In den Jahren 1922-1943 unternahm das faschistische Regime unter Führung Benito Mussolinis den Versuch, einer kontinuierlichen totalitären Machtausweitung, die aber letztendlich, bedingt und abgebremst durch den inneren Zwang eines erhärteten Kompromisses mit den traditionellen Eliten, im Endergebnis als unvollendeter Totalitarismus1 scheiterte. Die Betrachtung des faschistischen Regimes in der anfänglichen Übergangsphase als Totalitarismus
löste sich aus der liberalen, antifaschistischen Faschismusdiskussion heraus. Nicht das politische
Selbstverständnis der Faschisten prägte diesen Begriff, sondern der Versuch der politischen Gegenseite, die Methoden dieses neuen Herrschaftssystems in seinen spezifischen Charakteristika zu beschreiben. Aus dieser Betrachtung entwickelt sich später zu Beginn des Kalten Krieges eine allgemeine Totalitarismustheorie heraus4, mit der sich bis heute die modernen totalitären Diktaturen in ihren spezifischen Merkmalen beschreiben lassen. Diese idealtypische Herrschaftsform des Totalitarismus, die sich als Gegensatz zur Demokratie wie zur Autokratie älterer Formen begreift, ist in der Folgezeit ergänzt worden. Auf den italienischen Faschismus angewandt, können die einzelnen totalitären Schritte aufgedeckt werden, lässt sich mit dem Hinweis auf wirklich einzustufende totalitäre Regime ein Aussage machen über dessen tatsächliche herrschaftsstrukturelle Verfassung. Schließlich wird auch der italienische Faschismus neuerdings als Politische Religion ins Visier genommen, was hier im Zusammenhang mit der Betrachtung des Verhältnisses Kirche und Faschismus8 geschehen soll. Es lässt sich nämlich feststellen, dass auch der italienische Faschismus unter dem Aspekt einer
Nationalisierung der Massen betrachtet werden kann, praktizierte er doch ebensolche Rituale und Kulte, wie der Nationalsozialismus in potenzierter Weise. Schließlich sollte sich dann ein klareres Bild ergeben, ob das, was man unter Totalitarismus versteht, im faschistischen Italien wirklich vorhanden war.
Kurz nach der Übernahme der Regierung durch Mussolini am 30. Oktober 192210 wurden in Italien unmittelbare Deutungsversuche des Faschismus vorgenommen, später dann auch in anderen Ländern – so auch die Deutung des Phänomens im Rahmen einer Theorie des Totalitarismus. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Die Betrachtung des Faschismus als Totalitarismus
2 Die Herauslösung des Totalitarismusbegriffs aus der zeitgenössischen italienischen Faschismusdiskussion
3 Entwicklung und Gültigkeit der Totalitarismustheorie
3.1 Die klassische Konzeption des Totalitarismus
3.2 Wandlungen und Diskussion um die Gültigkeit der Totalitarismus-Konzeption
4 Das totalitäre Experiment
4.1 Die totalitären Schritte des italienischen Faschismus
4.2 Das Verhältnis zur Kirche - Faschismus als Politische Religion
5 Der unvollendete Totalitarismus
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendbarkeit der Totalitarismustheorie auf den italienischen Faschismus unter Berücksichtigung seiner historischen Entstehung, Entwicklung und Realität. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob und inwieweit das italienische System tatsächlich als totalitär einzustufen ist oder ob es aufgrund seiner kompromisshaften Struktur als unvollendet betrachtet werden muss.
- Historische Genese und Wandlung des Totalitarismusbegriffs.
- Vergleichende Analyse faschistischer Herrschaftsmechanismen und Strukturen.
- Untersuchung des Verhältnisses zwischen Faschismus, Monarchie und katholischer Kirche.
- Kritische Reflexion der Totalitarismustheorie im wissenschaftlichen Diskurs.
- Die Inszenierung als "Politische Religion" und das Streben nach Massenmobilisierung.
Auszug aus dem Buch
Die Herauslösung des Totalitarismusbegriffs aus der zeitgenössischen italienischen Faschismusdiskussion
Kurz nach der Übernahme der Regierung durch Mussolini am 30. Oktober 1922 wurden in Italien unmittelbare Deutungsversuche des Faschismus vorgenommen, später dann auch in anderen Ländern – so auch die Deutung des Phänomens im Rahmen einer Theorie des Totalitarismus. Vor allem bis zur Entführung Matteottis am 10. Juni 1924 wurde der Faschismus als rein italienisches politisches Phänomen betrachtet. Den Faschismus als spezifisch nationale Erscheinung zu deuten, hörte auf, als der Nationalsozialismus 1933 den Sieg davontrug, und er zunehmend als eine Gefahr für die Welt gedeutet wurde, einem dritten Weg, der sowohl gegen den liberalen Parlamentarismus als auch gegen den Sozialismus gerichtet war.
Danach begann eine – gleichsam von Journalisten und Publizisten – geführte lebhafte Debatte, die einen zunehmend politischen Charakter im antifaschistischen Kampf annahm – von marxistischer wie von liberaler Seite aus. Renzo DE FELICE unterscheidet folgende, aus der ideologischen Warte heraustretende klassische Deutungen: „Quella del fascismo come prodotto della crisi morale della società europea della prima metà del Novecento; quella del fascismo prodotto dei ritardati e atipici processi di sviluppo economico e di unificazione nazionale di alcuni paesi europei, Italia e Germania in testa; e quella marxista del fascismo come stadio senescente del capitalismo o, almeno, come prodotto estremo della lotta di classe.“
Diese Interpretationen erwiesen sich in der zweiten Nachkriegszeit als ungeeignet und Historiker, Philosophen und Sozialwissenschaftler begannen, dieses Zwischenkriegsphänomen anders zu deuten – was aber dazu führte, dass der Faschismus immer mehr als polemischer Kampfbegriff verwendet wurde. Insbesondere von marxistisch-kommunistischer Seite, aber auch von liberaler Seite aus, wurde er seit dem Auftreten in Italien als europäisches, transnationales Phänomen interpretiert. Aufgrund der Tatsache, dass die aus der Krise nach dem Ersten Weltkrieg in mehreren europäischen Ländern entstandenen national-autoritären Bewegungen und Regime mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten aufwiesen, gelangte man nach DE FELICE zu der Einsicht, dass unter Beibehaltung der vergleichenden Analyse von mehreren Spielarten des Faschismus die Rede sein müsse, anstatt sie alle unter einem Gattungsbegriff stark verallgemeinernd zusammenzuführen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Die Betrachtung des Faschismus als Totalitarismus: Dieses Kapitel führt in die Problematik ein, inwieweit das italienische Regime als totalitär zu bewerten ist und wie sich dieser Begriff historisch entwickelte.
2 Die Herauslösung des Totalitarismusbegriffs aus der zeitgenössischen italienischen Faschismusdiskussion: Hier wird analysiert, wie sich der Begriff des Totalitarismus aus dem italienischen Kontext heraus löste und in internationalen Debatten als Deutungsmuster etablierte.
3 Entwicklung und Gültigkeit der Totalitarismustheorie: Dieses Kapitel befasst sich mit der theoretischen Systematisierung der Totalitarismuskonzeption und den wissenschaftlichen Diskussionen um ihre allgemeine Anwendbarkeit.
4 Das totalitäre Experiment: Der Fokus liegt auf der praktischen Umsetzung faschistischer Herrschaftsstrukturen sowie dem spannungsreichen Verhältnis zwischen dem Regime und der katholischen Kirche.
5 Der unvollendete Totalitarismus: Das Fazit fasst zusammen, dass der italienische Faschismus zwar totalitäre Ambitionen hatte, diese jedoch aufgrund von Kompromissen mit traditionellen Eliten und Institutionen nie vollständig realisieren konnte.
Schlüsselwörter
Italienischer Faschismus, Totalitarismus, Benito Mussolini, Politische Religion, Herrschaftssystem, Totalitarismustheorie, Matteotti-Krise, Diktatur, Konsolidierung, Ideologie, Repression, Institutionen, Antifaschismus, Historische Analyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische und theoretische Einstufung des italienischen Faschismus unter der Fragestellung, ob das System als "totalitär" bezeichnet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Genese der Totalitarismustheorie, die Transformation der politischen Strukturen unter Mussolini sowie die Interaktion des Regimes mit Machtfaktoren wie der Kirche und der Monarchie.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Wahrheitsgehalt des Totalitarismusbegriffs für den italienischen Kontext zu prüfen und die Abgrenzung zum Nationalsozialismus sowie anderen totalitären Systemen zu klären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine historisch-analytische Methode angewandt, die primäre Quellen zur faschistischen Selbstdarstellung mit wissenschaftlichen Sekundäranalysen zur Totalitarismusforschung verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Entstehung der Totalitarismustheorie, die praktischen "totalitären" Maßnahmen des Regimes und die Rolle der faschistischen Ideologie als eine Art "Politische Religion".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Totalitarismus, italienischer Faschismus, Herrschaftskonsolidierung, Politische Religion, Matteotti-Krise und ideologische Indoktrination.
Warum wird der italienische Faschismus oft als "unvollendet" bezeichnet?
Die Arbeit argumentiert, dass das Regime aufgrund fortbestehender Machtbefugnisse der Monarchie und der katholischen Kirche sowie interner Kompromisse nie die absolute, uneingeschränkte Kontrolle erreichte, die für eine vollständige Ausprägung eines Totalitarismus notwendig wäre.
Welche Rolle spielte die Kirche im italienischen Faschismus?
Die Kirche fungierte als eine Art Gegengewicht und stabilisierender Faktor zugleich, wobei das Konkordat zwar eine Anerkennung des Regimes bedeutete, das Regime jedoch auch in seiner angestrebten totalen ideologischen Durchdringung einschränkte.
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- Magister Artium Andreas Reimann (Author), 2007, Totalitarismustheorie und italienischer Faschismus - Entstehung, Entwicklung, Realität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125961