der bestimmte Voraussetzungen an Staatsbürger*innen und an die Diskussionskultur stellt. In einem weiteren Schritt soll dann erläutert werden, was Mouffe unter einer radikaldemokratischen Staatsbürgerschaft versteht.

Im Anschluss an den deskriptiven Teil soll dann der Vergleich der beiden Positionen vorgenommen werden und nachfolgend eine kritische Betrachtung stattfinden. Ein Fazit wird die Ergebnisse zusammenfassen.

Der aktuelle Forschungsstand umfasst zum einen die verschiedenen Positionen der beiden Autoren innerhalb der Demokratietheorie. Mouffe und Rawls selbst haben ihre Positionen immer wieder erneuert. So veröffentlichte John Rawls nach seinem grundlegenden Werk „Theorie der Gerechtigkeit“ aus dem Jahr 1979 ein ergänzendes Theoriestück im Jahr 1993, welches den Namen „Politischer Liberalismus“ trägt. Aber auch Chantal Mouffe hat seit ihrem Werk „Hegemonie und radikale Demokratie“, welches sie zusammen mit ihrem Ehemann Ernesto Laclau im Jahr 1991 veröffentlichte, zahlreiche weitere Schriften publiziert, welche ihre Theorie verdichten. Für diese Arbeit ist dabei ihre Schrift „Das politische Paradox“ aus dem Jahr 2000 von besonderem Interesse, da Mouffe darin ein ganzes Kapitel der Auseinandersetzung mit Rawls liberaler Position widmet. Aber auch ihr Buch „Agonistik“ (2014) ist für diese Arbeit von besonderem Interesse, da es ein klareres Bild von Mouffes Umgang mit Pluralismen zeichnet. Innerhalb der aktuellen Debatte um radikaldemokratische Ansätze sind Prof. Dr. Martin Nonhoff von der Universität Bremen und Prof. Dr. Oliver Flügel-Martinsen von der Universität Bielefeld häufig zitierte Autoren. Außerdem ist eine intensive kritische Auseinandersetzung mit Chantal Mouffes Position bei Anja Rüdiger, aber auch bei Dirk Jörke zu finden. Zur Position von Rawls stellen die Veröffentlichungen von Wilfried Hinsch und Peter Niesen hilfreiche Beiträge dar. Eine explizite Auseinandersetzung mit der vorliegenden Forschungsfrage existiert bisher nicht.

2 Definitionen: Demokratie und Staatsbürgerschaft

Der Begriff der Demokratie ist „[…] ein normativer Begriff und meint (abgeleitet aus den griechischen Begriffen demos und kratein) die ,,Herrschaft des Volkes", die es indes im wortwörtlichen Verständnis faktisch niemals gegeben hat (auch nicht in der athenischen polis)“ (Waschkuhn 2005, S. 89). Davon abgesehen, setze sich der moderne Demokratiebegriff aus verschiedenen Deutungsperspektiven zusammen, die kein abschließend klares Bild zulassen und ihn abhängig vom jeweiligen Kontext machen. Es sei jedoch unbestreitbar, dass der modere Demokratiebegriff nichts mehr mit einer direkten Versammlungsdemokratie der Antike gemeinsam habe. An die Stelle von Losverfahren und Rotationsprinzipien bei politischen Ämtern seien in modernen Demokratien die repräsentativen Institutionen, Gewaltenteilung, Personalwahlen und konstitutionelle Grenzen politischer Entscheidungsfreiheit gerückt (vgl. Buchstein und Jörke 2003, S. 472).

Folgt man dem Politikwissenschaftler Arno Waschkuhn, könne man jedoch mit dem Verweis auf einige populäre Politikwissenschaftler und Philosophen ein differenziertes Bild der Charakteristika von Demokratie erlangen. Hier sei beispielsweise Giovanni Sartori von Bedeutung, der Demokratie als ein System begreift, in dem sich niemand selbst zur Macht verhelfen könne, die der- oder diejenige dann unreguliert ausübt. Für Karl Popper definiere sich Demokratie hingegen über einen friedlichen Machtwechsel, der ohne Blutvergießen vollzogen wird, durch eine kollektive Wahl zustande kommt und von den politischen Eliten akzeptiert wird. Für Jürgen Habermas oder Heidrun Abromeit stehe dagegen das Individuum in besonderem Fokus, sodass Demokratie als Selbstbestimmung der Menschen verstanden wird (vgl. Waschkuhn 2005, S. 89–90). So wie Waschkuhn gelangen auch John Rawls und Chantal Mouffe unter Bezugnahme auf die Historie der Politischen Theorie zu eigenen Auffassungen von Demokratie. Dieser Umstand ist das, was im Verlauf dieser Arbeit als die Rahmenbedingungen der Staatsbürgerrolle verstanden werden soll, die beide behandelten Autoren auf unterschiedliche Art und Weise prägen. Die für die Fragestellung dieser Arbeit wesentlichen Elemente sollen in den jeweiligen Abschnitten erläutert werden.

Auch das Konzept der Staatsbürgerschaft werde oftmals fälschlicherweise als etwas verstanden, das eindeutig und abgrenzbar definiert werden kann. Häufig werde es auf eine eindeutige rechtliche Beziehung zwischen Individuen und dem Staat reduziert. Bei genauerer Betrachtung werde jedoch deutlich, dass Staatsbürgerschaft einer differenzierten Definition bedarf (vgl. Reichel 2011, S. 17). Im Rahmen dieser Arbeit kann keine Genese und vollständige Betrachtung des Staatsbürgerbegriffes stattfinden, da dies den Umfang dieser Arbeit deutlich überschreiten würde. Dennoch soll an dieser Stelle eine kurze und dennoch differenzierte Darstellung stehen, die sich vor allem auf gegenwärtige Voraussetzungen projizieren lässt. Der Begriff der Staatsbürgerschaft müsse in der heutigen Zeit interdisziplinär betrachtet werden, da er zwar eine rechtliche Kategorie darstelle, diese sei jedoch ein Resultat einer Wechselwirkung zwischen sozialen und politischen Phänomenen und dem Recht selbst (vgl. Reichel 2011, S. 17).

Der moderne Staatsbürgerbegriff basiert nicht mehr, wie in historischen Kontexten, auf dem ausschließlichen Merkmal der Exklusion von Individuen und Gruppen. Er ist nicht mehr an bestimmte Bedingungen, wie Verwandtschaft oder Grundbesitz, geknüpft, die einen Zugang zu einer staatsbürgerlichen Gemeinschaft ermöglichen und gleichzeitig hierarchische Strukturen herstellen (vgl. Mackert 2006, S. 24). Das heutige Verständnis von Staatsbürgerschaft basiere auf dem idealen Prinzip der Inklusion in einen Nationalstaat, das den Anspruch erhebt, alle Bürger*innen „ […] einer Gesellschaft in die Staatsbürgerrechte zu inkludieren und sie somit zu Staatsbürgern zu machen“ (Mackert 2006, S. 24). Der Staat definiere dabei das Selbstverständnis von Bürger*innen, die dem Staat das Gewaltmonopol zusprechen und sich als Untertanen des Staatswesens verstehen (vgl. Mackert 2006, S. 25). „Auch in liberal-demokratischen Gesellschaften wird durch den Staat Herrschaft über das Volk ausgeübt“ (Mackert 2006, S. 25). Im Gegenzug garantiert der Staat konstitutionell die Staatsbürgerschaft und schafft dabei Rechte und Partizipationsstrukturen, aber auch Pflichten. Wie genau diese Rechte und Pflichten ausgestaltet sind, unterlege jedoch einer kontroversen Debatte (vgl. Reichel 2011, S. 18). Der Nationalstaat umfasse deshalb auch die wichtige Herausbildung von Institutionen, über welche die Organisation demokratischer Gesellschaften stattfinde (vgl. Wiener 1996, S. 488). Die vom Staat zugesprochenen Rechte machen Staatsbürger*innen zu Rechtssubjekten und schützen sie vor staatlicher Willkür. Gleichzeitig treten sie als Souverän auf und legitimieren, nach dem Prinzip der Volkssouveränität, staatliche Macht über Wahlen (vgl. Mackert 2006, S. 25). In Wohlfahrtstaaten seien sie zudem als „[…] Klienten des Wohlfahrtsstaates […] vor den größten sozialen Risiken geschützt und berechtigt, Leistungen in Anspruch zu nehmen“ (Mackert 2006, S. 25). Staatsbürger*innen seien zudem Marktsubjekte, da sie innerhalb des kapitalistischen Systems der Marktwirtschaft dazu berechtigt sind, untereinander Verträge zu schließen und so als Konsumenten und Produzenten zu agieren (vgl. Mackert 2006, S. 25).

Man müsse zudem zwischen den Begriffen Staatsangehörigkeit [nationality] und Staatsbürgerschaft [citizenship] unterscheiden. Im internationalen Recht werde der Begriff der Staatsbürgerschaft durch den Begriff der Staatsangehörigkeit substituiert (vgl. Bauböck 2010, S. 17). Während der Begriff der Staatsangehörigkeit ein rein rechtliches Verhältnis einer Zugehörigkeit zu einem Nationalstaat meint, das sowohl nationale, als auch internationale Strahlungskraft besitzt, beschreibe der Begriff der Staatsbürgerschaft die Rechte und Pflichten, die mit diesem Verhältnis in den jeweiligen Nationalstaaten einhergehen. In den Politikwissenschaften umfasse der Begriff der Staatsbürgerschaft zudem eine aktive Partizipation am gesellschaftlichen und politischen Leben (vgl. Reichel 2011, S. 18).

3 Die Staatsbürgerrolle bei John Rawls

John Rawls beschreibt eine Gesellschaft als „[…] eine mehr oder weniger in sich geschlossene Vereinigung von Menschen, die für ihre gegenseitigen Beziehungen gewisse Verhaltensregeln als bindend anerkennen und sich meist auch nach ihnen richten. […] Diese Regeln beschreiben ein System der Zusammenarbeit, das dem Wohl seiner Teilnehmer dienen soll“ (Rawls 1979, S. 20). Es handelt sich demnach um ein System, in welchem Staatsbürger*innen einen allgemeinen Konsens im Sinne des Allgemeinwohls treffen.

Um die Staatsbürgerrolle bei John Rawls definieren zu können, ist es zunächst notwendig einige seiner grundlegenden Gedanken vorzustellen. Als Ausgangsfrage seiner Konzeption des Politischen Liberalismus steht dabei die Frage, „wie […] eine stabile und gerechte Gesellschaft freier und gleicher Bürger, die durch vernünftige und gleichwohl einander ausschließende religiöse, philosophische und moralische Lehren einschneidend voneinander getrennt sind, dauerhaft bestehen [kann]“ (Rawls 1998, S. 14)? Rawls entwickelt seine Konzeption also mit der Idee „freier und gleicher Bürger*innen“ als zentrale Akteure. Dabei soll in den folgenden Abschnitten untersucht werden, was genau Rawls mit dieser Formulierung meint und wie er diese explizit ausgestaltet.

Dazu sollen zunächst seine Ideen vom Urzustand und von der Gerechtigkeit als Fairness vorgestellt werden. Diese beinhalten auch die Idee vom Schleier des Nichtwissens, sowie seine moralischen Grundsätze. Hier werden zunächst die Ausgangsbedingungen beschrieben, welche einem Staatsbürgerverständnis zugrunde liegen. Im Anschluss soll auf die von Rawls formulierte Herausforderung gesellschaftlicher Pluralismen anhand der Konzeptionen des übergreifenden Konsenses und des öffentlichen Vernunftgebrauchs eingegangen werden. In diesen Abschnitten soll dargelegt werden, wie Rawls versucht, aus seinen zuvor aufgestellten normativen Ansprüchen, eine Verbindlichkeit für reale Staatsbürger*innen herzustellen. Dabei soll herausgearbeitet werden, welche Fähigkeiten, Eigenschaften und Anforderungen er an die Staatsbürgerrolle im Kontext einer pluralistischen Umwelt knüpft. Hier wird sich, wie von Rawls beschrieben, zeigen, dass seine Konzeption des öffentlichen Vernunftgebrauchs die Staatsbürgerrolle mit einem vermeintlichen Paradox konfrontiert, welches wiederum im nachfolgenden Abschnitt über das liberale Legitimitätsprinzip aufgelöst werden soll. Dabei geht es um die Frage, wie sich Staatsbürger*innen legitimerweise bei politischen Entscheidungen verhalten sollten. In einem letzten Abschnitt soll über Rawls Konzeption der politischen Person die Charakterisierung der Staatsbürgerrolle abgeschlossen und aufgezeigt werden, wie Rawls vom Begriff der moralischen Person zum Begriff des gleichen Staatsbürgers gelangt. Ein Zwischenfazit soll die bis hierhin gewonnen Erkenntnisse zusammenfassen, um sie in am Ende dieser Arbeit mit der Konzeption von Chantal Mouffe vergleichbar zu machen.

All dies soll vor dem Hintergrund geschehen, ein klares Bild über Rawls Staatsbürgerverständnis erlangen zu können, weshalb die folgenden Ausführungen auch auf für diese Frage relevante Aspekte eingeschränkt werden.

3.1 Der Urzustand und Gerechtigkeit als Fairness

Die beiden elementaren Konzeptionen von der „Gerechtigkeit als Fairness“ und vom „Urzustand“ geben zunächst Aufschluss darüber, in welchem grundlegenden Verhältnis das staatsbürgerliche Zusammenleben stattfindet und welche Bedingungen nach rawlsschem Verständnis daran geknüpft sind. Die Grundidee von Rawls kontraktualistischer Konzeption ist dabei, dass die freien und gleichberechtigten Mitglieder einer Gesellschaft die Bedingungen eines fairen und gerechten Zusammenlebens in einer fiktiven Vertragssituation selbst bestimmen, was den Konsens über diese normative Basis des Zusammenlebens gleichzeitig legitimiert. So ist die Idee der Gerechtigkeit als Fairness eine „[…] Neufassung der Lehre vom Gesellschaftsvertrag […]“ (Rawls 1998, S. 90), die somit an die kontraktualistischen Vorstellungen früherer gesellschaftstheoretischer Theorien, wie denen von Hobbes, Locke oder Rousseau anknüpft, sich aber dennoch von diesen unterscheidet. Wie sich Rawls Konzeption von denen früherer Autoren unterscheidet, kann im Umfang dieser Arbeit nicht geklärt werden, vielmehr sollen hier einige Aspekte vorgestellt werden, welche wesentlich für die Entwicklung einer Staatsbürgerrolle sind. Auch soll auf eine Genese des Begriffes des Natur- bzw. Urzustands verzichtet und stattdessen ausschließlich der Urzustand in Verbindung mit der Gerechtigkeitskonzeption nach rawlsschem Verständnis beschrieben werden.

Die Konzeption der „Gerechtigkeit als Fairness“ beschreibt zunächst Rawls Grundgedanken, dass „[…] die Grundsätze der Gerechtigkeit in einer fairen Ausgangssituation festgelegt werden. Sie will nicht besagen, die Begriffe der Gerechtigkeit und der Fairneß seien ein und dasselbe […]“ (Rawls 1979, S. 29). Diese Ausgangssituation bezeichnet Rawls als den Urzustand (vgl. Rawls 1979, S. 28). Er beschreibt die Konzeption der Gerechtigkeit als Fairneß auch als „[…] die Idee der Gesellschaft als eines fairen generationenübergreifenden Systems der Kooperation“ (Rawls 1998, S. 81), von dem er annimmt, dass es „[…] in der öffentlichen Kultur einer demokratischen Gesellschaft impliziert ist“ (Rawls 1998, S. 81).

Der Urzustand (original position) selbst stellt innerhalb von Rawls Konzeption eine rein hypothetische Situation innerhalb der Theorie und somit eine abstrakte Annahme dar (vgl. Rawls 1999, S. 11), welche „[…] so beschaffen ist, daß sie zu einer bestimmten Gerechtigkeitsvorstellung führt“ (Rawls 1979, S. 29). Der Urzustand „[…] ersetzt Kants Idee vom autonomen Subjekt […]“ (Reese-Schäfer 2013, S. 163). Ausgangspunkt ist die Vorstellung, dass alle Bürger zum gegenseitigen Vorteil ein gesellschaftliches System gründen, welches sowohl Vor-, als auch Nachteile für die Teilnehmer mit sich bringt. So bringe ein solches System allen Teilnehmern einen Vorteil, da sie fortan nicht mehr nur auf sich selbst gestellt sind, sondern durch Kooperation mit ihren Mitmenschen ein besseres Leben erreichen können. Folglich arbeiten alle Menschen für das gemeinsame Ziel eines besseren Lebens, sei es durch eine bessere Gesundheitsversorgung, den Austausch von Waren und Gütern oder soziale Kooperation. Auf der anderen Seite führe diese Kooperation zu Verteilungs- und letztlich zu Gerechtigkeitsfragen (vgl. Rawls 1979, S. 20). Schließlich sei es den Mitgliedern einer Gesellschaft „[…] nicht gleichgültig […], wie die durch ihre Zusammenarbeit erzeugten Güter verteilt werden, denn jeder möchte lieber mehr als weniger haben“ (Rawls 1979, S. 20). Um dennoch ein friedliches und dauerhaftes gesellschaftliches Leben ermöglichen zu können, sei es notwendig bestimmte Grundsätze sozialer Gerechtigkeit aufzustellen und gesellschaftliche Rechte und Pflichten über die gesellschaftlichen Hintergrundinstitutionen zu implementieren (vgl. Rawls 1979, S. 20–21). „Die Leitidee besteht darin, den Urzustand zu benutzen, um Freiheit und Gleichheit in einer solchen Weise modellhaft darzustellen, daß vollkommen evident wird, zu welcher Übereinkunft die Parteien als Vertreter der Bürger gelangen würden“ (Rawls 1998, S. 94).

Dabei steht also die Idee von freien und gleichen Bürger*innen im Mittelpunkt, welche im Kollektiv darüber entscheiden müssen, inwiefern die Hintergrundinstitutionen ausgestaltet bzw. reguliert werden sollen (vgl. Rawls 1998, S. 90). Der Begriff der Hintergrundinstitutionen meint bei Rawls die grundlegenden gesellschaftlichen Strukturen, welche aus politischen. sozialen und wirtschaftlichen Institutionen bestehen und welche letztlich über das Recht definiert sind (vgl. Rawls 1998, S. 76). Dabei stehen nach Rawls die Akteure jedoch vor der Herausforderung, einen Diskussionsstandpunkt zu finden, welcher es ihnen erlaubt, vollkommen unvoreingenommen und entkoppelt von bereits bestehenden Strukturen, also fair, zu argumentieren. „Die Schwierigkeit ist folgende: Wir müssen einen Standpunkt finden, der von der alles umfassenden Hintergrundstruktur losgelöst ist und nicht durch ihre besonderen Merkmale und Umstände verzerrt wird, ein Standpunkt, von dem aus eine faire Übereinkunft zwischen Personen erreicht werden kann, die einander als freie und gleiche betrachten“ (Rawls 1998, S. 90).

Dies sei notwendig, da die Werte von Freiheit und Gleichheit voraussetzen, dass im Sinne der Chancengleichheit kein Akteur einen Verhandlungsvor- oder Nachteil gegenüber den anderen Akteuren hat. Daraus resultiert die Voraussetzung absolut symmetrischer Beziehungen innerhalb einer sich neu konstituierenden Gesellschaft (vgl. Rawls 1999, S. 11), sodass jeder Akteur mit identischen „[…] Ansprüchen auf alle kollektiv zu verteilenden Rechte, Privilegien und Güter“ (Hinsch 1997, S. 10) ausgestattet ist.

Um diese hypothetische, neutrale Verhandlungssituation zu erreichen, führt Rawls das Prinzip des Schleiers des Nichtwissens (veil of ignorance) ein. Demnach stimmen alle Akteure aus den oben genannten Grundsätzen darin überein, sich im Sinne einer fairen Debatte hinter dem Schleier einer vollkommenen Unwissenheit über die Gerechtigkeitsgrundsätze einer Gesellschaft zu verständigen. Kein Akteur hat folglich Kenntnis über irgendeinen sozioökonomischen Status oder persönliche Präferenzen, weder von sich selbst, noch von anderen (vgl. Rawls 1999, S. 17). Die einzigen Informationen, die jedem Akteur zur Verfügung stehen, sind, dass alle Akteure reziprok die Werte von Freiheit und Gleichheit anerkennen und zudem die Eigenschaften besitzen, sowohl rationale und vernünftige Entscheidungen treffen zu können, als auch moralisch sensitiv, also zu einem fairen Verhalten fähig zu sein und einen Gerechtigkeitssinn bzw. einen Sinn für das Gute zu besitzen (vgl. Rawls 1998, S. 122–123). In diesem Zusammenhang nutzt Rawls auch den Begriff der Rationalität, worauf noch in einem späteren Teil dieser Arbeit genauer eingegangen werden soll. Der Schleier des Nichtwissens dient also dazu, „[…] dem, was [die Akteure] als gute Gründe [für Entscheidungen] vorbringen können, angemessene Grenzen zu setzen“ (Rawls 1998, S. 93). Diese Fähigkeiten sieht Rawls als elementare Attribute von Bürger*innen und als eine Voraussetzung für das Argument des Urzustandes und folglich einer wohlgeordneten Gesellschaft an. Inwiefern der Begriff einer wohlgeordneten Gesellschaft in Hinblick auf die Staatsbürgerrolle von Relevanz ist, soll noch in einem späteren Teil dieser Arbeit aufgegriffen werden.

Darüber hinaus führt er den Begriff der Grundgüter ein. Unter Grundgütern versteht Rawls essentielle Mittel, wie beispielweise ein Einkommen oder Besitz im Allgemeinen, aber auch normative Güter, wie Chancengleichheit und Kooperationsbereitschaft, welche alle Bürger*innen dazu befähigen, ihre staatsbürgerlichen Freiheiten ausleben und somit uneingeschränkt zu politischen Entscheidungen gelangen zu können (vgl. Rawls 1998, S. 300–301).

Stellt man sich ein solch ideales Szenario eines Urzustandes hypothetisch vor, so käme Rawls zufolge ein Konsens zwischen allen Staatsbürger*innen über zwei grundlegende Gerechtigkeitsgrundsätze zustande (vgl. Hinsch 1997, S. 12). Diese seien gleichzeitig dafür verantwortlich, den Zustand von Freiheit und Gleichheit durchzusetzen und zu garantieren, aber auch als basales Argument und somit Rechtfertigungsgrundlage seiner Konzeption zu dienen (vgl. Rawls 1998, S. 68–69). Diese Grundsätze formuliert Rawls wie folgt:

„(a) Jede Person hat den gleichen Anspruch auf ein völlig adäquates System gleicher Grundrechte und Freiheiten, das mit demselben System für alle vereinbar ist, und innerhalb dieses Systems wird der faire Wert der gleichen politischen (und nur der politischen) Freiheiten garantiert.
(b) Soziale und ökonomische Ungleichheiten müssen zwei Bedingungen erfüllen: erstens müssen sie mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die allen unter Bedingungen fairer Chancengleichheit offenstehen, und zweitens müssen sie sich zum größtmöglichen Vorteil für die am wenigsten begünstigten Gesellschaftsmitglieder auswirken“ (Rawls 1998, S. 69–70).

Darüber hinaus genieße der erste Grundsatz einen eindeutigen Vorrang gegenüber dem zweiten Grundsatz, sodass die Grundrechte von Freiheit und Gleichheit als absolut übergeordnete Prinzipien zu betrachten sind (vgl. Rawls 1998, S. 71–72), was auch den liberalen Charakter von Rawls Konzeption kennzeichnet. Der zweite Grundsatz beinhaltet insbesondere das Prinzip der Chancengleichheit und zielt darauf ab, die schwächsten Mitglieder einer Gesellschaft nach einem Prinzip der Differenz vorrangig zu fördern, sodass sich Rawls Vorstellung einer gesellschaftlichen Ordnung zudem sozialstaatlich interpretieren lässt. Aus diesem Grund benennt er den letzten Zusatz auch als Differenzprinzip (vgl. Rawls 1999, S. 107). Insgesamt konstruiert Rawls also die Idee eines liberalen, demokratischen Sozialstaats als staatsbürgerliche Rahmenbedingung. Beide Grundsätze sieht Rawls als gegebene Grundlage an, auf welcher alle weiteren gesellschaftlichen Verhandlungen und Ausdifferenzierungen stattfinden können und schreibt ihnen einen rein politischen Charakter zu, woraus sich letztlich auch der Begriff des „Politischen Liberalismus“ ableitet. Die politische Macht liegt dementsprechend bei der Öffentlichkeit, es handelt sich also um „[…] die kollektive Macht freier und gleicher Bürger“ (Rawls 1998, S. 222).

„Die Konzeption der Gerechtigkeit als Fairneß hat demnach ein praktisches Ziel. Sie stellt sich als eine Gerechtigkeitskonzeption vor, die von den Bürgern als Basis einer begründeten, wohlinformierten und einvernehmlichen politischen Übereinkunft geteilt werden kann. Sie ist Ausdruck ihres gemeinsamen öffentlich politischen Vernunftgebrauchs“ (Rawls 1998, S. 74). Was Rawls mit dem öffentlichen Vernunftgebrauch genauer meint, soll in einem späteren Teil dieser Arbeit dargestellt werden. Dadurch, dass nun diese Gerechtigkeitsgrundsätze von den Bürger*innen als fair und gerecht aufgefasst werden, seien sie dazu motiviert, diese aus freier Überzeugung öffentlich anzuerkennen und auch nach diesen zu handeln, sodass sie politisch autonom sind (vgl. Rawls 1998, S. 155). Allerdings fügt Rawls dieser idealen Vorstellung im selben Zug die Einschränkung hinzu, dass eine „[…] Ungerechtigkeit [dann] tragbar [ist], wenn sie zur Vermeidung einer noch größeren Ungerechtigkeit nötig ist“ (Rawls 1979, S. 20).

3.2 Pluralismus und übergreifender Konsens

Nun existiert die Idee des Urzustandes bisher nur auf fiktionaler Ebene und kann deshalb noch keine ausreichende normative Verbindlichkeit herstellen (vgl. Rawls 1998, S. 91). Diese kann erst dadurch erlangt werden, dass in der Realität ein Konsens durch reale Staatsbürger*innen getroffen wird. „Entscheidend ist, daß leibhaftige Bürger [diesen Konsens] unter Berücksichtigung aller ihnen zugänglichen Informationen und in Übereinstimmung mit ihren wohlerwogenen normativen Überzeugungen als für sich und andere verbindlich anerkennen können“ (Hinsch 1997, S. 13). Erst unter dieser Prämisse könne es zu einer wohlgeordneten und somit stabilen Gesellschaft kommen. Der Begriff einer wohlgeordneten Gesellschaft bedeutet bei Rawls also zunächst, dass diese durch eine Gerechtigkeitskonzeption wohl geordnet wird, indem ihre Bürger*innen gemeinsame höhergeordnete, gemeinsame Ziele der Gerechtigkeit verfolgen (vgl. Rawls 1998, S. 300). Außerdem sei eine wohlgeordnete Gesellschaft davon geprägt, dass sie „[…] auf das Wohl ihrer Mitglieder abzielt […]“ (Rawls 1979, S. 493). Darüber hinaus hätten die grundlegenden sozialen und politischen Institutionen diesen Grundsätzen zu genügen (vgl. Rawls 1998, S. 105).

Allerdings ergebe sich dadurch ein neues Problem für die Theorie, denn eine reale Gesellschaft bestehe nicht aus homogenen Ansichten und so seien auch Rawls Gerechtigkeitsgrundsätze nicht von verschiedenen Auffassungen verschont. „Die wirklichen Gesellschaften sind freilich selten in diesem Sinne wohlgeordnet, denn was gerecht und ungerecht sei, ist gewöhnlich umstritten“ (Rawls 1979, S. 21). So dient der Begriff der wohlgeordneten Gesellschaft lediglich dazu, ein Ideal und gleichzeitig eine Problemstellung demokratischer Gesellschaften zu beschreiben. Da pluralistische Ansichten in einem Interessenwettstreit stehen, nahm Rawls in der Konsequenz eine Korrektur seiner Konzeption vor, indem er gesellschaftliche Pluralismen und somit das Politische als wesentliches Merkmal von Demokratien anerkannte. Als Ursache eines solchen Pluralismus sieht Rawls dabei das natürliche Potential zu alternativen Ergebnissen rationaler Überlegungen, welche eben verschiedene Lehren hervorbringen können. Dabei sei es möglich, dass sich unterschiedliche Lehren zwar ihren rationalen Charakter teilen, ansonsten jedoch antagonistisch zueinander auftreten und unvereinbare Inhalte (und somit auch unterschiedliche Vorstellungen vom Guten) aufweisen (vgl. Rawls 1998, S. 12–13). Diesen Umstand formulierte Rawls in seinem Werk „Politischer Liberalismus“ als grundlegende Problemstellung und Anlass dazu, seine Konzeption zu ergänzen. „Das ernste Problem ist das folgende: Eine moderne demokratische Gesellschaft ist nicht einfach durch einen Pluralismus umfassender religiöser, philosophischer und moralischer Lehren gekennzeichnet, sondern durch einen Pluralismus zwar einander ausschließender, aber gleichwohl vernünftiger umfassender Lehren. Keine dieser Lehren wird von Bürgern allgemein bejaht“ (Rawls 1998, S. 12).

Daraus ergibt sich für Rawls die Schlussfolgerung, dass es einer Lösung bedarf, welche die vielen unterschiedlichen und teils gegensätzlichen, aber dennoch rationalen moralischen, philosophischen und religiösen Lehren so zusammenführt, dass eine stabile Gesellschaft auf der Grundlage gemeinsamer Gerechtigkeitsvorstellungen möglich ist. Der Kerngedanke ist also die Frage, welche Einstellungen der Staatsbürger*innen notwendig sind, um diese Stabilität herstellen zu können. Rawls stellt die grundsätzliche Frage, „[…] wie eine gerechte Gesellschaft möglich ist, deren freie und gleiche Bürger durch konträre und sogar einander ausschließende religiöse, philosophische und moralische Lehren einschneidend voneinander getrennt sind“ (Rawls 1998, S. 219).

Als Lösungsansatz präsentiert Rawls nun in seinem gleichnamigen Werk seine Vorstellung eines Politischen Liberalismus, welcher die Ideen eines übergreifenden Konsenses (overlapping consensus) und der öffentlichen Vernunft (public reason) beinhaltet und das Politische in den Mittelpunkt einer demokratischen Gesellschaft stellt.

In diesem Zusammenhang beschreibt Rawls zunächst die Merkmale einer öffentlichen politischen Kultur demokratischer Gesellschaften. Diese grenzt er zunächst von den bereits erwähnten umfassenden Lehren religiöser, moralischer bzw. philosophischer Art ab. Denn diese seien vielmehr die „[…] ‚Hintergrundkultur‘ einer Zivilgesellschaft […]“ (Rawls 1998, S. 79). Für Rawls seien alle religiösen, moralischen und philosophischen Lehren somit Teil einer „[…] Kultur des Sozialen, nicht des Politischen“ (Rawls 1998, S. 79). Dies begründet er damit, dass eben diese Lehren ein Ergebnis des alltäglichen Lebens und der gesellschaftlichen Struktur, wie beispielsweise Universitäten oder Kirchen, und somit nicht zu verallgemeinern seien. Sie seien vielmehr als Vereinigungen, also als Auffassungen geschlossener Personenkreise, zu betrachten (vgl. Rawls 1998, S. 79). Eine politische Gerechtigkeitskonzeption müsse jedoch unabhängig von solchen Lehren sein und sich stattdessen auf die basale Grundstruktur einer Gesellschaft beziehen (vgl. Rawls 1998, S. 77). Denn „auch umfassende philosophische und moralische Lehren können nicht von allen Bürgern bejaht werden, und so kann das Bekenntnis zu ihnen auch nicht mehr (falls überhaupt jemals) als Grundlage der Gesellschaft dienen“ (Rawls 1998, S. 74). Rawls politische Konzeption müsse demnach auf den Personenkreis aller demokratischen Bürger*innen ausgeweitet werden, sodass die Konzeption selbst in ihrer Komplexität eingeschränkt bleiben müsse, damit sie das Potential behalte, von möglichst allen Bürger*innen getragen werden zu können. Sie könne deshalb auch nicht den Status einer detailliert ausformulierten, allumfassenden und allgemeinen Lehre einnehmen, da mit fortschreitender Ausdifferenzierung einer Lehre auch das Dissensrisiko steige (vgl. Rawls 1998, S. 78–79). In der Folge sei es notwendig, eine politische Gerechtigkeitskonzeption auf den wesentlichen Bereich zu beschränken, den Bereich des Politischen. „Da es keine vernünftige religiöse, philosophische oder moralische Lehre gibt, die von allen Bürgern bejaht wird, muß die in einer wohlgeordneten Gesellschaft bejahte Gerechtigkeitskonzeption auf das beschränkt bleiben, was ich den ‚Bereich des Politischen‘ und seine Werte nenne“ (Rawls 1998, S. 109).

Somit postuliert Rawls, dass es bei allen Staatsbürger*innen einen Kern demokratischen Denkens gebe, der unabhängig von allen moralischen, religiösen und philosophischen Lehren existiert und die elementaren Institutionen demokratischer Gesellschaften im Hintergrund definiert. „Die grundlegenden Institutionen der Gesellschaft und die anerkannten Formen ihrer Interpretation werden als Fundus stillschweigend geteilter Ideen und Grundsätze betrachtet“ (Rawls 1998, S. 79). Die Inhalte der komplexeren umfassenden Lehren sollten hingegen nicht als Standpunkte herangezogen werden, um in politischen Diskussionen über „[…] wesentliche[ ] Verfassungsinhalte und grundlegende[ ] Fragen der Gerechtigkeit […]“ (Rawls 1998, S. 81) zu diskutieren. Es gehe also nach Rawls nicht darum, dass alle Bürger eine gemeinsame allesumfassende Lehre teilen, sondern, dass sie gemeinsam das politische Ziel der Gerechtigkeit verfolgen und dieses gegenüber allen anderen Zielen, die sie haben, priorisieren. Dabei werden sie durch die vom Verfassungsstaat zugesicherten Grundfreiheiten und Grundrechte unterstützt (vgl. Rawls 1998, S. 300). Diese gemeinsame Festlegung auf unabhängige Grundprinzipien der Gerechtigkeit bezeichnet Rawls auch als übergreifenden Konsens. Dieser sei dadurch gekennzeichnet, dass alle Bürger*innen, egal welche Lehre sie vertreten, im Kern auf die gleichen Argumente einer gerechten Gesellschaft zurückgreifen oder diese zumindest akzeptieren. In dem übergreifenden Konsens „[…] ist die Anerkennung der politischen Konzeption kein Kompromiß zwischen denen, deren Auffassungen divergieren, sondern er beruht jeweils auf der Gesamtheit von Gründen, die innerhalb der von jedem einzelnen Bürger bejahten umfassenden Lehre genannt werden“ (Rawls 1998, S. 264). Dabei seien sie aus moralischen Gründen bereit, diese politische Gerechtigkeitskonzeption zu akzeptieren und sich an diese zu halten (vgl. Rawls 1998, S. 261). In diesem Zusammenhang betont Rawls, dass es wichtig sei, dass alle Staatsbürger*innen mit politischen Tugenden ausgestattet sind (vgl. Rawls 1998, S. 265). Kommt es zu einem solchen übergreifenden Konsens sei demnach die reale Situation erreicht, welche es benötigt, um tatsächlich eine faktische Verbindlichkeit im Sinne einer stabilen demokratischen Ordnung herzustellen. Denn in der Folge sind auch die Gesetze und Institutionen nach diesen Gerechtigkeitsgrundsätzen gestaltet (vgl. Hinsch 1997, S. 18). Um zu diesem Konsens zu gelangen, sei allerdings eine weitere Eigenschaft der Staatsbürger*innen notwendig, welche Rawls den öffentlichen Vernunftgebrauch nennt. Auf diesen soll im folgenden Abschnitt genauer eingegangen werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Konkurrierende Gesellschaftsbilder in modernen Demokratietheorien. Die Staatsbürgerrolle im Vergleich zwischen Chantal Mouffe und John Rawls
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Bachelorarbeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2022
Seiten
50
Katalognummer
V1259316
ISBN (Buch)
9783346701916
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Herr Scholz widmet sich im Rahmen seiner B.A. der Klärung einer relevanten Grundkategorie demokratietheoretischer Provenienz: Mit seinem Blick auf die Konzeption und Rolle der Staatsbürgerschaft im Spannungsfeld von Globalisierung/Nationalisierung und Konflikt/Konsens (respektive Pluralität/Einheit) zeichnet er die maßgeblichen Differenzen in den Werken von John Rawls und Chantal Mouffe nach. Er überzeugt in seiner scharfsinnigen und anspruchsvollen Arbeit mit präziser Begriffsarbeit und einer analytisch überzeugenden Darstellung.
Schlagworte
Chantal Mouffe, John Rawls, Mouffe, Rawls, Demokratie, Diskurs, Demokratietheorie, Pluralismen, Pluralismus, Meinungspluralismus, Dissens, Konsens, harmonischer Konsens, Hegemonie, Hegemonietheorie, Gramsci, Urzustand, Schleier des Nichtwissens, öffentlicher Vernunftgebrauch, Vernunft, Staatsbürger, Staatsbürgerrolle, übergreifender Konsens, Moralpsychologie, Gerechtigkeit als Fairness, Gerechtigkeit, liberales Legitimitätsprinzip, Legitimität, Das Politische, Äquivalenz und Differenz, Äquivalenz, Differenzprinzip, Agonismus, Agonistik, Antagonismus, antagonistisch, agonistisch, radikaldemoratisch, Radikaldemokratie, radikaldemokratische Staatsbürgerschaft, Vergleich, Politische Theorie, Identität, Identitätspolitik
Arbeit zitieren
Malte Scholz (Autor:in), 2022, Konkurrierende Gesellschaftsbilder in modernen Demokratietheorien. Die Staatsbürgerrolle im Vergleich zwischen Chantal Mouffe und John Rawls, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1259316

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