Die Fragestellung dieser Bachelorarbeit soll lauten, welches Bild einer Staatsbürgerrolle Chantal Mouffe und John Rawls im Hinblick auf liberale Demokratien zeichnen. Konkret soll danach gefragt werden, welche staatsbürgerliche Rahmung einer demokratischen Gesellschaft jeweils durch ihre politischen Theorien beschrieben wird und welche Konsequenzen sich daraus für die Rolle von Staatsbürger*innen ergeben. Außerdem sollen die beiden Positionen miteinander verglichen werden, um Parallelen und Unterschiede bezüglich einer Staatsbürgerrolle feststellen zu können.
In der Politischen Theorie wird zunehmend ein Dilemma staatsbürgerlicher Identität vor dem Hintergrund von Globalisierungsprozessen artikuliert. So führe der Prozess der Globalisierung zu zwei unterschiedlichen Konsequenzen. Auf der einen Seite wird die Bedeutung von Nationalstaaten und somit von Staatsbürgerschaft zunehmend infrage gestellt. Auf der anderen Seite führen zahlreiche Gegenbewegungen zu einer Intensivierung nationalstaatlicher Identitäten, welche im Globalisierungsprozess eine ungerechtfertigte ökonomische Exklusion sehen und ihre Ansprüche auf Freiheit und Gleichheit auch außerhalb des Nationalstaates verorten und geschützt wissen wollen. Staatsbürgerschaft sei zunehmend an soziale Fragen geknüpft und entwickle eine Konkurrenzsituation zwischen ökonomisch starken und schwachen Staaten, wobei selbst in ökonomisch starken Staaten soziale Spannungen festzustellen seien.
Doch trotz Globalisierung, das Prinzip von Nationalstaaten wurde längst nicht aufgegeben und Staatsbürgerschaft im nationalstaatlichen Sinn existiert weiterhin. Vielmehr werden beide Konzepte weiterhin als wichtige Bestandteile des internationalen, kapitalistischen Systems angesehen. Wie aktuell diese Sichtweise ist, wird deutlich, betrachtet man die politische Forderung nach nationalstaatlicher Unabhängigkeit von fossilen Energien durch eine Energiewende in Deutschland, welche vor dem Hintergrund des Klimawandels durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine nochmals verstärkt wurde. Was davon unabhängig jedoch festzustellen ist, sind Prozesse der Pluralisierung und Partikularisierung politischer Interessen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Definitionen: Demokratie und Staatsbürgerschaft
3 Die Staatsbürgerrolle bei John Rawls
3.1 Der Urzustand und Gerechtigkeit als Fairness
3.2 Pluralismus und übergreifender Konsens
3.3 Der öffentliche Vernunftgebrauch
3.4 Das liberale Legitimitätsprinzip
3.5 Die politische Konzeption der Person
3.6 Zwischenfazit
4 Die Staatsbürgerrolle bei Chantal Mouffe
4.1 Die Logik der Äquivalenz und der Differenz
4.2 A(nta)gonistik, das Politische und der Diskurs
4.3 Die Hegemonietheorie
4.4 Agonistischer Pluralismus
4.5 Radikaldemokratische Staatsbürgerschaft
4.6 Zwischenfazit
5 Rawls und Mouffe im Vergleich
6 Kritische Betrachtung
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Bachelorarbeit untersucht das unterschiedliche Verständnis der Staatsbürgerrolle in den politischen Theorien von John Rawls und Chantal Mouffe. Das primäre Ziel ist es, die jeweilige demokratische Rahmung zu analysieren, um zu klären, welche Aufgaben, Rechte und Pflichten sich daraus für Bürgerinnen und Bürger in modernen liberalen Demokratien ableiten lassen.
- Konstruktives Verständnis von Staatsbürgerschaft bei Rawls vs. Mouffe
- Die Rolle des Konsenses (Rawls) im Vergleich zum agonistischen Konflikt (Mouffe)
- Theoretische Grundlagen von Gerechtigkeit, Freiheit und politischer Identität
- Die Bedeutung demokratischer Institutionen und die Ausgestaltung politischer Teilhabe
- Kritische Reflexion über die Anforderungen an das Individuum als politisches Subjekt
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Urzustand und Gerechtigkeit als Fairness
Die beiden elementaren Konzeptionen von der „Gerechtigkeit als Fairness“ und vom „Urzustand“ geben zunächst Aufschluss darüber, in welchem grundlegenden Verhältnis das staatsbürgerliche Zusammenleben stattfindet und welche Bedingungen nach rawlsschem Verständnis daran geknüpft sind. Die Grundidee von Rawls kontraktualistischer Konzeption ist dabei, dass die freien und gleichberechtigten Mitglieder einer Gesellschaft die Bedingungen eines fairen und gerechten Zusammenlebens in einer fiktiven Vertragssituation selbst bestimmen, was den Konsens über diese normative Basis des Zusammenlebens gleichzeitig legitimiert.
So ist die Idee der Gerechtigkeit als Fairness eine „[…] Neufassung der Lehre vom Gesellschaftsvertrag […]“ (Rawls 1998, S. 90), die somit an die kontraktualistischen Vorstellungen früherer gesellschaftstheoretischer Theorien, wie denen von Hobbes, Locke oder Rousseau anknüpft, sich aber dennoch von diesen unterscheidet. Wie sich Rawls Konzeption von denen früherer Autoren unterscheidet, kann im Umfang dieser Arbeit nicht geklärt werden, vielmehr sollen hier einige Aspekte vorgestellt werden, welche wesentlich für die Entwicklung einer Staatsbürgerrolle sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit führt in das Dilemma staatsbürgerlicher Identität durch Globalisierungsprozesse ein und begründet das Auswahlverfahren für den Vergleich zwischen Rawls und Mouffe.
2 Definitionen: Demokratie und Staatsbürgerschaft: Es erfolgt eine theoretische Einordnung der Begriffe Demokratie und Staatsbürgerschaft im modernen Kontext, um die Grundlage für die anschließenden Analysen zu bilden.
3 Die Staatsbürgerrolle bei John Rawls: Dieses Kapitel erläutert Rawls Konzepte des Urzustands, des übergreifenden Konsenses und des öffentlichen Vernunftgebrauchs als Grundlage für ein liberales Staatsbürgerideal.
4 Die Staatsbürgerrolle bei Chantal Mouffe: Hier werden Mouffes Thesen zur Hegemonie, zum agonistischen Pluralismus und zur radikaldemokratischen Staatsbürgerschaft als Gegenentwurf dargestellt.
5 Rawls und Mouffe im Vergleich: Die beiden theoretischen Positionen werden gegenübergestellt, wobei insbesondere der Unterschied zwischen rationalem Konsens und agonistischem Konflikt hervorgehoben wird.
6 Kritische Betrachtung: Es erfolgt eine kritische Überprüfung der Argumente beider Autoren, wobei der Fokus auf den Schwachstellen ihrer jeweiligen Staatsbürgermodelle liegt.
7 Fazit: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, dass beide Autoren die Staatsbürgerrolle essenziell mit der Institutionenlehre verknüpfen, jedoch grundlegend verschiedene Wege der Partizipation und Konfliktaustragung vorschlagen.
Schlüsselwörter
Staatsbürgerschaft, John Rawls, Chantal Mouffe, Politischer Liberalismus, Radikale Demokratie, Urzustand, Agonistischer Pluralismus, Öffentliche Vernunft, Gerechtigkeit als Fairness, Identitätsbildung, Hegemonie, Politische Theorie, Demokratie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die Ansätze der Philosophen John Rawls und Chantal Mouffe zur Staatsbürgerrolle in modernen liberalen Demokratien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen Konzepte wie politische Gerechtigkeit, die Rolle des Pluralismus, der Umgang mit Konflikten und das Verständnis von politischer Identität.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Ziel ist es, die theoretischen Rahmungen beider Autoren gegenüberzustellen, um aufzuzeigen, wie sie jeweils definieren, was einen „guten“ Staatsbürger ausmacht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse der politischen Theorie, indem sie Rawls’ und Mouffes Werke deskriptiv darstellt und anschließend kritisch vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung von Rawls’ Modell (Urzustand, öffentlicher Vernunftgebrauch) und Mouffes Modell (Hegemonie, Agonismus) sowie einen systematischen Vergleich.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie Staatsbürgerschaft, Hegemonie, radikale Demokratie, Gerechtigkeit als Fairness und agonistischer Pluralismus definiert.
Wie unterscheidet sich Rawls’ Ansatz vom Konzept Chantal Mouffes?
Während Rawls einen rationalen Konsens anstrebt, um Stabilität zu sichern, fordert Mouffe die Anerkennung dauerhafter Konflikte und radikaler Demokratie.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor in Bezug auf demokratische Institutionen?
Beide Autoren messen Institutionen eine zentrale Rolle bei, bewerten jedoch deren Funktion bei der Konfliktschlichtung völlig unterschiedlich.
- Arbeit zitieren
- Malte Scholz (Autor:in), 2022, Konkurrierende Gesellschaftsbilder in modernen Demokratietheorien. Die Staatsbürgerrolle im Vergleich zwischen Chantal Mouffe und John Rawls, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1259316